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Aus Krisen lernen

In der globalen COVID-19-Pandemie hat die Weltgemeinschaft nicht nur Solidarität bewiesen, sondern auch gezeigt, dass akute Krisen dieser Art nur durch die enge Kooperation von Zivilgesellschaft, Politik und Wissenschaft zu bewältigen sind. Doch die Pandemie war auch ein Lernprozess. Nie zuvor war der Gesellschaft so deutlich bewusst, wie wichtig resiliente Produktions- und Lieferketten, leistungsfähige digitale Steuerinstrumente und eine innovationsstarke Pharmaindustrie für das Wohlergehen aller sind. Diese Erkenntnisse sollten die anstehenden politischen Entscheidungen im Hinblick auf Vorsorge und moderne Public Health-Strukturen leiten.

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Schaufenster mit T-Shirt welches die Aufschrift Fuck the Virus trägt.

Der Ausbruch der COVID-Pandemie hat in unserer Gesellschaft beeindruckende Kräfte mobilisiert. Das ganze Land war von einer ungeheuren Welle von Hilfsbereitschaft und gegenseitiger Unterstützung erfasst. Der weitaus größte Teil der Bevölkerung hat sich verantwortungsvoll verhalten und, trotz teilweise schmerzhafter Konsequenzen, die erforderlichen Schutzmaßnahmen mitgetragen. Die Verantwortlichen in den zuständigen Behörden, im Öffentlichen Gesundheitsdienst, in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen haben an den Grenzen ihrer Belastbarkeit gearbeitet, um die Folgen der Pandemie mit den bestehenden Ressourcen zu bewältigen. Weltweit haben Wissenschaftler:innen und Forscher:innen Erkenntnisse ausgetauscht und in enger Kooperation mit den forschenden Pharmaunternehmen in Rekordzeit das Virus identifiziert, analysiert und auf dieser Basis Impfstoffe und Therapien entwickelt. Industriebetriebe haben ihre Kapazitäten hochgefahren und neue Produktionsstätten aufgebaut, um den weltweiten Bedarf an Impfstoffen bedienen zu können. Und schließlich haben viele Staaten wirtschafts- und finanzpolitische Unterstützungsprogramme aufgelegt, um die Folgen der Pandemie für Arbeitnehmer:innen und Unternehmen so gut wie möglich abzumildern.

Ohne Frage, diese Bilanz ist beeindruckend. Doch sie darf kein Grund sein, sich selbstzufrieden zurückzulehnen. Denn die Corona-Pandemie hat auch eine ganze Reihe von Schwächen offengelegt, die Anlass genug sind, daraus Lehren für die nächste Pandemie zu ziehen und unsere Zivilisation zukunftsfähiger und resilienter aufzustellen. Die anfänglichen Probleme bei der Beschaffung von Schutzausrüstungen, Diagnostika und Vorprodukten für die Produktion sowie die Beeinträchtigung von Lieferketten haben offenbart, wie anfällig das strategisch abhängige Europa ist. Gleichzeitig sind die personelle Unterausstattung und die technische Rückständigkeit des Öffentlichen Gesundheitsdienstes offenkundig geworden. Bei der Digitalisierung des Gesundheitssystems zeigt sich insbesondere Deutschland dramatisch im Hintertreffen: Gesundheitsdaten sind weder für die Versorgung noch für die Forschung zugänglich. Doch die pandemiebedingten Beschleunigungen bei Planung-, Genehmigungs- und Zulassungsverfahren haben gezeigt, welche Möglichkeiten auch im Normalbetrieb bestehen. Die Frage muss daher lauten: Wie lässt sich das deutsche und das europäische Gesundheitssystem im globalen Vergleich in seiner Krisen-Resilienz verbessern? Welche Lehren können wir aus den Erfahrungen der letzten Jahre ziehen?

Zwischenbilanz COVID-19-Pandemie

Bei der Identifizierung des COVID-19-Erregers hat die weltweite Forschungsgemeinschaft mit der WHO und den nationalen Behörden von China, über die USA und Europa gut zusammengearbeitet. Doch im weiteren Verlauf der Pandemie ließ die Kooperationsbereitschaft leider nach. Bei der Erforschung der Herkunft des Virus hat China inzwischen den Zugang für internationale Forscher:innen erheblich beschränkt. Doch die Pandemie hat gezeigt, dass internationale Kooperation gesichert und institutionell verstetigt werden muss. Mit der Einrichtung des „WHO Hub for Pandemic and Epidemic Intelligence“ in Berlin ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung vollzogen.

Bei der Bewertung der Gefährdungslage und bei der Information und Aufklärung der Bevölkerung hat das RKI in Deutschland gut funktioniert. Hinsichtlich der wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Versorgungslage und die Wirkung von Impfstoffen und Therapien sind die deutschen Behörden allerdings weitgehend auf Daten aus anderen Ländern angewiesen, da hierzulande bisher keinerlei Daten in diesem Bereich digital erfasst werden. Dieses eklatante Digitalisierungs-Defizit des hiesigen Gesundheitssystems trat in der Pandemie überdeutlich zutage.

Nahaufnahme von kreisförmiger Produktlinie zur Impfstoffproduktion mit AmpullenBei der Erforschung und Entwicklung des neuartigen mRNA-Impfstoffes hat Deutschland weltweit die führende Rolle gespielt. Mit BioNTech und CureVac haben wir zwei Unternehmen am Standort, die, ausgestattet mit privatem Risikokapital, schon seit Jahren intensiv an dieser Technologie forschen. Ihr Erfolg ist auch deshalb bemerkenswert, weil die Entwicklung von hochinnovativen neuen Therapien in den letzten Jahren jenseits von Deutschland und Europa stattfand.

Zwar zählt Deutschland global weiterhin zur Spitzengruppe bei der Grundlagenforschung, aber von der Kommerzialisierung von Innovationen haben oft die USA profitiert. Doch wenn es gelingt, mit den richtigen Weichenstellungen die sich bietenden Chancen zu ergreifen, kann der Erfolg in der mRNA-Technologie die Grundlage für eine neue Stärke Deutschlands in der medizinischen Biotechnologie werden.

Zulassungs- und Genehmigungsverfahren werden in den westlichen Industrieländern während der Pandemie erstaunlich flexibel gehandhabt und ohne Sicherheitsverlust beschleunigt. Die gemeinsame europäische Beschaffung von Impfstoffen hat sich in dieser besonderen Notfall-Situation, von kleineren Anfangsschwierigkeiten abgesehen, bewährt. Um für mögliche künftige Pandemien gerüstet zu sein, hat Deutschland mit einzelnen Herstellern Pandemie-Bereitschaftsverträge geschlossen, die sicherstellen, dass Produktionskapazitäten für Notfälle bereitgehalten werden.

Die Lieferketten im Arzneimittelmarkt waren während der Pandemie weitgehend intakt. Da die Arzneimittelherstellung weltweit sehr arbeitsteilig funktioniert, ist die Branche auf freien Welthandel und offene Grenzen angewiesen. Einzelne Ausfuhrbeschränkungen in der ersten Welle der Pandemie waren zunächst besorgniserregend, ließen sich aber schnell überwinden.

Die weltumspannende Belieferung mit Impfstoffen konnte in Rekordzeit sichergestellt werden. Die Belieferung von Ländern mit mittlerem und geringem Einkommen hat zunächst nur zögerlich stattgefunden.

Die notwenige flächendeckende Verimpfung der Vakzine scheitert bis heute zum Teil an der fehlenden Impfbereitschaft, zum Teil an Mängeln in der Infrastruktur und an den Kapazitäten der Gesundheitssysteme. Besorgniserregend ist die Impfskepsis in vielen eigentlich gut versorgten und aufgeklärten Industriestaaten, die in der Konsequenz die Pandemie verlängert und die Bevölkerung unnötig gefährdet.

Industriepolitik und Public Health

Die weltweite Forschungs-Community muss über Ländergrenzen hinweg enger zusammenarbeiten. Forschungsdaten sollten vernetzt und für alle zugänglich sein. Lokale Ausbrüche müssen frühzeitig erkannt, offengelegt und mit internationaler Unterstützung bekämpft werden. Die WHO, regionale Public-Health- und Zulassungsbehörden, Universitäten, Forschungsinstitute sowie die forschende Industrie müssen Strukturen entwickeln und unterhalten, die alle Voraussetzungen für eine schnelle Reaktion auf künftige Notfälle bieten.

In Deutschland und Europa braucht es einen einheitlichen Gesundheitsdatenraum, sodass Inzidenzen und die Versorgungssituation erfasst und Impfkampagnen angemessen überwacht werden können. Die Infrastrukturen des dezentralen öffentlichen Gesundheitsdienstes sollten ausgebaut und technisch optimal ausgestattet werden, um für die weitere Begleitung der Pandemie gerüstet zu sein und in künftigen Notsituationen angemessen reagieren zu können.

Europa sollte sich der Bedeutung einer starken medizinischen Biotechnologie, mithin eine glo­bale Schlüsselindustrie, bewusst werden. Um medizinische Innovationen zu ermöglichen, braucht Europa ein dynamisches und gut funktionierendes Forschungsökosystem. Eine exzellente Grundlagenforschung ist die Basis für Entwicklung und Produktion von neuen, innovativen Therapien am Standort Europa. In der Phase der Translation aus der Grundlagenforschung in die Produktentwicklung gehen immer noch viel zu viele Unternehmen verloren. Deshalb müssen neben der Ausstattung mit Wagniskapital auch die Rahmenbedingungen bei Genehmigung und Zulassung sowie die Wertschätzung für neue Gen- und Zelltherapien insgesamt verbessert werden. In der klinischen Forschung, bei der Zulassung von neuen Therapien und bei Genehmigungsverfahren für neue Produktionsanlagen ist eine deutliche Beschleunigung ohne Sicherheitsverlust möglich. Ein hocheffizientes Forschungsökosystem, das die wichtigen Lösungen für akute Gesundheitsbedrohungen wie COVID-19 bereitgestellt hat, ist existentiell auf den Schutz der Rechte an geistigem Eigentum angewiesen. Dieser garantierte Schutz ist die Voraussetzung für jede künftige Innovation.

Für die Gesundheit der Menschen werden Impfungen – auch jenseits von Pandemien – zur Prävention von Infektions- und sogar onkologischen Erkrankungen künftig eine immer größere Rolle spielen. Die Aufklärung der Bevölkerung über die Notwendigkeit und den Sinn von Impfungen, auch von Routineimpfungen, sollte deutlich verstärkt werden; digitale Impfausweise im Rahmen der elektronischen Patientenakte können dabei wertvolle Unterstützung leisten.

Konkrete Maßnahmen

Für eine gute Pandemievorsorge benötigen wir ein funktionierendes Pandemie-Frühwarnsystem. Krankheitserreger müssen frühzeitig erkannt und permanent überwacht, Informationen müssen ausgetauscht werden.

Bildschirmansicht eines Weltkartenausschnitts mit Infektions-Kennzahlen für einzelne RegionenForscher:innen müssen weltweit ungehinderten Zugang zu Informationen über Krankheitserreger und ihre genetischen Informationen erhalten. Deshalb müssen Austausch und Verarbeitung von Daten zum Pandemiegeschehen in Deutschland verbessert und europaweit vereinheitlicht werden, beispiels­weise über ein Impfregister. Eine funktionierende Innovationskultur und ein gut ausgebautes Umfeld für Forschung und Entwicklung sind die beste Pandemievorsorge. Funktionierende Partnerschaften zwischen Wissenschaft und Industrie sowie weltweite Kooperationen beschleunigen Forschung, Entwicklung und Produktion.
Freier Warenaustausch und ein funktionierender Welthandel verbessern die Chancen, schnell und angemessen auf eine pandemische Herausforderung reagieren zu können. Lieferketten­Unterbrechungen und Handelsbeschränkungen gefährden dagegen eine zügige Entwicklung als auch Fertigung und verlängern so die pandemische Krisensituation.

Regulatorische Flexibilität und Agilität haben sich in der Pandemie bewährt, während Impfstoff-Nationalismus zu Fehlanreizen führte und eine vernünftige Verteilung von Impfstoffen verzögert hat.
Für Länder mit niedrigem Einkommen bedarf es nicht nur eines etablierten Beschaffungsmechanismus, sondern auch gezielter Hilfen bei Aufbau und Stärkung der Liefer- und Versorgungsinfrastruktur.

Impfen ist auch eine Frage von Aufklärung und Vertrauensbildung. Einer Gesellschaft muss bewusst sein, was Impfungen bei der Bekämpfung von Pandemien, aber auch bei der Prävention vieler unnötiger Erkrankungen leisten. Denn auch der beste Impfstoff hilft nur dann, wenn er verimpft wird.