Die Entwicklung neuer wirksamer Alzheimer-Medikamente hat bei den Pharmaunternehmen seit vielen Jahren hohe Priorität. Allein 13 Mitgliedsunternehmen des vfa erproben Mittel in Studien oder forschen an weiteren Medikamenten in einem ihrer Forschungslabors. Dazu kommen weitere Unternehmen weltweit.

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Allerdings haben die letzten Jahre fast ausschließlich Misserfolge gesehen: Etliche Medikamenten-Kandidaten haben sich in der Erprobung mit Patienten nicht bewährt, und ihre Entwicklung musste eingestellt werden. Eine 2014 publizierte Untersuchung über die von 2002 bis 2012 in klinischen Studien erprobten Medikamente ergab eine Misserfolgsquote von 99,6 % (J L Cummings et al.: Alzheimer’s disease drug-development pipeline: few candidates, frequent failures. Alzheimer's Research & Therapy 2014, 6:37). Und in den letzten Jahren war es nicht anders. Zum Vergleich: auf anderen medizinischen Gebieten kann man erfahrungsgemäß davon ausgehen, dass zumindest eins von neun Medikamenten, mit dem mit der Erprobung mit Menschen begonnen wird, später nach erfolgreichen Studien auch eine Zulassung erhält.

Trotz dieser ernüchternden Bilanz werden weiterhin Alzheimer-Medikamente in klinischen Studien erprobt; viele davon auch unter Beteiligung deutscher Kliniken. 19 Medikamente (16 mit neuen Wirkstoffen und drei mit schon für andere Zwecke zugelassenen Wirkstoffen) haben das letzte Stadium der klinischen Erprobung (Phase III) erreicht und könnten in einigen Jahren die Zulassung erlangen, wenn sie sich bewähren. Dazu kommen noch zahlreiche Medikamente in den Phasen II (Erprobung mit wenigen Kranken) und Phase I (Erprobung mit Gesunden).

Eine wichtige Erkenntnis aus den Studien der letzten Jahre ist, dass die Behandlung wohl sehr frühzeitig begonnen werden muss, wenn sie noch wirksam ins Krankheitsgeschehen eingreifen soll, also nicht erst, wenn die Alzheimer-Symptome schon ausgeprägt sind.

Die Medikamente in Entwicklung greifen an verschiedenen Stellen in den Krankheitsprozess ein. Die Alzheimer-Medikamente, die bereits die letzte Erprobungsphase mit Patienten (die Phase III) erreicht haben, bietet die folgende Tabelle (Stand: 18.09.2017):

Wirkstoff des neuen Medikaments Wirkungsweise Stand der Entwicklung
Solanezumab fördert Abbau von Plaques Phase III
Gantenerumab fördert Abbau von Plaques Phase III
Aducanumab fördert Abbau von Plaques Phase III
Crenezumab fördert Abbau von Plaques Phase III
Lanabecestat (AZD-3293) hemmt die Beta-Sekretase (BACE) und damit die Bildung von Plaques Phase III
Elenbecestat hemmt die Beta-Sekretase (BACE) und damit die Bildung von Plaques Phase III
MK-8931 hemmt die Beta-Sekretase (BACE) und damit die Bildung von Plaques Phase III
JNJ-54861911 hemmt die Beta-Sekretase (BACE) und damit die Bildung von Plaques Phase III
AMG-520 (CNP-520) hemmt die Beta-Sekretase (BACE) und damit die Bildung von Plaques Phase III
Masitinib hemmt eine bestimmte Kinase Phase III
Leuko-Methylthioninium hemmt die Aggregation von Tau-Fibrillen Phase III
Caprylat-Triglycerid k. A. Phase III
CAD-106 therapeutischer Impfstoff gegen Beta-Amyloid-Plaques Phase III
Natrium-Cromolyn + Ibuprofen hemmt Polymerisierung von Beta-Amyloid-Peptiden zu Plaques Phase III
SK-PC-B70M (aus der Pflanze Pulsatilla koreana) k. A. Phase III
Azeliragon wirkt als Antagonist am Rezeptor RAGE Phase III
Pioglitazon k. A. (zugelassen als Antidiabetikum) Phase III
Albutein (ein Humanalbumin) k. A. (zugelassen zur Behandlung von Blutverlust) Phase III


Nilvadipin entfernt Beta-Amyloid (zugelassen als Kalziumkanal-Antagonist gegen Bluthochdruck) Phase III
Dazu kommen Medikamente, die die psychotische Begleitsymptome lindern sollen, wie sie manche Alzheimer-Patienten zeigen; sie sind teilweise gegen andere Krankheiten schon zugelassen. Die folgenden Medikamente haben Phase III erreicht (Stand: 18.09.2017):
Wirkstoff des Medikaments Wirkungsweise Stand der Entwicklung
Brexipiprazole zur Behandlung psychotischer Symptome; setzt an bestimmten Rezeptoren für Bostenstoffe im Gehirn an Phase III
Aripiprazole zur Behandlung psychotischer Symptome; setzt an bestimmten Rezeptoren für Bostenstoffe im Gehirn an Phase III
Dextromethorphan (DM) and Bupropion zur Linderung von Symptomen wie Agitation Phase III
Deuteriertes Dextromethorphan + Chinidin zur Linderung von Symptomen wie Agitation Phase III
Intepirdin ein 5-HT6-Rezeptor-Antagonist, zur Linderung von Symptomen wie Agitation Phase III
Lunateperon tosylat ein 5-HT2A-Rezeptor-Antagonist, zur Linderung von Symptomen wie Agitation Phase III
Aripiprazole zur Behandlung psychotischer Symptome; setzt an bestimmten Rezeptoren für Bostenstoffe im Gehirn an Phase III


Alzheimer-Medikamente gegen Beta-Amyloid-Plaques

Viele Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Alzheimer auftretenden Plaques zwischen den Nervenzellen wesentlich zum Absterben von Nervenzellen beitragen. Deshalb setzen viele Arzneimittel-Kandidaten an der Substanz an, aus der sie bestehen: dem Beta-Amyloid-Protein.

Ein Typ dieser Medikamente enthält gentechnisch hergestellte Antikörper (monoklonale Antikörper, erkennbar an der Endsilbe "mab" im Namen), die sich an das Beta-Amyloid-Protein heften. Das Immunsystem baut dann das so markierte Protein ab, wodurch der Raum zwischen den Nervenzellen gereinigt wird. Dieser Ansatz wird auch „passive Immunisierung gegen Alzheimer“ genannt.

Auch Beta-Sekretase-Inhibitoren werden gegen Beta-Amyloid-Ablagerungen eingesetzt. Sie verstärken nicht deren Abbau, sondern sorgen dafür, dass kein neues Beta-Amyloid mehr gebildet werden kann. Denn daran ist das Enzym Beta-Sekretase beteiligt, das von den Beta-Sekretase-Inhibitoren stillgelegt wird.

Erprobt gegen das Beta-Amyloid werden auch therapeutische Aktivimpfstoffe, die anders als gewöhnliche Impfstoffe nicht vorbeugend, sondern zur Behandlung angewendet werden. Sie sorgen dafür, dass im Körper des Patienten selbst Antikörper gebildet werden, die sich an die Beta-Amyloid-Plaques heften und so deren Abbau einleiten. Eine erste Impfstoffstudie vor einigen Jahren zeigte eine gute Wirksamkeit bei der Plaque-Verminderung, musste aber wegen erheblicher Nebenwirkungen bei einigen Patienten abgebrochen werden. Aber die Impfstoffe der nächsten Generation, die derzeit erprobt werden, sind so verbessert, dass diese Nebenwirkungen nicht mehr auftreten.

Es werden allerdings von einigen Wissenschaftlern auch Zweifel daran geäußert, dass die Beta-Amyloid-Plaques tatsächlich eine zentrale Rolle bei der Alzheimer-Demenz spielen. Diese werden durch Obduktionsergebnisse genährt, bei denen solche Plaques auch bei Menschen gefunden wurden, die in geistiger Klarheit gestorben sind. Andererseits sind Menschen, die aufgrund einer genetischen Besonderheit keine Beta-Amyloid-Plaques bilden können, anscheinend vor der Krankheit geschützt.



Medikamente gegen Tau-Fibrillen

Andere Wissenschaftler glauben, dass vor allem die Tau-Fibrillen - Proteinstränge, die sich bei Alzheimer in den Nervenzellen bilden - für die Gehirndegeneration verantwortlich sind. Es wurden deshalb auch Wirkstoffe erfunden, die deren Bildung verhindern sollen.

Der fortgeschrittenste Wirkstoff dieser Art ist das Leuko-Methylthionium, das strukturell mit Methylenblau verwandt ist. Er wird gegen Alzheimer derzeit in Phase-III-Studien erprobt.


Weitere Alzheimer-Medikamente für die Behandlung

Noch etliche andere Ansatzpunkte für eine Alzheimer-Therapie werden derzeit in klinischen Studien oder bei Tieren erprobt. Welche davon sich bewähren, wird erst anhand von Ergebnissen aus Phase-II- und Phase-III-Studien erkennbar sein.