Impfstoffentwicklung im Detail: Breites Portfolio, vielfältige Technologien
Die Entwicklung neuer Impfstoffe ist dynamisch. In einer Analyse hat der vfa im August 2025 die Entwicklungs-Pipelines von Impfstoffherstellern ab der zweiten klinischen Entwicklungsphase ausgewertet. Derzeit befinden sich 94 Impfstoffkandidaten in der klinischen Entwicklung, die für eine Zulassung in der Europäischen Union in Betracht kommen. 67 davon haben die Phase II der Studienerprobung erreicht, 22 befinden sich bereits in Phase III. Fünf weitere Impfstoffe durchliefen zum Stichtag 31.08.2025 das europäische Zulassungsverfahren.

Balance zwischen Weiterentwicklungen und neuen Präventionsfeldern
Ein Großteil der Entwicklungsprojekte – 72 von 94 – adressiert Erkrankungen, für die bereits Impfempfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert Koch Institut (RKI) für Deutschland bestehen. Gleichzeitig richten sich aber 20 Projekte auf Indikationen, für die bislang keine STIKO-Empfehlung vorliegt, z.B. Lyme-Borreliose und Norovirus-Infektionen. Die Auslastung der STIKO wird in absehbarer Zeit also steigen.
Das unterstreicht die Notwendigkeit, die STIKO und das RKI zu stärken und zukunftssicher auszustatten. Die Empfehlungen der STIKO sind schließlich maßgeblich für die breite Versorgung der Bevölkerung mit Schutzimpfungen. Damit neue Impfungen schnell erstattungsfähig werden und so von vielen genutzt werden können, sind weitere Ressourcen für die STIKO-Arbeit essenziell.
Ausrichtung auf umfassendes Erregerspektrum
Die Impfstoffentwicklung deckt der vfa-Erhebung zufolge ein breites Spektrum von Krankheitserregern ab.
- 60 Projekte richten sich gegen Viren,
- 27 gegen Bakterien,
- 2 Projekte verfolgen kombinierte Ansätze gegen virale und bakterielle Erreger,
- 5 Impfstoffe zielen auf Malaria-Erreger.
Diese Verteilung verdeutlicht, dass die Entwicklung neuer Impfstoffe nicht auf einige wenige „klassische“ Krankheitserreger beschränkt ist, sondern auf viele verschiedene abzielt.
Atemwegserkrankungen besonders im Fokus
Viele Entwicklungsprogramme konzentrieren sich auf respiratorische Erreger. Gegen Influenzaviren werden derzeit 18 Impfstoffe entwickelt, gegen SARS-CoV-2 16. Dazu zählen zum Beispiel Projekte zur Erforschung von Kombinationsimpfstoffen gegen beide Erreger und Impfstoffe, die länger vor der Grippe schützen als eine Saison.
Es folgen Pneumokokken mit sieben Projekten sowie die Gattung der Malaria-Erreger mit fünf Projekten. Den fünften Rang teilen sich Varicella zoster-Viren und Meningokokken mit jeweils vier Projekten.
Der Großteil der Impfstoffentwicklungen richtet sich also gegen bakterielle und virale Erreger von Atemwegserkrankungen.
Impfstoffe für verschiedene Lebensphasen
Die Impfstoffentwicklungen in Phase III und im Zulassungsverfahren werden bzw. wurden für verschiedene Altersgruppen getestet, einige für mehrere gleichzeitig. Das führt in der Auswertung der Altersgruppen zu Mehrfachnennungen. Dadurch summieren sich die Impfstoffprojekte in allen Altersgruppen zu einer höheren Zahl als die 27 Projekte in Phase III und im Zulassungsverfahren.
Die Mehrheit der Projekte untersucht Impfstoffe für Erwachsene zwischen 18 und 59 Jahren sowie für ältere Menschen ab 60 Jahren – insgesamt 29 Entwicklungsprogramme.
Zugleich stehen besonders vulnerable Gruppen im Fokus: Zehn Projekte richten sich an Kleinkinder unter fünf Jahren, weitere fünf an Kinder und Jugendliche im Alter von fünf bis 17 Jahren. Vier Projekte machen keine Angaben zur Zielgruppe.
Die Entwicklungsaktivitäten spiegeln damit das Ziel wider, Prävention entlang des gesamten Lebensverlaufs zu stärken. Mit der Gruppe der Erwachsenen zwischen 18 und 59 Jahren richten sich besonders viele in Entwicklung befindliche Impfstoffe an Menschen, die nicht so sehr mit dem Thema Impfen in Berührung kommen, wie es bei Säuglingen und Kleinkindern der Fall ist. Das verdeutlichen die niedrigen Impfquoten bei den verfügbaren Impfungen für Erwachsene und Ältere. Damit gerade diese wenig impfaffine Gruppe in Zukunft schnell von innovativen neuen Impfungen profitieren kann, ist es wichtig, bereits jetzt die Weichen für einen besseren Zugang zu Impfungen zu stellen. Die Einführung von digitalen Erinnerungssystemen im elektronischen Impfpass ist dabei ein wirksames Mittel.
Technologievielfalt prägt die Pipeline
Die technologische Bandbreite der in der Erhebung erfassten Impfstoffprojekte ist vielfältig:
- 27 Projekte setzen auf mRNA-Technologie,
- jeweils 11 auf Glykokonjugat- und Protein Subunit-Impfstoffe,
- 9 auf Vektorimpfstoffe,
- 7 auf Impfstoffe mit lebend-attenuierten Viren.
Die parallele Weiterentwicklung unterschiedlicher Plattformtechnologien ermöglicht es, auf verschiedene Erreger und immunologische Anforderungen zu reagieren. Sie unterstreicht, dass es nicht die eine überlegene Impfstofftechnologie gibt, sondern dass die Vielfalt in den Portfolios die beste Strategie ist, um den unterschiedlichen Herausforderungen der einzelnen Krankheitserreger zu begegnen.
Beitrag zur Bekämpfung antimikrobieller Resistenzen
Impfstoffe können einen wichtigen Beitrag zur Eindämmung von antimikrobiellen Resistenzen (AMR) leisten. Hohe Impfquoten gegen virale und bakterielle Erkrankungen können helfen, den Einsatz von Antibiotika insgesamt zu reduzieren. Mehrere Entwicklungsprogramme richten sich gegen bakterielle Erreger, bei denen häufig AMR beobachtet werden.
Dazu zählen Impfstoffe gegen Pneumokokken (7 Projekte) und Meningokokken (4 Projekte). Hinzu kommen Projekte gegen Streptococcus agalactiae und Salmonella spp. (jeweils 2) sowie ein Impfstoffkandidat gegen pathogene Escherichia coli-Bakterien.
Die aktuelle Pipeline zeigt eine breit aufgestellte Impfstoffentwicklung mit fortgeschrittenen klinischen Programmen, vielfältigen technologischen Ansätzen und einem Fokus auf besserer Prävention für alle Altersgruppen.