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Herdenimmunität: Mit Impfungen sich selbst und andere schützen

Impfungen nützen nicht nur den Geimpften. Sie schützen auch deren ungeimpfte Kontaktpersonen und helfen, regionale Ausbrüche zu verhindern oder zu begrenzen. Deshalb sind Impfungen von größter Bedeutung für die öffentliche Gesundheit und Ausgaben für Impfprogramme gut investiert.

Impfkampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) im Jahr 2018

Herdenschutz für besonders schutzbedürftige Personengruppen

Wie Herdenimmunität vor Epidemien schützt

  • So greift der Herdeneffekt bei Masern z.B. erst ab einer Durchimpfungsrate von 95%
  • Bei Diphtherie kann Gemeinschaftsschutz schon ab ca. 80% erzielt werden.

Sind viele geimpft, können Krankheiten sogar ausgerottet werden

Ist ein entsprechend hoher Anteil der Bevölkerung geimpft, können Infektionskrankheiten langfristig sogar ausgerottet werden. Zweimal ist es bereits gelungen, Krankheiten durch Impfungen aus Europa zu vertreiben:

  • Die Pocken konnten bis 1980 ausgerottet werden (sogar weltweit).
  • Seit 2002 ist Europa auch offiziell frei von Polio, der Kinderlähmung. Letzteres ist den Schluckimpfungskampagnen (in der DDR ab 1960, in der Bundesrepublik ab 1962) zu verdanken. Mittlerweile tritt Polio nur noch in einigen Ländern Afrikas und Asiens (vor allem Pakistan) auf; dort hat sich die endgültige Eradikation bzw. Ausrottung als extrem schwierig erwiesen.

Die Röteln konnten in Nord- und Südamerika als einheimische Krankheit schon eliminiert werden; allerdings wird die Krankheit immer wieder einschleppt.

Wie man sich und andere mit Impfungen vor Krankheiten schützen kann:


Voraussetzung für Herdenimmunität und Einflüsse auf die nötige Impfquote

Eine Voraussetzung für Herdenimmunität ist, dass die Erreger nur von Mensch zu Mensch übertragen werden und nicht auch Tiere infizieren. Bei Erregern, die auch von Tieren übertragen werden (wie beispielsweise Tetanus-Bakterien oder FSME- oder Tollwut-Viren) lässt sich immer nur ein individueller Schutz der Geimpften erzielen.

Zahlreiche Faktoren haben Einfluss auf die Wirksamkeit von Impfungen und damit auch die notwendige Durchimpfungsrate. Das sind unter anderem die Auswirkungen der Immunität von Müttern auf ihre neugeborenen Kinder, das Alter bei der Impfung, die Verteilung von Impfstoffen oder Immunität bis hin zu einer individuell beeinträchtigten Immunkompetenz z.B. durch Immundefekte. Sind spezielle Personengruppen mit einem hohen Infektionsrisiko bekannt, genügt eine gute Durchimpfungsrate bei diesen Personen bei mäßiger Durchimpfung der übrigen Bevölkerung für eine Herdenimmunität.

Durch Anklicken der Krankheiten können Sie auf dieser Infografik aussuchen, welche Zeitreihen angezeigt werden. So können Sie beispielsweise die Entwicklungen bei den Masern- und Tetanus-Impfungen vergleichen. Achtung: Für einen lebenslangen Impfschutz ist je nach Krankheit eine andere Zahl von Impfdosen nötig. Für Masern genügen beispielsweise zwei Injektionen, die Tetanusimpfung muss hingegen (nach anfänglich mehreren Impfungen) alle zehn Jahre mit jeweils einer Injektion aufgefrischt werden.

Impfmüdigkeit als Gefahr für den Herdenschutz

Gefährdet ist das Erreichen einer Herdenimmunität vor allem durch Impfmüdigkeit. Lässt sich ein zu geringer Teil der Bevölkerung impfen, sind Nicht-Geimpfte nicht mehr mitgeschützt. Wenn die Ansteckung dann nicht mehr im Kindesalter, sondern später erfolgt, kann das bei Krankheiten wie Mumps, Röteln, Polio oder Windpocken besonders gefährlich sein.

Bei Masern z.B. wären über 95 % Durchimpfungsrate erforderlich, doch haben in Deutschland bei den Kindern zwischen 3 und 17 Jahren nur 93,6 % beide erforderlichen Impfungen erhalten (Stand 2014-2017; laut Poethko-Müller et al. 2019). In einigen älteren Jahrgängen ist die Rate noch weitaus geringer. Deshalb kommt es immer wieder zu regionalen Ausbrüchen wie 2019 in Hildesheim, 2015 in Berlin oder 2011 in Bayern.

Die internationale Eliminierung der Masern hat große Bedeutung – und das nicht nur, weil Masern zu den ansteckendsten bekannten Infektionen gehören: Masern schwächen das Immunsystem des Infizierten, was Wochen oder sogar Jahre anhalten kann. Dadurch wird der Körper anfällig für Bakterien, sodass Durchfall, Bronchitis oder Lungenentzündung folgen können. Jede tausendste Masernerkrankung geht sogar mit einer Hirnhautentzündung einher, die oft mit Tod oder bleibenden Schäden endet.

Deutschland durchkreuzt durch zu geringe Impfraten die Ziele der WHO

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die globale Ausrottung von Masern und Röteln als Ziel vorgegeben. Mit den unzureichenden Impfraten gegen Masern durchkreuzte aber nicht zuletzt Deutschland die Pläne der Weltgesundheitsorganisation WHO, Europa bis 2015 masernfrei erklären zu können. Auch stellt Deutschland damit eine Gefahr für andere Länder dar. So steckte sich 2018 eine Schülerin aus Guatemala beim Schüleraustausch in Deutschland an und brachte dann die Krankheit in ihr Heimatland zurück, das zuvor 20 Jahre masernfrei gewesen war.

Viele Jahre lang gab es in Deutschland keine gesetzliche Impfpflicht. Doch nun ist ein Gesetz in Vorbereitung, um eine solche Pflicht für die Masernprävention einzuführen. Darüber zu entscheiden, ist Aufgabe der Politik. Aber Pflicht oder nicht: In jedem Fall ist es wichtig, über das Impfen sachlich gut aufzuklären und für gut erreichbare Impfmöglichkeiten zu sorgen um hier wieder Herdenimmunität herzustellen.

Auch ist zu berücksichtigen, dass Masern-Impflücken nicht nur bei denjenigen Bevölkerungsgruppen bestehen, auf die das geplante Gesetz zur verpflichtenden Masernimpfung abhebt, nämlich Kita- und Schulkinder, Kinder-Betreuungskräfte und medizinisches Personal. Vielmehr haben auch etliche Jugendliche und Erwachsene keinen Impfschutz.

Maßnahmen zur Verbesserung der Impfquoten

Die bestehenden Impflücken, die ja nicht nur bei Masern bestehen, können nur durch ein breites Maßnahmenbündel geschlossen werden. Zur Erhöhung der Impfraten werden mehr Koordination, Engagement und finanzielle Mittel benötigt. Dies sollten die Bundesregierung und die mit Impfen befassten Einrichtungen der Länder konsequent verfolgen, um den Herdenschutz weiter zu verbessern.

Sinnvolle Ansätze zur Erhöhung der Impfraten wären insbesondere:

  • ein politisches Bekenntnis zum Impfen und das Abstimmen eines „Nationalen Aktionsplans“ mit konkreten Impfzielen und Verantwortlichkeiten,
  • die Ausweitung der Aufklärungsaktivitäten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), des Robert Koch-Instituts (RKI) und anderer Institutionen,
  • die regelmäßige Erinnerung aller Versicherten an notwendige Impfungen seitens der Krankenkassen,
  • die Implementierung eines professionellen Impfmanagements bei allen Kinder-, Haus- und Frauenärzten, so dass das gesamte Praxisteam für Impffragen geschult ist, klare Abläufe für die Impfberatung und -dokumentation bestehen und Patienten gezielt zu Impfterminen eingeladen werden,
  • die Verankerung des Impfens als fester Bestandteil der ärztlichen Ausbildung,
  • mehr Weiterbildung und finanzielle Anreize für niedergelassene Impfärzte, die im Patientenkontakt aktuelles Wissen vermitteln,
  • eine Stärkung des öffentlichen Gesundheitsdienstes, der u.a. Impfangebote für Jugendliche und junge Erwachsene da organisieren kann, wo sie sich ohnehin aufhalten,
  • ein Ausbau ergänzender Impfangebote durch Betriebsärzte, um auch Personen zu erreichen, die selten zum Arzt gehen,
  • zusätzliche Impfangebote für Erwachsene durch geschulte Apotheker, um weitere Personengruppen zu erreichen sowie
  • ein Ausbau der Impfsurveillance, damit Daten über Impfquoten zeitnah und umfassend verfügbar sind.