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6. Februar 2012

Dauerbehandlung der Multiplen Sklerose: Spritzen ade?

 
Die heutigen Medikamente zur Dauerbehandlung der Multiplen Sklerose können bei vielen Patienten einen Teil der Krankheitsschübe verhindern und das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen – allerdings nicht bei allen. Auch leiden etliche Patienten darunter, dass sie sich die Medikamente spritzen müssen. Pharmafirmen entwickeln deshalb neue Medikamente, die als Tabletten eingenommen werden können.

Bei Multipler Sklerose greifen Immunzellen (hellblau) die Schutzschicht der Nervenzell-Verbindungen an. (© vfa / capture-mm)
Multiple Sklerose (MS) ist eine chronische Krankheit von Gehirn und Rückenmark (dem zentralen Nervensystem, ZNS), die meist im frühen Erwachsenenalter beginnt. In Deutschland leiden rund 130.000 Menschen daran, davon doppelt so viele Frauen wie Männer. Bei der Krankheit greift das Immunsystem die Umhüllung der Nervenzellen an und zerstört schließlich auch die Zellen selbst. Häufige Symptome sind Sehstörungen, Krämpfe, Müdigkeit, Taubheitsempfindungen, Unsicherheiten beim Gehen, Lähmungen oder Störungen beim Entleeren von Darm oder Blase.

Meist verläuft die MS in Schüben, also Phasen mit Symptomen, die sich dann wieder rückläufig sind. Je nachdem, ob sich die angegriffenen Stellen im ZNS regenerieren können oder nur vernarben, normalisieren sich die Funktionen nach dem Schub wieder oder bleiben beeinträchtigt. Im ZNS von MS-Patienten finden sich oft nach einiger Zeit vielfache Vernarbungen (medizinisch „multiple Sklerosen“), die der Krankheit auch den Namen geben. Nach 10-15 Jahren bleibt bei einem Drittel dieser Patienten die Regeneration nach einem Schub aus. Anders als beim schubförmigen Verlauf schreitet bei rund 10 % der Patienten MS von Beginn an unaufhaltsam fort. Dieser seltene, aber schwerste Krankheitsverlauf, ist auch heute noch kaum beeinflussbar.

Hingegen stehen für Patienten mit schubförmiger MS mehrere Medikamente zur Verfügung, die den Angriff des Immunsystems auf die Nervenzellen dämpfen. Bei akuten Schüben können Cortison-Präparate die Symptome dämpfen. Darüber hinaus können dauerhaft eingenommene sogenannte Basistherapeutika viele Schübe verhindern und das Fortschreiten der Krankheit hinauszögern. Zu den schon länger verfügbaren zählen Betainterferon-Präparate und ein synthetisch hergestelltes Peptidgemisch. Schlagen sie an, können sie etwa ein Drittel aller neuen Schübe verhindern und die Schwere der Schübe vermindern. Dadurch wird das Forschreiten der Krankheit verzögert, und die Erkrankten behalten länger ihre Unabhängigkeit zur Bewältigung des Alltags.

Leiden Patienten trotzdem an häufigen Schüben, kann auch ein Antikörperpräparat (zur Dauerbehandlung) oder ein Chemotherapeutikum (zur Schub- und Dauerbehandlung) eingesetzt werden, was jedoch mit höheren Risiken für die Patienten durch belastende, in Einzelfällen auch schwere Nebenwirkungen verbunden ist.

Ein Etappensieg

Damit sind die Therapiemöglichkeiten für MS-Patienten heute erheblich besser als noch bis Mitte der 1990er Jahre, als es noch keinerlei Basistherapie für sie gab. Dennoch ist vieles bis heute nicht zufriedenstellend: Die Betainterferone und das synthetische Peptidgemisch wirken nur bei rund 70% der Patienten, können das Fortschreiten der Krankheit zwar deutlich bremsen, aber nicht verhindern und sie müssen zudem ein- oder mehrmals wöchentlich selbst gespritzt werden, was viele Betroffene stark belastet. Aufgrund von Nebenwirkungen wie grippeähnliche Symptome oder Reaktionen an der Einstichstelle und bei Kinderwunsch müssen in etwa 12 % der MS-Patienten ihre Therapie abbrechen.

Seit Längerem versuchen Pharmaforscher nun, neue Basis-Medikamente zu entwickeln, die möglichst besser verträglich, besser wirksam und zudem einfacher einzunehmen sind. Und Erfolge zeichnen sich ab: Ein erstes Präparat dieser neuen Generation konnte schon zugelassen werden, weitere könnten in den nächsten Jahren folgen.

Verwechslung führt zum Angriff auf das ZNS

Die neuen Medikamente – und darin unterscheiden sie sich nicht von den älteren – dämpfen bestimmte Zellen des Immunsystems, damit diese die Angriffe im ZNS unterlassen. Um zu verstehen, wie die Mittel wirken, hilft ein Blick auf die beteiligten Immunzellen.

Zu den Aufgaben des Immunsystems zählt, eindringende Krankheitskeime wie Viren oder Bakterien abzuwehren. Dazu muss es fähig sein, zwischen „fremd“ und „körpereigen“ zu unterscheiden. Bei der MS gelingt ihm dies jedoch im Falle der Nervenzell-Hüllen nicht: Das Immunsystem hält sie für fremd und startet einen Großeinsatz der Immunzellen, der allerdings nicht im gesamten ZNS gleichzeitig erfolgt, sondern sich auf einzelne Regionen konzentriert und dort zu einer Entzündung führt. Beteiligt am Immunangriff sind unterschiedliche weiße Blutkörperchen: sogenannte Fresszellen (Makrophagen, sie können andere Zellen in direktem Kontakt vernichten), T-Lymphozyten und B-Lymphozyten. Letztere schädigen das ZNS nicht direkt, sondern produzieren Antikörper, die sich auf die Nervenzell-Hüllen setzen und diese damit für weitere Immunzellen „zum Abschuss freigeben“.

Die neu entwickelten Medikamente gegen MS greifen an verschiedenen Stellen in den Entzündungsprozess ein (siehe Tabelle). Einige Präparate verhindern die Vermehrung bestimmter Immunzellen. Ein anderes hindert T- und B-Lymphozyten daran, die Lymphknoten zu verlassen und ins ZNS einzudringen. Ein weiteres stört die Kommunikation zwischen Immunzellen, so dass diese ihren Angriff nicht koordinieren können. Viele der neuen Medikamente können zudem als Tabletten eingenommen werden und müssen nicht gespritzt werden, was etliche Patienten als Erleichterung empfinden.

Tabelle: Laufende Projekte für Tabletten zur Basistherapie der Multiplen Sklerose in Phase II, III oder im Zulassungsverfahren (Stand: 06.02.2012).
Wirkstoff (Unternehmen)WirkungsweiseStand des Projekts
FingolimodVerhindert Freisetzung von T- und B-Lymphozyten aus den Lymphknotenzugelassen seit 04/2011 für Pat. mit hoher Krankheitsaktivität trotz Beta-Interferon oder mit rasch fortschreitender schwerer schubförmig-remittierender MS
Teriflunomidstoppt Vermehrung von T-Lymphozytenzur Zulassung eingereicht
Dimethylfumaratunterbindet die Kommunikation zwischen bestimmten Immunzellenin klinischer Erprobung, Phase III
Laquinimodungeklärtin klinischer Erprobung, Phase III
BAF-312verhindert, Freisetzung von T- und B-Lymphozyten aus den Lymphknotenin klinischer Erprobung, Phase II
ACT-128800verhindert Freisetzung von T- und B-Lymphozyten aus den Lymphknotenin klinischer Erprobung, Phase II


Patientenfreundlichere Therapie

Mit den neuen Medikamenten gegen MS, die sich schlucken statt spritzen lassen, könnte die Behandlung künftig deutlich patientenfreundlicher werden. Erste Studienergebnisse deuten zudem darauf hin, dass einige der neuen Präparate wirksamer sein könnten als die bisher verfügbaren. Darüber wird man sich aber erst dann ein gutes Bild machen können, wenn noch mehr Patienten die Präparate noch länger eingenommen haben.

Ob sich die neuen Medikamente zum Schlucken bewähren, wird aber insbesondere davon abhängen, wie zielgenau sie in ihrer Dämpfung von Immunreaktionen sind. Denn das Immunsystem soll ja auch unter MS-Therapie weiter Infektionen und Krebszellen bekämpfen können.

Für die Anwendungspraxis ist bei den neuen Präparaten auch noch zu klären, ob sie am besten statt der bisherigen Basis-Medikamente eingesetzt werden sollten oder aber in Kombination mit einem davon.

Darüber hinaus werden zurzeit noch weitere Wirkstoffe zur Basis-Behandlung von MS erprobt, die zwar nicht geschluckt werden können, aber möglicherweise in ihrer Wirksamkeit gegen Krankheitsschübe alles Bisherige übertreffen. Dazu gehört der neu entwickelte monoklonale Antikörper Ocrelizumab und der bereits für andere Krankheiten zugelassene Antikörper Alemtuzumab.

Für die Betroffenen besteht deshalb begründeter Anlass zur Hoffnung, bald aus der einen oder anderen Neuentwicklung auf diesem Gebiet persönlichen Nutzen ziehen zu können.
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