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Depressionen: Wenn jede Empfindung zur Missempfindung wird

Michelangelo und Luther, Goethe und Mozart, Marx und Sartre, Marie Curie und Virginia Woolf – die Depression hat ein lange Liste prominenter Opfer. Für Betroffene ist das ein schwacher Trost, zählt die Krankheit doch laut Weltgesundheitsorganisation zu den belastendsten überhaupt. Und zu den vergleichsweise häufigen: Allein in Deutschland leiden laut Kompetenznetz Depression rund 4 Millionen Menschen an einer behandlungsbedürftigen Depression.

Depressive Gedanken – auf dem Kupferstich ‘Melencolia’ von Albrecht Dürer, 1514.Bei manchen Depressionen gibt es zwar einen konkreten Anlass, wie etwa den Verlust eines geliebten Menschen, doch gehen Leiden und Schmerz weit über das normale Maß hinaus. Bei anderen Depressionen ist kein Anlass erkennbar. Von den „depressiven Tagen“ des normalen menschlichen Lebens unterscheidet sich die Krankheit unter anderem darin, dass die depressive Stimmung nicht binnen zwei Wochen von alleine wieder abklingt. Zu den Krankheitszeichen der Depression gehören ständiges Niedergedrücktsein, vermindertes Interesse und schnelle Erschöpfung. Oft kommen Schlafstörungen und Appetitlosigkeit hinzu, außerdem Schuldgefühle und Antriebslosigkeit bis hin zur völligen Erstarrung. Schwer Depressive schaffen es nicht, aus eigenem Antrieb aufzustehen oder ein Zimmer zu verlassen! Bei anderen Patienten kann sich die Depression aber auch in Agitiertheit äußern, d.h. einer ziellosen Unruhe, oder in Symptomen körperlichen Missempfindens wie Gliederschmerzen. Vor kurzem wurde an der Universität Jena entdeckt, dass an Depression Erkrankte auch ein verändertes Zeitgefühl haben: Sie erleben alles in Zeitlupe. Das bedeutet beispielsweise, dass sie auch eine kurze Verspätung als endlose Wartezeit erfahren. Ein weltweit gültiger Katalog, die International Classification of Diseases der Weltgesundheitsorganisation WHO, listet die unterschiedlichen Depressionsformen auf und hilft dem Arzt bei der Diagnose und der Wahl der Therapie.

Die Krankheit
Über das individuelle Leid hinaus, das Depressionen für Patienten und Angehörige bedeuten, führen sie auch zu erheblichen volkswirtschaftlichen Belastungen. So gingen im Jahr 2002 immerhin 18 Millionen Fehltage an deutschen Arbeitsplätzen auf die Diagnose „depressive Störungen" zurück, wie das Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung (ISEG) in Hannover hochgerechnet hat. Frauen fielen dabei doppelt so häufig aus wie Männer. Mit durchschnittlich fünfzig Tagen Krankschreibung pro Patient waren die Arbeitsausfälle, verglichen mit anderen Erkrankungen, auch außergewöhnlich lang.

Was aber bedeutet es, an einer Depression zu leiden? Von normalen Formen der Traurigkeit oder depressiven Verstimmung unterscheiden sich Depressionen durch eine ganze Reihe eindeutig definierter Merkmale. „Jede Empfindung wird zur Missempfindung“, beschreibt Professor Ulrich Hegerl, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie des Universitätsklinikums Leipzig und Sprecher des Kompetenznetzes „Depression, Suizidalität“ das Phänomen.

Zeigt sich die Krankheit, scheinen die Betroffenen häufig vernünftigen Argumenten nicht mehr zugänglich. Sie kapseln sich ab und leiden oft ohne ersichtlichen Grund. Welche „vernünftigen“ Gründe gibt es schon für einen erfolgreichen Geschäftsmann mit intaktem Familienleben und vielen Freunden, sich aufzuhängen? Und doch geschehen jährlich in Deutschland etwa 7.000 Tragödien dieser Art: 60 Prozent aller Selbstmörder hierzulande sind schwer depressive Menschen.

Wichtig für die Art der Behandlung und die Verlaufskontrolle ist es, die Schwere der Erkrankung zu kennen. Anhand spezieller psychologischer Tests unterscheiden Ärzte leichte, mittelschwere und schwere Depressionen. (s. Kasten oben)

Zwei der meistbenutzten Tests sind die Hamilton Rating Scale of Depression (HRSD) und die Montgomery-Asberg Depression Rating Scale (MADRS), bei denen ein Interviewer den Patienten gezielt befragt. Die Skalen sind auch wichtig, um die Leistungsfähigkeit verschiedener antidepressiver Behandlungen vergleichen zu können.


Wie kommt es zu Depressionen?
Auch nach Jahrzehnten psychiatrischer Forschung ist weitgehend ungeklärt, was bei Depressionen wirklich vor sich geht und wie es zu ihnen kommt. Keine Theorie kann bisher alles, was Ärzte bei dieser Krankheit beobachten, befriedigend erklären. Trotzdem kennt man mittlerweile viele Teilaspekte der Krankheit. Sicher ist: Depression ist nicht nur eine „Krankheit der Gedankenwelt“, sondern geht mit messbaren Veränderungen im Gehirn einher - wobei eine Trennung zwischen Gedanken und Gehirnzellen ohnehin künstlich ist, sind doch Denkprozesse aller Art unweigerlich mit Veränderungen in der Hirnarchitektur und im Gehirnstoffwechsel verbunden.

Die bislang vorherrschende Theorie geht davon aus, dass Störungen in der Signalübertragung von Zelle zu Zelle im Gehirn im Zentrum der Krankheit stehen. Betroffen sind demnach insbesondere Synapsen, das heißt Nervenschaltstellen, die zur Übertragung die Botenstoffe (Neurotransmitter) Serotonin oder Noradrenalin benutzen (siehe Kasten: Synapsen). Serotonin, so ist bekannt, ist ein bevorzugter Neurotransmitter von Nervenzellen, die Emotionen verarbeiten. Hinweise darauf wurden vor allem in den 60er-Jahren an den US-amerikanischen National Institutes of Health (NIH) erarbeitet. Sie wurde zu einer fruchtbaren Grundlage für die Entwicklung wirksamer Antidepressiva, also von Medikamenten gegen Depressionen.

Trotzdem lässt dieser Erklärungsansatz manches offen; etwa, weshalb die Wirkung der Antidepressiva auf die Synapsen binnen Stunden messbar ist, die stimmungsaufhellende Wirkung sich jedoch frühestens nach etwa zwei Wochen einstellt.

Seit einigen Jahren sind Gehirnforscher noch weiteren Veränderungen im Gehirn depressiver Patienten auf der Spur. So haben sie beispielsweise festgestellt, dass bei Langzeitdepressiven eine für Lernen und Gedächtnis bedeutsame Hirnregion, der Hippocampus, deutlich kleiner als bei gesunden Vergleichspersonen ist. Medikamente gegen Depressionen können das Wachstum neuer Hirnzellen im Hippocampus fördern, wie US-Forscher erst kürzlich bei Ratten herausgefunden haben. Diesen neuen Zellen kommt möglicherweise eine große Bedeutung bei der Überwindung der Depression im Gehirn zu. Dass ihre Bildung durch Zellteilungen einige Zeit in Anspruch nimmt, könnte erklären, warum die Wirkung der Medikamente erst nach zwei Wochen spürbar wird.

Bekannt ist inzwischen, dass es für Depressionen genetische Einflüsse geben muss, denn sie treten in manchen Familien gehäuft auf. Eine Reihe von Genen wurden gefunden, die je nach ihrer Ausprägung das Risiko, an Depression zu erkranken, günstig oder ungünstig zu beeinflussen. Im Wechselspiel mit Umwelteinflüssen wie dem sozialen Umfeld, Stress und Schicksalsschlägen könnten diese und weitere, noch unentdeckte Anlagen den Ausschlag geben, wenn jemand „auf der Kippe“ steht. Ein Gen hingegen, das unweigerlich Depression auslöst, gibt es nicht.