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So funktioniert die COVAX Facility für weltweiten Zugang zu Covid-Impfstoffen

Mit dem Ziel, dass Länder unabhängig von ihrer Kaufkraft zügigen Zugang zu Impfstoffen gegen COVID-19 erhalten, hat die Weltgesundheitsorganisation WHO die COVAX Facility ins Leben gerufen. Dabei steht COVAX für „Covid-19 Vaccines Global Access“. Die Facility soll zum einen die Entwicklung und Produktion von Impfstoffen beschleunigen. Vor allem aber ist sie dafür zuständig, Impfstoff-Dosen bei Herstellern zu kaufen und allen Staaten zuzuteilen, die ihre Teilnahme an COVAX erklärt haben.

Stilisierte Grafik zeigt den Globus, das Virus und eine nach unten gerichtete Entwicklungskurve, die sinnbildlich für den künftigen Rückgang der Infektionszahlen steht.

Bis Ende 2021 sollen mindestens zwei Milliarden qualitätsgesicherte und bedarfsgerechte Impfstoffdosen bereitstehen, um die akute Phase der Pandemie zu beenden – so das erklärte Ziel von COVAX. Mindestens 1,3 Milliarden dieser Impfdosen sollen an ärmere Länder gehen, damit sie im Jahr 2021 wenigstens 20 Prozent ihrer Bevölkerung schützen können. Dahinter steht der Gedanke der Solidarität und die Überzeugung, dass die Covid-19-Pandemie sich in einer eng verflochtenen Welt nur eindämmen lässt, wenn alle Regionen ausreichend geschützt sind.

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Der Zugang zur Impfung muss für alle Länder möglich und bezahlbar sein.»

Bundeskanzlerin Angela Merkel Ende November in ihrer Videobotschaft zum G20-Gipfel

Betrieben wird die COVAX Facility von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zusammen mit den privat-öffentlichen Impfstoff-Allianzen Gavi (Global Alliance for Vaccines and Immunizations) und CEPI (Coalition for Epidemic Preparedness Innovations). Inzwischen nehmen 190 von insgesamt rund 200 Staaten weltweit an COVAX teil, darunter 98 wohlhabendere Länder und 92 Staaten mit niedrigem und mittlerem Einkommen.

Wohlhabendere Nationen zahlen den vollen Preis, den die COVAX Facility mit Impfstoffherstellern aushandelt. Ärmere Länder werden um eine finanzielle Beteiligung gebeten, haben aber, falls ihnen das nicht möglich ist, Anspruch auf Gratislieferungen. Außerdem gibt es Länder wie Deutschland, Frankreich oder Spanien, die zwar via COVAX keinen Impfstoff bestellen, aber die Beschaffung für andere finanziell unterstützen.

Die Europäische Union engagiert sich mit einem Gesamtbeitrag von 500 Millionen Euro. Die EU sieht COVAX als Ergänzung ihrer bilateralen Vereinbarungen mit Impfstoffherstellern zur Versorgung der eigenen Bevölkerung – dafür sind 2,7 Milliarden Euro reserviert. Während China der COVAX Facility beigetreten ist, haben die USA ihre Teilnahme bisher verweigert. Mit dem gewählten Präsidenten Joe Biden gibt es jedoch Hoffnung auf einen Kurswechsel.

Derzeit verfügt die COVAX Facility über rund fünf Milliarden US-Dollar. Um die angestrebten zwei Milliarden Impfstoffdosen zur Verfügung stellen zu können, werden im Jahr 2021 weitere 6,8 Milliarden US-Dollar benötigt. Dabei sollen 800 Millionen US-Dollar in Forschung und Entwicklung fließen, 4,6 Milliarden in die Bereitstellung von Impfstoffen für ärmere Länder und 1,4 Milliarden in die Lieferunterstützung.

Unterschiedliche Vorgehensweisen

Um die Versorgung teilnehmender Länder sicherzustellen, hat die COVAX Facility unterschiedliche Vorgehensweisen entwickelt:

  • Wohlhabende Nationen beziffern vorab den Bevölkerungsanteil (zwischen 10 und 50 %), der mit Impfstoffen aus dem COVAX-Programm geschützt werden soll. Für die entsprechende Belieferung bietet die COVAX zwei Bezahlmodelle an. Bei der „Verpflichtenden Kaufvereinbarung“ (Committed Purchase Agreement) zahlen die Länder die Hälfte des kalkulierten Preises für die erforderlichen Impfstoffdosen an und unterzeichnen für die andere Hälfte eine Abnahmeverpflichtung (COVAX rechnet pro Person mit 6,40 US-Dollar für zwei Impfdosen). Bei der „Freiwilligen Kaufvereinbarung“ (Optional Payment Agreement) zahlen die Länder vorab 6,20 US-Dollar pro Person und erwerben damit das Recht auf Belieferung mit den Impfstoffen ihrer Wahl aus dem COVAX-Sortiment. Bezogen werden die Impfstoffe entweder direkt vom Hersteller oder mithilfe von UNICEF und anderen überstaatlichen Organisationen. Nicht verwendete Mittel werden nach Auskunft der COVAX Facility zurückerstattet.
  • Wohlhabendere Länder können erworbene Bezugsrechte auch anonym zur Verwendung für mittellose Länder spenden. Von dieser Option Gebrauch machen unter anderem Deutschland und die EU-Kommission, aber auch Nichtregierungsorganisationen wie die Gates-Stiftung. Auch Kanada erwägt, überschüssige Dosen an COVAX zu spenden. Darüber hinaus können reichere Länder Impfstoffe, die sie sich in bilateralen Verträgen mit Herstellern gesichert haben, ärmeren Ländern zu fairen Konditionen zugänglich machen. Das Procedere regeln die von der COVAX Facility veröffentlichten Grundsätze für die Aufteilung von Impfstoffdosen („Principles for Dose-Sharing“).
  • Staaten mit geringem oder mittlerem Einkommen werden mithilfe des Gavi COVAX Advance Market Commitment (AMC, auf Deutsch: vorgezogene Marktverpflichtung) mit Impfstoffen versorgt. Dank der Spenden wohlhabender Länder kann das Programm anlaufen; Ende 2020 standen dafür insgesamt 2,4 Milliarden US-Dollar zur Verfügung. Die weitere Finanzierung soll unter anderem über Anleihen gesichert werden. Die Empfängerländer können bis 150 Millionen US-Dollar zur Vorbereitung auf die bevorstehende Impfkampagne beantragen und sich dabei von Institutionen wie WHO, UNICEF oder Weltbank beraten lassen. Bevor die Länder Impfstoffe erhalten, müssen sie eine sachgerechte Infrastruktur nachweisen, aber auch gut ausgebildetes Gesundheitspersonal und Aktivitäten zur Aufklärung der Bevölkerung. Im Detail ausgearbeitete Impfstoff-Anfragen stellten bisher 86 von 92 ärmeren Teilnehmerstaaten.

Einen Plan zur Lagerung, Verteilung und Verabreichung von Pfizer-BioNTech-Impfstoffen arbeitet derzeit Bangladesh aus. Die dortige Regierung war Anfang Januar 2021 auf ein Kaufangebot für ein Impfstoffkontingent eingegangen, das die COVAX Facility unterbreitet hatte. Über die Konditionen wurde bisher nichts bekannt.

Für denselben Impfstoff machte COVAX auch Südafrika als Land mit mittlerem Einkommen ein Kaufangebot. Der vorgeschlagene Preis von zehn US-Dollar pro Dosis ist halb so hoch wie der reguläre Preis in den USA. Die südafrikanische Regierung lehnte das Kaufangebot als unerschwinglich ab und verwies auf bilaterale Verhandlungen mit „mindestens zwei weiteren Herstellern“. Für seine Impfkampagne, die voraussichtlich im zweiten Quartal 2021 startet, verlässt Südafrika sich bisher weitgehend auf Lieferungen durch die COVAX-Initiative.

Hersteller von Impfstoffen, die mit der COVAX Facility zusammenarbeiten, sollen durch Vorab-Kaufverpflichtungen und Vorauszahlungen in die Lage versetzt werden, ihre Produktionskapazitäten zügig und umfangreich auszuweiten. Dafür will die COVAX Facility 5,7 Milliarden US-Dollar bereitstellen. In den Vorab-Kaufverpflichtungen werden Liefermengen, Lieferfristen und Preise festgelegt, wobei die COVAX Facility Preise aushandeln will, die höchstens auf dem Niveau bilateral abgeschlossener Lieferverträge mit einzelnen Staaten liegen. Wie die Impfstofflieferungen teilnehmenden Länder zugeteilt werden und zu verwenden sind, sollen WHO-Leitlinien regeln.

  • AstraZeneca hat die Lieferung von 170 Millionen Dosen des AstraZeneca/Oxford-Impfstoffs in einer Vorab-Kaufvereinbarung zugesagt.
  • Das US-Unternehmen Janssen (bzw. der Mutterkonzern Johnson & Johnson) hat eine Absichtserklärung zur Lieferung von 500 Millionen Dosen seines Impfstoffs abgegeben.
  • Das Serum Institute of India, das Impfstoffe in Lizenz von mehreren anderen Herstellern produziert, hat sich verpflichtet, COVAX jeweils 100 Millionen Dosen vom AstraZeneca/Oxford-Kandidaten und vom Impfstoffkandidaten des US-Herstellers Novavax zu liefern – zum Preis von 3 US-Dollar pro Dosis. Darüber hinaus laufen Verhandlungen zur Lieferung von weiteren 300 bis 400 Millionen Impfstoffdosen.
  • Sanofi/GSK (Frankreich/UK) stehen mit einer Absichtserklärung zur Lieferung von 200 Millionen Dosen ihres gemeinsamen Sanofi/GSK-Impfstoffs im Wort.
  • Pfizer und BioNTech haben ihr Interesse an der Lieferung ihres Impfstoffs für die COVAX Facility bekundet.

Zudem hat sich COVAX ein Vorkaufsrecht auf mehr als eine Milliarde Impfdosen gesichert. Es tritt dann in Kraft, wenn Impfstoffe, deren Entwicklung derzeit mit COVAX-Mitteln gefördert wird, eine behördliche Zulassung erhalten.

„Dass jetzt erste Impfstoffe zur Verfügung stehen, ist ein Lichtblick“, wird Tedros Adhanom Ghebreyesus, Generaldirektor der WHO, in einer Pressemitteilung von COVAX vom 18.12.2020 zitiert: „Wir werden die Pandemie nur dann wirklich beenden, wenn wir sie überall zur gleichen Zeit beenden. Und das gelingt nur, wenn wir einige Menschen in allen Ländern impfen, statt alle Menschen in einigen Ländern impfen.“