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Die forschende Pharmaindustrie in Deutschland – Alte Stärke, neue Chancen

Die Covid-19-Pandemie stellt die Welt vor enorme Herausforderungen. Schließlich geht es nicht nur darum, die Menschen vor den tödlichen Folgen einer Infektion zu schützen, sondern auch um den Erhalt der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit. Für beides spielen Deutschlands forschende Pharmaunternehmen eine Schlüsselrolle: Sie arbeiten mit Hochdruck an der Entwicklung eines Impfstoffes gegen das neuartige Corona-Virus – und erweisen sich in Konjunkturkrisen als Stabilitätsanker.

Eine junge Frau mit Kittel, Helm und Schutzbrille steht an der Steuerungseinheit inmitten einer von zahllosen Rohren durchzogenen Fertigungsanlage.

Wer hätte Ende 2019 vermutet, dass das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes beim Einkaufen zum Alltag gehören könnte? Wer hätte sich auch nur ansatzweise vorstellen können, nach der Rückkehr aus dem Urlaub in Quarantäne gehen zu müssen – oder gar nicht erst reisen zu können? Vieles, was vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie im Frühjahr selbstverständlich war, ist derzeit nicht angeraten – und sei es nur eine herzliche Umarmung zur Begrüßung unter Freunden. Doch der tückische Siegeszug des neuartigen Corona-Virus um die Welt hat nicht nur die Lebensgewohnheiten massiv beeinträchtigt. Er verdeutlicht auch, welche Branchen und Berufe in Krisenzeiten von existenzieller Bedeutung sind. Jeder dürfte nun wissen, dass nicht nur Mediziner und Pflegepersonal eine immens wichtige Rolle in Pandemiezeiten spielen, sondern beispielsweise auch die Mitarbeiter in den Supermärkten.

Ohne Impfstoff keine Rückkehr in die Normalität

Das Bild zeigt eine symbolische Impfstoffflasche mit der Aufschrift Coronavirus Vaccine sowie eine Spritze, beides gehalten von einer Hand, die einen blauen Schutzhandschuh trägt.Auch die Pharmaindustrie gehört dazu. Das gilt erst recht für die forschenden Pharmaunternehmen, denn ohne einen wirksamen Impfstoff gegen das neuartige Corona-Virus ist die Rückkehr ins bisherige Leben mit Theaterbesuchen, Reisen und unbeschwerten Familienfeiern nach heutigem Forschungsstand unmöglich. Dabei spielt der Pharmastandort Deutschland eine bedeutende Rolle: So arbeiten derzeit diverse Unternehmen - darunter CureVac und BioNTech - in vier Projekten mit Hochdruck an der Entwicklung eines Impfstoffes. Und damit ist die Arbeit noch nicht getan: Der Wirkstoff muss milliardenfach hergestellt werden. Diese technische und logistische Herausforderung haben die Unternehmen bereits angenommen und fahren ihre Produktionskapazitäten bereits massiv hoch.


Enge Verzahnung von Forschung und Produktion

Wie eng Forschung und Produktion hierzulande bei den forschenden Pharmaunternehmen verzahnt sind, lässt sich gut anhand der Entwicklung der neuen Generation von Schlaganfallmedikamenten belegen: Sie wurden in Deutschland sowohl entwickelt als auch produziert und zeigen, dass diese Unternehmen der immensen Herausforderung gewachsen sind, die die Entwicklung eines Corona-Impfstoffes darstellt. Dabei dürfte sich unter anderem auszahlen, dass die Produktionsstätten rund um die Zulassung sehr hohe Anforderungen in puncto Menge und Qualität erfüllen.

Pharmaindustrie federt Konjunktureinbrüche ab

Über die medizinischen Aspekte der Pandemiebekämpfung hinaus erfüllen Deutschlands forschende Pharmaunternehmen eine weitere überaus wichtige Funktion - und zwar in puncto Konjunktur: Sie haben sich bislang bei Konjunktureinbrüchen - zuletzt in der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 - zuverlässig als Stabilitätsanker erwiesen. Aktuelle Konjunkturdaten bestätigen dies erneut: Während etwa die Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes im ersten Halbjahr 2020 einen drastischen Umsatzeinbruch von 15 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum verbuchten, verzeichneten die Pharmaunternehmen ein Umsatzplus von 1,1 Prozent. Getrieben war das Umsatzplus zum einen durch den im März und April sprunghaft gestiegenen Bedarf an Arzneimitteln und zum anderen durch die Nachfrage aus dem Ausland. Entsprechend günstiger beurteilen die Unternehmen der Pharmabranche die Konjunkturlage im Vergleich zu anderen Industriesektoren, was auch die Entwicklung der Konjunkturindikatoren wie zum Beispiel des Ifo-Geschäftsklimaindex belegt: So bewerteten die Manager der Pharmaunternehmen beispielsweise im April, als die Wirtschaft quasi zum Stillstand gekommen war, die Aussichten für den Export als stabil, während die Exporterwartungen in anderen Schlüsselbranchen wie dem Maschinenbau einen historischen Tiefststand erreichten. (1)

Ein Gabelstapler befördert einen Schiffscontainer

Stabile Lieferketten: Ein Vorteil in Pandemiezeiten

Diese Entwicklung ist auch deshalb bemerkenswert, weil die Pharmaindustrie traditionell global vernetzt und sehr exportlastig ist, wie Branchenkennziffern belegen: So lag die Exportquote der Pharmabranche 2019 nach Angaben des Statistischen Bundesamts bei 66,2 Prozent, die im vfa organisierten forschenden Pharmaunternehmen kommen sogar auf einen Exportanteil von 80,6 Prozent. Und obwohl das Corona-Virus schonungslos offengelegt hat, wie anfällig die eng vernetzte globale Wirtschaft für exogene Schocks ist, gelang es dem Pharmasektor etwas Bemerkenswertes: Wegen der vergleichsweise hohen Vorratshaltung bei Wirkstoffen und Arzneimitteln erwiesen sich die globalen Lieferketten als relativ robust. Dies dürfte ebenso wie die pandemiebedingte gestiegene Nachfrage nach Pharmazeutika dazu beigetragen haben, dass die Ausfuhren im ersten Halbjahr 2020 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um zehn Prozent höher lagen – während deutsche Exporte insgesamt um 13 Prozent zurückgingen. Und nicht nur das: So konnten die Pharmaunternehmen nicht nur ihre Produktion trotz der coronabedingten Einschränkungen stabil auf dem Niveau des Vorjahres halten, sondern sogar diverse neue Produktionsstätten - etwa in Tübingen und Dessau - eröffnen.

Damit entwickelt sich die Branche entgegen dem Trend, denn die Corona-Krise hat die Exportnation Deutschland wirtschaftlich hart getroffen. Und an der herausfordernden Situation dürfte sich vorerst angesichts andauernder geopolitischer Verunsicherungen, offen ausgetragener Handelskriege und vor allem auch der wirtschaftlichen Produktions- und Einkommenseinbußen aufgrund der Pandemie wenig ändern – im Gegenteil: Einiges deutet darauf hin, dass der deutschen Pharmaindustrie künftig ein stärkerer Wind entgegenweht und der internationale Standortwettbewerb sich verschärft. Dafür spricht unter anderem, dass China seine Kräfte in dieser Branche bündelt und somit neben den USA ein weiterer mächtiger Konkurrent den Markt beeinflusst.

Pharmasektor: Deutschlands forschungsintensivste Branche

Maßnahmen, um sich für den zunehmenden Wettbewerb zu wappnen

Um dies zu gewährleisten, schlägt der vfa konkrete Maßnahmen vor: Die Beschleunigung der Genehmigungsverfahren, den Ausbau der digitalen Infrastruktur und verbesserte Bedingungen für die Bereitstellung von Wagniskapital. Die erste Maßnahme begründet der Verband damit, dass die Genehmigungsverfahren für klinische Studien in Deutschland im Schnitt länger dauern als in anderen Ländern Europas, was er unter anderem auf Personalmangel in den Zulassungsbehörden und die umständlichen Regelungen zum Datenschutz zurückführt. So müssen letztere den Vorgaben von 16 Landesdatenschützern und denen des Bundesdatenschützers entsprechen, die nicht immer deckungsgleich sind – eine Herausforderung für die Branche, da Entscheidungen immer einstimmig getroffen werden müssen. Die Verbesserung der digitalen Infrastruktur als zweite Maßnahme umfasst auch die Umsetzung einer klaren Digitalisierungs- und eHealth-Strategie sowie die Nutzung von Big Data-Analysen für die Forschung und soll helfen, den Standort Deutschland digital in die erste Liga zu führen. Die dritte Maßnahme zielt auf einen verbesserten Zugang zu Wagniskapital für junge, innovative Start-Ups ab, denn diese benötigen besonders in der Wachstumsphase viel Kapital, um ihre Geschäftsmodelle voranzubringen. Doch bislang mangelt es an Finanzierungsmöglichkeiten.

Investitionsfreundliches Umfeld nützt auch der Allgemeinheit