Pharmafirmen sorgen für neue Medikamente – auch für solche gegen seltene Erkrankungen. Gegenüber Medikamenten für häufige Krankheiten gelten bei ihnen ein paar rechtliche Besonderheiten, über die es immer wieder Unklarheiten gibt. Hier sind die wichtigsten Fakten zusammengestellt.

(© vfa / H. Klappert)
Seit dem Jahr 2000 haben Pharmafirmen verstärkt Medikamente gegen seltene Erkrankungen entwickelt – sogenannte Orphan Drugs (siehe www.vfa.de/orphans). In den letzten Jahren machten diese sogar durchschnittlich ein Fünftel der jährlich neu eingeführten Medikamente aus (siehe Tabelle 1). Mit diesen Mitteln wurde beispielsweise Patienten mit Lungenhochdruck, Leukämien und anderen seltenen Krebsarten sowie verschiedenen Erbkrankheiten das Leben gerettet oder ihre schweren Symptome gelindert. Die Firmen haben damit den Forderungen der Ärzte, Selbsthilfegruppen, der EU-Kommission und vielen nationalen politischen Institutionen entsprochen, die kontinuierliche Anstrengungen für mehr Orphan Drugs nachdrücklich einfordern. Angesichts von schätzungsweise 6.000 bis 8.000 bekannten seltenen Erkrankungen und Defiziten in der Versorgung der Erkrankten ist allerdings deutlich, dass es weiterhin noch viel zu tun gibt.

Anteil der Orphan-Drugs an den Neueinführungen von Medikamenten in Deutschland
2006:28 %
2007:26 %
2008:16 %
2009:14 %
2010:25 %
2011:04 %
2012:25 %
2013:15 %
2014:27 %
2015:33 %

Der Anteil schwankt von Jahr zu Jahr, ohne dass ein Trend erkennbar wäre. Im Schnitt der letzten fünf Jahre machen Orphan Drugs rund 21 % der jährlichen Neueinführungen aus.

Wie viele Orphan Drugs in den vergangenen Jahren zugelassen wurden, zeigt die folgende Grafik:
Quelle: vfa (© vfa)


Die Grafik lässt sich hier auch als pdf herunterladen.


Eine Reihe von Bestimmungen regeln die Zulassung und Erstattung von Orphan Drugs:

  • In der EU gelten als seltene Krankheiten im Sinne der Orphan Drug-Verordnung ausschließlich schwerwiegende Erkrankungen, an denen nicht mehr als einer von 2.000 EU-Bürgern leidet. Welche Krankheiten das konkret sind, entscheidet die EU-Arzneimittelbehörde EMA. Ein Zerlegen einer häufigen Krankheit in Unterformen, die dann für sich genommen selten auftreten, lässt sie nicht zu.


  • Derzeit (Stand Februar 2014) sind in der EU 69 Medikamente mit Orphan Drug-Status zugelassen (siehe www.vfa.de/orphans); mehr als die Hälfte davon betreffen Krankheiten, an denen EU-weit sogar weniger als einer von 5.000 EU-Bürgern leiden. Hinzu kommen 32 Medikamente, die weiterhin zur Behandlung seltener Krankheiten zur Verfügung stehen, deren Orphan-Drug-Status aber nach 10 Jahren abgelaufen oder von der Firma zurückgegeben wurde.


  • Unternehmen können für ein Medikamentenprojekt gegen eine seltene Krankheit lange vor der Zulassung den Orphan Drug-Status beantragen. Wird ein daraus hervorgehendes Medikament zugelassen, erhält es in der EU eine zehnjährige Marktexklusivität, die unabhängig vom Patentschutz gilt und auch ähnliche Wettbewerber-Medikamente vom Markt fern hält, solange diese nicht überlegen sind (oder einen Versorgungsengpass überwinden helfen).


  • Am Ende des fünften Jahres im Markt wird überprüft, ob die Voraussetzungen für den Orphan Drug-Status noch gegeben sind. Tritt die Erkrankung inzwischen bei mehr als einem von 2.000 EU-Bürgern auf, wird der Status aufgehoben und damit auch die Marktexklusivität gegenüber anderen patentierten Wettbewerberpräparaten. Außerdem erlischt das Exklusivrecht sofort, wenn ein anderer Anbieter nachweisen kann, dass sein Präparat sicherer, wirksamer oder unter anderen Aspekten therapeutisch überlegen ist. Damit bietet die Marktexklusivität dem Hersteller keine absolute, sondern nur eine relative Garantie für einen begrenzten Zeitraum, das ohnehin nur kleine Marktsegment bei einer seltenen Erkrankung alleine bedienen zu können.


  • Unternehmen erhalten eine teilweise oder vollständige Befreiung von den EMA-Gebühren (z.B. Gebühren für die wissenschaftliche Beratung zur klinischen Entwicklung, Gebühren für die Inspektion der Herstellungsstätte vor der Zulassung, Zulassungsgebühren), wobei kleine und mittelständische Unternehmen (KMUs) im Gegensatz zu Nicht-KMUs von den meisten Gebühren vollständig befreit sind.


  • Die Anforderungen für die klinische Erprobung und die Zulassung von Medikamenten sind unabhängig von der Häufigkeit der Krankheit: Stets müssen Wirksamkeit, Verträglichkeit und technische Qualität des Medikaments belegt werden. Bei seltenen Krankheiten ist die Durchführung der dazu notwendigen Studien oft besonders schwierig, weil die Teilnehmer weltweit gesucht werden müssen. Ist das Mittel nach der Zulassung im Einsatz, verlangen die Behörden vom Hersteller noch Berichte über das Behandlungsergebnis bei weiteren Patienten.


  • Ein Orphan Drug-Status führt nicht zu einem beschleunigten Zulassungsverfahren.


  • Der Marktzugang eines Orphan-Medikaments ist in Deutschland zuletzt durch das Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG) geregelt worden: Wie bei anderen Medikamenten auch muss der Hersteller dem für Erstattungsfragen zuständigen Gremium, dem Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), kurz nach der Markteinführung ein Dossier einreichen, das Angaben zum Präparat und seinem Nutzen enthält. Nach der Quantifizierung des Zusatznutzens durch den G-BA muss der Hersteller dann mit dem Spitzenverband der Krankenkassen über den Erstattungsbetrag für das Medikament verhandeln. Die Kombination aus Zusatznutzen-Bestimmung und Erstattungsbetragsverhandlungen wird oft als „AMNOG-Verfahren“ bezeichnet.
    Dieses Verfahren unterscheidet sich für Orphan Drugs nur in zwei Punkten von dem bei anderen Arzneimitteln: Im Dossier kann sich der Hersteller zur Nutzen-Frage auf die Bewertung im Rahmen des Zulassungsverfahrens berufen, da der Orphan-Status an den Nachweis eines Zusatznutzens gebunden ist und vor der Zulassung auf europäischer Ebene erneut überprüft wird. Und die Quantifizierung des Zusatznutzens nimmt der G-BA selbst und ohne Beauftragung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) vor.
    Erzielt allerdings das Orphan-Medikament einen Jahresumsatz von 50 Millionen Euro oder mehr, wird es rechtlich wie ein gewöhnliches Arzneimittel behandelt: ein gewöhnliches Dossier ist einzureichen und initiiert eine frühe Nutzenbewertung mit anschließender Erstattungsbetrags-Verhandlung im normalen Modus.
    Es kann demzufolge sogar geschehen, dass ein Orphan-Medikament das AMNOG-Verfahren kurz nacheinander zweimal durchläuft: zunächst in der „Orphan-Variante“, dann – nachdem der Jahresumsatz die 50 Millionen Euro überschritten hat – in der gewöhnlichen Form.


  • Eine einstellige Zahl von Orphan Drugs hat den Firmen, die sie entwickelt haben, seit ihrer Markteinführung mehr als 50 Millionen Euro Jahresumsatz in Deutschland eingebracht. Die meisten anderen sind jedoch kommerziell absolute Nischenpräparate mit geringem Umsatz geblieben.


Fazit: Orphan Drugs sind für Patienten mit seltenen Erkrankungen von höchster Bedeutung; für die Firmen stellen sie eine mal größere, in der Regel jedoch eher kleinere Einnahmequelle dar. Zur Abkürzung von Zulassungszeiten, zur Vereinfachung der Zulassung oder zur Erleichterung des Marktzugangs in Deutschland eignet sich der Orphan Drug-Status – entgegen mancher Mutmaßungen – hingegen nicht.