Wie kommen Medikamente zu ihrem Namen?
Auf jeder Medikamentenpackung finden sich zwei Namen: Der Handelsname des Medikaments und der Name des darin enthaltenen Wirkstoffs. An der Festlegung beider Namen wirken stets mehrere mit: Im Falle des Wirkstoffnamens der Hersteller zusammen mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO), im Fall des Handelsnamens der Hersteller und die Name Review Group der EU-Arzneimittelbehörde EMA oder vergleichbarer Gremien bei den Arzneimitttelbehörden anderer Länder und Weltregionen. Oberstes Ziel von WHO und Arzneimittelbehörden ist ein Benennungssystem, das möglichst stimmig ist und möglichst wenig Verwechslungsgefahren birgt.
Ein Wirkstoffname wird festgelegt
Wenn eine Firma einen neuen Wirkstoff erfunden hat, kann sie dafür dem zuständigen WHO-Gremium einen Namen vorschlagen. Dabei sind eine ganze Reihe von Regeln zu beachten, die alle dem Ziel dienen, dass der Name dem eines anderen Wirkstoffs nicht allzu ähnlich ist. Gibt es bereits einen anderen Wirkstoff aus der gleichen Wirkstoffklasse („also gleicher Wirkungsweise und ähnlicher Molekülstruktur“), muss der neue Wirkstoff die Endung für diese Klasse übernehmen. So erhielt beispielsweise der erste Wirkstoff, der die Magensäurebildung durch Blockade der sogenannten Protonenpumpen zügeln konnte, den Namen Omeprazol. Weitere Wirkstoffe, die ebenfalls auf diese Weise wirken, wurden dann Lansoprazol, Pantoprazol, Rabeprazol und Esomeprazol genannt.
Für einige Wirkstoffe gibt es zusätzliche Vorgaben. So waren über viele Jahre bei monoklonalen Antikörpern die letzten drei Buchstaben für die Endung "mab" (für "monoclonal antibody") reserviert, und die Buchstaben davor für Informationen zum Anwendungsgebiet (z. B. „li“ oder „lim“ für Immunmodulator) und zum Antikörpertyp („u“ für „human, menschlich“, "xi" für "chimär"). Bei der Benennung des gegen rheumatoide Arthritis gerichteten Wirkstoffs Adalimumab war also beispielsweise nur das „Ada“ nicht schon durch Vorschriften festgelegt.
Dieses System zur Antikörper-Benennung wurde mittlerweile durch ein anderes ersetzt, mit Endsilben wie -mig, -ment, -bart und -tug. Das führt ein eigener Artikel auf vfa.de aus.
Es gibt auch Wirkstoffe, die aus einem Antikörper-Abschnitt und einem anderen Protein zusammengefügt wurden (die also Fusionsproteine sind). Solche Wirkstoffe müssen immer die Endung „cept“ tragen – wie etwa der gegen verschiedene Immunkrankheiten eingesetzte Wirkstoff Etanercept oder das gegen feuchte altersbedingte Makuladegeneration (AMD) zugelassene Aflibercept.
Wirkstoffe, deren Name auf „mycin“ oder „sporin“ endet, basieren auf Stoffen aus Pilzen oder Bakterien – wie das Antibiotikum Clarithromycin oder das Immunsuppressivum Ciclosporin.
Zunächst stellt die WHO Vorschläge für neue Wirkstoffnamen zur Diskussion. Diese werden dann unter Berücksichtigung eventueller Stellungnahmen als endgültige Wirkstoffnamen veröffentlicht. Dabei sind kleine Anpassungen an verschiedene Sprachen gestattet. So werden Wirkstoffnamen, die im deutschen mit „in“ enden, im englischen um ein "e" ergänzt. Beispielsweise heißt der gegen Heuschnupfen eingesetzte Wirkstoff Cetirizin in englischsprachigen Ländern Cetirizine.
Handelsnamen = Produktnamen
Für die Gestaltung des Handelsnamens haben die Firmen zunächst weiteren Spielraum, solange sie damit nicht überzogene Versprechen abgeben: Ein Name wie „Niemalskrank“ oder „Bessermittel“ wäre also inakzeptabel. Ehe ein neuer Name im EU-Raum verwendet werden darf, muss ihn aber die Name Review Group der europäischen Arzneimittelbehörde EMA genehmigen. Die versteht ihre Tätigkeit in erster Linie als Beitrag zur Sicherheit der Arzneimittelanwendung. Sie verlangt, dass ein Produktname ...
- keine irreführenden therapeutischen oder pharmazeutischen Assoziationen fördert,
- nicht irreführend hinsichtlich der Zusammensetzung des Medikaments ist, und
- keine Verwechslung mit dem Namen eines anderen Medikaments nahelegt – sei es beim Lesen des gedruckten oder handgeschriebenen Namens noch beim Hören.
Gerade diese letzte Anforderung ist immer wieder ein Grund, einen Namensvorschlag zurückzuweisen.
Einige Produktnahmen enthalten Anspielungen an das Wirkprinzip, etwa beim (mittlerweile patentfreien) Medikament Xarelto, dessen Wirkstoff den Blutgerinnungsfaktor Xa hemmt, oder dem ebenfalls patentfreien Produkt Erypo, das die Bildung von Erythrozyten fördert. Der Wirkstoff von Sotyktu hemmt das Enzym TYK2. Weitere Beispiele sind die Medikamente Brukinsa, Velexbru und Imbruvica, deren Wirkstoffe alle die Bruton-Tyrosinkinase hemmen. Dieses Enzym spielt eine Rolle bei der Reifung der B-Zellen des Immunsystems.
Viele Medikamente haben in den USA und in der EU den gleichen Produktnamen (gleich zumindest hinsichtlich der Schreibweise, Aussprache-Unterschiede gibt es trotzdem); aber das ist nicht zwingend. So heißt beispielsweise das schon genannte Erypo in den USA Epogen.
Ausgesprochen unaussprechlich?
Wirkstoffnamen dienen in erster Linie der Verständigung unter Fachleuten. Denen ist es im Zweifelsfall wichtiger, dem Namen wichtige Informationen zu entnehmen, als ihn mühelos aussprechen zu können. Bei Produktnamen hingegen suchen Unternehmen den Ausgleich zwischen verschiedenen Eigenschaften, die nicht immer in die gleiche Richtung weisen: Der Name soll einprägsam sein und nicht beliebig klingen, er sollte keine negativen oder dem Ernst der Krankheit unangemessene Assoziationen wecken und auch in möglichst vielen Ländern leicht auszusprechen sein. Das ist gar nicht einfach, allein bei den über 20 Sprachen in der EU! In der Regel bitten Pharmafirmen deshalb spezialisierte Namenserfindungsagenturen um Rat. Aber auch dann wurde manches Mal ein außergewöhnlicher Name nur um den Preis geschaffen, dass dieser nicht ganz leicht auszusprechen ist.