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Arzneimittelfälschungen weltweit - fünf Fragen an Prof. Lutz Heide

Minderwertige und gefälschte Arzneimittel sind ein globales Problem. Vor allem in Entwicklungsländern richten sie immensen Schaden an. Im Interview beschreibt Experte Lutz Heide (Prof. für pharmazeutische Biologie an der Universität Tübingen) die aktuelle Situation und erläutert Lösungsstrategien.

Lutz Heide steht an einem Pult und blickt in die Kamera. Auf der rechten Seite ist ein Roll-Up zu erkennen. Darauf ist ein afrikanisches Kind zu sehen, das auf dem Arm der Mutter untersucht wird. Darunter steht in weißer Schrift auf blauem Grund: Gemeinsam für Gesundheit und Entwicklung.

Herr Professor Heide, was genau ist eine Arzneimittelfälschung?

Diesen Begriff verwendet man, wenn eine bewusste Täuschung über die Identität, Zusammensetzung oder Herkunft eines Arzneimittels vorliegt. So hat es die Weltgesundheitsorganisation im Jahr 2017 definiert. Manche gefälschten Arzneimittel enthalten gar keinen Wirkstoff, andere nicht die deklarierte Substanzmenge und in einigen findet sich ein gänzlich anderer Wirkstoff als die Verpackung besagt. Gefälschte Medikamente werden häufig unter unhygienischen Bedingungen hergestellt und können verunreinigt sein, etwa durch Mikroben.

Welche Medikamente werden gefälscht?

In Deutschland und anderen wohlhabenden Ländern geht es vor allem um den Internethandel mit Präparaten wie Viagra, aber auch um teure Medikamente gegen Krebs oder Hepatitis. Für Kriminelle ist das ein lukratives Geschäft: Gefälschte Potenzmittel etwa bringen auf dem Schwarzmarkt mehr ein als der Drogenhandel. In armen Ländern sind es meist massenhaft verwendete billige Generika, die gefälscht werden: Breitbandantibiotika wie Amoxicillin etwa oder Präparate gegen Malaria. Dort geht es den Fälschern darum, binnen kurzer Zeit viel zu verkaufen. Eine Strafverfolgung müssen sie meist nicht fürchten, weil viele Behörden überfordert und überlastet sind.

Welche Folgen haben Arzneimittelfälschungen und wie groß ist das Problem insgesamt?

Das Spektrum reicht von völliger Wirkungslosigkeit bis zur Todesfolge. Rund 75 Prozent der weltweit entdeckten Fälschungen haben keinerlei pharmakologische Wirkung, was bei einer ernsten Erkrankung fatal sein kann. Ein kleiner Anteil gefälschter Präparate enthält einen anderen als den deklarierten Wirkstoff, etwa einen Blutzuckersenker statt eines Bluthochdrucksenkers. Besonders gefährlich sind auch gefälschte Impfstoffe.

Einer WHO-Studie zufolge sind in den Entwicklungsländern rund zehn Prozent aller Arzneimittel gefälscht oder minderwertig. Für Deutschland und andere westliche Länder gibt es keine belastbaren Zahlen. Hierzulande liegt der Anteil vermutlich bei deutlich unter einem Prozent.

Was wird dagegen getan?

In Europa wurde im Februar 2019 das SecurPharm-System eingeführt. Es sieht vor, dass alle rezeptpflichtigen Medikamente einen 2D-Code auf der Verpackung tragen. Mit einem Scanner wird dann in der Apotheke die Echtheit jeder einzelnen Packung geprüft. Das System ist weltweit einmalig. Es ist sehr teuer, aber ausgesprochen hilfreich und könnte ein Modell für viele andere Länder werden.

Wie geht es jetzt weiter im Kampf gegen Arzneimittelfälschungen?

In Deutschland ist der Internethandel mit Medikamenten ein großes Problem. Hier ist zu wünschen, dass der Zoll mehr Befugnisse erhält, um verdächtige Sendungen besser verfolgen und kontrollieren zu können. In den Entwicklungsländern brauchen wir Methoden, um schnell und günstig Qualitätskontrollen vor Ort durchführen zu können. Gute Dienste leistet etwa das Minilab des Global Pharma Health Fund – weltweit sind rund 800 dieser Geräte im Einsatz. Wichtig wäre auch eine bessere Prävention: Verlässliche Lieferketten in der Arzneimittelversorgung spielen da eine große Rolle, ebenso die profunde Ausbildung aller Beteiligten und eine Stärkung der Aufsichtsbehörden. In vielen afrikanischen Ländern, aber auch in Südostasien werden Arzneimittelfälschungen als immenses Problem wahrgenommen. Deutsches Know-how, gerade auch im Bereich der Arzneimittelqualität, genießt in diesen Regionen einen ausgezeichneten Ruf. Hier sehe ich für unser Land sehr gute Chancen, auch für eine zukunftsweisende Entwicklungszusammenarbeit.