Medikamente mit Botulinum-Toxinen dienen neben der ästhetischen Anwendung auch zur Behandlung von Lidkrämpfen, Schielen und exzessiver Schweißbildung. Bei ihrer Herstellung ist eine zuverlässige Aktivitätskontrolle für jede Produktionscharge unverzichtbar, denn bei einer Überdosierung ist das Leben des behandelten Patienten in Gefahr. Der Potsdamer Professor Gerhard Püschel hat mit seinem Team eine neue Kontrollmethode entwickelt, die anders als das bislang anerkannte Verfahren ohne Tiere auskommt.

Dafür wurde ihm am 20. Oktober 2015 der „Forschungspreis des Landes Berlin zur Förderung der Erforschung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden für Tierversuche“ verliehen. Dieser würdigt Forschungen, die dazu beitragen, die Zahl der Tierversuche und die Belastung für Versuchstiere perspektivisch zu reduzieren.

Der mit 15.000 Euro dotierte Preis wird gemeinsam von der Senatsverwaltung für Justiz und Verbraucherschutz, dem Landesamt für Gesundheit und Soziales und dem Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa) ausgelobt. Der vfa sponsert den Berliner Forschungspreis für Ersatz- und Ergänzungsmethoden seit seiner Einrichtung im Jahr 2011 als Teil seiner Aktivitäten zur Förderung von Entwicklung und Einsatz von Verfahren zum Einsparen und Verbessern von Tierversuchen.

Preisträger Prof. Dr. Gerhard Püschel (Mitte) mit seinen Mitarbeitern Andrea Pathe Neuschäfer-Rube und Frank Neuschäfer-Rube (links) und dem Berliner Senator für Justiz und Verbraucherschutz Thomas Heilmann (rechts) (© vfa / D. Laessig)
Das neue Testverfahren hat Professor Püschel am Institut für Ernährungswissenschaft, Biochemie der Ernährung der Universität Potsdam mit Andrea Pathe Neuschäfer-Rube und Frank Neuschäfer-Rube entwickelt. Ihr Ziel war ein Verfahren, das sich auf alle Botulinum-Toxine anwenden lässt. Bisherige tierfreie Methoden (von denen keine bisher in Europa für behördlich gültige Chargentests angewandt werden darf) sind immer nur für genau ein Toxin tauglich. Die Potsdamer ersannen daraufhin einen Test, der nicht direkt die enzymatische Wirkung der Toxine misst, sondern die relevante Folgewirkung, das Unterdrücken der Freisetzung von Botenstoffen aus Toxin-empfindlichen Zellen.


Die Forscher konnten ihren Test bis zum Stadium des „Proofs of Principle“ entwickeln und vor allem zeigen, dass er auch empfindlich genug für die in der Praxis benötigten Messungen ist. Bis zu einem tatsächlichen Praxiseinsatz muss der Test aber noch zur Serienreife entwickelt und auf seine Gleichwertigkeit oder Überlegenheit zum behördlich anerkannten Testverfahren (einem sogenannten LD50-Giftigkeitstest mit Mäusen) getestet werden.

„Das prämierte Projekt macht anschaulich, worauf es bei der Entwicklung alternativer Testmethoden für Medikamente ankommt: Sie müssen dem Patienten mindestens so viel Sicherheit bieten wie die Tierversuche, die sie ersetzen! Der Preisträger hat mit seinem Team diese Herausforderung für eine Wirkstoffklasse angenommen, bei dem die Zuverlässigkeit der Produktionskontrolle über Leben und Tod entscheiden kann.“ Das erklärte Dr. Siegfried Throm, der Geschäftsführer Forschung/Entwicklung/Innovation des vfa, bei der Preisverleihung. „Ich hoffe, dass dieser Preis anderen Wissenschaftlern Ansporn ist, weitere Alternativmethoden zu entwickeln; denn sie werden hoch geschätzt und gebraucht.“

Am gleichen Tag wurde vom Land Berlin noch ein weiterer Preis verliehen: der erstmals ausgelobte (und vom Land Berlin finanzierte) Landespreis zur Förderung tierversuchsfreier universitärer oder beruflicher Ausbildung. Ihn erhielt Prof. Dr. Christa Thöne-Reineke vom Institut für Tierschutz, Tierverhalten und Versuchstierkunde des Fachbereichs Veterinärmedizin der Freien Universität Berlin. Ausgezeichnet wird damit das Konzept einer Ringvorlesung zum Thema „Alternativen zu Tierversuchen in Forschung, Ausbildung und Lehre“.

„Wissen gehört bekanntermaßen zu den Gütern auf der Welt, die sich vermehren, wenn man sie teilt. Wissen und Erkenntnisse über Alternativen zu Tierversuchen in Forschung, Ausbildung und Lehre systematisch zu teilen, wird mit Sicherheit mittelfristig die Zahl der Tierversuche senken. Das Konzept der FU ist deshalb aus unserer Sicht absolut preiswürdig“, so der Berliner Senator für Justiz und Verbraucherschutz Thomas Heilmann bei der Preisverleihung.

Weitere Informationen zum Verfahren von Prof. Püschel und Team: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26389683