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Pandemiebereitschaft: Abwehr gegen die nächste Pandemie

Viele Expertinnen und Experten sind sich sicher: Die Frage ist nicht, ob, sondern nur wann mit den nächsten Pandemien zu rechnen ist. Politik, Organisationen, Forschungsinstitute und forschende Pharmaindustrie arbeiten deshalb schon jetzt darauf hin, die Bereitschaft zur Abwehr solcher Pandemien weltweit zu stärken. Ein wichtiger Baustein: Die Bereitschaftsverträge der deutschen Regierung mit Herstellern für die Impfstoffproduktion im Pandemiefall.

3D-Illustration blau eingefärbter Viren auf schwarzem Hintergund

Mitte Januar 2020 liefen weltweit Entwicklungsprogramme für Impfstoffe gegen SARS-CoV-2 an. Zugelassen war der erste Impfstoff schon nach rund 300 Tagen – eine Leistung, die 2019 noch unmöglich erschienen wäre. Allerdings müsste es künftig noch schneller gehen: Denn die Wahrscheinlichkeit einer Pandemie mit ähnlichen Auswirkungen wie Covid-19 ist recht hoch, liegt bei etwa zwei Prozent pro Jahr. Zu diesem Ergebnis kam ein Team der Nicholas School of the Environment an der US-amerikanischen Duke-University. Und weil Schätzungen zufolge Erreger durch Umweltveränderungen immer leichter aus dem Tierreich auf den Menschen überspringen können, dürfte sich diese Wahrscheinlichkeit in den kommenden Jahrzehnten verdoppeln.

Die Coalition for Epidemic Preparedness Innovation (CEPI)

Um künftig besser gewappnet zu sein, müssen Vorbereitungen schon jetzt angegangen werden. Deshalb hatte die von Deutschland mit finanzierte Coalition for Epidemic Preparedness Innovation (CEPI) schon im März 2021 verkündet, für ein „Moonshot“-Programm 3,5 Milliarden Dollar beschaffen zu wollen. Es soll die Zeitspanne zwischen der Erreger-Sequenzierung und der Zulassung eines Impfstoffs für den Notfalleinsatz auf 100 Tage verkürzen. Beiträge zur Finanzierung des Vorhabens haben u. a. die Bill & Melinda Gates Foundation und der Wellcome Trust zugesagt.

Erste im Rahmen dieses Programms geförderte Projekte gibt es schon. So arbeiten die Unternehmen Affinivax (USA) und SK Bioscience (Südkorea) sowie ein Konsortium unter Führung von BioNet (Frankreich-Thailand) an Impfstoffen, die vor allen Betacoronaviren bzw. allen Sarbecoviren (einer Untergattung der Betacoronaviren) schützen sollen.

Mehrere Elemente dieses auf fünf Jahre angelegten Plans haben andere Institutionen und Organisationen für sich übernommen, etwa die USA, einschließlich des 100-Tage-Ziels.

Die Pandemic Preparedness Partnership (PPP)

Die „Moonshot“-Idee fand auch Eingang in die Pandemic Peparedness Partnership (PPP), die die britische Regierung im April 2021 ins Leben gerufen hat. Sie bringt Industrie, internationale Organisationen und führende Wissenschaftler:innen zusammen. Nach ihrem Verständnis sind die 100 Tage die Zeitspanne ab der Ausrufung eines internationalen Gesundheitsnotfalls durch die WHO: Danach soll dann ein Bestand an Vakzinen, Diagnostika und Therapeutika zur Verfügung stehen. Wie CEPI erwartet auch PPP, dass dies durch globale Zusammenarbeit in den Bereichen Datenaustausch, Forschung und Entwicklung, bei klinischen Studien und der Produktion erreicht werden kann. Das ehrgeizige Vorhaben fand noch im gleichen Jahr auf dem G7-Gipfel im britischen Cornwall und später beim G20-Treffen in Rom die Unterstützung der anderen Staats- und Regierungschefs.

Anfang Dezember 2021 hat die britische Regierung einen ersten Zwischenbericht der wissenschaftlichen Chefberater:innen der G7 veröffentlicht. Er nennt als erzielte Fortschritte u.a. die Gründung einer Globalen Pandemie-Daten-Allianz (GPDA) oder den von Forschungsinstituten und Industrie erzielten Fortschritt bei Plattformtechnologien für Impfstoffe und Therapeutika wie mRNA oder virale Vektoren.

2022 soll laut PPP-Plan weltweit eine Einigung darüber erzielt werden, welche Virusfamilien im Fokus der Entwicklung von Prototyp-Impfstoffen stehen sollen, die dann für den Fall der Fälle zur Adaption auf einen konkreten Erreger bereitstehen. Dies ist einer der Ansätze, den CEPI verfolgt. PPP geht es darum, dass eine Abschätzung möglich wird, wie wahrscheinlich eine bestimmte Virusfamilie den Erreger einer neuen, für Menschen gefährlichen „Krankheit X“ hervorbringt. Aufbauend auf einer solchen Bewertung soll dann in Zusammenarbeit mit der WHO eine Prioritätenliste festgelegt werden, um die Finanzierung von Forschung und Entwicklung durch Staaten, Philanthropische Organisationen und Industrie optimal zu lenken. Bei der Entwicklung der Bewertungsmethode stehen die Expertinnen und Experten im Austausch mit dem US-amerikanischen National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID), das einen eigenen Ansatz zur Identifizierung solcher Krankheitserreger verfolgt.

Auch beim Treffen der G7-Gesundheitsminister:innen am 19.05.2022 geht es darum, wie die Pandemiebereitschaft weltweit verbessert werden kann. Dazu wird laut Medienberichten u.a. der Ausbruch und die länderübergreifende Ausbreitung einer fiktiven Pandemie simuliert.

Der WHO-Hub for Pandemic and Epidemic Intelligence

Für die Erforschung und globale Überwachung „riskanter“ Erreger ist im September 2021 in Berlin auch der WHO-Hub for Pandemic and Epidemic Intelligence eröffnet worden. Dort sollen mit Hilfe von künstlicher Intelligenz Datensätze zu Themenfeldern wie Tiergesundheit, dem Auftreten ungewöhnlicher Krankheiten bei Menschen, den Folgen des Klimawandels und den Auswirkungen regionaler Verhaltensänderungen unterschiedlicher Art ausgewertet werden. Dann sollen Modellrechnungen eine Risikoeinschätzung für Pandemien ermöglichen, um frühzeitig Gegenmaßnahmen ergreifen zu können.

Es sind unter anderem die Erfahrungen mit MERS-CoV (dem Erreger der in arabischen Ländern verbreiteten Krankheit MERS), die diese Vorab-Strategien antreiben. Schließlich haben die Erkenntnisse zu diesem Coronavirus geholfen, dass Covid-19-Vakzine so schnell entwickelt werden konnten.

Organisationen für die Entwicklung von Diagnostika und Therapeutika

Einige Organisationen haben weitere Aspekte der Pandemiebereitschaft im Blick. Im Bereich Diagnostika zählt dazu die Non-Profit-Organisation Foundation for Innovative New Diagnostics FIND, die seit vielen Jahren an Diagnostika arbeitet, die auch in ärmeren Ländern eingesetzt werden können.
Auf antivirale therapeutische Medikamente hinwirken will hingegen die International Readiness for Preventing Infectious Viral Disease Alliance, kurz Intrepid-Allianz arbeiten. Diese will forschende Pharmaunternehmen zusammenbringen, damit diese gemeinsam mit Non-Profit-Organisationen innerhalb von fünf Jahren 25 orale Therapeutika bis zum Abschluss der klinischen Phase I (also der Erprobung mit Gesunden) entwickeln.

Ein ähnliches Konzept verfolgt die Pandemic Antiviral Discovery-Initiative (PAD). Sie wird getragen von der Novo Nordisk Foundation, Open Philanthropy und der Bill & Melinda Gates Foundation. Ihre Ziele sind die Förderung von Forschung und Technologieentwicklung für die Erforschung priorisierter Virusgruppen, das Identifizieren von therapeutischen Angriffspunkten bei drei dieser Virusgruppen, die Erfindung von Wirkstoffen und ihre Entwicklung bis einschließlich Phase I-Studien. Der erste "Request for Proposals" lud Forschungsinstitute und Unternehmen ein, bis 5. Mai 2022 entsprechende Projekte für Henipaviren - zu denen das Nipah-Virus gehört - einzureichen.

In diese Richtung weist auch das Konzept für eine Nationalen Allianz für Pandemie-Therapeutika (NA-PATH) in Deutschland, das das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) und das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) entwickelt haben. Sie wollen damit die Erfindung und Entwicklung von breit wirksamen Therapeutika gegen drei Familien von RNA-Viren – konkret Influenza, Coronaviren und Flaviviren (wie Zika) – fördern, damit diese im Fall eines entsprechenden Ausbruchs bereit stehen. Dem Plan zufolge soll die Arbeit in der NA-PATH durch ein Gremium gesteuert werden, dem Vertreter der Politik, der Industrie, der Bundesoberbehörden (RKI, BfArM, PEI) sowie von DZIF und HZI angehören. Noch ist allerdings offen, ob NA-PATH zustande kommt.

Schon über die Planungsphase hinaus gekommen ist die deutsche Fraunhofergesellschaft. Sie hat im Mai 2022 in Penzberg (südlich von München) einen Standort für Immunologie, Infektions- und Pandemieforschung eröffnet, der als Teil des Fraunhofer-Instituts für Translationale Meidzin und Pharmakologie ITMP auch Teil einer Partnerschaft mit der Universität München, dem Klinikum dieser Universität und dem Unternehmen Roche ist.

Das Antiviral Program for Pandemics der USA

Die US-Regierung ist ebenfalls an der Entwicklung von Therapeutika gegen Pandemie-Gefahren interessiert und hat deshalb schon 2021 das 3,2 Milliarden US-Dollar schwere Antiviral Program for Pandemics aufgelegt. Ein Teil des Geldes soll über die National Institutes of Health (NIH), die NIAID und die Biomedical Advances Research and Development Authority (BARDA) in Kooperationsprojekte mit akademischen Einrichtungen und Unternehmen eingebracht werden. Ein anderer Teil soll zum Aufbau von Antiviral Drug Discovery Centers for Pathogens of Pandemic Concern (AViDD) dienen, in denen eigene Forschung zu verschiedenen Virenfamilien und dagegen gerichteten Therapeutika durchgeführt werden soll.

Das Zentrum für Pandemieimpfstoffe und -therapeutika (ZEPAI)

Damit solche Strategien ihr Ziel erreichen können, muss auch auf Behördenseite angesetzt werden. In Deutschland hat das Bundesministerium für Gesundheit im Oktober 2021 dazu am Paul-Ehrlich-Institut das Zentrum für Pandemieimpfstoffe und -Therapeutik ZEPAI gegründet. Eine Kernaufgabe ist der Aufbau einer Infrastruktur, um die Bevölkerung im Ernstfall so schnell wie möglich mit wirksamen und sicheren Impfstoffen und Therapeutika versorgen zu können. Dazu soll ein Pool interdisziplinärer Expertinnen und Experten eingerichtet werden, der das gesamte Spektrum pandemierelevanter Fachgebiete abdeckt: von der Produktion über Logistik, Infektiologie oder Kommunikation bis hin zur öffentlichen Gesundheitsfürsorge. Es geht unter anderem um den Aufbau von digitalen Datenerfassungs- und Monitoring-Strukturen, um Planung und Logistik zu steuern und zu optimieren.

Die European Health and Digital Executive Agency (HaDEA)

Auch auf EU-Ebene läuft seit 27.04.2022 eine Ausschreibung "for the reservation of capacities and a priority right for manufacturing of vaccines" mit dem Ziel, Produktionskapazität für mindestens 450 Millionen Dosen zu reservieren, verteilt auf Produktionsanlagen für mRNA-, Vektor- und Protein-basierte Impfstoffe. Die Verträge sollen Hersteller mit der European Health and Digital Executive Agency (HaDEA) schließen.

Die European Health Emergency Response Authority (HERA)

Ein neuer behördlicher Akteur auf EU-Ebene ist HERA, die Health Emergency Preparedness and Response Authority. HERA untersteht der EU-Kommission. Ihre Aufgaben entsprechen über weite Strecken denen von ZEPAI (nur eben mit der ganzen EU im Blick), weshalb beide Institutionen eng zusammenarbeiten sollen. Wie das ZEPAI soll auch HERA zunächst in einem Vorbereitungsmodus arbeiten und im Ernstfall von „grenzüberschreitenden Gesundheitsbedrohungen“ in einen Krisenmodus wechseln. Dann soll HERA einen Krisenstab zusammenrufen, der schnell Impfstoffe und Therapeutika für die ganze EU ordern und gezielt Forschung und Entwicklung fördern soll. Um rasche Entscheidungen zu ermöglichen, werden dann Vertreter:innen von EU-Kommission und Mitgliedstaaten in diesem Stab sitzen.

Die Pharmaindustrie

In Reaktion auf die Covid-19-Pandemie wurden in der Pharmaindustrie eine Fülle von Projekten angestoßen, von denen mittlerweile eine zweistellige Zahl zu zugelassenen Impfstoffen und Therapeutika gegen SARS-CoV-2 geführt hat. Eine ganze Reihe der noch laufenden Projekte zielt aber nicht nur auf diesen einen Erreger ab, sondern auch auf Mittel gegen andere Erreger mit dem Potenzial, Epidemien oder Pandemien hervorzurufen.

Im Bereich Impfstoffe gibt es beispielsweise mehrere Unternehmens-Projekte für Vakzine, die gleich vor allen Betacoronaviren (von denen SARS-CoV-1, SARS-CoV-2 und MERS nur drei Beispiele sind) schützen sollen; siehe hier. CEPI födert einige davon. Diese Impfstoffe könnten beispielsweise entscheidend sein, wenn ein weiteres Coronavirus aus der Tierwelt auf Menschen überspringt. Mehrere Unternehmen haben sich auch der Impfstoffentwickung gegen andere Erreger aus der Prioritätenliste der WHO angenommen, etwa Nipah (u.a. Moderna), Lassa (u.a. CureVac) oder Zika (u.a. Moderna). Besonders viele Projekte gibt es auch für neue Impfstoffe gegen Influenza-Viren.

Auch im Bereich neuer Therapeutika gegen potenzielle Pandemie-Erreger gibt es industrielle Aktivität. So hat das Unternehmen Evotec 2022 das umfassende Programm PRROTECT aufgelegt, um therapeutische Antikörper und synthetische Wirkstoffe gegen eine ganze Reihe von WHO-priorisierten Erregern zu entwickeln und flexibel nutzbare Produktionskapazität dafür aufzubauen.

Weitere Projekte dürften durch die Arbeit der Intrepid Alliance und die Pandemic Antiviral Discovery-Initiative (siehe oben) zustande kommen.

Privates Investment wesentlich

CEPI, ZEPAI, HERA und andere staatliche oder staatlich unterstützte Institute leisten wesentliche Arbeit und kanalisieren Zuschussgelder, damit wichtige Vorbereitungsmaßnahmen angegangen werden und der internationale Informationsaustausch künftig besser und schneller funktioniert. Essenziell bleibt aber die Rolle der Pharmaunternehmen, weil sie es sind, die die Entwicklung und Produktion von Impfstoffen und Therapeutika gegen neue Erreger und auch den größten Teil der dafür nötigen Vorarbeiten leisten. Trotz Zuschüssen finanzieren sie ihre Arbeit großenteils privat. Privates Investment und der dafür nötige Patentschutz sind also eine entscheidende Grundlage dafür, dass im Fall einer weiteren Pandemie Impfstoffe und Therapeutika schnellstmöglich zur Verfügung stehen.