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Internationale Anstrengungen gegen Antibiotika-Resistenzen

Jahre mit politische Initiativen haben noch keine Wende für die Entwicklung neuartiger Antibiotika gebracht. Aber einige Grundlagen gelegt.

Politische Initativen zur Bekämpfung von Resistenzen bei Bakterien und zur Förderung der Neuentwicklung von Antibiotika gibt es seit vielen Jahren.

So wurde im Mai 2015 vom Plenum der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ein globaler Aktionsplan verabschiedet, nach einer eindringlichen Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Eröffnung. Im Juni 2015 stand die Resistenzproblematik auf der Tagesordnung des unter deutschem Vorsitz durchgeführten G7-Gipfeltreffens in Elmau, und beim Folgetreffen der G7-Gesundheitsminister im Oktober wurde die so genannte Berliner Erklärung veröffentlicht. Darin wurden von den G7-Staaten eine Reihe von Maßnahmen zur Bekämpfung von Antibiotika-Resistenzen verabredet, die von einer Stärkung der Prävention und Förderung des sachgerechten Einsatzes von Antibiotika bis zur Prüfung von globalen Produktentwicklungspartnerschaften reichen. Bei der Formulierung dieser Maßnahmen wurden u. a. die vom Bundesgesundheitsministerium bei The Boston Consulting Group beauftragte Studie „Breaking Through the Wall - Enhancing Research and Development of Antibiotics in Science and Industry“ sowie Ergebnisse einer deutschen Arbeitsgruppe von Pharmaindustrie, Wissenschaft, Behörden und Ministerien im Rahmen des Pharma-Dialogs berücksichtigt.

Die Mitwirkung der Bundesregierung am Aufbau von GARDP (siehe Artikel "Product Development Partnerships") ist neben anderen Aktivitäten eine Konsequenz ihrer Zusagen in der Berliner Erklärung. Anderes setzt sie im Rahmen ihrer schon seit 2008 bestehenden, zuletzt 2015 aktualisierten Deutschen Antibiotika-Resistenzstrategie (DART 2020) um (mit Zwischenbericht im Mai 2017).

Der Weg zur AMR Industry Alliance

2016 hat sich auch die Pharma-, Biotech- und Diagnostika-Industrie beim World Economic Forum in Davos zu mehr Anstrengungen gegen die Resistenzproblematik gemeinsam mit der Politik bekannt. Mehr als 80 Unternehmen sowie zahlreiche Industrieverbände haben dazu die "Declaration by the Pharmaceutical, Biotechnology and Diagnostics Industries on Combating Antimicrobial Resistance" unterzeichnet – unter ihnen der vfa.
Die Deklaration verlangt Anstrengungen für einen verantwortungsvollen Umgang mit den vorhandenen Antibiotika und den Einsatz von mehr Erregerdiagnostik, damit jeweils direkt das bestgeeignete Mittel gewählt werden kann. Beides wirkt dem Aufkommen weiterer Resistenzen entgegen. Die Unterzeichner appellieren an die Regierungen, mit ihnen an neuen Strukturen für einen verlässlicheren und nachhaltigeren Antibiotika-Markt zu arbeiten. Diese sollen für angemessene wirtschaftliche Anreize für Unternehmen sorgen, aber zugleich auch den verantwortungsvollen Gebrauch der Antibiotika fördern; etwa, indem die Einnahmen mit Antibiotika nicht ausschließlich von deren Verordnungsvolumen abhängen.
Die Unternehmen wollen noch mehr in Forschung und Entwicklung für neue Diagnostika, Therapeutika und Impfstoffe gegen Infektionskrankheiten investieren. Sie unterstützen hierbei neue Forschungsallianzen von Unternehmen, öffentlichen Forschungseinrichtungen und anderen öffentlichen Institutionen. Im Rahmen des WHO Global Action Plans soll der Zugang zu den vorhandenen und künftigen Antibiotika allen weltweit ermöglicht werden, die sie benötigen.
Von einigen Unternehmen wurde die Deklaration noch um eine "Industry Roadmap to Combat Antimicrobial Resistance" ergänzt, die genauere Angaben zum Vorgehen macht; neben Antibiotika-Forschung geht es auch um den Zugang zu und den sachgerechten Gebrauch von Antibiotika sowie um eine Überprüfung der bestehenden Antibiotika-Produktion hinsichtlich Umwelt-Aspekten.
Aus diesen Aktivitäten ging 2017 die AMR Industry Alliance hervor, die die Industrieaktivitäten koordiniert und monitoriert, die auf das Problem der Resistenzen bei Krankheitserregern gerichtet sind. Ihr erster Progress Reporterschien im Januar 2018.

Im Februar 2017 hat The Boston Consulting Group die Gründung einer Global Union for Antibiotics Research and Development (GUARD) vorgeschlagen. Diese Empfehlung findet sich zusammen mit Analysen und weiteren Vorschlägen im Report „Breaking Through the Wall – A Call for Concerted Action on Antibiotics Research and Development“, der wie schon der vorangegangene „Breaking Through the Wall“-Report für die Bundesregierung ausgearbeitet worden ist.

Priority Pathogens

Ebenfalls im Februar 2017 veröffentlichte die WHO eine Liste von Bakterien, für die nach ihrem Verständnis neue Antibiotika besonders dringend benötigt werden, die "WHO priority pathogens list for R&D of new antibiotics". Die Liste soll auf eine Ausrichtung der Antibiotika-Forschung auf besonders prioritäre Ziele hinwirken – im Rahmen von GARDP ebenso wie bei anderen Antibiotika-Projekten. Die WHO hofft auch, dass Regierungen ihre Förderprogramme für Grundlagenforschung und angewandte F&E im Antibiotika-Feld daran ausrichten. Alle zwölf hier gelisteten Pathogene sind (multi)resistente Bakterien, gegen die bislang kaum neue Antibiotika in Entwicklung sind, allen voran Carbapenem-resistente Acinetobacter, Pseudomonas und Enterobacteriaceae. Dass multiresistente TB-Bakterien nicht unter den priorisierten Pathogenen waren, brachte andere Institutionen dazu, die Dringlichkeit weiterer neuer Medikamente gegen diese Keime zu betonen; u.a. weist die Abschlusserklärung des G20-Gesundheitsministertreffens vom Mai 2017 darauf hin.

Im Juni 2017 bekräftigte die EU mit ihrem aktualisierten "Action Plan against Antimicrobial Resistance" die Bedeutung von Anreizsystemen für die Entwicklung neuer Antibiotika, legte sich aber weiterhin nicht fest, welche zur Anwendung kommen sollten. Ende Juni 2017 empfahl die OECD in ihrer Publikation "Tackling Antimicrobial Resistance Ensuring Sustainable R&D" ein dreifaches Vorgehen zur Steigerung der F&E zu Resistenzen und Antibiotika: 1. Förderung der Grundlagenforschung in akademischen Einrichtungen sowie kleinen und mittleren Unternehmen, die dann in eine "G20 global collaboration platform" als Knowledge Hub einfließt. 2. Unterstützung von aussichtreichen Entwicklungsprojekten gegen die WHO-priorisierten Erreger. 3. Suche nach geeigneten Fördermöglichkeiten, die das Entwickeln von Antibiotika wirtschaftlich attraktiver machen und dabei das Investment in die F&E von der Notwendigkeit einer Refinanzierung aus dem Verkauf der Produkte entkoppeln.

Der Global AMR R&D Hub

Die G20-Regierungschefs griffen bei ihrem Gipfeltreffen in Hamburg am 07.-08. Juli 2017 in der Abschlusserklärung die Idee eines R&D Collaboration Hub auf; er solle nicht nur Grundlagenforschung, sondern auch Entwicklungsprojekte koordinieren helfen. Sie kündigten an, darüber hinaus weitere „practical market incentive options“ zu prüfen. Priorität für die F&E habe für sie neben den WHO-priorisierten Krankheitserregern auch die Tuberkulose.

Die Bundesregierung hat in den darauffolgenden Monaten den Aufbau des Global AMR R&D Hub – wie er mittlerweile heißt – federführend vorangetrieben. Am 22. Mai 2018 konnte das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) auf der World Health Assembly der WHO verkünden, dass der Hub seine Arbeit aufgenommen hat. Sein Sekretariat hat seinen Sitz bis auf weiteres in Berlin; organisatorisch angeschlossen an das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung (DZIF).