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13. Juni 2026 Bispezifische Antikörper

Natürliche Antikörper vom Typ IgG tragen stets zwei identische Arme zum Anheften an ein ganz bestimmtes Fremdmolekül (Antigen). Lange galt das auch für fast alle gentechnisch hergestellten Antikörper. Doch zunehmend entwickeln Pharmaforschungsteams auch bispezifische Antikörper: Sie binden sich an zwei verschiedene Antigene statt nur an eins. Für die Behandlung bestimmter Krankheiten kann das von Vorteil sein.

Zwei Arme für unterschiedliche Zwecke: Dieses Prinzip aus der Natur findet auch bei bispezifischen Antikörpern eine nützliche Anwendung.

Im einfachsten Fall wird das dadurch verwirklicht, dass die Antikörper zwei unterschiedliche Arme tragen. Entwickelt werden aber auch Antikörper mit mehr als nur zwei Armen.

vfa-Podcast #MicroScope zu bispezifischen Antikörpern


Bispezifische versus monospezifische Antikörper

Antikörper, bei denen die Bindungsstellen an beiden Armen identisch sind, heißen monospezifisch, also auf nur ein Antigen ausgerichtet. Alle bekannten natürlichen Antikörper des Typs IgG zeigen diesen Aufbau.

Schon in den 1980er Jahren kamen allerdings Ideen für „bispezifische Antikörper“ auf, also solche, bei denen die zwei Arme jeweils unterschiedliche Bindungsstellen haben. Für bestimmte Anwendungen könnte das von Vorteil sein, dachte man sich. Die heute verfügbaren bispezifischen Antikörper bestätigen die Weitsicht dieses Ansatzes.

Monospezifischer Antikörper

Bispezifischer Antikörper

Die folgende Tabelle bietet eine Übersicht über alle Medikamente mit bispezifischen Antikörpern, die eine EU-Zulassung haben oder gerade das EU-Zulassungsverfahren durchlaufen (Stand: 13.06.2026):

AntikörperKrankheitWirkprinzipStatus in der EUJahr der Einführung in Deutschland
Catumaxomab Ascites durch Krebs T-Cell Engagement zugelassen, erste Zulassung als Medikament schon 2009 erstmals 2009, dann einige Jahre nicht vermarktet, erneute Markteinführung 2025
Blinatumomab akute lymphatische Leukämie T-Cell Engagement zugelassen 2015
Emicizumab Hämophilie A Bindung von Faktor IX und Faktor Xa "in Vertretung" des fehlenden Faktors VIII zugelassen 2018
Faricimab feuchte altersbedingte Makuladegeneration, Makulaödem Blockade von zwei Faktoren zugelassen 2022
Mosunetuzumab Follikuläre Lymphome T-Cell Engagement zugelassen 2022
Epcoritamab diffuse große B-Zell-Lymphome T-Cell Engagement zugelassen 2023
Glofitamab diffuse große B-Zell-Lymphome T-Cell Engagement zugelassen 2023
Talquetamab Multiples Myelom T-Cell Engagement zugelassen 2023
Teclistamab Multiples Myelom T-Cell Engagement zugelassen 2023
Amivantamab NSCLC Blockade von zwei Signalweg-Komponenten zugelassen 2024 (zuvor 2022 schon einmal eingeführt, aber bald darauf wieder vom Markt genommen)
Elrantamab Multiples Myelom T-Cell Engagement zugelassen 2024
Odronextamab Non-Hodgkin-Lymphome T-Cell Engagement zugelassen 2025
Linvoseltamab Multiples Myelom T-Cell Engagement zugelassen 2025
Zanidatamab Gallengangskarzinom (HER2+) Bindung an zwei Epitope von HER2, das Teil eines Signalwegs ist zugelassen 2026
Tarlatamab Kleinzelliges Lungenkarzinom (SCLC) T-Cell Engagement in der EU 03/2026 zur Zulassung empfohlen noch nicht eingeführt
Denecimig Hämophilie A Bindung von Faktor IX und Faktor Xa "in Vertretung" des fehlenden Faktors VIII im Zulassungsverfahren seit 10/2025 noch nicht eingeführt

Was sind bifunktionale Antikörper?

Bifunktionale Antikörper haben nicht – wie die bispezifischen Antikörper – zwei verschiedene Bindungsstellen an ihren Armen, sondern sind an anderer Stelle so abgewandelt worden, dass sie über eine zusätzliche Funktionalität verfügen. Beispielsweise ist bei ihnen noch ein Enzym angekoppelt worden.

Bispezifische Antikörper für die Krebstherapie

Die meisten zugelassenen bispezifischen Antikörper werden in der Krebstherapie eingesetzt, und zwar dafür, dass sie T-Zellen (also bestimmte Zellen des patienteneigenen Immunsystems) helfen, Krebszellen zu finden und abzutöten. Eigentlich sind die T-Zellen (oder zumindest einige von ihnen) so ausgerüstet, dass sie das ohne zusätzliche Hilfe können. Doch offensichtlich schaffen es Tumorzellen manchmal, sich den T-Zell-Patrouillen zu entziehen. Helfen können bifunktionale Antikörper in so einem Fall, indem sie sich mit einem Arm an eine T-Zelle heften und mit dem anderen an eine Tumorzelle. Wird eine T-Zelle derart mit einer Tumorzelle zusammengebracht, aktiviert sie das für ihre Aufgabe, und sie tötet die Krebszelle ab. Die Therapiestrategie heißt dementsprechend „T-Cell Engagement“.

Die Bindung an die T-Zelle erfolgt dabei stets an deren Oberflächenprotein CD3. An welchem Antigen ein bispezifischer Antikörper die Krebszelle zu fassen bekommt, ist abhängig davon, um welche Krebsart es geht.

Eine T-Zelle (links) und eine Tumorzelle werden durch einen bispezifischen Antikörper in Verbindung gebracht. Die T-Zelle wird die Tumorzelle anschließend zerstören.

Auch mit einer anderen Kombination von Spezifitäten können bispezifische Antikörper für die Krebstherapie hilfreich sein. So gibt es Antikörper, die zeitgleich zwei Komponenten eines Signalwegs zu blockieren (oder eine Komponente über zwei verschiedene Bindungsstellen), über den die Tumorzellen zu ständigen Zellteilungen angetrieben werden. Bislang sind zwei Antikörper mit diesem Wirkprinzip in der EU zugelassen (gegen je eine Unterform des Gallengang-Karzinoms und von Nicht-kleinzelligem Lungenkarzinom) und in Deutschland auf dem Markt: Zanidatamab und Amivantamab.

In Entwicklung befinden sich außerdem Antikörper, die zugleich eine Immunblockade im Tumor aufheben und die Neubildung von Blutgefäßen (die Neoangiogenese) verhindern können. Das Immunblockade vermögen sie beispielsweise durch Bindung an das Molekül PD-L1 erreichen; über das sonst Krebszellen die sie angegreifenden Immunzellen "lähmen" können. Die zweite Wirkung lässt sich durch Bindung an den Botenstoff VEGF erreichen, der sonst die Neubildung von Blutgefäßen im Tumor veranlasst. Beide Wirkprinzipien haben sich schon bei bestimmten monospezifischen Anitkörpern gegen einige Krebsarten bewährt. Die Kombination in einem Molekül bringt aber den Vorteil, dass sich die Antikörper im Tumoren konzentrieren, in denen viel PD-L1 oder VEGF anzutreffen ist, und dort dann auch die jeweils andere Wirkung erzielen. Ein Beispiel für einen solchen bispezifischen Antikörper ist Pumitamib, der derzeit (zum Teil schon in Phase III-Studien) als Mittel gegen etliche solide Tumore erprobt wird. Varianten dieses Prinzips finden sich bei Antikörpern in Entwicklung, die statt an PD-L1 an das damit interagierende Molekül PD-1 binden (wie Ivonescimab); oder die statt an VEGF an den EGFR-Rezeptor binden (wie der Antikörper IgTT-1E), der als "Empfangsantenne" für VEGF in Blutgefäßzellen dient.

Ein Antikörper springt für einen Gerinnungsfaktor ein

Bispezifische Antikörper kommen auch für die Therapie anderer Erkrankungen in Betracht. So ist ein Antikörper zugelassen, der zeitgleich zwei Moleküle blockieren kann, die bei feuchter altersbedingter Makuladegeneration eine Rolle spielen.

Ein anderer bispezifischer Antikörper kann für einen fehlenden Gerinnungsfaktor „einspringen“, den Faktor VIII. Dieser muss sich – wenn es zur Blutgerinnung kommen soll – einerseits an den Faktor IX und andererseits an den Faktor Xa binden. Menschen mit Hämophilie A, denen es aufgrund eines Gendefekts an Gerinnungsfaktor VIII mangelt, bekommen diesen Faktor normalerweise mit Infusionen oder Injektionen zugeführt. Einige von ihnen reagieren darauf aber nach einiger Zeit mit Abwehrreaktionen. Eine Behandlungsmöglichkeit bietet dann ein bispezifischer Antikörper, der mit passenden Bindungsstellen für Faktor IX und Faktor Xa ausgestattet wurde. Er sieht zwar ganz anders aus als Faktor VIII, erfüllt aber den gleichen Zweck und wird vom Körper nicht abgewehrt. Ein erster solcher Antikörper ist schon seit einigen Jahren verfügbar, ein zweiter durchläuft gerade das Zulassungsverfahren.

Nebenwirkungen

Welche Nebenwirkungen die Therapie mit einem bispezifischen Antikörper mit sich bringt, hängt stark vom einzelnen Produkt ab. Ist beispielsweise T-Cell Engagement das Wirkprinzip, kann es zu Nebenwirkungen kommen, wenn die Antikörper den T-Zellen mitunter auch gesunde Zellen zur Vernichtung „nahelegen“. Auch die Konstitution der Patientin oder des Patienten spielt für das Auftreten von Nebenwirkungen eine Rolle.

Eine Erfindung aus Deutschland

Bispezifische Antikörper sind eine Erfindung aus Deutschland: Erstmals wurde das Konzept von der deutschen Firma TRION Pharma (zusammen mit Fresenius) bei dem Antikörper Catumaxomab verwirklicht.[1] Dieser wurde im Jahr 2000 zunächst als Medizinprodukt zugelassen Externer-Link (Öffnet im neuen Fenster) , und zwar dafür, im Rahmen bestimmter Krebstherapien Stammzellen aus dem Knochenmark[2] im Labor von Krebszellen zu reinigen, ehe sie dem Patienten oder der Patientin zurückgegeben werden. Im Jahr 2009 erhielt der Antikörper dann auch eine Arzneimittelzulassung zur Behandlung von Patient:innen mit malignem Ascites (Bauchwassersucht in Folge einer Krebserkrankung). Leider wurde Catumaxomab später für einige Jahre aus wirtschaftlichen Gründen wieder vom Markt genommen. Eine Nachfolgefirma Externer-Link (Öffnet im neuen Fenster) hat den Antikörper aber erneut erprobt und 2025 wieder auf den Markt gebracht.

Auch der zweite bispezifische Antikörper, Blinatumomab, wurde in Deutschland erfunden und entwickelt – vom Unternehmen Micromet, das später von Amgen übernommen wurde. Zugelassen wurde er 2015 für die Therapie von Patient:innen mit akuter lymphatischer Leukämie. Es handelt sich dabei um einen stark verkürzten Antikörper: Er besteht nur aus zwei miteinander verbundenen „Unterarmen“ eines vollständigen Antikörpers. Der Hersteller nennt diese Antikörperkörpervariante BiTE.

Auch heute werden in Deutschland neue bispezifische Antikörper entwickelt, unter anderem am deutschen Standort von Amgen und bei BioNTech. Nur ist das mittlerweile keine exklusiv deutsche Angelegenheit mehr: Die bispezifischen Antikörper der Zukunft – von denen viele bereits in der klinischen Erprobung sind – kommen aus der ganzen Welt.

Fußnoten:

[1] TRION selbst charakterisierte den Antikörper als „trifunktional“ und drückte damit aus, dass dieser neben den beiden bispezifischen Bindungsstellen an den Armen noch eine dritte Bindungsstelle an anderer Stelle aufweist, über die er an noch eine weitere Immunzelle (z.B. einen Makrophagen) binden kann.

[2] Sie sind die Vorläufer aller Blutkörperchen.

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