Pharmafirmen stehen zu ihrer Verantwortung: Impfstoffe für Entwicklungsländer

Impfungen sind gerade für Entwicklungsländer von enormer Bedeutung. Denn Infektionskrankheiten spielen dort noch eine größere Rolle als hierzulande; und Impfkampagnen sind leichter zu organisieren als ein flächendeckender ärztlicher Dienst. Pharma-Unternehmen versorgen nicht nur die Impfkampagnen, sondern entwickeln auch Impfstoffe speziell für weniger entwickelte Regionen.

Mit Impfungen wurde schon viel für die Gesundheit in Entwicklungsländern erreicht. So gelang es der Weltgesundheitsorganisation WHO durch Impfkampagnen, die Pocken bis 1980 weltweit auszurotten. In den 1960er Jahren hatte es noch bis zu 2 Millionen Pockentote jährlich gegeben, vor allem in armen Ländern. Der Impfstoff wurde der WHO von forschenden Pharma-Unternehmen geliefert.

Das gleiche hat die WHO auch mit den Polio vor, der Kinderlähmung. Auch diese Viruskrankheit kann nur durch Impfen eingedämmt und hoffentlich ausgerottet werden. Seit weite Teile der Welt poliofrei sind (darunter Europa, Nord- und Südamerika), konzentrieren sich die Impfkampagnen vorrangig auf die Länder Afrikas und Mittelasiens (siehe Karte). Die Kampagnen werden von Rotary International finanziert und von Pharma-Unternehmen mit Impfstoffen beliefert. Über den Stand der Anstrengungen informiert die Website der Global Polio Eradication Initiative.

Hindernisse bei Impfkampagnen
Wie in Deutschland treffen Impfungen auch in Entwicklungsländern mitunter auf Ablehnung. So wurde in Teilen Nigerias jahrelang nicht gegen Polio geimpft, weil geistliche Führer annahmen, der in westlichen Industrienationen produzierte Impfstoff diene dazu, Mädchen in Nigeria unfruchtbar zu machen. Vertreter einiger Richtungen des Islam sehen Krankheiten zudem als göttliche Verfügung an, der man sich nicht widersetzen soll. Dies ist jedoch keine allgemein akzeptierte islamische Lehre.


In den Ländern unmittelbar südlich der Sahara, im sogenannten „meningitis belt“, wurden jahrelang hundertausende Einwohner Opfer einer bakteriellen Hirnhautentzündung (Meningitis) durch Meningokokken (zumeist Serotyp A). Durch eine mehrjährige Impfkampagne konnte diese Krankheit jedoch in dieser Region weitgehend zurückgedrängt werden.

Masern tragen wesentlich zur Kindersterblichkeit bei. Die WHO versucht, auch sie weltweit auszurotten. Dank Impfprogrammen sank die Zahl der Maserntoten in Afrika bereits von 519.000 im Jahr 1999 auf nur noch 36.000 im Jahr 2006.

In einigen Entwicklungs- und Schwellenländern wurde auch begonnen, mit den seit wenigen Jahren verfügbaren Impfstoffen gegen Rotaviren zu impfen. Bislang sterben jährlich rund eine halbe Million Kinder an dem Brechdurchfall, den die Viren verursachen.

Einen Überblick über die Mitwirkung von Impfstoffherstellern an Impfprogrammen weltweit bietet der Report "Innovation for al healthier World" des internationalen Pharma-Verbands IFPMA vom Januar 2015 (Download hier).


Internationale Koordination und Finanzierung

Arzneimittelhersteller liefern ihre Impfstoffe für die Kampagnen zu sehr günstigen Konditionen. So entfallen 44 % des Impfstoffexports aus Europa, aber nur 4,0 % der zugehörigen Umsätze auf die Belieferung humanitärer Organisationen für Entwicklungsländer. Durchgeführt werden Impfkampagnen vor allem von den betroffenen Ländern, vom Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen UNICEF (z. B. bei Polio) und Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen (z. B. bei Meningitis).

Ein wichtiger Finanzier der Impfmaßnahmen ist die 2000 gegründete GAVI Alliance, an der neben der WHO, UNICEF und der Weltbank auch viele Regierungen, die Europäische Kommission, Impfstoffhersteller und Stiftungen beteiligt sind. Die GAVI Alliance stellt beispielsweise Ländern Finanzmittel für Impfungen zur Verfügung und ermöglicht es ihnen damit, längerfristige Impfkampagnen zu planen. Die Planungssicherheit kommt auch der Lieferfähigkeit der Hersteller zugute. GAVI hat nach eigenen Angaben bislang für Impfungen für 500 Millionen Kinder in 73 armen Ländern gesorgt. Das Spektrum von Impfungen, das über GAVI finanziert wird, wurde stetig erweitert, zuletzt auch um Impfungen gegen Rota-Viren und Gebärmutterhalskrebs.

Derzeit versucht GAVI, für die nächsten fünf Jahre 7,5 Milliarden US-Dollar an Beiträgen zusammen zu bekommen. Damit sollen weitere 300 Millionen Kinder Impfungen erhalten. Am 26. und 27.01.2015 findet dazu eine internationale Replenishing-Konferenz in Berlin statt. Der Internationale Pharmaverband IFPMA hat zu diesem Anlass die Bereitschaft der Impfstoffhersteller zur Kooperation noch einmal unterstrichen (Download hier). Angela Merkel hat einen deutschen Beitrag in Höhe von 600 Millionen Euro zugesagt. Die USA haben 1 Milliarde US-Dollar für die nächsten Jahre in Aussicht gestellt.


Impfstoffforschung für Entwicklungsländer

Derzeit entwickeln Unternehmen mehrere Impfstoffe gegen Krankheiten, die vor allem in Entwicklungsländern auftreten – etwa Ebola, Malaria, Tuberkulose und Dengue-Fieber (s. Grafik im nächsten Kapitel). In der Vergangenheit sind Pläne für solche Impfstoffe häufig an Finanzierungsproblemen gescheitert: Es bestand für die Unternehmen keine Aussicht, die Kosten eines von ihnen vorfinanzierten Impfstoffs durch Einnahmen wieder einzuspielen. Bei Impfstoffprojekten gegen Malaria und Tuberkulose haben inzwischen die Public-Private Partnerships
(© vfa / European Vaccine Manufacturers)
Malaria Vaccine Initiative und AERAS Global TB Vaccine Foundation die Koordination übernommen, finanziert vor allem von der Bill-and-Melinda-Gates Foundation und den Niederlanden, Dänemark und Norwegen.

Im Juli 2015 hat der weltweit erste Malaria-Impfstoff die Zulassungsempfehlung der europäischen Arzneimittelagentur EMA erhalten. Er wurde speziell für Kleinkinder in Malaria-Gebieten entwickelt und kann die Zahl der Todesfälle und die Häufigkeit schwerer Krankheitsverläufe mindern.

Drei Pharmafirmen haben sogar eigens Forschungsinstitute gegründet oder eine Firma gekauft, um für mehr Impfstoffe gegen Krankheiten der Entwicklungsländer sorgen sollen: Die Hillemann Laboratories in Indien werden als Joint-Venture des US-amerikanischen Pharmaunternehmens Merck & Co., Inc., und der britischen Wellcome Foundation betrieben; das Novartis Vaccines Institute for Global Health im italienischen Siena wird vom Unternehmen Novartis alleine betrieben – die dort initiierten Projekte sind aber auch auf Förderung durch Entwicklungspartner angewiesen. Ebenfalls an preiswerten Impfstoffen für Schwellen- und Entwicklungsländer arbeitet das indische Biotech-Unternehmen Shanta, das mittlerweile zum Sanofi-Konzern gehört.

Ein besonderes Förderinstrument kam bislang erst einmal zum Einsatz: die vorgezogene Marktverpflichtung oder advance market commitment (AMC). Um die Entwicklung einer Impfung gegen Lungen- und Hirnhautentzündung durch afrikanische Pneumokokken-Stämme zu fördern, haben mehrere Industrienationen 2007 eine Zusage gegeben, von einem fertigen Impfstoff jährlich ein festes Kontingent zu kaufen und für Entwicklungsländer bereitzustellen. So haben sie einen verlässlichen Markt geschaffen, und ein Pharma-Unternehmen hat zugesagt, einen entsprechenden Impfstoff zu entwickeln. AMCs wie diese könnten künftig noch weitere Impfstoffprojekte für Entwicklungsländer befördern.

Deutschlands Engagement, was Impfstoffe für Entwicklungsländer anbelangt, beschränkt sich bisher auf jährliche Beiträge zur GAVI Alliance. Für die kommenden fünf Jahre hat Deutschland hierfür 500 Millionen Euro schon zugesagt und verhandelt derzeit über eine Steigerung dieses Betrags. Die Entwicklung eines Tuberkuloseimpfstoffs durch das Berliner Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie und die Vakzine Projekt Management GmbH (VPM) wurde jahrelang weitgehend von der Bill-and-Melinda-Gates Foundation finanziert, ehe dem Unternehmen Serum Institute of India die Lizenz zur klinischen Weiterentwicklung erteilt wurde. An advance market commitments beteiligt sich Deutschland bislang nicht.

Es wäre wünschenswert, wenn Deutschland sich noch stärker als bisher an der Bekämpfung von Krankheiten beteiligen würde, die ausschließlich oder überwiegend in Entwicklungsländern auftreten. Dies könnte u. a. durch noch weitergehende Beteiligung an bestehenden oder neu zu gründenden Public-Private Partnerships für Impfstoffentwicklung geschehen. Mit deutscher Unterstützung könnte die Pharmaforschung in Europa hier einen erheblichen Beitrag leisten.