Direkt zum Inhalt springen
Suche Inline - Login

14. November 2024 Entwicklung von Arzneimitteltherapien gegen Long Covid

Einige Menschen behalten nach einer Covid-19-Erkrankung lang andauernde belastende Symptome zurück. Es wird nach Behandlungsmöglichkeiten gesucht; auch etliche Medikamente werden dafür erprobt. Aber die Therapieentwicklung braucht Zeit.

Bei manchen Menschen bleiben nach dem Ende der eigentlichen Covid-19-Infektion chronische Beschwerden zurück; oder sie treten überhaupt erst nach der Infektion auf. Diese Beschwerden heißen Long Covid bzw. Post Covid. Leider ist bei den meisten dieser Beschwerden noch nicht klar, welche Vorgänge im Körper sie eigentlich hervorrufen. Wahrscheinlich sind es unterschiedliche Vorgänge, so dass es bei Long bzw. Post Covid mehrere Krankheits-Unterformen gibt.

Zwei Dinge machen es sehr schwierig, schnell wirksame Therapien gegen diese Beschwerden zu entwickeln:

  • Man kennt die Vorgänge im Körper kaum und weiß daher nicht sicher, wo Medikamente eingreifen könnten.
  • Und vermutlich werden die verschiedenen Krankheits-Unterformen nicht alle auf die gleiche Behandlung ansprechen. Das bedeutet (bis man die Unterformen auseinander halten kann), dass auch ein für manche Betroffene gut geeignetes Medikament in Studien – gemittelt über die vielen Teilnehmer:innen – keine starken Ergebnisse erzielen kann.

Trotzdem haben Unternehmen, Institute und Kliniken weltweit etliche Projekte aufgelegt, in denen sie den bisher zusammengetragenen Hinweisen nachgehen, was helfen könnte. In den meisten Projekten werden bereits Patient:innen im Rahmen von Studien probeweise mit den Medikamenten behandelt.

Fawzy NA, et al. (2023) Externer-Link (Öffnet im neuen Fenster) berichten in einem Übersichtsartikel von 61 Medikamenten, die derzeit in Projekten erprobt werden (und zusätzlich von einigen Projekten mit Traditioneller Chinesischer Medizin). Der Artikel weist auch auf nicht-medikamentöse Behandlungs-Maßnahmen in Erprobung hin. Weitere Projekte werden von Bonilla H, et al. (2023) Externer-Link (Öffnet im neuen Fenster) in einem anderen Übersichtsartikel genannt. Ein Teil der laufenden Projekte wird weiter unten im Artikel kurz beschrieben.

Der vfa rechnet damit, dass Unternehmen noch weitere Projekte starten werden, wenn die laufende medizinische Grundlagenforschung mehr über die molekularen Krankheitsvorgänge herausgefunden hat, so dass klar geworden ist, wo die Arzneimittelentwicklung ansetzen kann.

Hypothesen zu Long / Post Covid

Es gibt sehr unterschiedliche Hypothesen dazu, welche Vorgänge im Körper zu Long bzw. Post Covid führen. Hier eine Auswahl.

Verbliebene SARS-CoV-2
Hypothese: Bei den Betroffenen sind SARS-CoV-2-Viren im Körper verblieben. Diese stören die normalen Körpervorgänge.

Reaktivierung „schlafender“ anderer Viren
Hypothese: Bei den Betroffenen vermehren sich Viren wie Epstein-Barr-Virus oder HHV-6 (Human Herpesvirus 6), die seit langem inaktiv in ihrem Körper überdauert haben. Sie schädigen unter anderem die Mitochondrien in den Zellen.

Gestörtes Mikrobiom
Hypothese: Bei den Betroffenen treten einige Arten von Darmbakterien vermehrt, andere (z.B. solche, die Butyrat produzieren) vermindert auf. Das führt auf irgendeinem Weg zu den beobachteten Symptomen.

Das Immunsystem greift Zellen mit ACE2-Rezeptoren an
Hypothese: Bei den Betroffenen greift das Immunsystem Zellen des eigenen Körpers an, beispielsweise solche, die den ACE2-Rezeptor tragen (der SARS-CoV-2 als Eintrittsstelle in Zellen dient). Das schädigt verschiedene Organe.

Das Komplementsystem (ein Teil des Immunsystems) bleibt zu lange aktiv
Hypothese: Das Komplementsystem – ein Teil des Immunsystems, das zur Virenabwehr bei einer akuten Covid-19-Infektion beiträgt – bleibt beim Post Covid Syndrom dauerhaft aktiv Externer-Link (Öffnet im neuen Fenster) , statt seine Aktivität wieder zurückzufahren.

Mangel an bestimmten Zytokinen
Hypothese: Bei den Betroffenen wird das Zytokin IL-8 nicht mehr gebildet, das eigentlich Reparaturen in geschädigten Geweben stimulieren müsste. Auch eine Reihe weiterer Zytokine wird nicht mehr oder nur noch in geringen Mengen gebildet.

Durchblutungsstörungen durch Blutgerinnsel und Fehlfunktionen in Blutgefäßen
Hypothese: Bei den Betroffenen sorgen kleine Blutgerinnsel und andere Effekte für eine gestörte Durchblutung und mithin geminderter Sauerstoffversorgung einiger Gewebe.

Gestörter Blutdruck und Cholesterinstoffwechsel
Hypothese: Störungen Externer-Link (Öffnet im neuen Fenster) des Cholesterinstoffwechsels und der Blutdruckregulation sind zumindest für einen Teil der Symptome verantwortlich.

Entzündeter Vagus-Nerv
Hypothese: Einige Symptome der Betroffenen lassen sich auf eine Fehlsteuerung innerer Organe (Dysautonomia, Autonomic Dysfunction) durch den Vagus-Nerv zurückführen, weil dieser nach Angriff durch SARS-CoV-2 chronisch entzündet ist. Dieser Nerv, der Ausläufer in viele Organe hat, ist ein zentraler Teil des vegetativen Nervensystems.

Geschädigte Mitochondrien
Hypothese: Bei den Betroffenen haben SARS-CoV-2-Viren während der akuten Infektion die Mitochondrien (Zellkraftwerke) in vielen Zellen geschädigt. Wo Zellen daraufhin abgestorben sind, haben die Mitochondrien-"Trümmer" das Immunsystem dazu gebracht, eine dauerhafte Entzündung aufrecht zu erhalten, die den Schaden noch verstärkt.

Zu allen diesen Hypothesen gibt es unterstützende Indizien (z.B. dass bei Patient:innen tatsächlich SARS-CoV-2, Epstein-Barr-Viren, Blutgerinnsel oder ein entzündeter Vagus-Nerv gefunden wurden), aber welche dieser Normabweichungen für die Symptome verantwortlich und welche nur Nebeneffekte sind, ist unklar. Das macht es äußerst schwierig, Projekte zur gezielten Entwicklung von Long/Post-Covid-Medikamenten zu initiieren.

Quellen:

Im einzelnen: Entwicklungsprojekte für die medikamentöse Therapie von Long und Post Covid


Derzeit werden ausschließlich Medikamente gegen Long / Post Covid erprobt, die bereits zur Behandlung anderer Krankheiten zugelassen sind oder gedacht waren; einige von ihnen sind für diese anderen Anwendungen auch schon zugelassen, einige andere Medikamente sind aber auch gegen diese erst noch in Erprobung. Einige dieser Projekte werden in den folgenden Abschnitten kurz vorgestellt.

Ein von vielen Betroffenen berichtetes Symptom ist anhaltende Erschöpfung (Fatigue), z.T. auch mit schweren Konzentrationsstörungen ("Brain Fog"), ohne mit bisheriger Diagnostik erkennbaren körperlichen Ursachen. So etwas kennt die Medizin schon länger von Menschen, die an Myalgischer Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrom (ME/CFS) oder Fibromyalgie leiden; und einige der Betroffenen zeigen auch das Vollbild eine ME/CFS. Die Nationale Klinische Studiengruppe (NKSG) ME/CFS und Post-COVID-Syndrom Externer-Link (Öffnet im neuen Fenster) erprobt deshalb einige mögliche Therapien mit Betroffenen mit ohne ohne vorherige COVID-19-Infektion:



Doch werden auch Studien außerhalb der NKSG durchgeführt:



Eine mögliche Ursache für Long / Post Covid-Symptome könnten im Körper verbliebene SARS-CoV-2-Viren sein. Davon ausgehend wurden mehrere Studienprogramme aufgesetzt:

Aber möglicherweise könnte auch eine Reaktivierung von latent bei den Patient:innen vorhandenen Epstein-Barr-Viren die Ursache von Fatigue und kognitiven Störungen sein.

Ganz anders der Ansatz, der einer Digitalen Gesundheitsanwendung zugrunde liegt:
  • Das Unternehmen GAIA Externer-Link (Öffnet im neuen Fenster) (Deutschland/USA) entwickelt derzeit ein digitales Long Covid-Therapeutikum, genannt vimida. Es soll Betroffenen helfen, die Balance zwischen Aktivität und Erholung zu finden, die sie für ihren Weg zurück in den Alltag benötigen. Es wird derzeit in einer Phase II-Studie Externer-Link (Öffnet im neuen Fenster) erprobt (die keine weiteren Teilnehmenden mehr aufnimmt; eine Phase-III-Studie ist in Vorbereitung. Laut Hersteller nutzt vimida Methoden der Kognitiven Verhaltenstherapie und der Akzeptanz- und Commitment Therapie (ACT), deren Wirksamkeit wissenschaftlich nachgewiesen sind.


Schmerzen an verschiedenen Stellen im Körper sind ein weiteres Symptome, die einige Long Covid-Patient:innen (wie auch Betroffene mit Fibromyalgie) erleben. Auch hiergegen ist ein Medikament in Erprobung:


In weiteren Projekten geht es vor allem darum, Entzündungen und andere Krankheitsprozesse in den Atemwegen zu bekämpfen:


Weitere Projekte adressieren im Rahmen von Long/Post Covid auftretende Herz-Kreislauf-Probleme wie (häufig damit assoziierte) Kurzatmigkeit nach Anstrengung (DOE, für englisch "Dyspnea on Exertion"), Herzrasen nach Anstrengung oder "Postural Orthostatic Tachycardia Syndrome" (POTS), was durch erhebliche Beschleunigung des Herzschlags beim Aufstehen aus einer Liegeposition heraus gekennzeichnet ist.


Einzelfallbeobachtungen deuten zudem darauf hin, dass das Post Covid Syndrom – zumindest bei einigen Patient:innen – durch eine einmalige Behandlung mit den langwirksamen Antikörper-Kombination aus Casirivimab und Indevimab Externer-Link (Öffnet im neuen Fenster) wirksam behandelt werden kann. Die Kombination ist eigentlich zur Therapie und Prävention einer akuten Covid-19-Infektion entwickelt worden.

Die genannten Projekte stellen nur eine Auswahl dar. Auch dürften in den kommenden Monaten noch andere Medikamente in Studien auf ihre Eignung erprobt werden.