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Brexit: Stresstest für das britische Gesundheitssystem

In der innerbritischen Diskussion über das Für und Wider eines Austritts aus der EU spielte das Gesundheitssystem immer eine besondere Rolle. Viele Brexiteers argumentierten: „Sind wir erst aus der EU raus, haben wir mehr Geld, um unseren National Health Service besser zu machen“. Jetzt droht aber erst einmal das glatte Gegenteil: Das staatliche Gesundheitssystem der Briten könnte vor akute Versorgungsprobleme gestellt werden.

Englischsprachige Aufschrift einer Bahnsteigkante mit den Worten Mind the gap

Arzneimittelvorräte im Vereinigten Königreich

Bislang werden jährlich 1 Milliarde Arzneimittelpackungen zwischen dem Vereinigten Königreich (UK) und den übrigen EU-Staaten gehandelt. Kommt dieser Warenstrom auch nur teilweise zum Erliegen, entstehen nicht nur wirtschaftliche Probleme. Es drohen auch medizinische Engpässe im Vereinigten Königreich. Denn die Briten können den bevorstehenden Stresstest für die medizinische Versorgung wesentlich schwerer wegstecken als die große Europäische Union: So gibt es in UK keinen einzigen Hersteller von Insulin, auf das viele Diabetiker angewiesen sind. Deshalb hat die britische Regierung die Insulinhersteller gebeten, Vorräte in UK anzulegen. Im Fall des Insulins, das gekühlt gelagert werden muss, wurden deshalb jenseits des Ärmelkanals 500 Großkühlgeräte angeschafft. Sie fassen rund 5000 Paletten, die von Pharma-Unternehmen befüllt wurden. Auch viele andere wichtige Medikamente wurden mittlerweile von den Firmen – wie von der Regierung erbeten - in UK über das übliche Maß hinaus bevorratet.

Vertrauen ist das kostbarste Gut

Die zusätzlichen Arzneimittelreserven in Großbritannien sind auf einen Bedarf von sechs Wochen ausgelegt. Für einen ungeordneten Brexit ist dieser Sechs-Wochen-Vorrat aber zu eng bemessen, da in diesem Fall mit längeren Problemen an den Grenzen gerechnet werden muss. Viel gravierender als diese Logistikprobleme wären aber mögliche Vertrauensprobleme: Die britische Regierung hat ihren Bürgern gesagt, dass die Arzneimittelversorgung sicher ist und keine Notwendigkeit besteht, private Vorräte anzulegen. Doch die entscheidende Frage ist, ob die Bevölkerung das auch dann noch glaubt, wenn der Austrittstermin immer näher rückt und praktisch nichts geregelt ist. Wenn Ärzte, Kliniken und Patienten dann anfangen Medikamente zu horten, sind die britischen Läger in kürzester Zeit leer und die Vorräte verbraucht.

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Im Falle eines ungeordneten Brexits ist der Sechs-Wochen-Vorrat von Arzneimitteln im Vereinigten Königreich schnell aufgebraucht.»

Dr. Siegfried Throm, vfa-Geschäftsführer Forschung/Entwicklung/Innovation

Keine Versorgungsprobleme in Deutschland

Sowohl das Bundesgesundheitsministerium als auch der vfa sehen durch den Brexit keine Versorgungsprobleme mit Arzneimitteln auf Deutschland zukommen. Denn Deutschland muss, anders als die Briten, nicht sein ganzes Wirtschafts-, Zoll- und Gesundheitssystem umstellen. Bei uns bleiben die Regeln, wie sie sind.

Das heißt aber nicht, dass in Deutschland alle die Hände in den Schoß legen konnten: Sämtliche Zulassungen und Genehmigungen für Medikamente, - aber auch für klinische Studien, bei denen der Rechteinhaber in UK saß - mussten und müssen auf ein anderes EU-Land übertragen werden; oder der Rechteinhaber musste seinen Sitz wechseln. Und das unter Zeitdruck. Gleichzeitig zog die europäische Arzneimittelbehörde EMA von London aus nach Amsterdam um.

Hinzu kamen Änderungen bei den zuständigen Firmenstellen im Bereich Arzneimittelsicherheit und Qualitätsprüfung sowie bei der Produktinformation. Diese Fragen hätten gründlicher geklärt werden können, wenn man mit einer längeren Übergangsfrist hätte arbeiten können. Im mehrfach abgelehnten Brexit-Abkommen war die weitere Anwendung des bisher geltenden EU-Rechts bis Ende 2020 vorgesehen. Das wäre immer noch die beste Brexit-Variante für den Arzneimittelsektor.