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Therapeutische Medikamente gegen die Coronavirusinfektion Covid-19

Gegen die Pandemie mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 werden vorhandene Medikamente erprobt und neue erfunden. Zwei sind schon zugelassen, weitere sollen in den kommenden Monaten folgen.

  1. Antivirale Medikamente. Sie sollen verhindern, dass die Viren in Körperzellen eindringen oder sich dort vermehren.
  2. Herz-Kreislauf-Medikamente. Sie sollen die Blutgefäße, das Herz und weitere Organe vor Komplikationen durch eine Covid-19-Erkrankungen schützen.
  3. Dämpfende Immunmodulatoren. Sie sollen im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung die Abwehrreaktionen des Körpers so begrenzen, dass diese nicht noch mehr Schaden anrichten als die Viren selbst.
  4. Medikamente für die Lungenfunktion. Sie sollen der Lunge helfen, während der akuten Infektion ihre Funktion aufrecht zu erhalten und sich anschließend möglichst folgenlos zu regenerieren.
  5. Medikamente gegen Long Covid, also andauernde Beschwerden nach Abklingen der eigentlichen Covid-19-Erkrankung.

Dabei ist zu berücksichtigen, dass Medikamente, die im Frühstadium (Infektion ohne Atemprobleme) hilfreich sind, bei Patient:innen mit schwerer Lungenentzündung unwirksam oder sogar schädlich sein können – und umgekehrt. Das ist zu bedenken, wenn sich Nachrichten über einen Erfolg oder Misserfolg mit einem Medikament verbreiten.

Derzeit werden laut US-Verband BIO mehr als 634 verschiedene Medikamente darauf erprobt, ob sie auf die eine oder andere Weise hilfreich gegen Covid-19 sein können. Zum 30.11.2021 zählte er 268 antivirale und 366 andere therapeutische Medikamente in Entwicklung. Die meisten dieser Mittel sind schon gegen eine andere Krankheit zugelassen oder waren zumindest schon vor der Pandemie gegen sie in Entwicklung. Sie umzufunktionieren ("Repurposing") ist in der Regel schneller möglich als eine grundständige Neuentwicklung. Zunehmend finden sich unter den Medikamenten in Studienerprobung aber auch solche, deren Entwicklung erst 2020 begonnen wurde.

Zu einigen der Medikamente in Erprobung sich nachfolgend weitere Informationen. Auf alle einzugehen, ist wegen der großen Zahl nicht möglich.

1. Antivirale Medikamente

Viren können sich nur in Zellen vermehren. Antivirale Medikamente können deshalb auf mehrere Weisen die Virenvermehrung verhindern: Sie können die Viren abfangen, ehe sie in ihre Zielzellen eindringen; sie können den Vermehrungsvorgang in den Zellen blockieren, oder sie können die körpereigene Virenabwehr stärken.

1.1 Antivirale Medikamente, die Viren schon in den oberen Atemwegen abfangen sollen

Ideal wäre es, wenn man die SARS-CoV-2-Viren schon in den oberen Atemwegen abfangen könnte. Unternehmen und Forschungsgruppen prüfen, ob Nasensprays das leisten können:

  • Nasensprays mit Iota-Carrageen aus Rotalgen sind schon seit Jahren gegen Erkältungskrankeiten als Medizinprodukt im Handel. Argentinische Forscher:innen berichteten in einer Vorabveröffentlichung ohne Peer-Review, dass sich damit in einer placebokontrollierten Studie mit Krankenhauspersonal das Risiko einer SARS-CoV-2-Ansteckung senken ließ. Eine weitere Studie des österreichischen Unternehmens Marinomed dazu in UK läuft noch. Marinomed prüft zudem, ob der Wirkstoff sinnvoll auch inhaliert oder als Carrageen-Pastillen angewendet werden kann.
  • Das australische Unternehmen Starpharma macht für ein Nasenspray mit dem Wirkstoff SPL7013 (einem Dendrimer) geltend, dass es SARS-CoV-2 in Zellkulturexperimenten am Eindringen in Zellen hindern konnte. SPL7013 ist schon länger in zugelassenen Produkten im Handel. Eine Wirksamkeit gegen SARS-CoV-2 ist aber noch nicht durch klinische Studien bestätigt.
  • Ursapharm (Saarbrücken), Cebina (Wien) und die Universität Pécz (Ungarn) erproben ein Nasensprays mit Azelastin (einem Antihistamin) mit Freiwilligen. Solche Nasensprays sind zugelassen zur Allergietherapie; doch ließ sich mit dem Wirkstoff im Labor auch SARS-CoV-2 bekämpfen. Ergebnisse einer Phase-II-Studie an der Universitätsklinik Köln (84 Probanden) deuten darauf hin, dass Azelastin das Absinken der Viruslast in den oberen Atemwegen innerhalb einer Woche verstärken kann.
  • Die Firma SaNOtize testete, ob ein Nasenspray Coronaviren in der Nase abtöten kann. Es enthält eine Stickstoffmonoxid (NO) freisetzende Lösung. Das Spray reduzierte laut Hersteller in einer Phase II-Studie in UK die Viruslast infizierter Personen bereits innerhalb der ersten 24 Stunden nach Anwendung deutlich. Eine Phase III-Studie in Kanada ist geplant.

1.2 Antivirale Medikamente, die Viren am Eindringen in die Zellen hindern

Haben die SARS-CoV-2-Viren es bis an die Zellen der Atemwege heran geschafft, dringen sie ein, wo sie es können. Es gelingt ihnen aber nur bei solchen Zellen, die (fest verankert) auf ihrer Oberfläche die Moleküle ACE2 und TMPRSS2 (eine Serinprotease; gesprochen: "Tempress Two") tragen. ACE2 stellt dabei die eigentliche Bindungsstelle dar.

Eine Strategie, um die Viren am Eindringen zu hindern, besteht deshalb darin, große Mengen unverankerter ACE2-Moleküle zu verabreichen; die "verkleben" dann die Bindestellen der Viren:

  • Ein entsprechendes Medikamente hat APEIRON Biologics (Wien) entwickelt; das unverankerte ACE2 darin heißt Alunacedase alfa (= APN01 oder rhsACE2). In einer klinischen Phase II-Studie mit schwerkranken Patient:innen wurde eine Reduktion der Beatmungstage und eine abgesenkte Viruslast festgestellt; daher ist die weitere Untersuchung in der Phase II-Studie ACTIV-4d RAAS in den USA vorgesehen. Der Wirkstoff stammt aus der SARS-Forschung und wurde zwischenzeitlich schon gegen andere Lungenerkrankungen erprobt.
  • Auch das Unternehmen Formycon aus Planegg-Martinsried verfolgt diese Strategie. Für seinen Wirkstoff FYB207 hat es jedoch das unverankerte ACE2 gentechnisch noch mit einem Antikörper-Abschnitt kombiniert. Labortests bestätigen diesen Ansatz. Eine Erprobung mit Freiwilligen ist ab Q4 2021 geplant.

Die Hemmung der Serinprotease TMPRSS2 verspricht ebenfalls, das Eindringen der Viren zu verhindern. Dazu sind einige Wirkstoffe imstande. Mittlerweile laufen mit einigen von ihnen weltweit klinische Studien:

  • Camostat wird in mehreren Phase III-Studien getestet, nach teilweise positiven Resultaten in kleineren Studien. Von der Berliner Charité Research Organisation wird die Kombinationen Camostat + Niclosamid klinisch erprobt. Eine von der koreanischen Firma Daewoong Pharmaceuticals geleitete Studie war wenig aussagekräftig, weil die viele Teilnehmerinnen und Teilnehmern das Medikament (wie auch das Placebo zum Vergleich) nicht wie vorgesehen eingenommen hatten.
  • Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert ein Projekt, bei der das 50-fach stärker antiviral wirksame Nafamostat in intravenöser Verabreichung erprobt werden soll; zudem ist die Entwicklung eines Nafamostat-Nasensprays vorgesehen.
  • RedHill Biopharma testete das (ursprünglich von Heidelberg Pharmaceuticals entwickelte) Upamostat (RHB-107) gegen Krebserkrankungen, hat jetzt aber eine Phase II/III-Studie mit Covid-19-Patient:innen begonnen, die leichte oder mittelschwere Symptome haben.
  • Ein Forschungsteam an der Washington School of Medicine in St. Louis (USA) hat den Wirkstoff MM3122 entwickelt, der TMPRSS2 blockiert. Die weitere Entwicklung soll in Zusammenarbeit mit dem Unternehmen ProteXase Therapeutics erfolgen.

Man kann aber auch die Bildung der Serinprotease TMPRSS2 drosseln. Das bewirken Antiandrogene – also Wirkstoffe, die eigentlich für die Prostatakrebstherapie entwickelt wurden – wie Proxalutamid von Kintor Pharmaceutical (China). In einer klinischen Studie senkte Proxalutamid in der Tat die Mortalität hospitalisierter Covid-19-Patienten um über 90 Prozent; auch die Dauer der klinischen Behandlung wurde deutlich verkürzt. Die Studie wurden in Brasilien zu einer Zeit durchgeführt, in der die Gamma-Variante stark verbreitet war. Eine Phase-III-Studie mit ambulant behandelten Patient:innen findet derzeit statt, eine weitere (dieses Mal nur mit Männern) wurde genehmigt, eine dritte mit stationär behandelten Patient:innen steht bevor.

  • Bei der Entwicklung der Antikörper Bamlanivimab und Etesivimab kooperiert Lilly mit AbCellera (Kanada) und Shanghai Junshi Biosicences (China). In einer Phase III-Studie senkte das Kombi-Präparat die Entwicklung schwerer Symptome von 1,95 % (Placebo) auf 0,5 % (Wirkstoff). Von den mit den Antikörpern Behandelten überlebten alle, in der Placebogruppe starben vier Personen. Die Zahlen passen zu einer früheren Phase III-Studie, bei der man etwa 70 % geringere Hospitalisierung und Sterblichkeit beobachtet hatte. In der EU wurde ein Rolling-Review-Verfahren zur Zulassung allerdings abgebrochen. Präventiv bei Bewohnern und Betreuern in Altenheimen und Einrichtungen des betreuten Wohnens eingesetzt (Phase-III-Studie BLAZE-2), senkte es das Erkrankungs-Risikolaut Hersteller um bis zu 80 %. Für die Großproduktion kooperiert Lilly mit den Unternehmen Amgen (USA) und Samsung BioLogics (Südkorea). Mit Blick auf den hohen Bedarf und die vorerst begrenzten Produktionsmengen hat Lilly für sich selbst Grundsätze für eine möglichst verantwortungsvolle Belieferung ausgearbeitet, die neben dem Fokus auf Hochrisikopatienten und anderen Aspekten auch ein abgestuftes Preissystem umfasst.
  • Das Antikörper-Medikament REGN-COV2 von Regeneron und Roche enthält die monoklonalen Antikörper Casirivimab und Imdevimab. Sie sind aus Untersuchungen von Antikörpern transgener Mäuse und vormaliger Covid-19-Patienten hervorgegangen. In einer Phase II/III-Studie mit ambulant behandelten Patienten reduzierte REGN-COV2 sowohl die Hospitalisierung wie auch die Sterblichkeit um 70 Prozent. Auch bei der Behandlung hospitalisierter Covid19-Patienten zeigte REGN-COV2 antivirale Effekte. Diese ersten Studiendaten werden in der mit mindestens 2000 Patienten angelegten britischen RECOVERY-Studie mit stationären Patienten überprüft. – In einer Phase III-Studie wurde ferner die Wirksamkeit von REGN-COV2 zur Prävention getestet. Probanden waren nicht infizierte Mitglieder eines Haushalts, in dem bei einer Person das Virus nachgewiesen worden war. Bei den Personen, die sich ansteckten, verschwanden die Symptome nach durchschnittlich einer Woche mit REGN-COV2, erst nach drei Wochen ohne diese Therapie. – Einer zusätzlichen Phase-III-Studie zufolge hilft der Wirkstoff auch asymptomatischen Probanden mit frischer Infektion: Er reduzierte die Viruslast um 90% und das Risiko, Symptome zu entwickeln, um etwa die Hälfte. Für die Großproduktion erhielt Regeneron Unterstützung von der US-Regierung. Zusätzlich hat Regeneron die Dreifach-Antikörperkombination REGN-EB3 entwickelt, die auch in Studien erprobt werden soll.
  • Celltrion (Südkorea) hat ebenfalls ein solches Medikament entwickelt: Sein Antikörper heißt Regdanvimab (CT-P59). Erprobt wurde das Mittel u.a. in einer Phase II/III-Studie zur Therapie und einer Phase III-Studie zur Postexpositionsprophylaxe. Ergebnisse der Therapie-Studie zeigten eine Verkürzung der Genesungszeit und ein selteneres Fortschreiten der Krankheit in ein schwereres Stadium bei Patienten mit milden bis moderaten Symptomen.
  • Der Antikörper Sotrovimab = VIR-7831 von Vir Biotechnology/GSK ist einem Antikörper aus dem Blut einer 2003 an SARS erkrankten Person nachgebildet. Er wird derzeit mit Patienten u.a. in der Phase-II/III-Studie COMET-ICE erprobt (im Rahmen des ACTIV-3 Protokolls, gefördert von den National Institutes of Health [NIH] der USA). Nach vorläufigen Ergebnissen reduziert der Antikörper Hospitalisierungen und Todesfälle um 85 %. GSK erhielt daraufhin von der FDA eine Notfallzulassung, und die EMA gab eine Einschätzung ab für EU-Länder, die das Medikament schon vor der Zulassung einsetzen wollen. Außerdem begannen die Unternehmen eine Rolling Submission bei der EMA. An der Produktion des Medikaments wirken die Unternehmen Biogen (USA) und WuXi Biologics (China) mit.
  • AstraZeneca (UK) entwickelt das Medikament AZD7442 mit den gentechnisch hergestellten Antikörpern Tixagevimab und Cilgavimab. Sie leiten sich von Antikörpern gesundeter Patient:innen ab, die am Vanderbilt University Medical Center (USA) identifiziert wurden; sie wurden aber so verändert, dass sie länger im Blut aktiv bleiben. In einer Phase III-Studie konnte mit dem Medikament das Risiko von ambulant behandelten Covid-19-Patient:innen gesenkt werden, schwer zu erkranken oder zu versterben. Derzeit wird auch geprüft (PROVENT-Studie), ob sich AZD7442 zur Prophylaxe eignet. Für die Prophylaxe hat AstraZeneca für sein Medikament auch einen Rolling Review bei der EMA initiiert. In Labortests neutralisierte AZD7442 auch Viren der Delta-Variante. Das Unternehmen Lonza wird an einem US-Standort an der Produktion mitwirken.
  • An einem Kombinationspräparat mit zwei Antikörpern (SARS-CoV-2 mAb Combo) arbeitet auch das Unternehmen Bristol Myers Squibb mit The Rockefeller University. Die Antikörper wurden auf lange Verweilzeiten im Körper hin optimiert. Klinische Studien, in denen das Medikament teils intravenös, teil subkutan verabreicht wird, haben im Januar 2021 begonnen.
  • Das CORAT Konsortium setzt auf einen vergleichbaren Ansatz, wobei es die Labormethode "Phage Display" zur Antikörper-Gewinnung benutzte. Dem Konsortium gehören unter anderem die Braunschweiger Unternehmen CORAT Therapeutics, Yumab, das Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung (Braunschweig), die TU Braunschweig und die Universität Tübingen an. Seit April wird der Antikörper COR-101 in einer Phase Ib/II-Studie mit Freiwilligen erprobt. COR-101 wurde so gestaltet, dass der Antikörper auch dann verabreicht werden kann, wenn eine weitere Steigerung des Entzündungsgeschehens vermieden werden muss. Finanzielle Unterstützung bis 12,7 Mio Euro liefern das BMBF sowie das Land Niedersachsen. Für die Entwicklung des Antikörpers wurden Yumab und die Universität Braunschweig mit dem Innovationspreis Niedersachsen ausgezeichnet. Im Labor bindet der Antikörper auch an die Delta-Variante von SARS-CoV-2.
  • Ebenfalls in Deutschland arbeiten die Berliner Charité, das Deutsche Zentrum für neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) und das Biotech-Unternehmen Miltenyi Biotec an einem solchen Medikament. Positive Ergebnisse aus Versuchen mit Tieren liegen vor.
  • Das Unternehmen Aridis entwickelt mit AR-712 ein Medikament zum Inhalieren mit den zwei rekombinanten Antikörpern AR-711 ud AR-720 für nicht-hospitalisierte Patient:innen. AR-711 zeigte sich in Tests durch das CoVIC-Konsortium als sehr effektiv. Nach Angaben von Aridis gehört er zu den Top 10% in drei verschiedenen Neutralisationstests, die bisher 350 Antikörper durchliefen. Im Test an Mäusen landete AR-711 bei 75 getesteten Antikörpern unter den ersten fünf. Er inhibiert auch Delta und Delta Plus Varianten.
  • Einen weiteren Antikörper, der von Rekonvaleszentenplasma abgeleitet ist, entwickeln die Unternehmen Memo Therapeutics und Northway Biotechpharma (Schweiz und Litauen). Klinische Studien haben noch nicht begonnen.
  • Ein weiteres in diesem Feld aktives Unternehmen BeiGene (China). Es erprobt in Lizenz neutralisierende Antikörper, die vom Unternehmen Singlomics Biopharmaceuticals rekonvaleszenten Patienten abgeschaut wurden und gentechnisch produziert werden.
  • Weitere Antikörper, die in Labortests das Covid-19-Virus neutralisieren, entwickelten Forschende der Pekinger Tsinghua Universität und der Firma Brii Biosciences. Das Antikörper-Duo BRII-196 und BRII-198 wurde im Rahmen der US-amerikanischen Studien ACTIV-3 und ACTIV-2 erprobt. Basierend auf positiven Ergebnissen aus ACTIV-2 beantragte Brii in den USA eine Notfallzulassung für die ambulante Behandlung von Covid-19-Patient:innen.
  • Der monoklonale Antikörper ADG20, der vom US-Unternehmen Adagio entwickelt wurde, wird seit Mai 2021 in der Phase II/III-Studie EVADE an weltweit mehreren Orten mit unterschiedlich hohen Prävalenzen getestet. Die Studie analysiert die Eignung des Antikörpers sowohl für die Prävention als auch für die Therapie. Zusätzlich wird ADG20 in der STAMP-Studie mit Hochrisikopatienten, die milde oder moderate Symptome haben, geprüft. Adagio arbeitet mit der indischen Biocon Biologics zusammen, die den Antikörper herstellen und in Asien auf den Markt bringen soll.
  • Auch an der Universität Tel Aviv (Israel) wird ein Drei-Antikörper-Cocktail dieser Art entwickelt. Bislang liegen positive Laborergebnisse vor.
  • Ein weiteres Projekt dieser Art verfolgt das schwedische Karolinska Institut.
  • Das Imperial College London arbeitet mit Partnern an einer weiteren Antikörpertherapie ausgehend von Antikörpern aus dem Blutserum von früheren SARS-Patienten.
  • Wissenschaftler der Universität Utrecht (Niederlande) haben beispielsweise ebenfalls Antikörper gegen SARS untersucht; diese wurden jedoch von transgenen Mäusen hergestellt. Sie fanden einen Antikörper, der die Vermehrung von SARS-CoV-2 in Kultur hemmen kann. In diesem Antikörper wurden dann Nagetier-typische Teile durch menschliche Abschnitte ersetzt. Diesen nun "human 47D11" genannten Antikörper entwickelt die Universität Utrecht gemeinsam mit den Unternehmen AbbVie und Harbour BioMed sowie dem Erasmus Medical Center weiter. Der Antikörper wird derzeit in einer Phase-I-Studie auf Verträglichkeit und Verbreitung im Körper getestet.
  • Forscher der Universität Erlangen-Nürnberg in Kooperation mit dem Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie (Leipzig), dem Deutschen Primatenzentrum (Göttingen) und dem Unternehmen Trianni (Erlangen) genveränderte Mäuse als Quelle für geeignete Antikörper.
  • Ein Team der ETH Lausanne und des Universitätsspitals Lausanne hat aus dem Blut eines Covid-19-Patienten den Antikörper P5C3 gewonnen, der in Laborversuchen alle derzeit bekannten Coronavirus-Varianten neutralisiert und Hamster vor Covid-19 schützt. In Zusammenarbeit mit einem Start-Up-Unternehmen soll der Antikörper gentechnisch produziert und in einer klinischen Studie erprobt werden.

Mehrere Unternehmen und Forschungsgruppen arbeiten an Medikamenten statt mit gewöhnlichen Antikörpern mit Nanobodies. So heißen kleinere Antikörper, die von Lamas und Alpakas erzeugt werden. Sie sind leichter herzustellen als menschliche Antikörper und können (anders als diese) auch längere Zeit bei Raumtemperatur aufbewahrt werden.

  • Aus einem mit Hilfe eines Lamas gewonnenen Antikörper stammen beispielsweise Teile eines künstlichen Anti-SARS-CoV-2-Antikörpers, den ein Konsortium der Universität Gent, dem Flemish Institute for Biotechnology, der Universität Austin (Texas) und dem Deutschen Primatenzentrum in Göttingen erzeugt hat.
  • Die University of Pittburgh (USA) entwickelte mit Nanobody-21 ein Medikament zum Inhalieren. In Studien mit Hamstern verhinderte der Nanobody schwere Symptome und reduzierte die Anzahl der Viruspartikel in den Atemwegen der Tiere deutlich, selbst in geringer Konzentration.
  • Eine Forschungsgruppe an der Ohio State University (USA) hat zwei Nanobodies entwickelt, die an einer Stelle des Spike-Proteins von SARS-CoV-2 ansetzen, die für gewöhnliche Antirkörper aufgrund ihrer Größe unzugänglich sind. Eine klinische Erprobung steht noch aus.
  • Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Bonn und des Bonner Unternehmens DiosCURE haben weitere antivirale Nanobodies entwickelt. Ein Medikament mit den Nanobodies DIOS-202 und DIOS-203 soll noch 2021 in die klinische Erprobung kommen. Beide binden sich an die Spikeproteine des Virus, jedoch an unterschiedlichen Stellen.
  • Drei Nanobodies, die an unterschiedlichen Stellen an das Spike-Protein von SARS-CoV-2 (auch bei den Alpha-, Beta-, Gamma- und Deltavarianten) binden, hat ein Forschungsteam des Göttinger Max-Planck-Instituts für biophysikalische Chemie entwickelt. Noch stärker binden Fusionsproteine aus zwei oder drei dieser Nanobodies. Die Forschenden stufen sowohl die Einzelnanobodies als auch die Kombinationen als interessante Optionen für Medikamente an; wobei die Einzelnanobodies möglicherweise durch Inhalation verabreicht werden könnten. Klinische Studien sind in Vorbereitung.

Nicht nur mit klassischen Antikörpern und Nanobodies, sondern auch mit völlig anders gebauten Molekülen lassen sich Proteine binden und damit deren Funktion verändern oder unterdrücken. Forscher suchen gezielt nach solchen künstlichen Bindern, die sich an SARS-CoV-2 anheften und dadurch verhindern, dass das Virus in eine Zelle eindringen und sich dort vermehren kann. Es wurden mittlerweile mehrere Moleküle identifiziert, die diesen Kriterien genügen; strukturell gehören sie zu den Aptameren, den DARPins und den VNARs.

Ein Aptamer ist eine kurze, synthetische, einzelsträngige DNA oder RNA, die sich zu einer dreidimensionalen Struktur falten kann, die sich an ein Protein anheftet. Folgende Unternehmen entwickeln sie gegen SARS-CoV-2:

  • Berlin Cures hat das Aptamer BC 007 zur Behandlung herzkranker Patienten entwickelt, die Autoantikörper gegen Herzmuskelzellen bilden. Es wurde schon in Phase II-Studien erprobt. Es bindet im Labor aber auch an das SARS-CoV-2 und verhindert dadurch, dass das Virus in eine Zelle eindringen kann Klinische Studien sind geplant.
  • Ein Forschungsteam der Universität Bonn und des Forschungszentrums caesar hat ein Aptamer aus DNA geschaffen, das in Laborversuchen an nicht-infektiöse Modellviren bindet und deren Zellkontakt verhindert. Sie nennen es SP6. Nachfolgende Versuche sollen prüfen, ob das auch für echte SARS-CoV-2-Viren gilt. Die Beteiligten hoffen, dass aus ihrer Forschung ein Nasenspray hervorgeht, das Viren abfangen kann.

Das Aptamer des Unternehmens Aptarion Biotech wird hingegen zur Immundämpfung entwickelt (siehe unten).

Ein DARPin (Designed Ankyrin Repeat Protein) ist ein synthetisches Protein, dessen Struktur sich von den Ankyrinen ableitet. Es besteht aus mehreren, sich wiederholenden Einheiten, die Antigene erkennen und binden können, aber viel kleiner und stabiler als Antikörper sind. Mit Ensovibep (MP0420) entwickelte die Schweizer Firma Molecular Partners mit Novartis einen Wirkstoff gegen SARS-CoV-2, der bei Hamstern schwere Todesfälle verhindert. Er wurde nach einer Phase-I-Verträglichkeitsstudie in der Studie ACTIV-3 mit stationär behandelten Patient:innen getestet, bewährte sich dort jedoch nicht. Die Entwicklung für ambulant behandelte Patient:innen in früheren Krankheitsstadien (Phase-II/III-Studie EMPATHY) läuft jedoch weiter.

Das schottische Unternehmen Elasmogen und die Universität Minnesota (USA) setzen wiederum auf einen Typ von Molekülen, den Haie statt Antikörpern bilden – die bei ihnen aber den gleichen Zweck erfüllen. Sie heißen VNARs (variable new-antigen receptors). Ihre gegen das Spikeprotein von SARS-CoV-2 gerichteten VNARs sind noch im Laborstadium.

1.3 Antivirale Medikamente, die intrazellulär die Vermehrung blockieren

Für die Blockade der Virenvermehrung innerhalb der Zellen kommen in erster Linie kleinere Wirkstoffe in Betracht, die leicht in die Zellen eindringen können (sogenannte small molecules). Diese werden in der Regel chemisch-synthetisch hergestellt. Viele Wirkstoffe in Untersuchung wurden ursprünglich gegen andere Virusinfektionen entwickelt.

Eine Möglichkeit, die Vermehrung zu verhindern, besteht in der Blockade eines Virus-Enzyms, das RNA-abhängige RNA-Polymerase heißt. Es ist für die Virusvermehrung essenziell, weil es das Erbgut für die neu entstehenden Viren erzeugt:

  • Diese Wirkung besitzt der Wirkstoff Remdesivir (ein Nukleotid-Analogon) von Gilead Sciences. Remdesivir erhielt im Juli 2020 als erstes Arzneimittel eine bedingte Zulassung für die EU zur Behandlung bestimmter Covid-19-Patient:innen(1) . Derzeit ist Remdesivir weltweit in rund 50 Ländern zugelassen. Klinische Studien zeigen, dass Remdesivir die Genesungszeit verkürzen sowie das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen kann. Real-World-Studien, in die 50.000 Patient:innen einbezogen wurden, zeigen zudem, dass die Behandlung mit Remdesivir die Mortalitätsrate senken kann. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA; das Selbstverwaltungsgremium des deutschen Gesundheitswesens) hat den Nutzen des Medikaments im September 2021 positiv bewertet. Um die globale Verfügbarkeit zu verbessern, hat Gilead Sciences mehreren Unternehmen in Ägypten, Indien und Pakistan die Lizenz für Produktion eigener Remdesivir-Medikamente und den Vertrieb in 127 Ländern erteilt.
  • Für Kapseln mit einem zweiten RNA-Polymerase-Inhibitor, Molnupiravir von MSD (in den USA Merck & Co., Inc., genannt) und Ridgeback Biotherapeutics (erfunden in der Emory University), läuft bei der EMA seit 23.11.2021 ein Zulassungsverfahren nach Rolling Review seit 25.10.2021. Ziel ist eine Zulassung für die ambulante Therapie von Covid-19-Patient:innen. In UK ist das Medikament bereits seit 04.11.2021 zugelassen; in den USA ist seit 11.10.2021 eine Notfallzulassung beantragt. Der Wirkstoff wurde ursprünglich für die Grippetherapie erfunden, dafür aber noch nicht zuende erprobt. Die Unternehmen haben die Zwischenergebnisse einer Phase III-Studie mit Covid-19-Erkrankten mitgeteilt; es zeigte sich eine Halbierung der Zahl von Patienten, bei der der Krankheitsverlauf eine Einlieferung ins Krankenhaus erzwang. MSD hat mit fünf indischen Generika-Herstellern Lizenzvereinbarungen getroffen, damit das Medikament im Erfolgsfall schnell in großen Mengen verfügbar gemacht werden kann. Zusätzlich hat MSD ein Voluntary Licensing Agreement mit dem Medicines Patent Pool (MPP) abgeschlossen, um den weltweiten Zugang zu Medikamenten auf Basis von Molnupiravir weiter zu erleichtern. Das Unternehmen erläuterte das so: "Under the terms of the agreement, MPP, through the license granted by Merck, will be permitted to further license non-exclusive sublicenses to manufacturers (“MPP License”) and diversify the manufacturing base for the supply of quality-assured or WHO-prequalified molnupiravir to countries covered by the MPP License, subject to local regulatory authorization. Merck, Ridgeback Biotherapeutics and Emory University will not receive royalties for sales of molnupiravir under this agreement for as long as COVID-19 remains classified as a Public Health Emergency of International Concern by the World Health Organization."
  • Favipiravir, ein weiterer RNA-Polymerase-Inhibitor, von FUJIFILM Toyama Chemical, hatte eine Zulassung für die Grippetherapie (in Japan und China), und in Japan nur für die Zweitlinientherapie, wenn also andere Grippe-Medikmente nicht oder ungenügend wirksam sind. Nach entsprechenden Studien wurde ein darauf beruhendes Medikament des russischen Unternehmens Khimrar in Russland für die Covid-19-Therapie zugelassen. Fujifilm Toyama Chemical will nun ebenfalls nach positiven Studienergebnissen eine Zulassungserweiterung in Japan beantragen: Mit dem Medikament ließ sich in einer Studie mit nicht schwer an Lungenentzündung erkrankten Patienten die Zeit bis zum Abklingen der Symptome oder dem Sinken der Viruslast unter die Nachweisgrenze im Schnitt um einige Tage verkürzen. Die japanischen Arzneimittelbehörden stufen die Evidenz für das Mittel allerdings als "inconclusive" ein. In einer Phase III-Studie wird die Wirkung von Favipiravir überpüft. Im Februar 2021 ergab die Auswertung von neun Studien im Rahmen einer Metaanalyse, dass Favipiravir zwar einen Nutzen für frisch hospitalisierte Patienten bringen könnte, dass es aber die Mortalität von leicht bis mittelschwer Erkrankten nicht senken kann.

Nicht weitergeführt wird die Covid-19-bezogene Entwicklung des RNA-Polymerase-Inhibitors AT-527 von Atea Pharmaceuticals und Roche.

Ein anderer Angriffspunkt ist ein Enzym von SARS-CoV-2, das Hauptprotease oder 3CL-Protease genannt wird. Es wirkt an der Bildung fertiger Viren in befallenen Zellen mit. Mehrere Unternehmen und Forschungsgruppen entwickeln Medikamente dagegen:

  • Pfizer testete den 2020 neu erfundenen Wirkstoff PF-07321332 in einer Phase III-Studie in Kombination mit Ritonavir mit Patient:innen in ambulanter Behandlung. Das Unternehmen berichtete am 05.11.2021 von positiven Studien-Ergebnissen, beantragte am 16.11.2021 in den USA eine Notfallzulassung und kündigte weitere Zulassungsanträge an. Das Unternehmen gestattet die Produktion des Medikaments durch Generika-Hersteller zur Belieferung von 95 ärmeren Ländern; Grundlage ist eine Vereinbarung mit dem Medicines Patent Pool.
  • Ebenfalls gegen diese Hauptprotease gerichtet sind sogenannte Alpha-Ketoamide, die ein Forschungsteam der Universität Lübeck schon seit Jahren entwickelt. Sie sollen gegen Corona- und Enteroviren (die u. a. für Mundfäule verantwortlich sind) wirksam sein. In Laborversuchen hemmen neuen experimentellen Wirkstoffe die Vermehrung dieser Viren. Einer davon, genannt "13b", ist gegen Coronaviren optimiert. Er soll in Zellkulturen und mit Tieren getestet und im Fall von positiven Ergebnissen gemeinsam mit einem Pharma-Unternehmen in Studien mit Menschen erprobt werden.
  • Shionogi (Japan) hat zusammen mit der Hokkaido University (Japan) den oral einnehmbaren Wirkstoff S-217622 entwickelt, der die Hauptprotease blockiert. Er hat vorklinisch und in einer Phase I-Studie positive Ergebnisse erbracht. Derzeit wird er in einer Phase II/III-Studie mit Patient:innen in ambulanter Behandlung erprobt.
  • Frontier Biotechnologies (China) entwickelt ein Medikament mit dem Wirkstoff FB2001, der intravenös verabreicht werden muss. Derzeit wird das Medikament in einer Phase I-Studie in den USA erprobt; eine Phase II/III-Studie ist in Planung.
  • Ob es vielleicht auch unter Wirkstoffen, die zu anderen Zwecken entwickelt wurden, Hemmstoffe für die Hauptprotease gibt, untersuchten Forschungsteams am Deutschen Elektronen-Synchroton (DESY) und am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (beide in Hamburg). Aus ihren Laborversuchen gingen Calpeptin und Pelitinib als Kandidaten hervor, die nun in präklinischen Studien weiter untersucht werden. Beide Substanzen haben in Deutschland noch gegen keine Krankheit eine Zulassung.
  • Im Projekt STOP-CORONA entwickeln Forschende des Helmholtz-Zentrums Berlin, der Synchrotonstrahlenquelle BESSY II, der Uni Lübeck und die Uni Würzburg Wirkstoffe gegen die Hauptprotease ausgehend von einer Analyse-Technik, bei der die Hauptprotease mit kleinen organischen Substanzen (sogenannten Molekülfragmenten) in Kontakt gebracht wurden. Das Projekt ist noch im Laborstadium.
  • Ein Forschungsteam der Universität Chicago (USA) und weiterer Forschungseinrichtungen in den USA und Frankreich haben beim Durchmustern von 1.900 Medikamenten ermittelt, dass Masitinib die Hauptprotease hemmen kann. Ein Medikament mit diesem Wirkstoff ist schon zugelassen zur Therapie bestimmter Mastzelltumoren bei Hunden; dort wirkt es als Tyrosinkinase-Inhibitor.

SARS-CoV-2 verfügt aber noch über ein zweites Enzym vom Typ Protase: "Papain‐like Protease" (PLpro). Auch sie stellt einen interessanten Angriffspunkt dar:

  • Forschungsgruppen an den Universitäten Mainz, Gießen und Würzburg haben Wirkstoffe erfunden, die dieses Enzym lahmlegen können. Sie müssen nun weiter getestet werden, ehe sie mit Menschen erprobt werden können.
  • Forschungsteams aus New York und von der University of Texas stellten fest, dass die schon zur Hepatitis-C-Therapie zugelassenen und oral einnehmbaren Wirkstoffe Simeprevir, Paritaprevir und Vaniprevir ebenfalls die PLpro blockieren und in Zellkulturen synergistisch mit Remdesivir die Vermehrung von SARS-CoV-2 weit besser verhindern, als Remdesivir alleine das kann.

Das deutsche Unternehmen Eisbach Bio arbeitet daran, die Virusvermehrung in den Zellen durch Blockade eines weiteren Enzyms zu blockieren: der Helikase Nsp13 von SARS-CoV-2. Dieses Enzym trägt in befallenen Zellen zur Vermehrung des Erbguts des Virus bei, die für die Bildung neuer Viren notwendig ist. Eisbach Bios Wirkstoff EIS-10700 blockiert darüber hinaus im Labor auch Helikasen anderer Coronaviren. Eine Phase I-Studie damit ist für das 3. Quartal 2021 geplant. Das Projekt EisCor_2 wird vom BMBF mit knapp 8 Mio. Euro unterstützt.

Ein weiterer Angriffspunkt ist MEK, ein Enzym vom Typ Kinase in menschlichen Zellen, dessen Funktionstüchtigkeit SARS-CoV-2 für seine Vermehrung benötigt:

  • Ein Inhibitor dieses Enzyms ist Zapnometinib (ATR-002), entwickelt vom Unternehmen Atriva Therapeutics in Tübingen. Anfang 2021 begann die Erprobung in einer Phase II-Studie mit stationär behandelten Patient:innen mit mittelschwerem bis schwerem Covid-19 in Deutschland und anderen Ländern. Ursprünglich wurde Zapnometinib gegen Grippe entwickelt. Es hemmt die Vermehrung der Viren und verhindert außerdem das Überschießen des Immunsystems. Somit könnte es in der frühen wie auch in der späten Phase einer Infektion eingesetzt werden. Das BMBF unterstützt das Projekt mit 11,4 Mio Euro.

Manche Bestandteile von Viren müssen nach dem Eindringen in eine Zelle den Zellkern erreichen. Als Transportmittel von der Zellmembran zum Kern benutzen sie Mikrotubuli – eine Art "Einschienenbahnen", die zum Grundgerüst der Zelle gehören. Der chemisch-synthetische Wirkstoff Veru-111 von Veru zerstört die Bestandteile der Mikrotubuli (Alpha- und Beta-Tubuline). Das löst auch einen starken anti-entzündlichen Effekt aus. Veru-111 wurde gegen therapieresistenten Prostata- und Brustkrebs entwickelt und klinisch getestet und soll in einer Phase III-Studie auf eine mögliche Wirkung bei hospitalisierten Covid-19-Patienten mit hohem Risiko geprüft werden.

Eine weitere Bekämpfungsstrategie besteht darin, einen für die Virenvermehrung essenziellen Stoffwechselweg in den befallenen Zellen zu stören, der für die Zelle selbst nicht lebenswichtig ist. Daran arbeiten unter anderem Forschungsteams in Frankfurt a.M. und Kent. Eine Störung des Pentosephosphatwegs mit Hilfe von Benfooxythiamin plus thiamin 2-Deoxy-D-glucose war in Zellkulturexperimenten gegen die Virenvermehrung wirksam.

Der Wirkstoff Brilacidin des Unternehmens Innovation Pharmaceuticals kann in Zellkulturen die Vermehrung von SARS-CoV-2 verhindern. Er inhibiert zudem die Bildung von Interleukinen und Tumornekrosefaktor alpha, die wesentlich zur Ankurbelung einer entzündlichen Reaktion beitragen. Derzeit wird es in einer Phase-II-Studie mit hospitalisierten Covid-19-Patienten geprüft. Es wirkt obendrein noch gegen Bakterien. Die FDA verlieh Brilacidin den Fast Track Status zur Beschleunigung der Entwicklung und Prüfung der Wirkstoffs.

Das spanische Unternehmen PharmaMar erprobt nach ermutigenden Labortests sein Medikament mit Plitidepsin in einer Studie gegen Covid-19. Das Medikament, das eigentlich in Australien und Südostasien zur Therapie des Multiplen Myeloms (einer Form von Knochenmark-Krebs) zugelassen ist, hemmt mutmaßlich die Virenvermehrung, weil es das dafür nötige Protein EF1A in den befallenen Zellen blockiert.

Wissenschaftler der Universitäten Universitäten Würzburg und Münster entdeckten, dass das Antidepressivum Fluoxetin die Virenvermehrung in Zellkulturen hemmen kann, indem es dort ein Enzym namens "saure Sphingomyelinase" (ASM) stoppt. Das gilt in gleicher Weise auch für die Wirkstoffe Amiodaron und Imipramin. Der Wirkstoff Fluvoxamin, ebenfalls ein gegen Depressionen zugelassener ASM-Hemmer, hat gleichzeitig eine hohe Affinität zum Sigma-1-Rezeptor (S1R). Dieses im Molekül übt viele Funktionen aus, darunter auch die Regulation der Produktion von Zytokinen während einer Immunreaktion. Nach präklinischen Tests und kleineren Studien mit symptomatischen Covid-19-Patienten zeigte der Wirkstoff auch in einer größeren Studie einen positiven Effekt. Derzeit laufen noch andere Studien mit Fluvoxamin und Fluoxetin.

Eine ganze Reihe von Studien wurden auch mit dem zur Bekämpfung von Milben und parasitischen Fadenwürmern zugelassenen Wirkstoff Ivermectin durchgeführt. Doch die Ergebnisse waren uneinheitlich; oftmals zeigte sich kein therapeutischer Effekt, so beispielsweise in einer Placebo-kontrollierten Studie mit jüngeren Patienten in Kolumbien. Die WHO und die EMA rät davon ab, Ivermectin außerhalb klinischer Studien einzusetzen. Auch die Fachgruppe COVRIIN am deutschen Robert Koch Institut (RKI) bewertet das so in einer Publikation mit Stand 19.11.2021.

Eine Studie, in der Ivermectin derzeit weiter auf Eignung untersucht wird, ist die britische PRINCIPLE-Studie mit Covid-19-Patient:innen in ambulanter Behandlung.

Das patentfreie Bandwurm-Mittel Niclosamid verstärkt die zelleigene "Müllverarbeitung" (Autophagie). Dieser Prozess ist bei mit SARS-CoV-2 befallenen Zellen gedrosselt. In Laborexperimenten in der Berliner Charité konnte mit dem Mittel die Virusvermehrung gesenkt werden – wie auch mit den Wirkstoffen Spermidin (einer körpereigenen Substanz) und MK-2206 (einem Wirkstoff gegen Brustkrebs). Mittlerweile wird die Covid-19-Therapie mit Niclosamid in einigen Phase II-Studien mit Patient:innen erprobt, entweder als Monotherapie (z.B. in einer Studie von Union Therapeutics) oder in Kombination mit Camostat (Charité Research Organisation). Eine Studie zur Eignung des Wirkstoffs zur Prophylaxe läuft in UK.

Einen anderen Plan verfolgen die Unternehmen, die SARS-CoV-2 mittels Gene Silencing bekämpfen wollen. Bei diesem Ansatz wird verhindert, dass bestimmte Gene zur Virusvermehrung genutzt werden können. Vir Pharmaceuticals und Alnylam Pharmaceuticals (beide USA) wollen diese mit Hilfe sogenannte siRNA-Wirkstoffe erreichen. Auch das südkoreanische Unternehmen OliX Pharmaceuticals arbeitet an einem Wirkstoff dieser Art. Das deutsche Biotech Secarna und die chinesische Guangzhou's Sun Yatsen Universität wollen das Gene Silencing mit Hilfe eines Antisense-Oligonucleotids erreichen – einem Molekül aus einer verwandten Wirkstoffklasse.

Nicht gegen Covid-19 bewährt hat sich hingegen ein älteres HIV-Medikament mit der Wirkstoffkombination Lopinavir / Ritonavir. Es war unter anderem im SOLIDARITY Trial erprobt worden.

Auch nicht bewährt haben sich mehrere Malaria-Medikamente mit den Wirkstoffen Chloroquin und Hydroxychloroquin. Nach positiven Labortests gegen SARS-CoV-2 wurden sie zunächst in China, später auch in anderen Ländern in Studien erprobt. Die Ergebnisse mehrerer Studien deuteten allerdings darauf, dass die Medikamente keine positive Nutzen-Risiko-Bilanz haben, oft sogar die Lage verschlechterten. Deshalb wurde der Studienarm mit Chlorquin/Hydroxychloroquin in der SOLIDARITY-Studie der WHO angehalten und eine zwischenzeitliche Notfallzulassung für Hydroxychloroquin in den USA wieder aufgehoben.

Vor allem in Afrika wird der Einsatz eines weiteren Antimalaria-Wirkstoffs propagiert: Artemisinin. Er ist sonst Teil von Malaria-Kombinationsmedikamenten, die als Tabletten eingenommen werden. Gegen Covid-19 wird es als Getränk eingesetzt. Am Max-Planck-Institut Potsdam und in anderen Forschungseinrichtungen wird die Wirksamkeit des Wirkstoffs gegen SARS-CoV-2 in Laborversuchen systematisch erforscht. Die WHO will Artemisinin nun auch in ihrem SOLIDARITY Trial erproben.

1.4 Antivirale Medikamente, die die Immunabwehr verstärken

Manche Medikamente bekämpfen Viren nicht direkt, sondern sollen die körpereigene Virenabwehr stärken.

Eins davon entwickelt das deutsche Unternehmen AiCuris: Sein stimulierender Immunmodulator enthält Parapoxviren und ist ursprünglich zur Behandlung von Hepatitis B entwickelt worden; dafür hat es auch bereits eine Phase-I-Studie mit Patienten absolviert. Derzeit wird es in einer Studie mit Covid-19-Patient:innen erprobt.

Bereits in verschiedenen Studien getestet wurde eine Gruppe anderer Immunmodulatoren: die Interferone. Sie sind gentechnisch hergestellte Varianten körpereigener Botenstoffe. Biochemiker unterteilen sie in mehrere Untergruppen, von denen gegen SARS-CoV-2 die Alpha-, Beta- und Lambda-Interferone in Betracht gezogen wurden:

  • Studien mit verschiedenen Alpha- und Beta-Interferonen habe jedoch bislang keinen Nutzen für die Covid-19-Therapie gezeigt. Lediglich Interferon alpha-2b (PegIFN) zeigte sich in der Phase-III-Studie PegiHep hilfreich, weshalb der Hersteller Zydus Cadila einen Zulassungsantrag für den schon zur Behandlung von Hepatitis C verwendeten Wirkstoffs in Indien stellte.
  • Weiter in Erprobung ist außerdem Peginterferon Lambda. In Kanada wurde es in einer Phase-II-Studie getestet. Bei mit dem Wirkstoff behandelten Patienten sank die Viruslast schneller und die Symptome verschwanden eher als bei Kontrollpatienten. Eine Phase-III-Studie ist in Planung. Dieses Interferon aktiviert wie andere Interferone eine antivirale Immunantwort; doch wird es dafür im wesentlichen nur in bestimmten Zellen von Lunge, Leber und Darm aktiv. Die gezielte Wirkung dort könnte Nebenwirkungen in anderen Organen, wie sie andere Inteferone auslösen können, reduzieren oder vermeiden. Der Wirkstoff wird von Eiger BioPharmaceuticals auch zur Therapie der Viruskrankheit Hepatitis D entwickelt.
  • Ebenfalls auf Interferon lambda setzt das deutsche Unternehmen Ethris. Doch ist in seinem Medikament ETH47 nicht dieser Botenstoff selbst, sondern mRNA enthalten, die Zellen zu seiner Herstellung anregen kann. Es soll in den Atemwegen eingesetzt werden. Eine Erprobung mit Patient:innen steht noch aus.

2. Herz-Kreislauf-Medikamente

Eine Covid-19-Infektion bringt oft als Komplikation Blutgerinnsel in verschiedenen Organen mit sich. Zudem kann die Infektion Auswirkungen auf Herz und Nieren mit sich bringen. Dagegen werden eine Reihe zugelassener Herz-Kreislauf-Medikamente erprobt bzw. eingesetzt.

Schon bewährt gegen die Thrombosegefahr haben sich gerinnungshemmende niedermolekulare Heparine (wie sie sonst Patient:innen z. B. nach bestimmten Operationen gespritzt werden). Ihr Einsatz wird von der einschlägigen Therapieleitlinie empfohlen (und erfordert keine eigene Covid-19-Zulassung). Speziell das niedermolekulare Heparin Enoxaparin wurde zuvor in einer Reihe von Studien erprobt. Es wurde ursprünglich von einem Vorgängerunternehmen von Sanofi entwickelt. Das strukturell ähnliche Tinzaparin wie auch unfraktioniertes Heparin und das ebenfalls gerinnungshemmende Bivalirudin werden ebenfalls in Studien getestet. Entwickelt wurde Bivalirudin von The Medicines Company, die heute zu Novartis gehört. Auch ein bislang noch nicht zugelassener Gerinnungshemmer, das Heparinderivat Dociparstat, wird vom Unternehmen Chimerix bei Covid-19-Patienten in einer Phase-II/III-Studie erprobt. Einer Untersuchung des Hasso Plattner Institute for Digital Health und der Icahn School of Medicine in New York zufolge verbessert die Behandlung mit Gerinnungshemmern in der Tat die Überlebenschancen von schwer erkrankten Covid-19-Patienten.

Die Wirksamkeit von Wirkstoffen, die von Heparin abgeleitet sind, dürfte nicht allein durch die Gerinnungshemmung bedingt sein. Denn Untersuchungen haben gezeigt, dass SARS-CoV-2 auch Bindungsstellen für die heparinähnliche Zellanhänge besitzt, mit deren Hilfe das Virus seinen ersten Zellkontakt erzielt, noch ehe es sich zu ACE2 begibt. Heparin-Wirkstoffe können dieses erste Andocken verhindern.

Es werden aber auch mit Heparin strukturell nicht verwandte Gerinnungshemmer werden erprobt. Dazu zählen mit Edoxaban von Daiichi Sankyo, Rivaroxaban von Bayer und Apixaban von Bristol Myers Squibb / Pfizer drei direkte orale Faktor-Xa-Hemmer, die schon gegen andere thrombotische Krankheiten zugelassen sind.

Nachdem retrospektive Vergleiche auf einen möglichen Nutzen von Acetylsalicylsäure (ASS) hindeuteten, wird auch dieser Wirkstoff ebenfalls in einer klinischen Studie bei stationär behandelten Covid-19-Patient:innen erprobt. ASS ist u.a. zugelassen zur Prophylaxe von Herzinfarkten und Schlaganfällen.

Präventiv gegen Thrombosebildung soll auch der Wirkstoff TRV027 von Trevena (USA) wirken, der an den AT1-Rezeptor bindet. Im Rahmen des Studienprogramms ACTIV-4 soll der Wirkstoff geprüft werden. Die Bindung an den AT1-Rezeptor soll die Lungenfunktion wieder verbessern und die Bildung von Thrombosen vermeiden helfen.

Erprobt werden zudem Gerinnsel auflösende Medikamente. U.a. erprobt Boehringer Ingelheim ein solches Medikament mit dem Wirkstoff Alteplase.

Was die Bekämpfung von Lungen- und Herzkomplikationen betrifft, erproben verschiedene medizinische Einrichtungen Blutdrucksenker aus der Klasse der Sartane. Dazu zählen Telmisartan, Valsartan, Losartan und Candesartan. In einer irischen Studie wird allerdings auch geprüft, ob von dieser Klasse von Blutdrucksenkern (wie auch von der Klasse der ACE-Hemmer) vielleicht sogar Gefahren für Covid-19-Patienten ausgehen.

Eine Auswertung von Krankenakten in den USA durch eine Krankenversicherung deutet darauf hin, dass ältere Covid-19-Patienten, die unabhängig von dieser Erkrankung Medikamente aus der Klasse der ACE-Hemmer als Dauertherapie einnahmen, seltener stationär behandelt werden mussten. Deshalb ist nun eine klinische Studie geplant, in der bislang nicht Erkrankte (die bislang auch keinen ACE-Hemmer anwenden) entweder einen niedrig dosierten ACE-Hemmer oder Placebo einnehmen. Erforscht werden soll, ob sich die unterschiedliche Medikation bei Teilnehmern, die später an Covid-19 erkranken, auf den Krankheitsverlauf auswirkt. In einer anderen Studie wird der ACE-Hemmer Ramipril speziell bei stationär behandelten Covid-19-Patienten erprobt. Bislang sind ACE-Hemmer zur Senkung von Bluthochdruck und zur Vorbeugung von Atherosklerose zugelassen.

Ambrisentan (ein Endothelinrezeptor-Antagonist) von GSK ist zugelassen zur Behandlung von pulmonaler arterieller Hypertonie; es weitet die Lungengefäße und verbessert so unter anderem die Sauerstoffaufnahme ins Blut. Das Medikament soll nun im Rahmen des TACTIC-E Trials (s.o.) in Kombination mit Dapagliflozin gegen Covid-19 erprobt werden.

CSL Behring wiederum entwickelt derzeit Garadacimab (einen Faktor-XIIa-Hemmer) als Medikament gegen hereditäres Angioödem. Nun erprobt es dieses Medikament auch auf Eignung gegen Lungenversagen bei schwerer Covid-19-Erkrankung.

3. Dämpfende Immunmodulatoren

Immunreaktionen sind bei Infizierten grundsätzlich erwünscht; sie dürfen nur nicht so exzessiv ausfallen, dass sie in der Lunge mehr Schaden anrichten als helfen. Eine solche überschießende Entzündungs- bzw. Immunreaktion wird "Zytokin-Sturm" genannt, weil dabei große Mengen von Botenstoffen freigesetzt werden, die Zytokine heißen. Bei einigen Patienten kommt es dazu. In mehreren Projekten zur Covid-19-Therapie geht es deshalb darum, eine solche Reaktion mit geeigneten Mitteln – sie heißen Entzündungshemmer oder Immunmodulatoren – zu dämpfen.

Einer wurde dafür auch schon zugelassen: Denn eine wirksame Abschwächung der Immunreaktionen und damit Senkung der Sterblichkeit bei schwer erkrankten Patienten gelang in einer Studie in UK mit Dexamethason, einem Cortison-Derivat mit bekannter antientzündlicher Wirkung: Da konnte Dexamethason das Sterberisiko bei Patienten, die Sauerstoff benötigen oder sogar künstlich beatmet werden müssen, um ein Fünftel bzw. ein Drittel senken. Eine entsprechende Zulassungserweiterung hat die EMA im September 2020 empfohlen; und Deutschland und viele weitere Länder haben sie erteilt (das Medikament hat nationale Zulassungen, keine zentrale EU-Zulassung). Auch mit den verwandten Cortison-Derivaten Hydrocortison und Methylprednisolon wurden in Studien Therapieverbesserungen erzielt.

Aber darüber hinaus sind zahlreiche andere Medikamente in Erprobung:

Mehrere sollen Covid-19 entschärfen, indem sie einen Teil des Immunsystems dämpfen, der Komplementsystem genannt wird.

  • Dazu zählt Vilobelimab (IFX-1), beim Jenaer Unternehmen InflaRx u.a. für die Behandlung verschiedener Entzündungskrankheiten in Entwicklung. Mit Covid-19-Patienten hat im September 2020 die Phase III innerhalb einer Phase-II/III-Studie begonnen – in den Niederlanden, in Deutschland und Peru. Der Wirkstoff ist ein spezifischer Inhibitor von der Komplement-Komponente C5a. Die deutschen Ministerien für Bildung & Forschung und für Gesundheit unterstützen das Projekt.
  • Das Unternehmen Alexion wie auch die Universität Cambridge (UK) erproben einen weiteren C5a-Inhibitor bei Covid-19-Patienten mit schwerer Lungenentzündung: Ravulizumab. Zugelassen ist das Medikament zur Behandlung der seltenen paroxysmalen nächtlichen Hämoglobinurie (PNH).
  • Das Unternehmen Aptarion Biotech in Berlin entwickelt zur Inhibition von C5a ein L-Aptamer. Dieses AON-D21 genannte Molekül kann nach bisherigen Tests die Immunreaktion begrenzen. Mit Unterstützung des BMBF in Höhe von 5,3 Mio Euro wird AON-D21 bei Covid-19-Patient:innen auf Sicherheit und Verträglichkeit getestet (Studie Accelerate-D21).
  • UCB erprobt einen weiteren C5-Inhibitor mit Patienten mit schwerer Covid-19-Erkrankung. Der Wirkstoff Zilucoplan war schon länger gegen Myasthenia Gravis (Phase III), Immune-Mediated Necrotizing Myopathy (IMNM), Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) und andere Komplement-assoziierte Krankheiten in Entwicklung. Für das neue Projekt kooperiert UCB im Rahmen der COVID R&D Alliance.
  • An ähnlicher Stelle greift der C3-Inhibitor AMY-101 ins Komplementsystem ein. Amyndas Pharmaceuticals erprobt diesen Wirkstoff ebenfalls bei Covid-19-Patienten mit schwerer Lungenentzündung.

Eine andere Stoßrichtung ist die Blockade der Kommunikation, die Immunzellen mittels der Botenstoffe Interleukin-1, Interleukin-6 und Interleukin-23 (IL-1, IL-6 und IL-23). Aus einer anfänglich größeren Zahl von Projekten sind insbesondere die folgenden hervorgegangen:

  • Nach positiven Studienergebnissen wurde vom Unternehmen Sobi bei der EMA die Zulassungserweiterung für ein Medikament mit dem Wirkstoff Anakinra zur Behandlung bestimmter Covid-19-Patient:innen beantragt. Der Wirkstoff blockiert (als IL-1-alpha/beta-Rezeptorantagonist) die Botenstoff-Wirkung von Interleukin-1. Das Medikament ist bereits (in Kombination mit Methotrexat) für die Therapie der rheumatoiden Arthritis zugelassen; außerdem zur Behandlung von Cryopyrin-Assoziierten Periodischen Syndromen (CAPS), familiärem Mittelmeerfieber und Morbus Still.
  • Ebenfalls bei der EMA für eine Zulassungserweiterung eingereicht ist ein Medikament mit Tocilizumab von Roche. Dieser Wirkstoff verhindert, dass Interleukin-6 (IL-6) wirksam werden kann. Das Medikament hat schon gegen andere Entzündungskrankheiten und als Begleitmedikation bei bestimmten Krebstherapien eine Zulassung und wurde nun in zahlreichen Studien auch mit stationär behandelten Covid-19-Patienten erprobt. In den USA hat Tocilizumab im Juni 2021 eine Notfallzulassung für die Anwendung bei Covid-19-Patienten erhalten.
  • In der ACTIV-5-Studie in den USA wird auch Risankizumab erprobt, das Interleukin-23 bindet und zugelassen ist zur Behandlung der Autoimmunkrankheit Schuppenflechte.

Als weitere Möglichkeit wird erprobt, Immunzellen daran zu hindern, mittels des Botenstoff TNF-alpha zu kommunizieren:

  • Der TNF-alpha-Inhibitor Adalimumab, der u.a. gegen Rheumatoide Arthritis zugelassen ist, wird ebenfalls mit Patienten erprobt mit dem Ziel, ein Fortschreiten der Krankheit in ein schweres oder kritisches Stadium zu verhindern. Das kt an der Beobachtung an, dass Patienten unter Dauertherapie mit Adalimumab wegen einer Autoimmunkrankheit bei Infektion mit SARS-CoV-2 mildere Krankheitsverläufe zeigen. In der britischen Studie AVID-CC wird Adalimumab von Sandoz eingesetzt.
  • Als weiterer TNF-alpha-Inhibitor wird Infliximab erprobt, im Rahmen des ACTIV-1 Trial der US-amerikanischen National Institutes of Health (NIH). Das Unternehmen Janssen stellt ihn dafür zur Verfügung. Auch die WHO setzt Infliximab im Rahmen ihres SOLIDARITY trials ein; als einmalige Infusion.

Ein weiterer Ansatz für eine gezielte Immundämpfung ist die Blockade des Botenstoffs GM-CSF, der zu den Zytokinen gehört:

  • Die ist möglich mit Hilfe des monoklonalen Antikörpers Lenzilumab von Humanigen (USA). Seine Wirksamkeit wurde in einer Phase III-Studie untersucht. In der Studie hatten damit behandelte Patienten eine bessere Chance, ohne Beatmung behandelt werden zu können. Eine Notfallzulassung in den USA auf Basis der vorliegenden Daten hat die US-amerikanische FDA erst einmal abgelehnt, aber das Unternehmen zum Einreichen weiterer Daten eingeladen.
  • Auf eine Senkung der Mortalität und weniger Bedarf an mechanischer Beatmung deuten auch Zwischenergebnisse einer Phase II/III-Studie mit dem ebenfalls gegen GM-CSF gerichteten Plonmarlimab, das das Unternehmen I-Mab entwickelt.
  • Erprobt wird auch der GM-CSF-Hemmer Namilumab von Izana Bioscience, für den es bislang nur Studien mit Patienten mit Rheumatoider Arthritis und anderen Autoimmunkrankheiten gab.

Ferner wird eine gezielte Immundämpfung durch Hemmung der vollen Aktivierung von T-Zellen versucht. Diese ist möglich mit Abatacept von Bristol Myers Squibb. Dessen Medikament ist bereits gegen Rheumatoide und Psoriasis-Arthritis zugelassen. Das Medikament wird im Rahmen des ACTIV-1 Trial der US-amerikanischen National Institutes of Health bei Covid-19-Patienten erprobt.

Forscher vom Berlin Institute of Health (BIH) fanden heraus, dass Zellen, die mit SARS-CoV-2 infiziert sind, Botenstoffe (Chemokine) ausschütten, um Immunzellen anzulocken, was die gefürchtete überschießende Immunreaktion fördern kann. Deshalb ist die Blockade der "Empfangsantennen" für Chemokine auf Immunzellen (den Chemokin-Rezeptoren bzw. CCR) ein weiterer Ansatz:

  • Nach Erkenntnissen des BIH spielt dabei insbesondere der Rezeptor CCR1 (auch CD191 genannt) eine wesentliche Rolle. Nun wird im Rahmen der CATCOVID-Studie geprüft, ob der bereits früher von Bayer entwickelte CCR1-Inhibitor BX471 bei Covid-19-Patient:innen hilfreich ist. An der Studie beteiligen sich die Charité sowie die Unikliniken in Leipzig und Würzburg. Finanziert wird sie vom BMBF mit 3,7 Mio. Euro.
  • Aber auch die Blockade anderer Chemokinrezeptoren wird erprobt. So blockiert Cenicriviroc von AbbVie die Rezeptoren CCR5 und CCR2. Das Medikament ist schon seit einiger Zeit gegen andere Krankheiten in Entwicklung, aber noch ohne Zulassung. AbbVie stellt es nun für die Erprobung mit Covid-19-Patienten im ACTIV-1 Trial der National Institutes of Health in den USA zur Verfügung. Eine Phase II-Studie wurde auch an der Charité Berlin durchgeführt.
  • Allerdings hat das Unternehmen CytoDyn mit seinem CCR5-Antagonisten Leronlimab in Studien mit Covid-19-Patienten bislang keine Therapieverbesserung erzielen können. Das Unternehmen testet aber außerdem, ob sich mit Leronlimab auch Spätfolgen bei ehemaligen Covid-19-Patienten bessern.

Auch die Blockade des Oberflächenmoleküls CD3 auf bestimmten Immunzellen gilt als vielversprechend, weil sie mittelbar zur Stimulation von regulatorischen T-Zellen führt, die Entzündungen dämpfen können. Tiziana Life Sciences und FHI Clinical planen deshalb eine Phase II-Studie mit stationär behandelten Covid-19-Patient:innen, die intranasal den Anti-CD3-Antikörper Foralumab erhalten.

Auch die Blockade bestimmter Toll-Like-Rezeptoren (TLR) könnte wirksam sein. Toll-Like-Rezeptoren sind Moleküle auf Zelloberflächen, die normalerweise als Teile eines Frühwarnsystems eine erste Abwehr frisch eingedrungener Erreger einleiten sollen. Bei schwerer Lungenentzündung durch Covid-19 können sie aber zur Immunüberreaktion beitragen.

  • Das deutsche Unternehmen Merck erprobt M5049, einen chemisch-synthetischen Immunmodulator, der TLR7/8 blockiert, in einer Studie mit stationär behandelten Covid-19-Patienten in den USA, in Brasilien und auf den Philippinen. Er wurde schon zuvor vom Unternehmen gegen verschiedene Immunkrankheiten erprobt. Bislang gibt es noch kein zugelassenes Medikament dieser Arzneimittelklasse.
  • Das kanadische Unternehmen Edesa Biotech hat mit seinem TLR4-Hemmstoff EB05 in einer Phase II-Studie mit stationär behandelten Covid-19-Patienten positive Ergebnisse erzielt.

Erprobt wird auch Fosamatinib von Rigel Pharmaceuticals; in einer Phase III-Studie. Dieser SYK-Inhibitor (Hemmer der Milz-Tyrosinkinase) kann bestimmte Immunreaktionen dämpfen, darunter die Bildung netzartiger Strukturen aus DNA und Proteinen – den NETs – durch bestimmte weiße Blutkörperchen. Dieser Mechanismus gehört zur angeborenen Immunabwehr. Fehlgeleitete Immunreaktionen mit der Bildung von NETs tragen wesentlich zur Gefährlichkeit des schweren Stadiums eine Covid-19-Erkrankung bei, weil sie die Bildung von Thrombosen fördern. Das wurde unter anderem an der Universität Nürnberg-Erlangen entdeckt.

Amgen erprobt bei stationär behandelten Covid-19-Patienten im Rahmen der COMMUNITY-Studie Apremilast, einen Phosphodiesterase-IV-Inhibitor (PDE4-Inhibitor). Das Medikament ist zur oralen Behandlung von Psoriasis und Psoriasis-Arthritis zugelassen. Für das neue Projekt kooperiert das Unternehmen im Rahmen der COVID R&D Alliance.

Die Immunreaktionen dämpfen soll auch Lanadelumab, ein Anti-Kallikrein-Antikörper von Takeda. Er wurde zur Behandlung des seltenen heriditären Angioödems entwickelt und in Studien getestet, hat aber noch keine Zulassung. Das Unternehmen erprobt ihn im Rahmen COMMUNITY-Studie der COVID R&D Alliance bei stationär behandelten Covid-19-Patienten. Das Medikament soll zusätzlich Flüssigkeitsansammlungen in der Lunge entgegen wirken.

Das US-amerikanisch/deutsche Unternehmen Immunic Therapeutics erprobt seinen Immunmodulator IMU-838 in zwei Phase II-Studien mit stationär behandelten Covid-19-Patienten (einmal als Monotherapie, einmal in Kombination mit Oseltamivir). Der Wirkstoff ist ein selektiver oraler Inhibitor des Enzyms DHODH (Dihydroxyorotat-Dehydrogenase). Er bremst den Stoffwechsel in aktivierten T- und B-Zellen (was die Immunreaktion dämpft), beeinflusst andere Immunzellen aber kaum. Erste Daten aus den klinischen Studien mit Patient:innen weisen darauf hin, dass IMU-838 die Sterblichkeit sowie die Notwendigkeit der Beatmung senken kann. Das Medikament war zuvor schon gegen schubförmige Multiple Sklerose und andere Autoimmunkrankheiten in Entwicklung.

Die Unternehmen Sanofi und Denali Therapeutics erproben den Immunmodulator DNL758 in einer Phase Ib-Studie mit Covid-19-Patienten. Dieser Inhibitor von RIPK1, einem Molekül aus einem immunrelevanten Signalweg, wird seit 2018 gegen verschiedene Entzündungskrankheiten erprobt.

Das Schweizer Unternehmen MetrioPharm, das auch Labors in Berlin betreibt, hat den Immunmodulator MP1032 in Entwicklung, der die Aktivierung von Makrophagen – einem Typ von Immunzellen – bremst. Er soll der Behandlung von Autoimmunkrankheiten diesen und wurde dazu bereits mit Psoriasis-Patienten erprobt. Nun ist aber auch eine Phase II-Studie mit Covid-19-Patienten in Vorbereitung.

Auch mehrere Januskinase-Inhibitoren werden erprobt. Sie sind bereits gegen bestimmte Autoimmunkrankheiten zugelassen:

  • Die Unternehmen Lilly und Incyte haben ihren Januskinase-Inhibitor Baricitinib (z.T. Kombination mit Remdesivir) bei stationär behandelten Covid-19-Patienten erprobt. Er hat bislang nur eine Zulassung gegen Rheumatoide Arthritis. In einer Studie ließ sich durch die Verabreichung beider Medikamente im Vergleich zu Remdesivir alleine die Genesungszeit verkürzen. Sehr schwer Erkrankte profitierten deutlicher als Patienten mit leichteren Symptomen. In einer Studie ließ sich die Genesungszeit von stationär behandelten Covid-19-Patienten mit der Kombination von Remdesivir und Baricitinib noch weiter verkürzen als mit Remdesivir allein. In den USA wurde die Kombinationstherapie zur Notfallanwendung bei Patienten mit Covid-19 zugelassen. In der EU wurde ein Zulassungsantrag für eine Monotherapie gestellt.
  • Auch der Januskinase-Inhibitor Tofacitinib wurde mit Erfolg bei stationär behandelten Covid-19-Patient:innen erprobt.

Eigentlich als Krebsmedikament in Entwicklung ist Opaganib von der israelisch/US-amerikanischen Firma RedHill Biopharma. Dieser Sphingosinkinase-2 (SK2)-Inhibitor hat in vorklinischen Studien eine entzündungshemmende, aber auch antivirale Wirkung gezeigt. Das könnte für die Behandlung einer Covid-19-bedingten Lungenentzündung hilfreich sein. Das Medikament wurde in einer Phase-II-Studie in den USA erprobt. Erste Analysen der Studie weisen positive Resultate aus.

Auch Medikamente aus der Klasse der Brutontyrosinkinase-Inhibitoren werden auf ihre Eignung zur Dämpfung der Immunreaktion geprüft. Sie wurden ursprünglich für die Behandlung von Krebserkrankten entwickelt:

  • Acalabrutinib von AstraZeneca hat eine Zulassung zur Therapie bestimmter Leukämien. Nun erprobt das Unternehmen in einer klinischen Studie mit Covid-19-Patienten.
  • Ebenso wird derzeit Zanubrutinib vonBeiGene erprobt. Das Unternehmen hat das Medikament ursprünglich gegen Mantelzell-Lymphom entwickelt.
  • Sorrento Therapeutics (USA) hat positive Ergebnisse in einer Phase II-Studie mit Abivertinib erzielt. Das Medikament zielt auf mutierte Formen von Brutontyrosinkinase und dem Rezeptor EGFR. Das Unternehmen ist schon länger dabei, das Medikament gegen Lungenkrebs vom Typ NSCLC zu erproben.

In über 25 klinischen Studie wurde und wird Colchicin als Mittel gegen überschießende Immunreaktionen erprobt. In einer größeren Studie am Montreal Heart Institute, genannt COLCORONA, wurde damit laut Medienberichten eine Senkung der Rate an Krankenhauseinlieferungen und der Lebensgefahr erzielt. Auch in einer Studie in Griechenland hat das Mittel die Erholung schwer erkrankter Covid-19-Patienten beschleunigt. Parallel wurde der Wirkstoff im adaptiven mehrarmigen Recovery-Trial (UK) getestet. Die Behandlung konnte die Sterberate nicht senken, weshalb der Studienteil mit Colchicin beendet wurde. Colchicin dämpft die Aktivität bestimmter Immunzellen. Das Mittel ist zur Therapie von Gicht und in manchen Ländern auch von Herzbeutelentzündung zugelassen.

Immunzellen (Makrophagen und Dendritische Zellen) setzt das israelische Unternehmen Enlivex ein, um das Immunsystem im Fall eines Zytokinsturms wieder herunter zu dimmen. Sein Zelltherapeutikum Allocetra war vor der Pandemie schon gegen Sepsis in Entwicklung. Nach erfolgreicher Erprobung in Phase-I- und -II-Studien ist eine Phase-III-Studie geplant.

Einen Immunmodulator ganz neuer Art stellt EDP1815 von Evelo Biosciences dar. Es enthält das natürlich vorkommende menschliche Darmbakterium Prevotella histicola, das aus dem Dünndarm eines Spenders isoliert wurde. Botenstoffe von EDP1815 können aus dem Darm heraus die Bildung bestimmter Zytokine dämpfen, ohne zugleich auch die Produktion von Typ-1-Interferonen herunterzuregeln, die die Virenabwehr stärken. Das Medikament wird gegen Autoimmunkrankheiten wie Schuppenflechte und atopische Dermatitis entwickelt, wird nun aber auch in UK in der Studie Tactic-E gegen Covid-19 erprobt.

Apabetalon von Resverlogix ist ein BETi (Bromodomain and extraterminal family inhibitor). Der Wirkstoff wird zur Behandlung verschiedener Erkrankungen klinisch geprüft. Im Tierversuch kann Apabetalon einen tödlichen Zytokinsturm und auch die von den Viren ausgelöste Schädigung des Herzmuskels verhindern. Der Hersteller kündigte eine klinische Studie mit Covid-19-Patienten an. Apabetalon ist ein epigenetischer Wirkstoff, der indirekt dafür sorgt, dass bestimmte Gene in Zellen verstärkt oder vermindert aktiv sind.

Trimodulin ist ein Antikörpergemisch (enthält IgG-, IgM- und IgA-Antikörper), das vom deutschen Unternehmen Biotest aus Blutplasma gesunder Spender hergestellt wird – unabhängig davon, ob sie einmal an Covid-19 erkrankt waren oder nicht. Es wirkt auf mehrfache Weise: Es wirkt Angriffen des Immunsytems auf körpereigenes Gewebe entgegen (ist in dieser Hinsicht also immundämpfend), fördert aber andere Reaktionen des Immunsystems. In einer Phase II-Studie zeigte sich ein Behandlungsvorteil für eine Teilgruppe unter den stationär behandelten Covid-19-Patienten. Der Hersteller plant nun, in einer Phase III-Studie zu klären, ob das Medikament stationär behandelte Patient:innen vor schweren Atemstörungen und Multiorganversagen bewahren kann. Das deutsche Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert dieses TRICOVID genannte Projekt.

Während die genannten immundämpfenden Medikamente fast ausschließlich bei schwer erkrankten Patienten erprobt werden oder werden sollen, wurde in einer britischen Studie getestet, ob damit nicht auch Patienten mit bislang mildem Verlauf in ambulanter Behandlung geholfen werden kann. Konkret wurde ein Asthmaspray mit dem Wirkstoff Budesonid erprobt, das wie Dexamethason mit dem natürlichen Hormon Cortison strukturverwandt ist. In der Tat deuten die Ergebnisse der STOIC-Studie mit 146 Teilnehmern darauf hin, dass mit dem Medikament das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs gesenkt werden kann. Beim größeren PRINCIPLE Trial mit 2617 positiv getesteten Personen ab 50 Jahren zeigte sich im Schnitt eine schnellere Genesung. Das Medikament soll nun in einer Phase III-Studie erprobt werden.

4. Medikamente für die Lungenfunktion

Die lebenswichtige Aufgabe der Lunge ist es, den Gasaustausch zwischen Atemluft und Blut zu gewährleisten. Schwer erkrankte Coronapatienten geraten in Lebensgefahr, wenn das nicht mehr ausreichend gelingt. Wesentlich für die Genesung ist anschließend, dass sich die Lunge mit funktionstüchtigem Gewebe und nicht nur Narbengewebe regenerieren kann.

Eins der Medikamente, das für das Aufrechterhalten der Lungenfunktion erprobt wird, enthält den Wirkstoff Aviptadil, eine synthetische Version des natürlich im Menschen vorkommenden Moleküls VIP. Das Schweizer Unternehmen Relief Therapeutics hat dafür in der EU eine Zulassung zur Behandlung von akutem Atemnotsyndrom (ARDS) und Sarkoidose, brachte es aber in Deutschland bislang noch nicht auf dem Markt. Der Wirkstoff wirkt u. a. antientzündlich und schützt bestimmte Lungenzellen (Alveolar Typ-2-Zellen) vor Virenbefall. Sie sind ein bevorzugtes Ziel von SARS-CoV-2 und für das Aufrechterhalten der Lungenfunktion besonders wichtig. Das Unternehmen NeuroRx führte nach positiven Labordaten mit Unterstützung von Relief Therapeutics in den USA eine Phase II/III-Studie mit schwer erkrankten Covid-19-Patient:innen (Symptome schweren Lungenversagens; beatmet) durch. Unter der intravenös verabreichten Therapie erholten sich die Patienten schneller von den Atemwegssymptomen. NeuRx hat daraufhin eine Emergency Use Authorization bei der FDA beantragt. Eine Langzeitstudie (1 Jahr Nachbeobachtung) mit Patienten:innen mit schweren Vorerkrankungen zeigte, dass VIP deren Überleben um 60% verbesserte. Relief Therapeutics hat zudem zusammen mit dem Unternehmen AdVita Lifescience in Saarbrücken eine Phase II-Studie mit einer inhalierbaren Formulierung des Wirkstoffs begonnen. Ziel ist auch hier, bei Covid-19-Patienten das akute Atemnot-Syndrom zu vermeiden.

Das kanadische Unternehmen Algernon Pharmaceuticals erprobt sein Medikament Ifenprodil (NP-120) auf Eignung bei schwerkranken Covid-19-Patienten, die Sauerstoffzufuhr benötigen. Eine Phase III-Studie hat begonnen. Der Wirkstoff bindet an den GluN2B-Rezeptor. Man nimmt an, dass damit die schädliche Überaktivierung des Immunsystems verhindert werden kann. Ifenprodil ist patentfrei in Japan und Südkorea gegen neurologische Krankheiten zugelassen. Algernon entwickelt mit diesem Wirkstoff seit einiger Zeit ein Medikament gegen idiopathische Lungenfibrose, eine Erkrankung, die durch eine zunehmende Atemnot gekennzeichnet ist.

Das Wiener Biotech-Unternehmen Apeptico will seinen Wirkstoff Solnatide gegen aktutes Lungenversagen (ARSD) auf Eignung für intensivpflichtige Covid-19-Patienten mit schweren Lungenschäden erproben. Dieses Projekt wird von der EU mit anderthalb Millionen Euro gefördert. Das Münchner LMU Klinikum leitet die klinische Studie. In Österreich können schwer Erkrankte im Rahmen eines Härtefall-Programms mit Solnatide behandelt werden. Solnatide ist ein synthetisches Peptid, das inhaliert wird. Es aktiviert einen Natriumkanal in den Zellen des Lungengewebes und hilft dadurch, die Dichtigkeit der Lungenbläschen zu schützen, so dass sich nicht mit Blut oder Gewebsflüssigkeit füllen.

Diesem Zweck soll auch der Peptid-Wirkstoff FX06 des Wiener Unternehmens MChE/F4-Pharma dienen. Es wird in der Studie FX-COVID erprobt. Zur Behandlung anderer Gefäßkrankheiten mit diesem Medikament wurden schon früher Studien durchgeführt.

Auch der Antikörper Adrecizumab soll ein Leck werden der Lungenkapillaren verhindern. Er wurde vom deutschen Unternehmen Adrenomed zur Behandlung von Sepsis entwickelt und wird dafür derzeit in klinischen Studien geprüft (link: https://transkript.de/news/sepsis-antikoerper-der-adrenomed-ag-erreicht-endpunkt.html). Er bindet das Peptid-Hormon Adrenomedullin (ADM), welches die Endothelien stabilisiert, aber zur Erweiterung der Blutgefäße beiträgt und damit auch den Blutdruck reguliert. Die Bindung blockiert das ADM nicht, sondern sorgt im Gegenteil dafür, dass es seine Aufgabe verstärkt wahrnehmen kann. Im Rahmen einer kleinen Fallstudie wurden vor kurzem acht Covid-19-Patienten, die alle an Vorerkrankungen litten und wegen der Infektion invasiv beatmet werden mussten, mit dem Antikörper behandelt. Nur ein Patient verstarb im Laufe der Studie. Mit der Unterstützung des BMBF in Höhe von 5,16 Mio Euro können nun größere klinische Wirksamkeitsstudien begonnen werden.

Von einem Schutz vor Entzündungen und fibrotischen Veränderungen in der Lunge von Covid-19-Patienten durch das körpereigene Protein Angiotensin-(1-7) berichtete ein Forschungsteam der Universität Ulm. Angiotensin-(1-7) kann die Wirkung eines anderen Hormons (Angiotensin II) stoppen, das bei Covid-19-Patienten deutlich erhöht und mit hoher Viruslast und Lungenproblemen assoziiert ist. Doch der Virusbefall vermindert die Produktion von Angiotensin-(1-7). Im Projekt STAMINA-Cov19, das die Firma Explicat Pharma in Hohenbrunn koordiniert, soll nun eine inhalierbare Version von Angiotensin-(1-7) als Medikament entwickelt werden. Das Projekt wird vom BMBF mit knapp 4,2 Mio Euro gefördert.

Gegen fibrotische Veränderungen ("Vernarbungen") in der Lunge ist auch das Medikament PRS-220 von Pieris Pharmaceuticals gerichtet. Nähere Angaben dazu finden sich im Abschnitt über die Long Covid-Therapie.

Long Covid ist ein Sammelbegriff für die Einschränkungen und anderen Beschwerden, die einige Personen erleben, die die Covid-19-Erkrankung eigentlich überstanden haben. Sie können sowohl nach einer Erkrankung mit schwerem Verlauf als auch nach einem eigentlich leichten Verlauf auftreten. Da bei vielen dieser Beschwerden die körperliche Grundlage noch unklar ist, konnten bisher auch erst wenige Arzneimittelprojekte gestartet werden. Hier jedoch sind einige Beispiele für die Erprobung von Medikamenten gegen die eine oder andere Long Covid-Symptomatik:

  • Gegen Entzündungen im Gehirn bei Long Covid-Patient:innen erprobt das US-Unternehmen Mercator sein Medikament MD-004, das als Epilepsiemedikament erfunden, aber in dieser Funktion noch nicht mit Menschen erprobt wurde.
  • Die Universität Erlangen führte individuelle Heilversuche bei drei Long-Covid-Patienten mit dem Wirkstoff BC 007 von Berlin Cures durch. Dieser Wirkstoff (es ist ein Aptamer) war zur Behandlung herzkranker Patienten entwickelt worden, die Antikörper gegen körpereigene Proteine (bestimmte Rezeptoren) gebildet hatten, was zu Durchblutungstörungen u.a. im Herz führte. Bei den von Long Covid Betroffenen besserten sich verschiedene Symptome (Erschöpfungszustände, Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen, verlorener Geschmackssinn). Klinische Studien mit BC 007 sind geplant.
  • Viele Long Covid-Patient:innen sind von anhaltender Erschöpfung (Fatigue) betroffen. In einer Studie in UK wird erprobt, ob das Medikament AXA1125 von Axzella diesen Patient:innen helfen kann. Es greift in die Stoffwechselregulation in den Mitochondrien ein. Es wurde ursprünglich gegen eine Lebererkrankung entwickelt; die Erprobung hiergegen ist noch nicht abgeschlossen.
  • Das Unternehmen AIM plant, den Wirkstoff Rintatolimod in einer Studie zur Behandlung von Long Covid zu erproben. Er aktiviert den Toll-like Rezeptor TLR-3 in den Epithelzellen der Atemwege; von seiner Struktur her ist es ein doppelsträngige RNA mit mismatached Poly I : Poly C12U.
  • Gegen Lungenfibrose (eine "Vernarbung" der Lunge) durch Covid-19 entwickelt das Unternehmen Pieris (USA / Deutschland) das inhalierbare Medikament PRS-220. Sein Wirkstoff ist ein Protein vom Typ Anticalin, das als CTGF-Inhibitor wirksam ist. Die klinische Erprobung soll 2022 beginnen. Das Projekt wird vom Land Bayern gefördert.
  • Ob sich ein ein in Folge von Covid-19 verlorener oder gestörter Geruchssinn durch Behandlung der Nasenschleimhaut mit Vitamin A regenerieren lässt, erprobt die britische University of East Anglia derzeit in einer klinischen Studie. Eine solche Behandlung muss medizinisch überwacht werden, da Vitamin A nicht überdosiert werden darf.

Fußnoten

(1) mindestens 12 Jahre alt und mit einem Körpergewicht von mindestens 40 kg sowie mit einer Pneumonie, die eine zusätzliche Sauerstoffzufuhr erfordert (Low- oder HighFlow Sauerstofftherapie oder eine andere nichtinvasive Beatmung zu Therapiebeginn)