8. Juli 2026 Antikörper-Wirkstoff-Konjugate
Trotz großer Fortschritte in der Immunonkologie und anderen Feldern der medikamentösen Krebsmedizin bleibt das Bekämpfen von Krebszellen durch Chemotherapie für etliche Betroffene eine wichtige Behandlungsmöglichkeit. Oft können die Chemotherapeutika allerdings nicht so hoch dosiert werden, wie es für eine optimale Wirksamkeit wünschenswert wäre; denn das ginge mit unerträglichen Nebenwirkungen einher. Schließlich sind Chemotherapeutika relativ ungezielt wirksam: Sie greifen nicht nur Tumorzellen an, sondern auch viele andere teilungsaktive Zellen, was dem Knochenmark, der Leber und weiteren Organen zusetzen kann.
Das ist anders bei einer anderen Gruppe von Wirkstoffen in der Krebsmedizin: therapeutische Antikörper gegen maligne Zellen. Sie konnten gegen solche Krebsarten bzw. ihre Unterformen entwickelt werden, bei denen die Tumorzellen charakteristische Oberflächenproteine tragen, die bei gesunden Zellen nicht oder nur in weitaus geringerer Menge vorkommen. Die Antikörper zirkulieren nach dem Infundieren im Körper, um sich dann vor allem an die betreffenden Krebszellen zu heften. Damit markieren sie diese so, dass Immunzellen sie erkennen und bekämpfen.
Schon früh hatten Pharmaforschungsteams die Idee, beides zu verbinden: die Selektivität von Antikörpern mit der zellabtötenden Wirkung von Chemotherapeutika. „Verbinden“ ist dabei wörtlich gemeint: Denn bei den daraufhin entwickelten Wirkstoffen sind ein Antikörper und ein oder mehrere Chemotherapeutika-Moleküle chemisch verbunden worden – direkt oder über eine verbindende Molekülstruktur, die Linker genannt wird. Das Ganze wird dann Antikörper-Wirkstoff-Konjugat genannt (von lateinisch „conjugare“ = „verbinden, zusammenschließen“), oder englisch Antibody Drug Conjugate (ADC).
Nach einer Infusion sorgt der Antikörper-Teil der ADCs dafür, dass diese vor allem an die Krebszellen gelangen und weitaus weniger in andere Gewebe. Die ADC werden von den Zellen sodann ins Innere befördert, wo die Chemotherapeutika-Moleküle freigesetzt werden. Diese schädigen die Tumorzellen dann so nachhaltig, dass diese ihre Selbstzerstörung (Apoptose) einleiten.
Eine Krebsart, für die eine solche Behandlung beispielsweise in Betracht kommt, ist HER2-positiver Brustkrebs. Hier tragen die Brustkrebszellen den Rezeptor HER2 im Übermaß auf ihrer Oberfläche. Antikörper, die sich gezielt daran binden, sind schon seit dem Jahr 2000 zugelassen. Zwei Unternehmen haben solche Antikörper vor einigen Jahren mit Chemotherapeutika gekoppelt und bieten sie für eine Therapie von Patient:innen an, bei denen vorangegangene Therapien nicht oder nicht mehr wirksam sind. Zwei ADC sind auch zugelassen zur Behandlung von Frauen mit Brustkrebs, bei denen die Krebszellen an der Oberfläche viel Trop-2-Protein aufweisen (an das der Antikörper im ADC jeweils bindet).
Zugelassene ADCs gibt es darüber hinaus für eine Reihe weiterer Krebsarten, darunter sowohl solide Tumore (wie z. B. Blasenkrebs, Zervix- oder Ovarialkarzinom) als auch hämatologische Krebsarten (wie etwa Multiples Myelom, akute myeloische oder lymphatische Leukämie oder bestimmte B-Zell- oder T-Zell-Lymphome).
Die Chemotherapeutika in den Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten
Man könnte vermuten, dass für die Entwicklung von ADCs einfach die Chemotherapeutika verwendet werden, die schon seit dem 20. Jahrhundert in der Krebsmedizin eingesetzt werden; doch ist das nicht der Fall. Vielmehr werden dafür vor allem solche Chemotherapeutika herangezogen, bei denen schon vergleichsweise wenige Moleküle eine stark zellschädigende Wirkung erzielen.
Auffällig ist, dass die in ADCs verwendeten Chemotherapeutika in der Regel von Giftstoffen aus der Natur abgeleitet sind – auch wenn sie selbst chemisch hergestellt werden. Das zeigt die folgende Tabelle:
| Beim Chemotherapeutikum handelt es sich um ... | Vorbild ist ein Stoff aus ... | Wirkprinzip | Bezeichnung für das linkergebundene Chemotherapeutikum im Wirkstoffnamen eines ADC |
| ein Camptothecin-Derivat | dem Baum Camptotheca acuminata | Inhibition der Topoisomerase I | Adizutecan, Brengitecan, Deruxtecan, Drozuntecan, Exatecan, Govitecan, Pamirtecan, Pelitecan, Repodatecan, Rezetecan, Samrotecan, Sesutecan, Tavatecan, Tirumotecan, Tocentecan |
| eins der Duocarmycine | bestimmten Bakterien der Gattung Streptomyces | Alkylierung der DNA | Duocarmycin |
| ein synthet. Halichondrin B-Derivat | dem Meeresschwamm Halichondria okadai | Inhibition der Mikrotubuli-Dynamik ohne Depolymerisation von Tubulin | Ecteribulin |
| das Maytansinoid DM1 Externer-Link (Öffnet im neuen Fenster) , ein Maytansin-Derivat | dem Strauch Maytenus serrata | Inhibition der Mikrotubulibildung | Emtansin, Mertansin |
| das Maytansinoid DM4 Externer-Link (Öffnet im neuen Fenster) , ein Maytansin-Derivat | dem Strauch Maytenus ovatus | Inhibition der Mikrotubulibildung | Ravtansin, Soravtansin |
| ein Dolastatin-Derivat (= Derivat von Monomethyl Auristatin F) | der Meeres-Nacktschnecke Dolabella auricularia | Inhibition der Mikrotubulibildung | Botidotin, Entudotin, Fuvedotin, Mafodotin, Opadotin, Pervedotin, Vedotin |
| ein Calicheamin | dem Bakterium Micromonospora echinospora | Hervorrufen von Doppelstrangbrüchen in der DNA | Ozogamicin |
| ein Pyrrolo-benzodiazepin-Dimer | natürliche Pyrrolo-benzodiazepin-Monomere Externer-Link (Öffnet im neuen Fenster) wie Anthramycin oder Sibiromycin aus den Bakterien Streptomyces refuineus bzw. Streptosporangium sibiricum | Schädigung der DNA | Tesirin |
Erprobt werden derzeit u.a. auch ADCs, die das Knollenblätterpilz-Gift Amanitin enthalten.
Zwingend ist es allerdings nicht, von Natur-Giften abgeleitete Gifte zu vewenden. So enthalten beispielsweise ADCs, die durch die Inhibition der Myristoylierung von Proteinen wirksam sind, synthetische Inhibitoren der Enzyme N-Myristoyltransferase 1 und 2 als Zellgifte.
Konjugate mit Radiopharmaka oder anderen Wirkstoffen
Neben Chemotherapeutika kommen als „Payload“ (so der Pharma-Jargon; zu Deutsch etwa "Nutzlast") für ein Antikörper-Wirkstoff-Konjugat auch Wirkstoffe anderen Typs in Betracht. Dazu zählen unter anderem Radiopharmaka, also chemische Verbindungen mit radioaktiven Atomen, die beim Zerfall Strahlung kurzer Reichweite (Alpha- oder Betastrahlen) aussenden. Dank der selektiven Bindung der Antikörper konzentriert sich die radioaktive Strahlung dann direkt auf den Tumor: gewissermaßen wird eine Strahlentherapie von innen vollzogen. Bislang ist nur ein solches Antikörper-Radiopharmakon-Konjugat zugelassen (gegen verschiedene Lymphome), doch weitere sind in klinischer Entwicklukng und könnten in Zukunft folgen.Bei Antikörper-Oligonukleotid-Konjugaten besteht die "Nutzlast" aus einem Oligonukleotid, das die Zielzelle nicht abtöten, sondern in ihrer Genexpression beeinflusst. Dazu muss das Antikörper-Oligonukleotid-Konjugat nach dem Andocken an die Zielzelle in diese hineingezogen (internalisiert) werden.
Anwendung von Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten
ADCs werden bislang vor allem eingesetzt, wenn Patient:innen auf bisherige Therapien nicht oder nicht mehr angesprochen haben und es darum geht, ihr Überleben zu verlängern. In diesen Anwendungen werden sie vergleichsweise hoch dosiert, so dass auch sie dann zu Nebenwirkungen wie etwa Haarausfall, Leberkomplikationen und Störungen der Blutbildung führen können. In vergleichenden Studien zeigen sie sich in dieser Therapiesituation aber in ihrer Wirksamkeit hinsichtlich verschiedener Wirksamkeitskriterien als überlegen, beispielsweise bezüglich der Zeit, bis beim Tumor wieder eine Verschlechterung der Situation beobachtet wurde (time to progression).Antikörper-Wirkstoff-Konjugate in Entwicklung
Unternehmen arbeiten an vielen weiteren Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten mit Chemotherapeutika oder auch Radiotherapeutika als Liganden. Zwar ist derzeit (Stand 08.07.2026) kein entsprechendes Medikament im Zulassungsverfahren; aber etliche werden in Studien der Phasen III oder II mit Patient:innen erprobt.Den Unternehmen geht es zum einen darum, auch Patienten und Patientinnen mit weiteren Krebsarten eine Behandlung mit Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten zu ermöglichen. Zum anderen suchen sie auch nach Möglichkeiten, die Wirksamkeit der ADC-Therapien noch zu steigern. Das kann beispielsweise dadurch erreicht werden, dass die Zahl der Chemotherapeutika-Moleküle, die ein Antikörper als Payload mitbekommt, noch weiter erhöht wird.
Außerdem erproben mehrere Unternehmen neue Linker-Moleküle, die die Chemotherapeutika noch zuverlässiger an den Antikörper binden. Das soll der Verträglichkeit der Konjugate zugute kommen.
Einige Unternehmen entwickeln auch noch einen ganz neuen Typ von ADC: sogenannte Immunzytokine. Bei diesen sind es ein oder mehrere Zytokin-Moleküle, die über Linker mit einem Antikörper verbunden sind. Zytokine sind Botenstoffe des Immunsystems, mit denen Immunzellen andere Immunzellen zu bestimmten Handlungen bringen können. Das kann grundsätzlich auch für therapeutische Zwecke genutzt werden; doch steht dem im Wege, dass sie bei intravenöser Verabreichung auch in Organen wirksam sind, in denen sie gar keinen Effekt erzielen sollen. Durch Kopplung mit einem Antikörper jedoch kann ihre Wirkung weitgehend auf bestimmte Zellen fokussiert werden. Dieses Therapieprinzip stellte Prof. Dr. Stefan Zielonka Externer-Link (Öffnet im neuen Fenster) , Merck und TH Darmstadt, im April 2024 auf einem Workshop der Paul-Martini-Stiftung vor.
Standort Deutschland
Auch in Deutschland arbeiten einige Unternehmen an Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten – im Alleingang oder in Kooperation mit anderen Unternehmen. Sie bringen dann beispielsweise ihre Kompetenz für ein bestimmtes Zellgift in die Kooperation ein oder organisieren die klinische Entwicklung für ein andernorts erfundenes Medikament.Hier einige Beispiele: Das Unternehmen Daiichi Sankyo Externer-Link (Öffnet im neuen Fenster) ist dabei, in Bayern ein Werk für die Produktion von ADC-Medikamenten aufzubauen und dort auch weitere zu entwickeln. Das auf ADC spezialisierte Münchner Unternehmen Tubulis Externer-Link (Öffnet im neuen Fenster) wurde 2026 vom US-amerikanischen Unternehmen Gilead Sciences gekauft. Heidelberg Pharma Externer-Link (Öffnet im neuen Fenster) kooperiert für seine ADCs mit verschiedenen Pharmaunternehmen. BioNTech Externer-Link (Öffnet im neuen Fenster) führt die klinische Entwicklung für mehrere ursprünglich von chinesischen Unternehmen entwickelte ADCs durch.
