Am 12. Oktober 2017 wurden zum vierten Mal die „Preise des Landes Berlin zur Förderung der Erforschung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden für Tierversuche in Forschung und Lehre“ verliehen. Unterstützt wurden die Preise durch den Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa) und die Tierärztekammer Berlin. Prämiert wurden Projekte zur tierfreien Identifizierung von Grippeviren und zur Entwicklung einer Plattform, die aus humanen Stammzellen erzeugtes Hirngewebe als Modell für die Schlaganfall-Forschung verwendet. Die Preise sind mit insgesamt 25.000 Euro dotiert.

Alle zwei Jahre werden mit diesen Preisen Forschungsprojekte aus Berlin oder Brandenburg prämiert, die dazu beitragen, die Verwendung von Versuchstieren zu vermeiden oder zu verringern oder bei Tierversuchen die Belastung für die Tiere zu verringern. In diesem Jahr wurden die Preise von Dr. Dirk Behrendt, dem Senator für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung des Landes Berlin, verliehen.

Ein tierfreies humanes Hirnmodell für die Schlaganfall-Forschung

Dr. Philipp Mergenthaler und Dr. Harald Stachelscheid von der Charité - Universitätsmedizin Berlin und dem Berlin Institut of Health (BIH), wurden ausgezeichnet für die Entwicklung einer Modellplattform, die menschliches Hirngewebe in zwei- und dreidimensionalen Systemen nachbildet.

Die Preisträger Dr. Harald Stachelscheid (2.v.l.) und Dr. Philipp Mergenthaler (3.v.l.) mit Senator Dr. Dirk Behrend (links), Dr. Heidemarie Ratsch (Präsidentin der Tierärztekammer Berlin), Dr. Siegfried Throm (vfa, 2.v.r.) und Laudator Prof. Dr. Ulrich Dirnagel (Charité Berlin, rechts) (© LaGeSo / Arendt)


Diese humanen Nervenzellen und Hirnorganoide (also Gewebe, das in ihrem Aufbau dem Gehirn ähneln und auch einige seiner Funktionen widerspiegeln) sollen zur Untersuchung komplexer Krankheitsvorgänge und der Entwicklung neuer Behandlungsmethoden bei Schlaganfall dienen. Auf diese Weise sollen zukünftig weniger Experimente mit Mäusen und Ratten erforderlich sein, anhand derer derzeit noch ein wesentlicher Teil der Schlaganfall-Forschung durchgeführt wird. Die neuartigen Modelle werden mit Hilfe von induzierten pluripotenten Stammzellen aufgebaut, die von Zellen erwachsener Menschen abstammen. Die Forscher setzen bei der Arbeit mit diesen Modellen automatisierte Mikrokopie und Bildanalyse für Untersuchungen ein. Im aktuell laufenden Projekt soll gezeigt werden, dass sich so Erkenntnisse reproduzieren lassen, die bereits auf herkömmlichem Wege gewonnen wurden. Im weiteren Verlauf sollen zudem neue Ergebnisse zu Schlaganfall und Schlaganfalltherapie gewonnen werden.

Dr. Mergenthaler ist Neurowissenschaftler und Arzt in der Abteilung für Experimentelle Neurologie, Centrum für Schlaganfallforschung Berlin, dem NeuroCure Clinical Research Center und der Klinik für Neurologie der Charité und Fellow des Charité-BIH Clinical Scientist Programms. Dr. Stachelscheid ist Stammzellbiologe am Berlin Brandenburg Center für Regenerative Therapien und Leiter der BIH Stammzell-Core Facility.

Grippeviren identifizieren ohne Tierseren

Prof. Dr. Frank Bier, Dr. Henry Memczak, Dr. Marc Hovestädt, Priv.-Doz. Dr. Thorsten Wolff und Dr. Nenand Gajovic-Eichelmann erhielten den Preis für die noch laufende „Entwicklung einer peptidbasierten Subtypisierungsplattform für Influenzaviren (FluType)“. Sie sind an der Universität Potsdam, dem Robert-Koch-Instituts (Berlin) und dem Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie-BB (Potsdam) tätig. Das von ihrem Konsortium entwickelte Testsystem könnte in einigen Jahren tausende von Frettchen ersetzen, die bislang jährlich weltweit dafür benötigt werden, den „Subtyp“ der Grippeviren zu bestimmen, an denen ein bestimmter Patient leidet.

Senator Dr. Dirk Behrend (links), die Preisträger (v.l.n.r.) Dr. Mark Hovestädt, Dr. Henry Memczak, Dr. Nenand Gajovic-Eichelmann, PD Dr. Thorsten Wolff, Dr. Heidemarie Ratsch (Präsidentin der Tierärztekammer Berlin), Laudator Prof. Dr. Dr. Ralf Einspanier (FU Berlin, 2. v.r.) und Dr. Siegfried Throm (vfa, rechts) (© LaGeSo / Arendt)


Denn Grippevirus ist nicht gleich Grippevirus; vielmehr sind zu jeder Zeit unterschiedliche Varianten von Grippeviren im Umlauf, die Subtypen genannt und mit Kürzeln wie A(H5N1) oder A(H7N9) bezeichnet werden. Zudem entstehen durch natürliche genetische Veränderungen immer wieder neue Subtypen. Weil Impfstoffe nur vor genau den Grippe-Subtypen schützen können, gegen die sie entwickelt wurden, muss vor der Produktion der Impfstoffe für den jährlichen Grippeschutz geklärt werden, welche Subtypen gerade international die wichtigsten sind. Das erfordert Untersuchungen von Virenproben in aller Welt; in Deutschland beispielsweise beim Berliner Robert-Koch-Institut. Für die Subtyp-Bestimmung sind Virusexperten aber bislang auf sogenannte „spezifischen Hyperimmunseren“ aus dem Blut tausender Frettchen angewiesen, deren Herstellung mehrere Wochen in Anspruch nimmt.

Das neue System wird hingegen ohne Tiere auskommen und schneller Ergebnisse liefern, womit es dazu beitragen kann, dass Grippeimpfstoffe zuverlässiger auf die Virus-Subtypen passen, die wirklich vorrangig im Umlauf sind. Die neue Subtyp-Bestimmungstechnik wird derzeit auf ihre Zuverlässigkeit hin geprüft.

vfa ist Sponsor des Preises seit 2011

Dr. Siegfried Throm, Geschäftsführer Forschung/Entwicklung/Innovation des Verbands der forschenden Pharma-Unternehmen, erläuterte das Engagement des vfa: „Heute schon setzen Pharma-Unternehmen Versuchstiere möglichst sparsam und schonend ein; und sie verfolgen beharrlich das Ziel, mit noch weniger Tieren auszukommen. Dazu erarbeiten sie selbst Alternativmethoden und sind auch an den Verfahren interessiert, die andernorts entwickelt werden – nicht zuletzt, weil Tierversuche teuer und zeitintensiv sind. Die heute prämierten Wissenschaftler zeigen mit ihren neuen tierfreien Testsystemen, wie viel auf diesem Feld mit neuesten biologischen Methoden gelingen kann. Wir hoffen, dass diese Beispiele weit über Berlin und Brandenburg hinaus weiteren Projekten für weniger Tierversuche Auftrieb geben.“

Der vfa unterstützt den Preis des Landes Berlin als Sponsor, seit er im Jahr 2011 einrichtet wurde.