Die Entwicklung der Arzneimittelausgaben in der Gesetzlichen Krankenversicherung ist stabil. Der Trend der vergangenen Jahre setzt sich fort, nach dem die Steigerungsraten rückläufig sind - und im Vergleich zu den Kosten, die Krankenhäuser und Ärztehonorare verursachen, nicht nur relativ gering sind, sondern die Erwartungen der Selbstverwaltung sogar noch unterschreiten. Dies belegt der vom IGES-Institut herausgegebene Arzneimittel-Atlas 2010, der zudem verdeutlicht, dass Lenkungsinstrumente im Arzneimittelmarkt nicht funktionieren.

Bestes Beispiel: Die Arzneimittelvereinbarungen zwischen Kassenärztlichen Vereinigungen und Krankenkassenverbänden. Sie geben Ärzten Ausgabenobergrenzen für Medikamente vor. Aber in keiner einzigen Region Deutschlands halten die Ärzte diese Vorgaben ein: In Berlin, Niedersachsen und Schleswig-Holstein sollen die Ärzte pro Versichertem bis zu 122 Euro pro Jahr einsparen. Von den Ärzten in Nordrhein, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern erwartet man am wenigsten an Einsparungen, aber dennoch 40 Euro pro Jahr.

Dabei handelt es sich nicht etwa um ein Versagen der Ärzte, wie IGES-Chef Professor Bertram Häusler betont, sondern um das Resultat unrealistischer Vorgaben: „Die Arzneimittelvereinbarungen zwischen Kassenärztlichen Vereinigungen und Krankenkassenverbänden führen zu sehr unterschiedlichen Einsparerfordernissen. Eine sachliche Begründung durch nachvollziehbare Einflussfaktoren lässt sich nicht erkennen."



Dr. Wolfgang Plischke, Vorstandsvorsitzender des vfa, ergänzt: "Wenn der Gesetzgeber neue Lenkungsinstrumente - wie gegenwärtig Verträge - schafft, sollte er auch alte - wie Arzneimittelrichtgrößen - abschaffen. Ohne diese Deregulierung wird jede Neuregelung nur zu einem Mehr an Gesetzen. Und damit würde das deutsche Gesundheitssystem vor allem Eines: Immer komplizierter!“

Folgerichtig wäre es, bei der Einführung neuer Lenkungsinstrumente, die bestehenden breiträumig abzulösen. Die von der Politik vorgesehene Deregulierung im Gesundheitsbereich müsse hier mehr sein als ein Lippenbekenntnis. Die vorhandenen Lenkungsinstrumente im Arzneimittelmarkt müssten nüchtern bewertet und Unnötiges und Unwirksames gestrichen werden, fordert Dr. Plischke.


Die wichtigsten Ergebnisse des Arzneimittel-Atlas 2010 auf einen Blick:

  • Der Arzneimittel-Markt innerhalb der gesetzlichen Krankenkassen ist 2009 um 1,52 Mrd. Euro (+5,2 Prozent) auf 30,7 Mrd. Euro gestiegen. Damit bestätigt sich der Trend der Vorjahre, wonach die jährliche Steigerung relativ konstant 1,4 bis 1,5 Mrd. Euro beträgt. Sprunghafte Steigerungen waren und sind nicht in Sicht.
  • Die Verbrauchskomponente ist mit 1,1 Mrd. Euro - wie in den Vorjahren - für den Marktzuwachs entscheidend. Das heißt, der steigende medizinische Bedarf einer insgesamt alternden Gesellschaft und die wachsenden Behandlungsmöglichkeiten eines sich weiter modernisierenden Medizinbetriebes, führen zu mehr verordneten Arzneimitteln.
  • Die Innovationskomponente, also neue Wirkstoffe, führen zu Mehrkosten von rund 400 Mio. Euro. Behauptungen, die extrem hohen Therapiekosten neuer Medikamente, z. B. bei der Krebsbehandlung, würden die Finanzierung der Krankenversicherung sprengen, lassen sich nicht belegen.
  • "Technische Einsparungen", insbesondere durch die Verordnung preisgünstiger Generika, reduzierten die Aufwendungen 2009 um rund 300 Mio. Euro.
  • Die Preiskomponente führte zu Mehrkosten von rund 200 Mio. Euro, nachdem sie in den vergangenen Jahren stets negativ war. In diesem Wert sind Einsparungen durch Rabattverträge nicht enthalten, die ebenfalls rund 200 Mio. Euro betragen. Die Preiseffekte kompensieren sich demnach.
  • Seit Jahren zeigen sich erhebliche regionale Unterschiede beim Arzneimittelverbrauch. Das liegt sowohl an der unterschiedlichen Alters- und Krankenstruktur in den Regionen als auch an den unterschiedlichen ärztlichen Angeboten in Stadt und Land.


Der Arzneimittel-Atlas 2010 wird am 31. August zum mittlerweile fünften Mal als Buch erscheinen. Er analysiert jährlich den Arzneimittelverbrauch in der Gesetzlichen Krankenversicherung und wird im Auftrag der forschenden Pharma-Unternehmen vom IGES Institut in Berlin erstellt.

Die Präsentation, mit der Prof. Bertram Häussler die Ergebnisse des Arzneimittel-Atlas am 30. Juni in Berlin vorgestellt hat, sowie eine Stellungnahme von Dr. Wolfgang Plischke dazu finden Sie hier.