Neue Antibiotika: Den Vorsprung gegenüber resistenten Bakterien wahren
Antibiotika – Medikamente gegen schädliche Bakterien – zählen zu den größten Errungenschaften der Medizin. Zahlreiche Krankheiten wie Lungenentzündung, Scharlach, Syphilis und Wundinfektionen haben erst durch sie ihren Schrecken verloren. Unter den Todesursachen rangieren bakterielle Infektionen deshalb heute in Deutschland weit hinter den Herz-Kreislauf-Krankheiten und Krebs.
Rund 80 gegen zahlreiche Bakterienarten wirksame Antibiotika (sogenannte Breitband-Antibiotika) wurden schon entwickelt. Sie gehören verschiedenen Klassen an, die sich jeweils durch eine andere Molekülstruktur und Wirkungsweise auszeichnen (siehe nebenstehende Abbildung). Für die Einführung neuer Klassen waren die 1950er und 1960er Jahre sowie die frühen 2000er Jahre besonders bedeutend.
Die meisten Markteinführungen verzeichneten hingegen die 1980er- und 1990er-Jahre, als vor allem die Klassen der Makrolide, Cephalosporine und Fluorchinolonen erweitert wurden (siehe Balkendiagramm). Durch Änderungen in der Molekülstruktur ließen sich die Wirkstoffe beispielsweise so verbessern, dass sie gegen noch mehr unterschiedliche Bakterienarten wirksam waren oder die bakterienbefallenen Gewebe noch besser erreichten.
Auch heute noch lassen sich die meisten bakteriellen Infektionen mit diesen Mitteln gut behandeln. Doch immer wieder sind Patienten und Ärzte auch mit Keimen konfrontiert, die Widerstandskräfte gegen ein oder mehrere Antibiotika entwickelt haben – sogenannte Resistenzen. Dann müssen Ärzte auf andere Antibiotika ausweichen können. Die Entwicklung neuer Antibiotika ist deshalb von großer Bedeutung.
Forschende Pharma-Unternehmen nehmen diese Verantwortung wahr: So befinden sich zwei neue, kürzlich zugelassene Antibiotika vor der Markteinführung, ein weiteres im europäischen Zulassungsverfahren, sechs weitere in der letzten Phase der klinischen Erprobung, der sogenannten Phase III (siehe Tabelle). Eine Reihe weiterer Antibiotika befinden sich in früheren Stadien der klinischen und vorklinischen Entwicklung.
Tabelle: Antibiotika in Entwicklung, die mindestens Phase III erreicht haben
Wirkstoff des neuen Antibiotikums (Klasse)
Status in der EU
Anwendungsgebiete
Telavancin (ein Lipoglykopeptid)
zugelassen, noch nicht auf dem Markt
Komplizierte Haut- und Weichteilinfektionen durch gram-positive-Bakterien (auch durch MRSA); Heilung von Lungenentzündung
Fidaxomicin (ein makrozyklisches Antibiotikum; neue Klasse)
zugelassen, noch nicht auf dem Markt
Infektionen durch Clostridium difficile und Vancomycin-resistente Enterokokken (VRE), bei Antibiotika-induzierter Colitis
Ceftaroline (ein Cephalosporin)
im Zulassungsverfahren
Bakterielle Infektionen mit MRSA und anderen Gram-positiven Bakterien, darunter komplizierte Hautinfektionen und Lungenentzündung
Dalbavancin (ein Lipoglycopeptid)
Phase III
komplizierte Hautinfektionen durch gram-positive Bakterien, auch durch MRSA
Oritavancin (ein Lipoglycopeptid)
Phase III
komplizierte Haut- und Weichteil-Infektionen, auch durch MRSA
Ceftobiprol (ein Cephalosporin)
Phase III
Komplizierte Haut- und Weichteilinfektionen, auch durch MRSA, methicillin-resistenten Staphylococcus epidermidis (MRSE) und penicillin-resistenten Streptococcus pneumoniae (PRSP) gegen gram-positive u. gram-negative Bakterien
Tedizolid = Torezolid (ein Oxazolidinon)
Phase III
Komplizierte Haut- und Weichteilinfektionen durch gram-positive Bakterien, auch MRSA
Natriumfusidat (ein Steroid)
Phase III
Komplizierte Hautinfektionen und Knochen- und Gelenksinfektionen durch Gram-positive Bakterien
Omadacyclin (ein Tetrazyklin)
Phase III
gegen Gram positive Bakterien (einschließlich MRSA), Gram-negative, atypische und anaerobe Bakterien
am weitesten fortgeschritten ist Entwicklung gegen komplizierte Haut- und Weichteilinfektionen
Stand: 08.03.12; Quelle: vfa
Ein besonderes Problem, vor allem in Krankenhäusern, stellt MRSA dar. Die Abkürzung steht für multi-resistente Staphylococcus aureus. Diese Bakterien sind gegen besonders viele der bisher verfügbaren Antibiotika unempfindlich. Sieben dieser kommenden Antibiotika sind auch ausdrücklich gegen MRSA wirksam und dürften deshalb – zusammen mit verbesserten Hygienemaßnahmen – nachhaltig dazu beitragen, die von diesem Keim ausgehende Gefahr zu entschärfen.
Große Probleme bereitet auch die Bekämpfung der Tuberkulose, die in vielen Teilen der Welt wieder auf dem Vormarsch ist. Aber auch hiergegen entwickeln Pharma-Unternehmen neue Medikamente, was in einem eigenen Artikel erläutert wird.
Anstrengungen für mehr Antibiotika-Forschung
Trotz dieser Erfolge besteht großer Bedarf an weiteren Antibiotika, weil sich die Resistenzsituation weiter verschärfen dürfte. Gesucht werden insbesondere neuartige Mittel gegen sogenannte Gram-negativen Bakterien sowie gegen von je her schwer therapierbare Infektionen wie Pseudomonas-Befall der Lunge, Spät-Borreliose und Burili-Ulcus. Allerdings hat es sich mittlerweile als äußerst schwierig erwiesen, noch neue Antibiotika-Klassen mit neuem Wirkprinzip zu erfinden. Und die Ertragsmöglichkeiten mit solchen Präparaten sind meist gering, weil sie als Reserve-Antibiotika möglichst selten zum Einsatz gelangen sollen. Deshalb ist absehbar, dass sich solche neuen Antibiotika nicht allein über ihren Ertrag refinanzieren können; forschende Firmen sind daher auf Partner angewiesen, die die ökonomischen Risiken und Lasten mit ihnen schultern.
Ein neuer "Action Plan on Antimicrobial Resistance" der EU-Kommission vom 17.11.11 bietet hier Lösungswege, zu denen u.a. die Gründung einer Product Development Partnership (PDP) im Rahmen der Innovative Medicines Initiative (IMI) gehört; IMI wird von der EU-Kommission und der Pharmaindustrie gemeinsam getragen. Innerhalb der PDP sollen sich mitwirkende Firmen gegenseitig Daten von gescheiterten Antibiotikaprojekten offenlegen, damit kein Beteiligter in unnötige Doppelarbeit investiert.
Verantwortungsvoller Umgang mit vorhandenen Antibiotika
Ebenso wichtig wie die Suche nach neuen Antibiotika ist der verantwortungsvolle Umgang mit den vorhanden Präparaten und eine genaue Überwachung der Verbreitung resistenter Keime. Deshalb hat der vfa die 2008 vom Bundeskabinett verabschiedete „Deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie“ (DART) begrüßt, die genau darauf abzielt.
Nur, wo es medizinisch sinnvoll ist, sollten antibiotische Präparate verordnet werden. Dann jedoch sollten sie von den Patienten auch über die volle Anwendungszeit und nicht unterdosiert eingenommen werden; denn andernfalls tragen sie zur Entstehung resistenter Bakterienstämme bei und gefährden sich und andere. Die Medizin muss aber den Erregern weiterhin die entscheidenden Schritte voraus bleiben.