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Vernachlässigte Tropenkrankheiten - Fünf Fragen an Prof. Achim Hörauf

Seit einigen Jahren rücken vernachlässigte Tropenkrankheiten (Neglected Tropical Diseases, kurz NTDs) vermehrt ins Blickfeld der Öffentlichkeit, denn weltweit leiden mehr als eine Milliarde Menschen darunter. Im Interview erläutert der Parasitologe Prof. Achim Hörauf das Engagement des Deutschen Netzwerks gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten (DNTDs).

Prof. Achim Hörauf sitzt auf dem Panel beim World Health Summit 2019 und ist im Gespräch mit dem Publikum. Neben ihm sitzt sein Kollege Carsten Köhler vom Tropenmedizinischen Institut der Universität Tübingen und hört zu.

Herr Professor Hörauf, welche Ziele verfolgt das Deutsche Netzwerk gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten?

Wir möchten unsere Themen und Forderungen in der Politik verankern. Gelungen ist uns das zum Beispiel im Rahmen der deutschen G7-Präsidentschaft: Auf der Agenda stand dort nicht nur der Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen, auch die vernachlässigten Tropenkrankheiten spielten in der Diskussion um die internationale Gesundheit eine wichtige Rolle. Auf internationaler Ebene setzen wir uns für den freien Zugang zu Therapien ein sowie für eine weltweite finanzielle Grundsicherung im Krankheitsfall, auch Universal Health Coverage oder kurz UHC genannt. In Deutschland befasst sich inzwischen ein Parlamentarischer Beirat des Bundestages zur Bekämpfung vernachlässigter Tropenkrankheiten mit diesen Themen. Er begleitet die Initiativen einzelner Bundesministerien und regt Quervernetzungen an, was sehr förderlich für unsere Arbeit ist.

Welche Institutionen beteiligen sich an Ihrem Netzwerk?

Das ganze Projekt hat drei Säulen. Neben einigen forschenden Pharma-Unternehmen und dem vfa beteiligen sich mehr als zehn universitäre und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen. Hinzu kommen Nichtregierungs-Organisationen wie die Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe DAHW oder die Christoffel-Blindenmission CBM.

Wer sind Ihre wichtigsten Kooperationspartner?

Wir arbeiten im Verbund mit anderen europäischen Ländern und stimmen uns regelmäßig mit Initiativen weltweit ab, die ähnliche Ziele verfolgen. Hervorheben möchte ich die US Coalition for Operational Research on NTDs sowie Initiativen in Japan und zunehmend auch in Kanada. Ein wichtiger Kooperationspartner ist das African Research Network on Tropical Diseases, kurz: ARNTD, das von Ghana aus afrikanische Forscher in Studien über vernachlässigte Tropenkrankheiten einbindet.

Wie reagiert die Politik auf die Forderungen Ihres Netzwerks?

Insgesamt sehr positiv. Ein Meilenstein ist die Förderung der 2016 gegründeten ESPEN-Initiative durch das Bundesgesundheitsministerium. In ESPEN haben sich internationale staatliche und nichtstaatliche Organisationen zusammengetan, um vernachlässigte Tropenkrankheiten in Afrika mit Nachdruck zu bekämpfen. Deutschland zählt zu den größten Fördermittelgebern.

Welche Maßnahmen zur NTD-Bekämpfung sind jetzt vordringlich?

Wichtig sind zum einen bessere Medikamente. Beispielhaft ist hier die erste ausschließlich orale Therapie gegen Schlafkrankheit, die unlängst von der Europäischen Arzneimittelbehörde zugelassen wurde: Sie erspart Patienten längere Krankenhausaufenthalte und dürfte daher auf größere Akzeptanz stoßen als die bisherige Infusionstherapie. Dringend benötigt werden auch umfassende Informationen über die Verbreitung vernachlässigter Tropenkrankheiten und über eventuelle Infektionsfolgen: Elephantiasis-Beine nach einer lymphatischen Filariose zum Beispiel. Betroffene besser zu erfassen, könnte mithilfe spezieller Apps gelingen. Die dafür erforderlichen Mobiltelefone und Smartphones sind in Afrika millionenfach in Gebrauch. Höchst wünschenswert sind auch eine bessere Rehabilitation und Integration von Menschen, die an Spätfolgen tropischer Krankheiten leiden. Das kann nicht nur von außen geschehen, diese Aufgabe müssen die afrikanischen Länder primär selbst meistern.