Die Arzneimittelversorgung in Deutschland ist eine der besten der Welt. Jeder hat schon erlebt, dass ein Medikament binnen Stunden extra für ihn in die Apotheke vor Ort geliefert wurde. Aber wie bei allen technischen Produkten kann es auch vorkommen, dass mal ein Medikament nicht in den Mengen verfügbar ist, in denen es nachgefragt wird. Da Lieferprobleme für Firmen Umsatzverluste und zukünftig geringere Marktchancen bedeuten, arbeiten sie im eigenen Interesse mit Hochdruck daran, Lieferprobleme zu überwinden.
Fertigung und Verblisterung von Tabletten
(© vfa / H. Klappert)
Alle Hersteller sind bestrebt, durch zuverlässige Produktionsanlagen, Bedarfs-Vorhersage, Vorratshaltung und enge Abstimmung mit dem Großhandel Lieferengpässe zu vermeiden. Das gelingt so gut, dass es hohe Aufmerksamkeit erfährt, wenn doch einmal ein bestimmtes Präparat nicht verfügbar ist – während Lieferverzögerungen bei IT-Hardware oder Fahrzeugen ganz alltäglich sind.
Glücklicherweise sind meist nur einzelne Packungsgrößen oder Darreichungsformen knapp; ein Ausweichen auf andere Packungen / Darreichungsformen ist dann mitunter möglich. Bei patentfreien Medikamenten kann meist auf einen anderen Anbieter ausgewichen werden. Im Fall von Grippeimpfstoffen gibt es mehrere Anbieter ähnlicher Präparate, so dass in vielen Fällen ein Ausweichen medizinisch gesehen möglich ist; das wird nur mitunter durch rigide Verträge blockiert.
Ursachen
Die Ursachen für Lieferengpässe sind in jedem Einzelfall anders gelagert:
- Manchmal hat ein Zulieferer einen Grundstoff zu spät geliefert.
- Manchmal fällt ein Werk durch Umbau oder Reparatur zeitweilig aus.
- Manchmal wird eine Produktionscharge wegen Mängeln nicht für den Vertrieb freigegeben oder muss deswegen zurückgerufen werden. Dann muss nachproduziert werden, was Zeit braucht.
- Manchmal steigt auch der Bedarf unerwartet an (z.B. wegen einer Krankheitswelle). Die Produktion kann nur mit Verzögerung reagieren.
- Speziell bei Grippeimpfstoffen ist im Herbst keine Vorratshaltung möglich: Diese werden direkt nach der Fertigstellung und behördlichen Zulassung ausgeliefert. Denn jedes Jahr werden neue Grippeimpfstoffe gebraucht, die zu den aktuellen Influenza-Virenstämme passen. Da das Produktionsverfahren zeitintensiv angepasst werden muss, kann die Produktion nicht unmittelbar nach Festlegung der saisonal relevanten Virenstämme beginnen. Das kann dazu führen, dass einzelne oder alle Hersteller nicht so schnell die geplanten Mengen liefern können.
Zu den Ursachen konkreter Lieferprobleme oder Rückrufe bei einzelnen Medikamenten kann nur der jeweilige Hersteller selbst Auskunft geben.
Aber allgemein gilt: Viele Medikamente haben einen komplizierten Herstellungsprozess; und vom ersten Schritt bis zum fertigen Produkt dauert es Monate, auch wenn alles reibungslos verläuft. Dafür sind oft speziell konstruierte Anlagen nötig, die nicht allerorten bereit stehen. Das gilt insbesondere für Impfstoffe, gentechnische Produkte und Zytostatika für die Krebsmedizin. Deshalb können hier bei Lieferengpässen nicht kurzfristig andere Hersteller einspringen. Selbst wenn diese ihre Anlagen umrüsten könnten, bräuchten sie zu lange dafür.
Maßnahmen zur Problemlösung
Den Lieferproblemen liegen jeweils andere Ursachen zugrunde. Deshalb gibt es auch keine singuläre Maßnahme, mit der sie sich pauschal überwinden ließen. Es sind Einzellösungen (z.B. ein Zulieferer-Wechsel) erforderlich. Doch lässt sich generell sagen:
- Verträge und Vergütungen sollten so gestaltet sein, dass den Leistungserbringern Spielraum für Lager- und Reservekapazitäten bleibt. Auch noch den letzten Cent sparen zu wollen, nimmt Leistungserbringern die Möglichkeit dazu.
- Exklusiv-Lieferverträge zwischen Kassen und Herstellern sind nicht geeignet, eine gesicherte Versorgung der Bevölkerung mit Impfstoffen zu gewährleisten (auch dann nicht, wenn eine Kasse sie mit mehreren Herstellern parallel abschließt). Auf Ausschreibungen im Impfstoffmarkt sollte generell verzichtet werden.
- Denkbar sind allenfalls individuelle Kooperationsvereinbarungen zwischen Krankenkassen und einzelnen Herstellern, in denen u.a. Maßnahmen zur Versorgungsverbesserung vereinbart werden, ohne damit einen exklusiven Belieferungsanspruch zu schaffen.
PDF-Download: Ein gemeinsam formuliertes Papier der Herstellerverbände BAH, BPI, Pro Generika und vfa zu Lieferengpässen von Arzneimitteln und zum Positionspapier der DKG finden Sie hier.