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Synergien erkennen, Chancen nutzen

Die COVID-19-Pandemie hat gravierende Folgen für den Kampf gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten. Behandlungsprogramme wurden unterbrochen, medizinische Ressourcen umgewidmet. Was das für einzelne Länder bedeutet, wie sie mit der neuen Situation umgehen und was sie daraus lernen – um diese Fragen ging es bei einer Expertenrunde im Rahmen des World Health Summit 2020.

Stimmungsbild vom virtuellen World Health Summit zeigt eine dunkelhäutoge Bildschirm-Teilnehmerin

Weltweit sind ca. 1,5 Milliarden Menschen von vernachlässigten Tropenkrankheiten (Neglected Tropical Diseases, NTDs) betroffen, weitere rund 1,9 Milliarden in Gefahr, durch sie arbeitsunfähig, blind, entstellt oder behindert zu werden. Zu den 20 Krankheiten, die vor allem in ländlichen Regionen armer Länder vorkommen, zählen Infektionsleiden wie Lepra, Bilharziose und Trachom. Es gibt wirksame Präventions- und Behandlungsmöglichkeiten, aber oft erreichen sie die Patienten nicht – eine Situation, die durch COVID-19 noch verschärft wird.

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Wir müssen dringend neue Strategien entwickeln, die uns aus der Coronakrise heraushelfen und gleichzeitig im Kampf gegen NTDs voranbringen.»

Professor Achim Hörauf, Direktor am Institut für Medizinische Mikrobiologie, Immunologie und Parasitologie der Universität Bonn

Er leitete den vom vfa ausgerichteten Online-Workshop „NTDs and Challenges of the Corona Crisis: How Neglected Tropical Diseases can contribute to overcoming impact and risks from COVID-19”; ihm zur Seite stand Dr. Dr. Carsten Köhler, Direktor des Exzellenzzentrums für Tropenmedizin an der Universität Tübingen. Schon jetzt zeichneten sich Synergien ab, sagte Achim Hörauf, und bat per Videokonferenz versammelten Experten, diese näher auszuloten: „Intensive internationale Zusammenarbeit und mehr Digitalisierung könnten auch dem Kampf gegen NTDs neuen Schub geben.“ So könnten z.B. Online-Prävalenzdatenbanken den Zeitverzug von der Erhebung von Daten bis zu ihrer Zusammenstellung erheblich verkürzen.

Vollbremsung in vielen Ländern

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COVID-19 hat die Welt in wenigen Monaten komplett verändert und auch die Programme und Aktivitäten der Weltgesundheitsorganisation stark beeinflusst»

Dr. Mwelecele Ntuli Malecela, Direktorin des WHO-Departments zur Kontrolle vernachlässigter Tropenkrankheiten in ihrem Eröffnungsvortrag

Im Bereich NTD seien Massenbehandlungs-Kampagnen ausgesetzt worden. Prävention, Diagnostik und Qualitätssicherungsmaßnahmen seien ebenso zurückgefahren worden wie die Produktion und Auslieferung von Arzneimitteln. Malecela wies auf eine Erhebung der WHO-Initiative ESPEN Afro (ESPEN steht für Expanded Special Project for Elimination of Neglected Tropical Diseases) hin, die im April massive Unterbrechungen der NTD-Programme in vielen afrikanischen Ländern aufzeigte.

One-Health-Konzept erhält Rückenwind

Die Bedeutung des One-Health-Ansatzes für die Bekämpfung von NTDs erläuterte Constanze Bönig, Referentin für humanitäre Hilfe und Entwicklung bei der Organisation „Tierärzte ohne Grenzen“. Das weltweit zunehmend beachtete Konzept „One Health“ betont die enge Verknüpfung der Gesundheit von Menschen, Tieren und Umwelt. Die COVID-19-Pandemie habe dem One-Health-Konzept spürbaren Rückenwind verschafft, sagte Böning. So kündigte etwa das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) während des World Health Summit 2020 den Ausbau seines bestehenden One-Health-Schwerpunkts an. Fast alle NTDs seien Infektionskrankheiten, sagte Constanze Böning und erinnerte daran, dass viele ansteckende Krankheiten des Menschen tierischen Ursprungs sind. Eine effektive Bekämpfung müsse über medizinische Interventionen hinaus einen besseren Schutz von Ökosystemen sowie den Zugang zu sauberem Trinkwasser und Sanitäreinrichtungen umfassen, aber auch Informationskampagnen und eine finanzielle Absicherung im Krankheitsfall im Sinne einer Universal Health Coverage. Böning: „Die neue NTD 2030 Roadmap verfolgt diese kooperative Strategie.“

„Die COVID-19-Pandemie erhöht den Stress, dem Lepra-Patienten ohnehin ausgesetzt sind“, sagte Dr. Irene Ayakaka von der DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe e.V. Die Expertin schilderte die Situation in Uganda, Tansania und Äthiopien. Viele der dort lebenden Lepra-Kranken seien aufgrund ihrer körperlichen Entstellungen ohnehin stigmatisiert. Durch die erzwungene Isolation während der COVID-19-Pandemie komme es jetzt verstärkt zu psychischen Störungen. Während des Lockdowns sei die Zahl der Lepra-Diagnosen um ein Drittel zurückgegangen, was zu verzögerten Behandlungen führe. Viele Selbsthilfegruppen hätten ihre Aktivitäten eingestellt, berichtete Dr. Ayakaka, und medizinische Versorgungseinrichtungen verlagerten ihren Fokus auf COVID-19. Ohnedies seien viele Patienten durch Fake News rund um das neue Virus verunsichert und mieden Kontakte mit Ärzten und Betreuern aus Angst vor Ansteckung. Die Pandemie lasse die Schwächen nationaler Gesundheitssysteme schonungslos zutage treten, führe aber möglicherweise zu Verbesserungen, von denen auch NTD-Patienten profitieren würden – etwa bei digitalen Lösungen für das Gesundheitssystem.

NTD-Netzwerke mit neuen Aufgaben

Im bitterarmen Südsudan haben 56 Prozent der Menschen keine gesundheitliche Grundversorgung. Was die COVID-19-Pandemie für das schwer von NTDs betroffene Land bedeutet, berichtete Makoy Yibi Logora vom CBM South Sudan. Logora fungiert gleichzeitig als nationaler Koordinator für die NTD-Programme in seinem Land. In der Pandemie sei die massenhafte Verabreichung wirksamer Arzneimittel gegen NTDs gestoppt und ohnehin schon knappe medizinische Ressourcen umgewidmet worden, sagte Logora. Größere Arzneimittelbestände seien ungenutzt geblieben und zum Teil nicht mehr verwendbar. Glücklicherweise sei in den vergangenen Jahren ein dichtes Netzwerk von freiwilligen Helfern Im NTD-Bereich entstanden. Es werde jetzt auch genutzt, um die Bevölkerung auf Gemeinde-Ebene über COVID-19 zu informieren und Schutzmaßnahmen zu propagieren. Makoy Yibi Logora: „Unser NTD-Netzwerk hat dadurch weiter an Ansehen gewonnen.“

Einige Programme seines Unternehmens seien durch die Pandemie ein halbes Jahr zurückgeworfen worden, sagte Dr. Johannes Waltz, der beim Pharmaunternehmen Merck das Programm zur Ausrottung der Bilharziose leitet. Merck versorgt 47 afrikanische Länder südlich der Sahara mit dem Arzneimittel Praziquantel zur präventiven Massenbehandlung gegen Bilharziose. Seit 2007 hat das Unternehmen 1,3 Milliarden Tabletten für diesen Zweck gespendet und damit zur deutlichen Senkung der Infektionszahlen beigetragen. Ziel sei es, die Bilharziose bis 2030 auszurotten, sagte Waltz, der in leitender Funktion auch für die Global Schistosomiasis Alliance (GSA) in London tätig ist. Um schneller voranzukommen prüfe man bei Merck eine neuartige Tablettenformulierung für Kinder unter sechs Jahren, bereite zuverlässige Schnelltests vor und entwickle neue Therapien, etwa für die genitale Bilharziose der Frau.

Welche Folgen die Unterbrechung präventiver Massenbehandlungen gegen die Wurmkrankheit habe, lasse sich derzeit noch nicht genau abschätzen, sagte Johannes Waltz. Der prinzipiell positiv zu sehende Vorschlag, die Unterbrechung durch höhere Dosen bei Wiederaufnahme des Programms wettzumachen, kollidiere jedoch mit den Möglichkeiten der Pharmaindustrie: „Wir können unsere Liefermenge für nächstes Jahr nicht einfach verdoppeln.“ Zum Glück verfüge Merck über stabile Lieferketten und habe seine Arzneimittelproduktion in der COVID-19-Pandemie nicht drosseln müssen. „Wir würden die Versorgung mit Praziquantel gern schnell wiederaufnehmen“, betonte Waltz. Voraussetzung seien zuverlässige Transportwege und eine sichere Lagerung der Arzneimittel.

Plädoyer für mehr digitale Versorgung

„Wie steht es um die psychische Gesundheit von NTD-Patienten in COVID-19-Zeiten?“ – Mit dieser Frage aus dem zugeschalteten Publikum setzte eine rege Abschlussdiskussion ein. Das Abstandhalten und die Quasi-Isolation während der Pandemie belaste die ohnehin stigmatisierten NTD-Patienten sehr, berichtete die WHO-Direktorin Mwelecele Malecela. Mehr persönliche Zuwendung, wie sie eine gerade erschienene WHO-Studie „Mental health of people with Neglected Tropical Diseases“ empfiehlt, sei mangels Gesundheitspersonal derzeit kaum leistbar. Daher komme es jetzt auf mehr niedrigschwellige Hilfe aus den Gemeinden und von Patientengruppen an, sagte Malecela. Sie plädierte ebenso wie Johannes Waltz für eine stärkere Nutzung digitaler Technologien in diesem Bereich. Die geringen Kapazitäten für COVID-19 Tests verdeutlichte Irene Ayakaka an zwei Beispielen: „In Uganda standen bisher lediglich 11.000 Tests pro 1 Million Einwohner zur Verfügung, in Äthiopien ist die Situation ähnlich“. Welche Prioritäten sollte die deutsche Bundesregierung jetzt bei ihren Hilfsangeboten setzen, lautete eine weitere Frage. Kurzfristig sei es sinnvoll, die Staaten in deren eigenen Krisenbewältigung zu unterstützen, und zwar unmittelbar von Land zu Land, sagte Malecela. Für längerfristige Engagements biete die neue „2030 NTD Roadmap“ einen guten Orientierungsrahmen.