Hinweis auf eine Studie in einer U-Bahn (fiktives Beispiel). Deutschland hat sich zu einem der weltweit wichtigsten Länder für klinische Studien entwickelt. (© vfa / Fotolia)
19 von 43 Mitgliedsfirmen des vfa unterhalten derzeit Labors für Wirkstoff- oder galenische Forschung in Deutschland – dazu zählen Firmen mit Hauptsitz in Deutschland, USA, Frankreich, UK, Japan und der Schweiz. 32 Mitgliedsfirmen koordinieren von Deutschland aus klinische Studien im Inland und teilweise auch in anderen Ländern. Sie wenden pro Jahr rund 5,4 Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung (F&E) allein in Deutschland auf; das entspricht täglich 15 Millionen Euro (Stand 2015). Das zeigt, dass Deutschland für international agierende pharmazeutische Unternehmen einer der führenden Forschungsstandorte ist.

In ihren Labors in Deutschland kümmern sich forschende Pharma-Unternehmen insbesondere um folgende Krankheits- und Arbeitsgebiete:

  • Krebserkrankungen
  • Entzündungskrankheiten
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen
  • Stoffwechselkrankheiten (z.B. Diabetes Typ 2)
  • Alzheimer
  • Darreichungsformen für Medikamente

Daneben spielen unter anderem Infektions-, Atemwegs- und Frauenkrankheiten eine wichtige Rolle. Auch neue Antibiotika werden hierzulande entwickelt.

Für diese Krankheiten werden neue Behandlungsansätze erarbeitet und Wirkstoffe erfunden, mit denen sie sich realisieren lassen. Dabei sind Labors in Deutschland sowohl für neue chemisch-synthetische wie auch für gentechnische Wirkstoffe bekannt. Gerade im letzteren Bereich hat Deutschland seit der Jahrhundertwende stark zugelegt, so dass es heute einer der weltweit führenden Biotechnologie-Standort ist. Insgesamt wurden im Jahr 2016 in Deutschland 365 Unternehmen gezählt, zu deren Leistungsspektrum medizinische Biotechnologie zählt; darunter viele kleine.

Linkes Bild: Für ihr neues Medikament gegen Thrombosen erhielten die Pharmaforscher Dr. Dagmar Kubitza, Dr. Frank Misselwitz und Dr. Elisabeth Perzborn (v. li.) 2009 den Deutschen Zukunftspreis des Bundespräsidenten. Rechtes Bild: In Deutschland wurde der erste trifunktionale Antikörper (rot/gelb) entwickelt. Er ist imstande, an eine Krebszelle (oben) zwei verschiedenen Immunzellen zu binden, die die Krebszelle daraufhin zerstören. (© Bayer; TRION Pharma)



Klinische Studien

Ländervergleich zur Beteiligung an Industrie-initiierten klinischen Studien auf Basis des Studienregisters clinicaltrials.gov (© vfa)
Was die Durchführung Industrie-initiierter klinischer Studien betrifft, hat sich Deutschland zur weltweiten Nummer 2 nach den USA entwickelt: Kein anderes Land sonst ist an mehr Studien beteiligt (siehe nebenstehende Grafik, die sich hier auch als pdf aufrufen lässt). Dies ist nicht zuletzt zuverlässigen und transparenten Genehmigungsprozessen und der hohen Genauigkeit deutscher Kliniken bei der Durchführung und Datenerfassung zu verdanken.

Weitere Länder mit starker Beteiligung an Industrie-initiierten klinischen Studien sind u.a. UK, Frankreich und Kanada. Indische und brasilianische Kliniken wirken hingegen nur an vergleichsweise wenigen dieser Studien mit, und in Südafrika werden im Wesentlichen Studien für Generika-Zulassungen durchgeführt. Die meisten Industrie-initiierten Studien werden multinational durchgeführt, und in allen beteiligten Ländern muss nach gleichen Standards verfahren werden.

Auch wenn der Studienstandort Deutschland in vieler Hinsicht ein sehr positives Bild abgibt, gibt es auch Defizite. So mussten Firmen im Jahr 2014 für Studien, die eine über die übliche Praxis hinausgehende Röntgen- oder PET-Diagnostik erfordern, auf die separate Genehmigung hierfür bis zu 13 Monate warten. Auch wenn sich diese Genehmigungszeiten 2015 verkürzt haben, ist doch ein verlässliches, mit Fristen versehenes Genehmigungsverfahren dringend erforderlich. Denn viele Unternehmen haben es unter den bisherigen Bedingungen aufgegeben, an solchen Studien deutsche Kliniken und Praxen zu beteiligen. Sie würden die Einführung von Genehmigungsfristen als Signal verstehen, künftig doch auch wieder deutsche medizinische Einrichtungen einzubeziehen. Von einer Rückkehr solcher Studien nach Deutschland würden nicht zuletzt die Patienten profitieren: Einerseits bereits vor der Zulassung der betreffenden Medikamente durch die Möglichkeit der Studienteilnahme, andererseits auch nach der Zulassung, da neue Behandlungsmöglichkeiten, die ohne deutsche Beteiligung entwickelt wurden, erst allmählich Eingang in die Behandlungspraxis in Deutschland finden.


Pluspunkte und Handicaps für den Standort Deutschland

Ein wichtiges Plus für ihre deutschen Standorte sehen viele Mitgliedsfirmen des vfa in ihren gut ausgebildeten, motivierten und verantwortungsvollen Mitarbeitern. Das gilt für Laborwissenschaftler, klinische Entwickler, Manager und Ingenieure genauso wie etwa für Laboranten und Tierpfleger. 2015 waren rund 15.600 Mitarbeiter in der F&E tätig – ein Fünftel der Belegschaft (20 %).


Die Grafik lässt sich auch hier als pdf-Datei herunterladen.

Für den Standort sprechen zudem das dichte Netz von guten bis sehr guten Universitäten und Fakultäten, eine Vielzahl außeruniversitärer Forschungseinrichtungen wie die Max-Planck-, Leibniz- und Fraunhofer-Institute, die Helmholtz-Zentren und sehr viele Biotech-Start-up-Firmen. Medizinische Expertise wird in Deutschland auch durch die „Kompetenznetze in der Medizin" gebündelt, in der Ärzte Einrichtungs-übergreifend Krankheiten wie Sepsis oder Krebs bei Kindern erforschen. In letzter Zeit kamen auch noch sechs Deutsche Zentren der Gesundheitsforschung und zwei Forschungsnetze hinzu, die neue Vorsorge- und Behandlungsmöglichkeiten für Volkskrankheiten finden sollen.

Allerdings verfügen Länder wie die USA, Frankreich und die Schweiz über mehr oder ähnlich viel Pharma-F&E-Kapazität wie Deutschland, und inzwischen gibt es mit China, Singapur und in geringerem Umfang auch Indien neue Wettbewerber in der Pharmaforschung.

Verschiedene Standortfaktoren bestimmen, wo F&E-Einrichtungen ausgebaut oder neu errichtet werden. Dazu gehören neben einer guten Infrastruktur auch exzellente Kooperationspartner wie Hochschulen oder andere Forschungseinrichtungen, hoch qualifizierte Arbeitskräfte und ein flexibles Arbeitsrecht. Wesentlich ist auch eine zügige Bearbeitung von Anträgen durch die Behörden, wie sie für Tierversuche, klinische Studien, Medikamentenzulassungen und neue Forschungs- und Produktionsanlagen erforderlich sind. Auch die Akzeptanz von Arzneiforschung und innovativen Medikamenten in Politik und Bevölkerung spielt eine große Rolle. Bei einigen dieser Faktoren schneiden z.B. die USA und Singapur wesentlich besser ab als Deutschland.

Besonderes Augenmerk gilt Kooperationen zwischen Pharmafirmen und führenden akademischen Grundlagenforschern. In den letzten Jahren hat Deutschland hier ein Stück weit zu den USA und Großbritannien aufgeholt, wo sie schon seit langem zum Forschungsalltag gehören. Heute sind sie in Deutschland beispielsweise in einer Reihe von Forschungs- und Biotech-Clustern mit medizinischen Schwerpunkten gelebte Praxis.

Das Bundesforschungsministerium (BMBF) hat im Hinblick auf den Wettbewerb der Forschungsstandorte verschiedene Initiativen auf den Weg gebracht, zuletzt im Rahmen der Hightech-Strategie das Programm „Gesundheit in einer Gesellschaft des längeren Lebens" sowie die Themen Prävention und Individualisierte Medizin (ein anderer Begriff für die Personalisierte Medizin). Auch die Förderung aus der europäischen Innovative Medicines Initiative (IMI), die zu gleichen Teilen von der EU und der Pharmaindustrie finanziert wird, kommt der Pharmaforschung in Deutschland zugute. Werden solche Initiativen nicht wieder durch gesetzgeberische Aktivitäten konterkariert, die neuen Medikamenten den Markteintritt erschweren, könnten sie die Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes als F&E-Standort weiter verbessern. Dazu würde auch eine steuerliche Forschungsförderung beitragen, wie sie bei vielen Wettbewerbern Deutschlands in Europa und weltweit längst etabliert ist – nur eben leider nicht in Deutschland.

Viele Unternehmen bieten Schulklassen und anderen Interessierten die Möglichkeit, einen persönlichen Eindruck von der Pharmaforschung zu gewinnen. (© vfa / M. Joppen)



Forschende Pharma- und Biotech-Unternehmen setzen auf Deutschland

Die forschenden Pharma- und Biotech-Unternehmen haben immer wieder durch hohe Investitionen und das Schaffen neuer Arbeitsplätze bewiesen, dass sie auf Deutschland setzen. In einer globalisierten Welt, in der die bisherigen Standorte im Wettbewerb miteinander stehen und insbesondere in Asien neue Konkurrenten hinzugekommen sind, ist dies aber nur möglich, wenn innovationsfreundliche und vor allem langfristig verlässliche Rahmenbedingungen gegeben sind – dazu zählt auch eine faire Erstattung für innovative Präparate.

Ein Exodus der Forscher und Entwickler oder ein Rückzug auf nur bestimmte Abschnitte der Entwicklungskette für Arzneimittel würden gerade für Deutschland als rohstoffarmes Land einen erheblichen Verlust an Wirtschaftskraft, an Wettbewerbsfähigkeit und nicht zuletzt an einem Stück Identität bedeuten. Denn aus Labors in Deutschland sind wegweisende Wirkstoffe wie die Schmerzmittel ASS und Paracetamol hervorgegangen, viel verwendete Blutdrucksenker wie Ramipril und Amlodipin, bedeutende Medikamente gegen COPD, auch wichtige Antibiotika wie Cefotaxim und Ciprofloxacin oder der HIV-Wirkstoff Nevirapin, der Kinder vor Ansteckung bei ihren Müttern schützt. Mehrere Insulinpräparate für Diabetiker und innovative Mittel zur Schlaganfallvorbeugung sind ebenso das Resultat hiesiger Forschung wie der erste Antikörper, der an drei Zellen zugleich binden kann. Auch zu den beiden weltweit meistverwendeten gentechnischen Rheuma-Medikamenten haben Forscher in deutschen Industrielabors wesentlich beigetragen.

Innovationen wie diese haben bis heute immer wieder den medizinischen Fortschritt in Deutschland, aber auch in anderen Ländern vorangebracht. Der vfa setzt sich dafür ein, dass Deutschland seine Bedeutung auf diesem Gebiet weiter ausbauen kann.



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