Patientensicherheit ist ein Teamsport
„Sicherheitskritische Ereignisse – Eine Frage der Perspektive?“
Zum Auftakt der Veranstaltung hielt Larissa Brust vom Institut für Patientensicherheit des Universitätsklinikums Bonn einen Vortrag zum Thema „Sicherheitskritische Ereignisse – Eine Frage der Perspektive?“.
Das Thema der Perspektivierung zog sich wie ein roter Faden durch ihre Ausführungen. Etwa wenn Brust fragte: Wann ist Patientensicherheit vorhanden und wer beurteilt, was Patientensicherheit ist? Oder wenn sie darauf verwies, dass Studien nur begrenzte Überschneidungen von sicherheitskritischen Ereignissen zeigen, die Patientinnen und Patienten berichten, und jenen, die in anderen etablierten Daten gefunden werden. Brust betonte, dass diese Datenquellen nicht im Widerspruch oder in Konkurrenz zueinanderstehen, sondern sich ergänzen und die Versorgung aus verschiedenen Blickwinkeln zeigen.
„Wichtig ist, die Sicherheit entlang des gesamten Versorgungspfades zu betrachten“, appellierte die Wissenschaftlerin. Dabei sei die Perspektive der Patientinnen und Patienten mitzudenken, die den gesamten Prozess durchlaufen und nicht nur einzelne Sequenzen.
Verbesserungsbedarf bei der Kommunikation
Brust selbst hat im Rahmen einer longitudinalen Beobachtungsstudie Krebspatientinnen und -patienten nach sicherheitskritischen Ereignissen und Bedenken befragt. Die Erhebung, deren vollständige Auswertung noch nicht abgeschlossen ist, sei zwar nicht für den gesamten Behandlungspfad in der Onkologie und auch nicht für andere nicht-übertragbare Erkrankungen repräsentativ, dennoch kann die Forscherin bereits einige vorläufige Tendenzen erkennen. Ein relevanter Anteil der Befragten hat demnach mindestens ein Ereignis gemeldet. In der laufenden Auswertung zeichnen sich dabei Kommunikationsereignisse im Sinne einer unzureichenden oder fehlenden Kommunikation als wiederkehrendes Thema ab.
Wiederholt finden sich auch Ereignisse im Zusammenhang mit Arzneimitteln, vor allem mit deren Ausgabe und Verabreichung. Bei den möglichen beitragenden Faktoren schlagen bisher insbesondere Personalfaktoren wie Sprachbarrieren, Stress oder mangelnde Kompetenzen in einzelnen Aufgabengebieten zu Buche, aber auch organisationale Faktoren wie Personalbestand und die Koordination zwischen verschiedenen Versorgungsbeteiligten und damit die Kontinuität der Versorgung. Bei den berichteten gesundheitlichen Folgen treten insbesondere emotionale und psychosoziale Belastungen hervor.
An einem Strang ziehen
Patientenberichte können Brust zufolge wiederkehrende Muster offenbaren, prioritäre Problembereiche sowie Präventionsvorschläge aufzeigen. „Was sie so wertvoll macht, ist, dass sie einen anderen Ausschnitt aus der Versorgung zeigen als andere etablierte Datenquellen.“ Die Wissenschaftlerin wies darauf hin, dass die Angaben zwar Limitationen unterliegen, das treffe aber auch auf andere Daten zu. Herausfordernd sei es, die verschiedenen Datenquellen zu validieren, zusammenzuführen und handlungswirksame Maßnahmen abzuleiten. Das sei auch eine Frage der Verantwortung. Die Forscherin machte deutlich: „Versorgung, Industrie und Politik müssen zusammen ins Handeln kommen und nicht nur jeder einzeln.“ Es komme darauf an, dass alle dasselbe Ziel verfolgen: eine sichere Versorgung zu gestalten.
Ein Instrumentenkasten für die Patientensicherheit
Eine Vertreterin des Aktionsbündnisses Patientensicherheit betonte: „Alles, was im Gesundheitswesen getan wird, trägt entweder zur Sicherheit oder zur Unsicherheit der Patienten bei.“ Keiner sei bei diesem Thema außen vor. Daher handele es sich um ein weites Feld, bei dem eine Fokussierung umso wichtiger sei. Sie zeigte sich überzeugt, dass es nicht gelingen werde, ein Gesamtbild von der Sicherheit der Versorgung zu erhalten. Zumal nicht überall, wo es um Patientensicherheit gehe, dies explizit so genannt werde, so die Expertin mit Blick auf Röntgen- und Hygieneverordnungen etc. Das Qualitätsmanagement ist für sie der „größte Instrumentenkasten für Patientensicherheit“.
Datenbasierte Patientenvertretung
Für eine Vertreterin von yeswecan!er ist Patient Advocacy zwar ein Hebel für die Patientensicherheit, allerdings beginne dieser Prozess bereits beim
Patient Empowerment. „Zunächst müssen Individuen befähigt werden, die eigenen Therapieprozesse zu verstehen“, sagte sie. Die Befähigung sei die Basis, die nächste Stufe stelle das Patient Engagement dar – Menschen befähigen, ihre Erfahrungen zusammenzuführen. Ansonsten bleibe es bei einzelnen subjektiven Meldungen. „Wir sammeln diese Stimmen und Erfahrungen, um aus Patientinnen und Patienten Erfahrungsexpertise, Patient Advocacy zu machen“, berichtete sie. Es brauche eine datenbasierte Patientenvertretung, um die Interessen der Betroffenen am Tisch
mit den anderen Stakeholdern zu vertreten.
Mehr Sicherheit durch personalisierte Medizin
Für eine Vertreterin der Uniklinik Tübingen ist die Personalisierung der Medizin eines der wichtigsten Mittel, um Patientensicherheit zu gewährleisten. Derzeit bekämen Patientinnen und Patienten häufig „Sammeltherapien“, von denen man nicht wisse, ob sie bei den einzelnen Patienten wirklich wirken werden. In der Krebsbehandlung werde die personalisierte Medizin erst bei austherapierten oder weit fortgeschrittenen Erkrankungen in Betracht gezogen. Dabei könne man sie viel früher zum Einsatz bringen, um unnötige Therapien, Nebenwirkungen und Zeitverluste zu verhindern. Die Molekularbiologin denkt personalisierte Medizin auch für entzündliche Erkrankungen weiter, hielt aber fest: „Da muss noch viel passieren.“ Ihre Vision ist die Ausweitung der personalisierten Medizin, so dass keine Patienten mehr sinnlose Therapien durchleiden müssen.
Einblicke ins ambulante Setting
Ein Arzt mit onkologischer Schwerpunktpraxis stellte Unterschiede vom ambulanten und vom stationären Behandlungssetting dar. Die im Krankenhaus Behandelten seien deutlich kränker als die Patienten, die in der Arztpraxis versorgt werden. In der Niederlassung arbeite man konsequent auf Facharztniveau. Und: „Wir kennen zum Teil unsere Patienten seit vielen Jahren und wissen daher um bestimmte Grundbedürfnisse und Morbiditäten, die wir bei den Therapien berücksichtigen können.“ Dieses Wissen müsse in der Klinik gelernt und auch hinterlegt werden, damit es die nächste Schicht erreicht. Es brauche auf allen Ebenen eine kontinuierliche Dokumentation und Information, um bestimmte Patientenbelange in die Zukunft transferieren zu können. Der Appell des Arztes: „Daran sollte gearbeitet werden.“
Anwälte der Versicherten
Eine Vertreterin von Kassenseite betonte: Patienten sind auch Versicherte, Krankenkassen verstehen sich wiederum als Anwälte ihrer Versicherten. Der Verband der Ersatzkassen hat daher ein Portal für Patientensicherheit ins Leben gerufen, bei dem die Versicherten ihre konkreten Fälle melden können. Die Website bietet die Möglichkeit, die konkreten Begebenheiten fachlich analysieren zu lassen und Empfehlungen zu bekommen. Die Kassen können die Daten nutzen, um Versorgungslücken zu erkennen. Der Kassenvertreterin zufolge geht es auch darum, bei den Versicherten ein Bewusstsein dafür zu schaffen, nicht allein zu sein. Offenbar hat das Angebot einen Nerv getroffen: Das Portal ist seit zwei Jahren online, Stand Februar gab es bereits über 1.800 gemeldete Fälle.
Nutzen trotz Unsicherheit
Eine Vertreterin des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel, stellte das Thema Pharmakovigilanz bei innovativen Therapien dar. Diese würden in der Regel für austherapierte Patientinnen und Patienten beziehungsweise unheilbare Krankheiten entwickelt. Bei der Zulassung analysiere man die Daten zum erwarteten Nutzen und zu den Nebenwirkungen. Häufig komme man trotz unvollständiger Daten und den damit verbundenen Unsicherheiten zu dem Schluss, dass der erwartete Nutzen die bislang bekannten Risiken übersteigt. „Somit kann man unter bestimmten Voraussetzungen eine Zulassung befürworten, die dann häufig mit Auflagen verbunden ist.“ In solchen Konstellationen ergeben sich der Mitarbeiterin des Paul-Ehrlich-Instituts zufolge häufig Notwendigkeiten für zusätzliche Studien zur Sicherheit, manchmal auch zur Wirksamkeit. Sie erläuterte, dass für diese Art der Therapien die Pharmakovigilanz verstärkt werde. Es finde kontinuierlich eine Reevaluierung des Nutzen-Risiko-Verhältnisses statt.
Pharmakovigilanz beim Hersteller
Der Stufenplanbeauftragte und Leiter der Patientensicherheit eines pharmazeutischen Unternehmens berichtete, dass alle Firmen nationale wie internationale Pharmakovigilanzsysteme unterhalten. Damit werden alle gemeldeten Hinweise und Risiken von Pharmazeuten, Ärzten und Patienten sorgfältig analysiert und bewertet. Mittlerweile meldeten nicht nur Ärzte oder Apotheker, Hinweise kämen über zahlreiche Quellen unter anderem auch über elektronische Tagebücher, Social Media etc. „Die Patienten werden immer versierter“, beobachtete er. Das Unternehmen nimmt die Meldungen sorgfältig auf und bewertet sie eingehend mit Spezialisten. Dabei unterstützen moderne Systeme Künstlicher Intelligenz. Das Ergebnis meldet das Unternehmen dann an die Behörden und teilt Sicherheitshinweise zudem mit den Anwendern, passt kontinuierlich seine Fach- und Gebrauchsinformationen an und veröffentlicht gegebenenfalls Stellungnahmen zur Verwendung und Sicherheit im Internet. „Es kann aber auch vorkommen, dass wir Studien pausieren oder stoppen, Chargen und Medikamente zurückrufen und Risikokommunikationen an Patienten, Ärzte und Apotheker heraussenden“, erläuterte der Stufenplanbeauftragte. In der Diskussion wurde die Vielschichtigkeit von Patientensicherheit wie auch die starke Perspektivierung des Themas erneut deutlich. Ein wichtiges Anliegen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer war eine verbesserte Gesundheitskompetenz. Dazu können DIGAs, Shared Decision Making oder seriöse Beratungsangebote beitragen. Auch künstliche Intelligenz dürfte künftig eine entscheidende Rolle spielen. Festzuhalten ist auch, dass es bereits viele sinnvolle Initiativen gibt, von denen einige noch zu wenig bekannt sind und manche auch „in der Realität zerschellen“, wie es ein Teilnehmer ausdrückte. Einigkeit bestand darin, dass Patientensicherheit ein Teamsport ist. Denkbar sind verschiedene Ansätze, um das Anliegen weiter voranzutreiben: Ein nationaler Aktionsplan ist eine Möglichkeit, gezielte Einzelinitiativen ein weiterer Ansatz.
Zum Hintergrund: Patientensicherheit im Fokus der WHO
Den Welttag der Patientensicherheit gibt es seit 2019. Die Weltgesundheitsversammlung (World Health Organisation, WHO) beschließt ihn im Mai 2019 mit der Resolution „Global action on patient safety“. Seitdem wird jährlich am 17. September mit einem jeweiligen Jahresmotto das Thema adressiert. Der Welttag der Patientensicherheit 2026 rückt ein Thema in den Mittelpunkt, das Milliarden Menschen weltweit betrifft: die sichere Versorgung von Menschen mit nichtübertragbaren Krankheiten.
Nichtübertragbare Krankheiten – darunter Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebserkrankungen, Diabetes und chronische Atemwegserkrankungen – sind weltweit für 74 Prozent der Todesfälle verantwortlich.
Wie die WHO betont, handelt es sich bei nichtübertragbaren Krankheiten um langfristige Erkrankungen, die Menschen jeden Alters betreffen können und häufig eine kontinuierliche medizinische Versorgung über viele Jahre oder sogar ein Leben lang erfordern. Ihre Prävention und langfristige Versorgung gehörten deshalb zu den globalen gesundheitspolitischen Prioritäten. Auch die politische Erklärung der Vereinten Nationen zu nichtübertragbaren Krankheiten und psychischer Gesundheit fordert eine stärkere Prävention sowie eine langfristig ausgerichtete Versorgung. Voraussetzung dafür ist ein sicherer und qualitativ hochwertiger Zugang zur Gesundheitsversorgung.