Am 15. September hat in Berlin der im Koalitionsvertrag vorgesehene Pharmadialog der Bundesregierung mit den Arzneimittelherstellern in Deutschland begonnen. Ziel des ressortübergreifenden Dialogs ist es, Arzneimittelforschung, -entwicklung und –produktion am Wirtschaftsstandort Deutschland zukunftsfähig zu machen, damit Deutschland auch künftig ein Land mit außergewöhnlich guter Arzneimittelversorgung bleibt und die Potenziale der Gesundheitswirtschaft über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg nutzt.

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Mit dem Pharma-Dialog will die Bundesregierung die Attraktivität des Forschungs-, Innovations- und Produktionsstandort Deutschland für die pharmazeutische Industrie weiter verbessern. Gesundheitsminister Hermann Gröhe, Wissenschaftsministerin Prof. Dr. Johanna Wanka und der parlamentarische Staatssekretär im Wirtschaftsministerium Uwe Beckmeyer trafen sich unter Beteiligung der Wissenschaft (Fraunhofer-Institut, Helmholtz Zentrum, Medizinischer Fakultätstag) und der Gewerkschaft IG BCE mit Branchenvertretern der pharmazeutischen Industrie (BAH, BPI, Pro Generika, BIO Deutschland und vfa).

    Die Teilnehmer des Pharmadialogs werden in den kommenden Monaten folgende Fragen erörtern:
  • Wie kann im deutschen Gesundheitssystem die Versorgungsqualität weiter verbessert werden?
  • Wie kann sowohl der Zugang zu innovativen Medikamenten als auch die Versorgung mit bewährten Arzneimitteln sicher gestellt werden?
  • Wie können bessere und neue medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten für Krankheiten entwickelt werden und welche Grundlagen werden dafür benötigt?
  • Wie kann in einer globalen Wirtschaft der Produktionsstandort Deutschland seine spezifischen Stärken weiter ausbauen und so gut bezahlte Arbeitsplätze sichern?
  • Wie können die Rahmenbedingungen auch für kleine und mittelständische Unternehmen in einem Land, in dem die Wirtschaft vornehmlich mittelständisch geprägt ist, weiter verbessert werden?
  • Wie kann angesichts eines internationalen Wettbewerbs um kluge Köpfe und neue Ideen der Forschungsstandort Deutschland gestärkt und die Zusammenarbeit von Industrie und Wissenschaft intensiviert werden?
  • Wie kann angesichts anhaltender Wachstumsschwäche in Europa der konjunkturelle Schwung in Deutschland gestärkt werden? Und welchen Beitrag kann die Pharmaindustrie als Wachstums-, Innovations- und Exporttreiber dazu leisten?


Aufgaben und Erwartungen

Vor dem Beginn der ersten Sitzung erläuterten die Beteiligten vor der Presse die Aufgaben des Dialogs und die Erwartungen aus ihrer jeweiligen Sicht. Dabei bekannten sich die beiden Minister und der Staatssekretär zu dem Ziel der Bundesregierung, den Pharmastandort Deutschland im internationalen Vergleich zukunftssicher und wettbewerbsfähig zu gestalten.




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In der Sitzung betonte Minister Gröhe die Bedeutung der Branche für die Versorgung von Patientinnen und Patienten aber auch für die Wertschöpfung am Wirtschaftsstandort Deutschland. Er äußerte die Hoffnung, dass der Pharma-Dialog auch zu einer höheren Akzeptanz der Pharma-Industrie und ihrer Innovationen beitragen könne.


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Nach Ministerin Wanka habe der Innovationsstandort Deutschland in den letzten Jahren stark aufgeholt und läge inzwischen im internationalen Vergleich weit vorne. Das Thema Gesundheit sei nach Umfragen aus Sicht der Bevölkerung das wichtigste Zukunfts- und Forschungsfeld. Ihr komme es darauf an, neue Formate zu finden, die dazu beitragen könnten, den Übergang von der Grundlagenforschung zum innovativen Produkt zu verbessern und zu beschleunigen.

Staatssekretär Beckmeyer betonte die Bedeutung der Branche für den Export, für Innovationen, Arbeitsplätze und für die Sicherung einer leistungsfähigen Forschungs-Infrastruktur. Er warb dafür, den Innovationsstandort weiter zu stärken und dabei kritisch zu überprüfen, ob Deutschland hierbei auch im internationalen Vergleich noch die richtigen Instrumente einsetze.

Made in Germany, Used in Germany

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Für die Industrie warb der vfa-Vorsitzende Hagen Pfundner dafür, dass die berechtigte Sorge um den Erhalt der sozialen Sicherungssysteme nicht zur Technologiebremse werden dürfe. Exporterfolge mit Innovationen könnten auf Dauer nur erhalten werden, wenn "made in Germany" auch "used in Germany" bedeute. Er sei zuversichtlich, dass die ressortübergreifende, ganzheitliche Sicht und die Entwicklung gemeinsamer Ziele dazu beitragen, auch die Rahmenbedingungen der Erstattung von Arzneimitteln und der Forschungsförderung zu verbessern.

„Seit der Einführung des AMNOG ist das Pendel in dieser Frage eindeutig zu weit in die falsche Richtung ausgeschlagen. Es kann nicht sein, dass Deutschland als eine der wirtschaftlich stärksten Nationen immer weniger zur Finanzierung von Innovationen beiträgt.“
Prof. Dr. Dr. Andreas Barner (Boehringer Ingelheim) zu den immer schlechter werdenden Refinanzierungsbedingungen für die hiesige forschende Industrie


Für die Wissenschaft betonte Prof. Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz (Universität Frankfurt a.M.) die künftige Bedeutung von Zell- und Gentherapeutika, die in der deutschen Grundlagenforschung gut positioniert seien. Er erläuterte zudem, dass große medizinische Fortschritte in der Vergangenheit oft durch inkrementelle Weiterentwicklung bekannter Wirkprinzipien erzielt wurden. Im Pharma-Dialog sollten aus Sicht der Wissenschaftsseite auch Fragen der akademischen Wirkstoffforschung aufgegriffen werden.

Für die IG BCE erklärte deren Vorsitzender Michael Vassiliadis, dass bei der Arzneimittelpolitik in der Vergangenheit die Kostenfrage aus Sicht der GKV dominiert habe. Für die Gewerkschaft komme es darauf an, künftig die Innovations- und Standortperspektive zumindest gleichberechtigt daneben zu stellen.

Am Schluss fasste Minister Gröhe die aus seiner Sicht wesentlichen Fragen und Ergebnisse aus der Auftaktveranstaltung zusammen:
  • Bei der Wertschöpfungskette "von der Idee zum Produkt" komme es aus seiner Sicht darauf an, genau zu schauen, wer an welcher Stelle für was die Verantwortung trage, welche Probleme man zur Lösung dem Wettbewerb überlassen könne und wo der Markt versage.
  • Das Pendel-Bild von Prof. Barner aufgreifend stellte der Minister fest, dass offenbar auch die Industrie die Situation vor dem AMNOG als veränderungswürdig ansieht. Wenn nun das Pendel in die andere Richtung ausgeschlagen sei, gebe es möglicherweise Nachbesserungsbedarf im lernenden System. Er halte aber auf jeden Fall am Grundprinzip - Mehrnutzen als Maßstab für die Erstattung - fest. Dabei sei klar, dass der wissenschaftliche Nachweis sauber von den Preisverhandlungen getrennt sein müsse.
  • Er sehe, dass es möglicherweise ein - schwierig zu lösendes - Problem dabei gebe, graduellen Fortschritt angemessen abzubilden.
  • Bei der Exportförderung dürfe der Heimatmarkt als Referenzmarkt nicht außer Acht gelassen werden.
  • Es sei eine gemeinsame Aufgabe, für mehr gesellschaftliche Akzeptanz einer für die Gesundheit der Menschen und für den Standort so wichtigen Branche zu sorgen. Als Beispiel nannte der Minister hier die völlig unbefriedigenden Impfraten in den westlichen Bundesländern.


Perspektive

Verabredet sind mehrere Dialogrunden, die voraussichtlich im Januar 2016 abgeschlossen sein werden. Die Auftaktveranstaltung dient der Bestandsaufnahme über Deutschland als Forschungs-, Innovations- und Produktionsstandort.

Perspektivisch will die pharmazeutische Industrie eine gemeinsame Gesprächsbasis für die Gesundheitswirtschaft mit allen Beteiligten schaffen, denn die teilnehmenden Verbände repräsentieren unsere gesamte Industrie: vom Start-up-Unternehmen, über den deutschen Mittelstand bis hin zu international tätigen Großkonzernen. Sie alle sichern die Versorgung der Patienten mit Arzneimitteln.

Schild am Haupteingang zum Bundesgesundheitsministerium
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Hintergrund

Die pharmazeutische Industrie in Deutschland erwirtschaftete 2013 ausweislich der amtlichen Statistik über 42,3 Mrd. Euro Umsatz, zwei Drittel davon im Ausland. Die in Deutschland ansässige Pharmaindustrie beschäftigte 2013 über 110.000 Mitarbeiter und investierte über 1,3 Mrd. Euro in Gebäude, Maschinen und Anlagen.

Jeder siebte Euro des Pharma-Umsatzes fließt in Forschung und Entwicklung - soviel wie in keiner anderen Branche. Hinzu kommen direkte und indirekte Ausstrahlungseffekte, mit denen die Branche zusätzlich Beschäftigung und Wohlstand schafft. Auf jeden Beschäftigten in der Pharma-Industrie kommen 1,2 Beschäftigte in nachgelagerten Industrien und Dienstleistungssektoren. Die Unternehmen und ihre Mitarbeiter sind in den Standort-Regionen wichtige Steuerzahler. Mit dem hohen Exportanteil übersteigt die Wertschöpfung am Standort Deutschland die Ausgaben der GKV für die Arzneimittelversorgung um ein Vielfaches.



Links:

„Förderung der akademischen und außeruniversitären Wirkstoffforschung“ - Pressestatement im Rahmen der Auftaktveranstaltung zum Pharma-Dialog: Vertretung der Wissenschaft

"Auftakt für den Pharma-Dialog der Bundesregierung mit Vertretern der Industrie, Wissenschaft und Gewerkschaft" - Gemeinsame Pressemitteilung von Bundesministerium für Gesundheit, Bundesministerium für Wirtschaft und Energie sowie Bundesministerium für Bildung und Forschung

„'Standort D' attraktiver machen" - Die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie zum Auftakt des Pharmadialogs