Die Debatte um den Stellenwert früher Nutzenbewertungen von Arzneimitteln durch den Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) läuft schon lange. Neue Aktualität bekommt sie durch den Plan eines Arztinformationssystems. Krankenkassen fordern gar ein Ampelsystem, um Ärzte unmissverständlich auf „richtige“ oder „falsche“ Arzneimitteltherapien hinzuweisen und sie wollen dabei auf die Ergebnisse der frühen Nutzenbewertungen zurückgreifen. Dagegen wehren sich Ärzteverbände und medizinische Fachgesellschaften.

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Sind G-BA-Beschlüsse zur frühen Nutzenbewertungen überhaupt für die Versorgungssteuerung geeignet? Dese Kernfrage der aktuellen Debatte analysiert ein aktuelles Gutachten am Beispiel aller Krebsmedikamente, die seit 2011 einer frühen Nutzenbewertung unterzogen wurden. Sie werden mit Leitlinienempfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) verglichen. Dessen Empfehlungen sind allgemein anerkannt und zugeschnitten auf die Behandlungssituation im Praxisalltag.

Im Ergebnis halten die G-BA Beschlüsse dabei dem Vergleich aus therapeutischem Blickwinkel nicht stand. Deutliche Abweichungen von den Leitlinienempfehlungen zeigen sich laut Gutachten in zwei zentralen Bereichen: Bei der Einteilung der Patienten in bestimmte Therapiegruppen (Abweichungsquote: 38,2 Prozent) und bei der Beurteilung des Zusatznutzens neuer Arzneimittel gegenüber der bisherigen Standardtherapie (Abweichungsquote: 60 Prozent). Dabei kommt es zu eklatanten Widersprüchen: So empfiehlt die Leitlinie bestimmte Medikamente als sinnvolle Behandlungsalternative oder gar als alternativlose Behandlung (für einzelne Patientengruppen), wohingegen der G-BA ihnen jeglichen Zusatznutzen abspricht. Solche Diskrepanzen zeigen sich besonders bei Lungenkrebs und Brustkrebs.

Während die Leitlinien der Therapieoptimierung verpflichtet seien, schreiben die Experten, dienten die Beschlüsse des G-BA primär der Preisregulierung. Ihr Resümee lautet: „Eine Verordnungssteuerung auf Grundlage von G-BA Beschlüssen würde zu einer gravierenden Verschlechterung der Patientenversorgung führen.“ Als Therapieempfehlungen innerhalb eines Arztinformationssystems seien die G-BA Beschlüsse daher keinesfalls geeignet.

Doch wie kann man es besser machen? Eine am Patientenwohl orientierte Versorgungssteuerung, heißt es im Gutachten, sollte sich an den klinischen Fachgesellschaften und den von ihnen entwickelten Leitlinien orientieren. Entscheidend seien dabei drei Größen: die wissenschaftliche Beweislage, Erfahrungen aus der Praxis und die (vom G-BA oft vernachlässigten) Bedürfnisse der Patienten.