Unternehmen haben neue Antibiotika gegen gefährliche Bakterien wie diese Erreger der Hirnhautentzündung entwickelt. (Foto: © Novartis Behring)
Antibiotika – Medikamente gegen schädliche Bakterien – zählen zu den größten Errungenschaften der Medizin. Zahlreiche Krankheiten wie Lungenentzündung, Syphilis und Wundinfektionen haben erst durch sie ihren Schrecken verloren; unter den Todesursachen rangieren Infektionen deshalb heute in Deutschland weit hinter den Herz-Kreislauf-Krankheiten und Krebs. Doch immer wieder sind Patienten und Ärzte mit Keimen konfrontiert, die Widerstandskräfte gegen ein oder mehrere Antibiotika entwickelt haben – sogenannte Resistenzen. Dann müssen Ärzte auf andere Antibiotika ausweichen können. Die Entwicklung neuer Antibiotika ist deshalb von großer Bedeutung.
Forschende Pharma-Unternehmen nehmen diese Verantwortung wahr: Drei neue Breitbandantibiotika (wirksam gegen viele unterschiedliche Bakterien) aus ihren Labors befinden sich derzeit im europäischen Zulassungsverfahren oder kurz vor der Markteinführung, fünf weitere in der letzten Eprobungsphase davor, der sogenannten Phase III der klinischen Entwicklung (Stand 12. Dezember 2011).
Ein besonderes Problem, vor allem in Krankenhäusern, stellt MRSA dar. Die Abkürzung steht für
multiresistente Staphylococcus aureus. Diese Bakterien sind gegen besonders viele der bisher verfügbaren Antibiotika unempfindlich. Sieben der genannten kommenden Antibiotika können sie jedoch erfolgreich bekämpfen und die Gefahr damit voraussichtlich nachhaltig entschärfen.
Fortschritte für Patienten mit Tuberkulose
Intensiv wird in mehreren Unternehmen mittlerweile an neuen Antibiotika speziell gegen Tuberkulose geforscht, die vor allem in Entwicklungs- und osteuropäischen Ländern ein großes und weiter wachsendes Problem darstellt. Einige Unternehmen haben dafür sogar eigens Labors in Spanien, Singapur, den USA und Indien aufgebaut. Aber auch Industrielabors in Frankfurt a.M. und im Belgischen Mechelen wirken an der Entwicklung neuer Medikamente gegen Tuberkulose mit.
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Wirkprinzipien von Tuberkulose-Medikamenten
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Die Behandlung dieser Krankheit dauert bislang mindestens sechs Monate und ist mit sehr belastenden Nebenwirkungen verbunden; es mehren sich auch die Fälle, in denen aufgrund resistenter Bakterienstämme keine Heilung gelingt. Zudem nimmt die Zahl der Patienten weltweit erheblich zu – vor allem HIV-Infizierte sind gefährdet. Deshalb werden neue und bessere Präparate dringend gebraucht.
Vier neue Wirkstoffe aus den Labors forschender Pharma-Unternehmen werden in Studien mit Patienten (Studien der Phasen II und III) erprobt; einer davon hat schon die letzte Erprobungsphase (Phase III) erreicht, nach der die Zulassung beantragt werden kann. Zwei weitere werden derzeit mit Gesunden getestet (Phase I). Dazu kommt noch ein bislang nur in den USA zugelassener TB-Wirkstoff, der nun auch für die internationale Anwendung in optimierten Kombinationstherapien in Phase III erprobt wird. Einige dieser Medikamente führen neue Wirkprinzipien in die TB-Therapie ein, andere nutzen schon länger bekannte "Schwachstellen" der Erreger (siehe Grafik oben).
Helfen könnten aber auch schon existierende Antibiotika, die bisher nur gegen andere Erreger erprobt sind. Deshalb wird derzeit ein Präparat des Typs „Fluorchinolon-Antibiotikum“ auf Eignung gegen Tuberkulose im Rahmen einer Kombinationstherapie getestet; auch dieses hat die Phase III erreicht.
Die Unternehmen arbeiten bei ihrer Tuberkulose-Forschung meist mit der Organisation
TB Alliance (
www.tballiance.org) zusammen, die als Public-Private Partnership verschiedene Stiftungen sowie staatliche und nicht-staatliche Organisationen mit Forschungsgruppen und Unternehmen zusammenbringt und nach strengen Regeln Fördermittel für die Medikamentenentwicklung bereit stellt. Einige neue TB-Medikamente werden aber auch von Unternehmen ohne Partner entwickelt.
Anstrengungen für mehr Antibiotika-Forschung
Trotz dieser Erfolge besteht großer Bedarf an weiteren Antibiotika, weil sich die Resistenzsituation weiter verschärfen dürfte. Gesucht werden insbesondere neuartige Mittel gegen sogenannte Gram-negativen Bakterien sowie gegen von je her schwer therapierbare Infektionen wie Pseudomonas-Befall der Lunge, Spät-Borreliose und Burili-Ulcus. Allerdings hat es sich mittlerweile als äußerst schwierig erwiesen, noch neue Antibiotika-Klassen mit neuem Wirkprinzip zu erfinden. Und die Ertragsmöglichkeiten mit solchen Präparaten sind meist gering, weil sie als Reserve-Antibiotika möglichst selten zum Einsatz gelangen sollen. Deshalb ist absehbar, dass sich solche neuen Antibiotika nicht allein über ihren Ertrag refinanzieren können; forschende Firmen sind daher auf Partner angewiesen, die die ökonomischen Risiken und Lasten mit ihnen schultern. Ein neuer
"Action Plan on Antimicrobial Resistance" der EU-Kommission vom 17.11.11 bietet hier Lösungswege, zu denen u.a. die Gründung eines Forschungsprogramms im Rahmen der Public-Private Partnership
Innovative Medicines Initiative (IMI) gehört.
Verantwortungsvoller Umgang mit vorhandenen Antibiotika
Ebenso wichtig wie die Suche nach neuen Antibiotika ist der verantwortungsvolle Umgang mit den vorhanden Präparaten und eine genaue Überwachung der Verbreitung resistenter Keime. Deshalb hat der vfa die am 12. November 2008 vom Bundeskabinett verabschiedete „Deutsche Antibiotika-Resistenz-Strategie“ begrüßt, die genau darauf abzielt.
Nur wo es medizinisch sinnvoll ist, sollten antibiotische Präparate verordnet werden. Dann jedoch sollten sie von den Patienten auch über die volle Anwendungszeit und nicht unterdosiert eingenommen werden; denn andernfalls tragen sie zur Entstehung resistenter Bakterienstämme bei und gefährden sich und andere. Die Medizin muss aber den Erregern weiterhin die entscheidenden Schritte voraus bleiben.