Ein Blutgerinnsel verstopft eine Ader im Gehirn
(© medicalpicture)
Die nächsten Jahre dürften eine Umwälzung bei der Vorbeugung von Schlaganfällen, Beinvenenthrombosen, Lungenembolien und anderen Erkrankungen bringen, die durch Blutgerinnsel verursacht werden. Denn Studiendaten zufolge sind neue Präparate den bisherigen Standardmedikamenten klar überlegen.
Bislang werden hier im Wesentlichen zwei Sorten gerinnungshemmender Medikamente eingesetzt, die niedermolekulare Heparine und Vitamin-K-Antagonisten genannt werden. Letztere werden mitunter auch - medizinisch nicht ganz zutreffend - als "Blutverdünner" bezeichnet (zur Wirkungsweise siehe
So wirken gerinnungshemmende Medikamente).
Die niedermolekularen Heparine müssen regelmäßig gespritzt werden. Die Vitamin-K-Antagonisten lassen sich als Tabletten einnehmen, sind aber weniger zuverlässig, und immer wieder erleiden Patienten innere Blutungen, während der Arzt noch die richtige Dosis sucht. Die Dosis muss zudem einmal wöchentlich überprüft und ggf. abgeändert werden; und das bedeutet nicht nur viel Aufwand für Patient und Arzt, sondern verursacht auch wesentliche Kosten jenseits der Arzneimittelausgaben.
Derzeit werden jährlich in Deutschland etwa drei Millionen Menschen mit Vitamin-K-Antagonisten, niedermolekularen Heparinen und ihren Vorläufern, den gewöhnlichen Heparinen, behandelt.
2008 sind jedoch gleich zwei neuartige Gerinnungshemmer auf den Markt gekommen; 2011 folgte ein dritter. Diese Präparate erreichen oder übertreffen die Zuverlässigkeit der niedermolekularen Heparine und sind weitaus einfacher anzuwenden als alle älteren Mittel. Denn weder müssen sie gespritzt werden (es sind Kapseln und Tabletten, also sogenannte "orale Antithrombotika") noch sind Tests zur ständigen Dosiskorrektur erforderlich.
Schlaganfall-Vorbeugung
Bis vor kurzem waren alle neuen Gerinnungshemmer nur zur Thrombosevorbeugung bei orthopädischen Operationen einsetzbar. Seit kurzem sind die ersten beiden aber auch zur Vermeidung von Schlaganfällen bei Patienten mit Vorhofflimmern zugelassen; diese Herzfunktionsstörung kommt bei alten Patienten recht häufig vor. Ein drittes Präparat steht kurz vor der Einreichung des Zulassungsantrags. Eine Zulassung wurde in einem Fall auch für die Therapie schon entstandener Thrombosen ausgesprochen. Für diese und weitere Anwendungen werden auch die anderen Präparate derzeit erprobt.
Studien finden aber nicht nur mit den drei zugelassenen Medikamenten statt; es werden auch noch weitere ähnliche Präparate entwickelt (siehe Tabelle).
| Direkte orale Antithrombotika, zugelassen und in Entwicklung (Stand: 21.12.2011) |
| |
| Medikament (Wirkstoff) |
Stadium |
wirkt auf |
Unternehmen |
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| Dabigatranetexilat |
zugelassen seit 27.03.2008 [1] |
Thrombin |
Boehringer Ingelheim |
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| Rivaroxaban |
zugelassen seit 01.10.2008 [2] |
Faktor Xa |
Bayer + Johnson & Johnson |
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| Apixaban |
zugelassen seit 21.05.2011 [3] |
Faktor Xa |
Bristol-Myers Squibb + Pfizer |
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| Edoxaban |
Phase III [4] |
Faktor Xa |
DAIICHI SANKYO |
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| Betrixaban |
Phase II |
Faktor Xa |
Portola Pharmaceu- ticals [5] |
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| AZD8165 |
Phase I |
Thrombin |
AstraZeneca |
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Erläuterung:
Zulassungsverfahren:
Die europäische Arzneimittelbehörde EMA prüft den Antrag des Herstellers.
Phase III:
Wirksamkeit und Verträglichkeit werden in Studien mit vielen Patienten getestet.
Phase II:
Wirksamkeit und Verträglichkeit werden in Studien mit wenigen Patienten getestet.
Phase I:
Erste Tests des neuen Präparats mit Gesunden.
[1] zur Thrombose-Vorbeugung bei orthopädischen Operationen und seit 04.08.11 zur Vorbeugung von Schlaganfällen bei Patienten mit Vorhofflimmern
[2] zur Thrombose-Vorbeugung bei orthopädischen Operationen und seit 19.12.11 zur Vorbeugung von Schlaganfällen bei Patienten mit Vorhofflimmern und zur Thrombosetherapie
[3] zur Vorbeugung von Thrombosen und Embolien bei orthopädischen Operationen
[4] in Japan schon zugelassen
[5] bis März 2011 war Merck & Co., Inc., Whitehouse Station (USA), Entwicklungspartner
Das ist ein gutes Beispiel für den Nutzen von Parallelforschung: Die Herausforderung, einen besseren oral einnehmbaren Gerinnungshemmer zu schaffen, haben vor Jahren mindestens zehn Unternehmen angenommen. Seither kämpfen sie darum, wer das beste Präparat auf den Markt bringt. Inzwischen sind noch sechs Präparate im Rennen. Die Pharmaforscher setzen dabei auf
zwei verschiedene Wirkmechanismen): Die einen Präparate hemmen den Gerinnungsfaktor Xa (sprich: "zehn a"), die anderen den Gerinnungsfaktor Thrombin. Aber auch zwischen Präparaten, die den gleichen Gerinnungsfaktor hemmen, gibt es Unterschiede - etwa in der Wirkdauer.
Diese Parallelforschung ist im allgemeinen Interesse. Man stelle sich vor, dass mit Beginn der klinischen Erprobung des ersten neuen oralen Antithrombotikums alle anderen Unternehmen ihre Projekte eingestellt hätten. Wäre das geschehen, stünde heute kein einziges solches Präparat zur Verfügung, denn dieses erste Präparat (in der Tabelle nicht aufgeführt) wurde wegen seltener Leberkomplikationen schon wieder vom Markt genommen. So aber konnten und können andere Präparate diese Vakanz füllen. Außerdem: Sollten tatsächlich alle hier gezeigten Präparate auf den Markt kommen, kann ein Preiswettbewerb zwischen ihnen nicht ausbleiben - was ja im Sinne eines funktionierenden Marktes ist, von dem die Krankenkassen profitieren.