Mit armutsassoziierten vernachlässigten Tropenkrankheiten (neglected tropical diseases, NTDs) werden einige Infektionskrankheiten bezeichnet, die vor allem bei der ärmeren Bevölkerung in Schwellen- und Entwicklungsländern auftreten und dort zwar weniger Todesopfer fordern als die "Großen Drei" (Malaria, Tuberkulose und HIV/AIDS), aber dennoch eine große Krankheitslast mit sich bringen. Ihr Verbreitungsgebiet geht mitunter über die Tropen hinaus.

(© Sabin Vaccine Institute / E. Havens)


In der Summe ist von ihnen rund ein Siebtel der Erdbevölkerung betroffen (manche gehen sogar von einem Sechstel aus). Für rund eine halbe Million Menschen jährlich sind NTDs die Todesursache, aber darüber hinaus sind sie auch ein wesentlicher Grund für Behinderung, körperliche Entstellung, Stigmatisierung, Einbuße an Leistungsvermögen in der Schule, am Ausbildungs- oder am Arbeitsplatz. Es gibt auch enge Zusammenhänge zwischen NTDs und Mangelernährung; beispielsweise weil eine Reihe von Wurmerkrankungen zu Blutarmut und verminderter Nährstoffaufnahme führen, aber auch, weil Menschen aus Angst vor Ansteckung den Ackerbau in Gebieten aufgeben, in denen man besonders ansteckungsgefährdet ist.

Mit Medikamenten gegen armutsassoziierte Tropenkrankheiten

1987

Flussblindheit

Beginn des WHO-Programms für Flussblindheits-Patienten; MSD spendet das Medikament

1992

Leishmaniose

Unterstützung des Leishmaniasis Control Programs der WHO durch Gilead Sciences; ab 2011 auch Spende eines Medikaments

Lepra

Beginn des Programms der WHO für kostenfreie Behandlungen; Novartis spendet (seit 2000) die Medikamente

1995

Afrikanische Schlafkrankheit

Beginn der WHO-Programme gegen Schlafkrankheit; Sanofi (seit 2001) und Bayer (seit 2002) spenden die Medikamente, seit 2009 auch für eine neue Kombinationstherapie

1998

Trachom

Beginn der „International Trachoma Initiative“; Pfizer spendet das Medikament

2000

Elefantiasis, lymphatische Filariose

Beginn der „Global Alliance to Eliminate Lymphatic Filariasis“; die Medikamente spenden GlaxoSmithKline, MSD, Eisai und Sanofi

2003

DNDi

Gründung der „Drugs for Neglected Diseases Initiative“ (DNDi), einer Product Development Partnership zur Entwicklung neuer Medikamente v. a. gegen armutsassoziierte Tropenkrankheiten. Zahlreiche Pharma- Unternehmen wirken seither an der Forschung und Entwicklung mit.

2004

Chagas-Krankheit

Beginn der Bekämpfungsprogramme der WHO; Bayer spendet das Medikament

2006

bodenübertragene Würmer

Beginn der Initiative „Children Without Worms“; Janssen und GlaxoSmithKline spenden die Medikamente

2007

Bilharziose

Beginn der WHO-Programme gegen die Krankheit; Merck spendet das Medikament


Leberegel-Befall
(Fasziolose)

Beginn des WHO-Programms gegen Fasziolose; Novartis spendet das Medikament

2010

Lungenegel-Befall
(Paragonimose)

Beginn des WHOProgramms gegen Paragonimose; Novartis spendet das Medikament

2011

WIPO Re:Search

Gründung von WIPO Re:Search. Diese Organisation fördert den Austausch von Forschungsergebnissen, Technologien und Lizenzen zwischen Firmen und Forschungseinrichtungen, u. a. zu armutsassoziierten Tropenkrankheiten.

2012

London Declaration

Regierungen, Organisationen und Unternehmen vereinbaren eine partnerschaftliche Ausweitung der Bekämpfung von zehn armutsassoziierten Tropenkrankheiten; beteiligt sind die Unternehmen Abbott (heute AbbVie), AstraZeneca, Bayer, Becton Dickinson, Bristol-Myers Squibb, Eisai, Gilead Scienes, GlaxoSmithKline, Janssen (Johnson & Johnson), Merck, MSD, Novartis, Pfizer und Sanofi

2015

Rekord

Mit Arzneimitteln für mehr als 1,5 Milliarden Behandlungen wird ein neuer Jahres-Rekordwert bei gespendeten Medikamenten gegen armutsassoziierte Tropenkrankheiten erreicht.

2020

Etappenziel

Bis zu diesem Jahr sollen zehn armutsassoziierte Tropenkrankheiten regional eliminiert oder eingedämmt sein. Die Bekämpfung solcher Krankheiten wird aber weitergehen.



(© vfa / adlerschmidt)

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Deshalb bedeutet die Bekämpfung der NTD und die Heilung von Betroffenen nicht nur die Überwindung von individuellem Leid, sondern trägt auch zu anderen Entwicklungszielen bei, beispielsweise
  • zu einem besseren Ernährungsstatus,
  • zu Ausbildung und Arbeitsvermögen,
  • zur Entlastung von Angehörigen von Pflegeaufgaben,
  • zur “Befreiung” von Ackerland (insbesondere im Fall der Bekämpfung der Flussblindheit),
  • zu einem geminderten Risiko bei anderen Krankheiten oder bei der Geburt,
  • zu mehr Gesundheitsfürsorge von Staaten für vernachlässigte Bevölkerungsgruppen, also einer Stärkung der dortigen Gesundheitssysteme.


Die Liste bekannter vernachlässigter Krankheiten ist lang. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat aber vor einigen Jahren die Bekämpfung von 17 NTDs priorisiert:
  • Buruli Ulcus (B)
  • Trachom (B)
  • Lepra (B)
  • Dengue-Fieber (V)
  • Tollwut (V)
  • Afrikanische Schlafkrankheit (E)
  • Chagas-Krankheit (E)
  • Leishmaniosen (E)
  • Bilharziose (Schistosomiasis) (W)
  • Bodenübertragene Wurmerkrankungen (Spul-, Haken- und Peitschenwürmer) (W)
  • Echinokokkose (W)
  • Flussblindheit (Onchozerkose) (W)
  • Medinawurm (Guineawurm)
  • Lebensmittel-übertragene Wurmerkrankungen (W)
  • Lymphatische Filariose (z.B. Elephantiasis) (W)
  • Treponematosen (z.B. Frambösie) (W)
  • Zystizerkose (Blasenwurm) (W)

Die Erreger sind B = Bakterien, V = Viren, E = Einzeller oder W = Würmer.

Die WHO und andere beschäftigen sich aber auch mit weiteren NTD wie dem Befall mit Leberegeln (Fasziolose) oder Lungenegeln (Paragonimose).


Bekämpfungsprogramme gegen NTDs

Seit vielen Jahren wird versucht, NTDs zu bekämpfen. Die WHO hat hier eine führende Rolle und kooperiert dafür mit Regierungen, Hilfsorganisationen, medizinischen Einrichtungen vor Ort und Pharma-Unternehmen. Die Programme sind dabei meist sowohl auf Behandlung als auch auf Prävention weiterer Infektionen wie auch Aufklärung der Bevölkerung über die Krankheiten ausgerichtet.

Pharma-Unternehmen tragen insbesondere mit gespendeten Medikamenten zu den Bekämpfungsprogrammen bei. Das erste Arznei-Spendenprogramm wurde schon 1987 begonnen, viele weitere sind im Laufe der Jahre dazu gekommen. Die Spendenprogramme haben in vielen Fällen einen großen Umfang; manche sind sogar hinsichtlich der Liefermenge und auch im Zeithorizont unlimitiert.

Im Jahr 2012 wurden diese Programme noch einmal ausgeweitet, als sich zahlreiche forschende Pharma-Unternehmen aus Industrienationen im Rahmen der „London Declaration“ verpflichteten, an der Ausrottung oder Eindämmung von zehn sogenannten vernachlässigten tropischen Krankheiten bis 2020 mitzuwirken: lymphatische Filariose, Lepra, afrikanische Schlafkrankheit, Trachom, Bilharziose, bodenübertragene Wurmkrankheiten, Chagas, viszerale Leishmaniose, Flussblindheit und Medina-Wurm-Befall.

Partner der London Declaration waren und sind die Bill & Melinda Gates Foundation, die WHO, internationale Gesundheitsorganisationen, die Weltbank, mehrere Regierungen und Unternehmen, darunter die Pharma-Unternehmen AbbVie, AstraZeneca, Bayer, Bristol-Myers
Squibb, Eisai, Gilead Sciences, GlaxoSmithKline, Janssen, Merck, MSD, Novartis, Pfizer und Sanofi.

Die Unternehmen machten dabei Zusagen für Medikamentenspenden für ca. 14 Milliarden Behandlungen, verstärkte Arzneimittelforschung und die Förderung von Infrastrukturmaßnahmen und Gesundheitskampagnen. Zu marktüblichen Konditionen gekauft, hätten die zugesagten Medikamente einen Wert von 19 Milliarden US-Dollar.

Medikamente mit folgenden Wirkstoffen werden von forschenden Pharma-Unternehmen für die Bekämpfung von NTD gespendet:

  • Afrikanische Schlafkrankheit: Eflornithin (Sanofi), Nifurtimox (Bayer), Suramin (Bayer), Pentamidin (Sanofi), Melarsoprol (Sanofi) u. a.
  • Bilharziose: Praziquantel (Merck)
  • Boden-übertragene Würmer: Mebendazol (Janssen), Albendazol (GSK), Triclabendazol (Novartis)
  • Chagas: Nifurtimox (Bayer)
  • Flussblindheit: Ivermectin (MSD)
  • Leber- und Lungenegel-Befall (Fasziolose und Paragonimose): Triclabendazol (Novartis)
  • Lymphatische Filariose: Albendazol (GSK), Ivermectin (MSD), DEC (Eisai)
  • Leishmaniose: liposomales Amphotericin B (Gilead Sciences)
  • Lepra: Clofazimin/Rifampicin/Dapson (Novartis)
  • Trachom: Azithromycin (Pfizer)

Von Generika-Herstellern wurden für NTD-Programme bislang keine Medikamente gespendet.


Allein im Jahr 2014 wurden Medikamente für 1,45 Milliarden Behandlungen gespendet; die meisten davon gegen lymphatische Filariose. Das geht aus dem dritten Fortschritts-Bericht zur London Declaration (Uniting to Combat Neglected Tropical Diseases (ed.), Country Leadership and Collaboration on Neglected Tropical Diseases: Third Progress Report of the London Declaration, 2015) hervor.

Im Jahr 2014 konnten laut WHO rund 800 Millionen Menschen gegen eine oder mehrere NTDs behandelt werden.


Präventivbehandlung oder gezielte Behandlung Erkrankter

Bei der Bekämpfung der NTD werden je nach Krankheit unterschiedliche Strategien verfolgt: entweder die der flächendeckenden Präventivbehandlung oder aber die der gezielten Behandlung der tatsächlich Erkrankten.

Flächendeckende Präventivbehandlungen (in der englischen Literatur meist als "preventive chemotherapy" (PCT) bezeichnet, was nichts mit Chemotherapie gegen Krebs zu tun hat) sind dann sinnvoll, wenn die nötigen Medikamente nur einmal (oder kurzzeitig) angewandt werden müssen und so gut verträglich sind, dass es verantwortbar ist, sie jedem zu geben, der betroffen sein könnte, auch ohne die Infektion vorher im Einzelfall zu diagnostizieren. Es werden dann beispielsweise alle Menschen oder alle Schüler einer gefährdeten Region behandelt, die dazu bereit sind; den Infizierten nützt es, den Nicht-Infizierten schadet es nicht. Ein Beispiel für eine flächendeckende Präventivbehandlung ist das Programm Children without Worms (siehe Kasten).

Seit einiger Zeit werden im Rahmen der nationalen Bekämpfungsstrategien der betroffenen Staaten mehrere krankheitsbezogen Behandlungsprogramme zusammengefasst; etwa Menschen gleich präventiv gegen fünf Krankheiten behandelt.

Herausforderungen bei der PCT sind zum einen die Organisation der Behandlungsaktionen – es müssen dafür viele Menschen im ländlichen Raum erreicht werden. Das ist schwierig, weil gerade die ländlichen Regionen meist nur unzureichend medizinisch versorgt sind. Die Behandlungsprogramme stützen sich in solchen Fällen oft auf die örtlichen Strukturen und Eigenleistung der Dorfgemeinschaften („community based approach“).

Eine andere Herausforderung besteht darin, die Menschen nach einer PCT-Maßnahme möglicht lange vor einer Wieder-Infektion zu bewahren. Hierfür ist es ganz entscheidend, die Behandelten über ihre Möglichkeiten zur Risikosenkung aufzuklären. Parallel dazu werden können die Überträger (z.B. Mücken) bekämpft und die hygienischen Verhältnisse verbessert werden.


Beispiel Children without Worms

Children without Worms ist ein Programm gegen boden-übertragene Würmer, das im Rahmen einer Public-Private Partnership unter der Mitwirkung der Weltgesundheitsorganisation WHO und von nationalen Gesundheitsbehörden, NGOs und Unternehmen vorangetrieben wird. Die beteiligten Pharma-Unternehmen Janssen und GlaxoSmithKline spenden die benötigten Medikamente.

Ziel ist, Kinder von Spul-, Haken- und Peitschenwürmern zu befreien, die im Darm leben, was zu Blutarmut, Unterernährung und Wachstumsstörungen, in manchen Fällen auch zum Tode führt. Es wird geschätzt, dass mehr als 1,2 Milliarden Menschen an Spul-, mehr als 700 Millionen an Haken- und mehr als 800 Millionen an Peitschenwürmern leiden. Sie alle werden über menschliche Exkremente übertragen, was in Gegenden ohne geordnete sanitäre Einrichtungen bedeutet, dass die Ansteckung über den Boden stattfindet.

Children without Worms organisiert Präventivbehandlungen für Klein- und für Schulkinder in betroffenen Regionen. Ohne Prüfung der individuellen Befallssituation erhalten alle Kinder Medikamente, die die Würmer abtöten.

Im Rahmen des Programms werden aber auch Maßnahmen gegen erneute Ansteckung gefördert; ferner setzt sich das Programm für mehr Engagement für bessere sanitäre Verhältnisse ein.

2012 konnten laut WHO ca. 29 % aller Kleinkinder und 37 % aller Schulkinder in Gefährdungsgebieten behandelt werden.


Bei einigen anderen NTDs ist eine Präventivbehandlung nicht angezeigt, weil die Therapie nebenwirkungsreich oder langwierig ist, was Gesunden nicht zuzumuten ist. Dann müssen die Programme auf das Finden und gezielte Behandeln Erkrankter ausgerichtet werden (auf das sogenannte "intensified disease management"). So geht die WHO mit ihren Partnern beispielsweise bei der Bekämpfung von Schlafkrankheit und Chagas vor.
In der Demokratischen Republik Kongo fahren beispielsweise Ärzteteams systematisch von Dorf zu Dorf und untersuchen alle Dorfbewohner, die dazu bereit sind, auf mögliche Infektionen. Auf diese Weise wurde im Falle der afrikanischen Schlafkrankheit die Prävalenz von geschätzt 200.000 Infizierten im Jahr 1996 auf heute weniger als 20.000 reduziert.