Neue Antibiotika gegen Problemkeime werden dringend gebraucht. Forschende Pharma-Unternehmen arbeiten weltweit an solchen Präparaten und bringen seit einigen Jahren auch wieder mehr davon auf den Markt. Doch damit die Medizin weiterhin die Oberhand behält, müssen noch viel mehr und andere Antibiotika verfügbar werden. Für deren Entwicklung spielen Forschungskooperationen eine wesentliche Rolle.




Antibiotika – Medikamente gegen schädliche Bakterien – zählen zu den größten Errungenschaften der Medizin. Lungenentzündung, Wundinfektionen, Scharlach, Syphilis und viele weitere Krankheiten haben erst durch sie ihren Schrecken verloren. Unter den Todesursachen rangieren bakterielle Infektionen deshalb heute in Deutschland weit hinter den Herz-Kreislauf-Krankheiten und Krebs.

Antibiotika-Klassen und ihre Einführungsjahre (© vfa)


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Mehr als 80 gegen unterschiedliche Bakterienarten wirksame Antibiotika wurden schon entwickelt. Sie gehören verschiedenen Klassen an (siehe Abbildung), die sich jeweils durch eine andere Molekülgrundstruktur und Wirkungsweise auszeichnen. Die meisten neuen Klassen wurden in den 1940er- bis 1960er-Jahren eingeführt; immerhin sechs neue Klassen aber auch seit der Jahrhundertwende.


In den 1980er- und 1990er-Jahren

Die meisten Markteinführungen verzeichneten hingegen die 1980er- und 1990er-Jahre, als vor allem die Klassen der Makrolide, Cephalosporine und Fluorchinolonen erweitert wurden (siehe Balkendiagramm). Durch Änderungen in der Molekülstruktur ließen sich die Wirkstoffe beispielsweise so verbessern, dass sie gegen noch mehr Bakterienarten wirksam waren oder die befallenen Gewebe noch besser erreichten.


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Gram-negative Bakterien
Nur angefärbte Bakterien sind im Lichtmikroskop sichtbar. Mit der Methode von Christian Gram (1884) lassen sich viele Bakterienarten dunkelviolett anfärben; einige andere allerdings nur schwach rosa. Weil diese Arten die Gram-Färbung so schlecht annehmen, werden sie gramnegativ genannt. Sie haben eine andere Zellwand als andere Bakterien. Das macht sie nicht nur schwerer färbbar, sondern schützt sie auch vor vielen Antibiotika. In den letzten Jahren treten bei einigen von ihnen zudem vermehrt Multiresistenzen auf.
Auch heute noch lassen sich die meisten bakteriellen Infektionen mit den Mitteln aus dem 20. Jahrhundert gut behandeln. Doch zunehmend sind Patienten und Ärzte auch mit Keimen konfrontiert, die Widerstandskräfte gegen eines oder mehrere dieser Antibiotika entwickelt haben – sogenannte Resistenzen. Dann müssen Ärzte auf ein anderes Antibiotikum ausweichen können. Traurige Berühmtheit hat der multiresistente "Klinik-Keim" MRSA erlangt, ebenso die multiresistente Tuberkulose. Zunehmend wird auch von Infektionen mit sogenannten multiresistenten Gramnegativen berichtet (einem Typ von Bakterien, gegen den ohnehin nur ein Teil der älteren Antibiotika wirksam ist). Dazu zählen beispielsweise die Neisseria-Bakterien, die Gonorrhoe (Tripper) verursachen. Einen Überblick über die Resistenzsituation in Deutschland liefert der Bericht GERMAP 2015 der Paul-Ehrlich-Gesellschaft für Chemotherapie und der Abteilung für Infektiologie der Universitätsklinik Freiburg.

Die acht Antibiotika, die zwischen 2001 und 2010 herauskamen, sind deshalb fast alle ausdrücklich mit dem Ziel entwickelt worden, eine oder mehrere vorhandene Resistenzen zu überwinden.


Die Neueinführungen seit 2011

Auch die Antibiotika, die im aktuellen Jahrzehnt auf den Markt gebracht wurden, sind ausdrücklich gegen Problemkeime entwickelt worden – entweder resistente Formen "gewöhnlicher" Keime oder aber Bakterien, die sich von je her nicht gut haben bekämpfen lassen:
  • 2012: Breitband-Antibiotikum Ceftarolin (ein Cephalosporin-Antibiotikum), u. a. gegen den multiresistenten Klinikkeim MRSA wirksam.
  • 2013: Antibiotikum Fidaxomicin gegen den Darmkeim Clostridium difficile, der schwere Darmkoliken verursacht.
  • 2014: Bedaquilin und Delamanid gegen Tuberkulose (die ersten neuen Mittel seit 1995), besiegen in Kombination mit älteren Medikamenten multiresistente Keime besiegen. Dazu kam noch der ältere TB-Wirkstoff Para-Amino-Salicylsäure in neuer, besser einnehmbarer Darreichungsform (Granulat). Mehr dazu unter hier. Ferner Antibiotikum Telavancin, speziell gegen MRSA bei im Krankenhaus erworbener Lungenentzündung, sowie das Antibiotikum Ceftobiprol (ein Cephalosporin-Antibiotikum), das gegen Lungenentzündung durch Gram-positive Bakterien (auch MRSA) wie auch nicht-multiresistente gramnegative Bakterien einsetzbar ist.
  • 2015: Antibiotikum Tedizolid (ein Oxazolidinon), gegen komplizierte Haut- und Weichteilinfektionen durch Gram-positive Bakterien, auch MRSA
    Kombimedikament Ceftolozan + Tazobactam (ein neues Cephalosporin + ein zugelassener Betalactamase-Inhibitor), gegen kompliziete Bauch- und Harnwegsinfektionen mit bestimmten multiresistenten gramnegativen Bakterien
  • 2016: Antibiotikum Oritavancin (ein Lipoglycopeptid), gegen Haut- und Weichteilinfektionen durch Gram-positive Bakterien, auch MRSA
    Antibiotikum Dalbavancin (ein Lipoglycopeptid), gegen komplizierte Hautinfektionen durch grampositive Bakterien, auch MRSA
  • 2017: Antibiotikum Ceftazidim + Avibactam (ein Cephalosporin + neuer Betalactamase-Inhibitor) gegen Atemwegs-, Harnwegs- und Bauch-Infektionen durch gramnegative Bakterien (auch solche mit bestimmten Betalactamase-Resistenzen oder mit Klebsiella pneumoniae-Carbapenemase) inkl. Pseudomonas


Kommende Antibiotika

Für zwei Breitband-Antibiotika laufen in der EU die Zulassungsverfahren, weitere solche Antibiotika sind in der letzten Phase der klinischen Erprobung, der sogenannten Phase III (siehe Tabelle); dazu kommen noch Antibiotika und andere antibakterielle Mittel speziell gegen einzelne Problemkeime. Weitere Antibiotika befinden sich in früheren Stadien der klinischen und vorklinischen Entwicklung.

Breitband-Antibiotika in Entwicklung in Phase III, im Zulassungsverfahren oder vor der Markteinführung. (Stand: 12.09.2017; ohne speziell gegen eine Keimart gerichtete Medikamente)
Wirkstoff des neuen Antibiotikums (Klasse)Status in der EUAnwendungsgebiete
Meropenem + Vaborbactam (RPX-7009) (ein Carbapenem + neuer Betalactamase-Inhibitor)im EU-Zulassungsverfahren2Infektionen mit gramnegativen Bakterien, darunter Carbapenem-resistenten Enterobakterien
Eravacyclin (ein Fluorocyclin)im EU-ZulassungsverfahrenBauchrauminfektionen, auch mit Tetracyclin-resistenten Erregern
Solithromycin (ein Ketolid)Phase III 3Antrag für Atemwegsinfektionen; Medikament ist für Haut-, Bauch- und Harnwegsinfektionen einschl. Gonorrhoe sowie H. pylori-Infektionen noch in klinischer Erprobung
Nemonoxacin (ein nicht-fluoriertes Chinolon)Phase III (in China und Taiwan schon zugelassen)Lungenentzündung; komplizierte Haut- und Weichteilinfektionen, auch durch MRSA
Delafloxacin (ein Fluorchinolon)Phase III1Haut-, Lungen-, Bauch- und Harnwegsinfektionen durch gramnegative und grampositive Keime; auch MRSA-Infektionen
Plazomicin (ein Aminoglycosid)Phase IIILungenentzündung, Sepsis, Harnwegs-Infektionen u. a. mit MRSA oder resistenten gramnegativen Bakterien
Zabofloxacin (ein Fluorchinolon)Phase IIILungenentzündung
Omadacycline (ein Tetrazyklin-Analogon)Phase IIIHautinfektionen und Lungenentzündung, Harnwegs- und Bauchinfektionen
Cefilavancin (ein Telavancin-Heterodimer)Phase IIIInfektionen mit grampositiven Bakterien, auch durch MRSA
Lefamulin (ein Pleuromutilin zur oralen und i.v.-Anwendung)Phase IIILungenentzündung, Haut-Infektionen (Potenzial auch gegen multiresistente gramnegative Bakterien, darunter den Erregern von Gonorrhoe)
Iclaprim (ein Inhibitor der bakteriellen Dihydrofolat-Reduktase)Phase IIIHaut-Infektionen mit grampositiven Bakterien
Cefiderocol (S-649266, ein Cephem-Antibiotikum)Phase IIIInfektionen mit multiresistenten gramnegativen Bakterien
Lascufloxacin (ein Fluorchinolon)Phase IIIInfektionen mit grampositiven Bakterien, auch durch MRSA
Imipenem + Cilastatin + Relebactam (bekanntes Carbapenem-Antibiotikum, bekannter Booster für Imipenem, neuer Inhibitor von Betalactamasen Typ A und C)Phase IIIPneumonien und andere Infektionen mit gramnegativen Bakterien
MRX-I (ein Oxazolidinon-Antibiotikum)Phase IIIInfektionen mit grampositiven Bakterien einschließlich MRSA and Vancomycin-resistenten Enterococci (VRE)

1 in den USA seit Juni 2017 gegen Hautinfektionen zugelassen
2 in den USA gegen komplizierte Harnwegsinfektionen zur Zulassung eingereicht
3 war zwischen Juni 2016 und März 2017 schon im Zulassungsverfahren der EU, doch Antrag wurde zurückgezogen; neuer Antrag mit zusätzlichen Daten ist geplant.

Quelle: vfa, PharmaProjects, Pressemitteilungen, EMA


Gezielt gegen bestimmte Bakterien vorgesehene Antibiotika und andere Antiinfektiva in Entwicklung, die mindestens Phase III erreicht haben (Stand: 07.07.2017)
Wirkstoff des neuen Antibiotikums (Klasse)Status in der EUAnwendungsgebiete
Bezlotoxumab (monoklonaler Antikörper)in der EU zugelassen seit 18.01.2017; noch vor der Markteinführungzur Behandlung einer Darminfektion mit Clostridium difficile zusätzlich zu Antibiotikum
Cadazolid (ein Chinolonyl-Oxazolidinon)Phase IIIDarminfektion mit Clostridium difficile
SQ-109 (ein Ethambutol-Analogon)Phase IIIMultiresistente Tuberkulose
Pretomanid (in Kombination mit Moxifloxacin und Pyrazinamid)Phase III 1Multiresistente Tuberkulose
Pexiganan acetat (ein Magainin-Peptid)Phase IIIGeschwüre bei diabetischem Fuß
Anti-Pseudomonas IgY (ein monoklonaler Antikörper)Phase IIIPrävention von Infektionen mit Pseudomonas aeruginosa
Anthrax-Immunglobulin (polyklonales Serum)Phase III 2Therapie von Milzbrand-Infektionen (Anthrax)
Obiltoxaximab (ein monoklonaler Antikörper)Phase III 3Antitoxin gegen Milzbrand (Anthrax)
Sarecyclin (ein Tetrazyklin mit engem Spektrum)Phase IIITherapie von Akne und Gesichtsrose
Zoliflodacin (ein Topoisomerase-Inhibitor-Antibiotikum)Phase III4unkomplizierte Gonorrhoe

1 wird von der TB Alliance ohne Unternehmensbeteiligung entwickelt
2 in den USA zugelassen seit 25.03.2015
3 in den USA zugelassen seit 18.03.2016
4 angekündigt von den Entwicklungspartnern Entasis Therapeutics und GARDP am 07.07.2017

Quelle: vfa, PharmaProjects, Pressemitteilungen von Unternehmen, GARDP

Dazu kommen noch neue inhalierbare Antibiotika auf Basis bewährter Wirkstoffe, die gegen Lungeninfektionen eingesetzt werden sollen.


Antibiotika-Forschung in Unternehmen

Derzeit arbeiten weltweit eine Reihe großer und mehr als 50 kleine und mittlere Unternehmen an neuen Antibiotika und anderen antibakteriell wirksamen Medikamenten.

Pharma- und Biotech-Unternehmen, die neue Antibiotika und andere antibakterielle Medikamente entwickeln (ohne Firmen, die ausschließlich TB-Medikamente entwickeln; Stand 11.07.2017)
Große Unternehmen:Kleine und mittlere Unternehmen:
AstraZeneca (UK)2, Bayer (D)1, GSK (UK, Labore in USA), Janssen (Actelion, USA), MSD (USA), Novartis (Labore in den USA), Pfizer (USA)1, Roche (CH), Sanofi (F, Labore in D und F)Achaogen (USA), AiCuris (D), Allecra Therapeutics1 (D), Basilea Pharmaceutica (CH), BC World (S-Korea), Cardeas Pharma1 (USA), cellceutix (USA), Cempra (USA), Cosmo Pharmaceuticals (I), CrystalGenomics (S-Korea), CURx Pharmaceuticals (USA)1, Debiopharm (CH), Destiny Pharma (UK), Discuva (UK), Dong-A (S-Korea), Dream Pharma (S-Korea), Durata Therapeutics (USA), Elorac (USA), Enanta (USA), EnBiotix (USA), Entasis (USA), Evotec (D), Infectex (Russland), Kyorin (JP), Lee’s Pharmaceutical1 (Hong Kong), LegoChem Biosciences (S-Korea), Lisando (Liechtenstein, Labore in D), Lytix Biopharma (N), Kyorin (JP), Macrolide (USA), Melinta (USA), MerLion Pharmaceuticals (Singapur), MicuRx Pharmaceuticals (USA und China), Nabriva (AU), Naicons (I), Nanotherapeutics (USA)1, NovaBay Pharmaceuticals (USA), Orchid Pharmaceuticals (Indien), Paratek Pharmaceuticals (USA), Polyphor (CH), RedHill Biopharma (Israel)1, Sequella (USA), Shionogi (JP), Sihuan Pharm (China), Summit (UK), Tetraphase Pharmaceuticals (USA), The Medicines Company (USA), Theravance Biopharma (USA), Wockhardt (Indien und USA), Zavante Therapeutics (USA) u. a.

1 keine eigene Forschung für antibiotische Wirkstoffe, entwickelt neue Darreichungsformen für einlizensierte, übernommene oder patentfreie Wirkstoffe
2 nur Biopharmazeutika gegen Bakterien

Die meisten davon betreiben ihre Labors in den USA, doch auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz arbeiten industrielle wie auch akademische Pharma-Forscher an neuen Mitteln. Das zeigt die folgende Karte.

Antibiotika-Forschung und -Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz (© vfa)



Anstrengungen für eine Ausweitung der Antibiotika-Forschung

Trotz dieser Erfolge besteht großer Bedarf an weiteren Antibiotika, weil sich die Resistenzsituation weiter verschärfen dürfte. Gesucht werden insbesondere neuartige Mittel gegen gramnegative Bakterien sowie gegen von je her schwer therapierbare Infektionen wie Pseudomonas-Befall der Lunge, Buruli-Ulcus und Infektionen in abgestorbenem Gewebe. Allerdings hat es sich mittlerweile als äußerst schwierig erwiesen, noch Antibiotika-Klassen mit neuem Wirkprinzip zu erfinden. Und die Ertragsmöglichkeiten mit solchen Präparaten sind meist gering, weil sie als Reserve-Antibiotika möglichst selten zum Einsatz gelangen sollen. Deshalb ist absehbar, dass sich solche neuen Antibiotika nicht allein über ihren Ertrag refinanzieren können; forschende Firmen sind daher auf Partner angewiesen, die die ökonomischen Risiken und Lasten mit ihnen schultern.

Der "Action Plan on Antimicrobial Resistance" der EU-Kommission von 2011 (auf den 2017 der "Action Plan against Antimicrobial Resistance" folgte, s.u.) bot hier erste Lösungswege, zu denen das Forschungsprogramm NewDrugs4BadBugs (ND4BB) im Rahmen der Product Development Partnership (PDP) Innovative Medicines Initiative (IMI) gehört. Im Rahmen dieses 2012 begonnenen, auf sieben Jahre angelegten Programms können akademische Forschungsgruppen und Firmen gemeinsam 223,7 Millionen Euro dafür aufwenden. Etliche Pharma-Unternehmen wirken daran mit. IMI ist eine Public-Private Partnership der Europäischen Kommission und der forschenden Pharmaindustrie in Europa.

ND4BB fokussiert zunächst u. a. auf eine Weiterentwicklung des Designs klinischer Antibiotika-Studien und organisiert einen umfassenden Informationsaustausch (insbesondere über gescheiterte Projekte) unter den beteiligten akademischen und industriellen Partnern, um die Chancen für die Neuentwicklung von Antibiotika zu erhöhen. Dabei liegt ein besonderer Schwerpunkt auf der Erfindung neuer Mittel speziell gegen gramnegative Bakterien.

Eine andere Kooperation hat die Weltgesundheitsorganisation WHO 2016 gemeinsam mit der Drugs for Neglected Diseases Initiative (DNDi) auf den Weg gebracht: GARDP, die Global Antibiotic Research & Development Partnership; zu Deutsch die „Globale Partnerschaft für Antibiotika-Forschung und -Entwicklung“. DNDi ist eine Organisation für Product Development Partnerships, vor allem spezialisiert auf die Entwicklung neuer Medikamente gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten gemeinsam mit Unternehmen und akademischen Forschungseinrichtungen. Ähnlich wie DNDi arbeitet auch die neue Organisation: Sie konzentriert sich auf solche Projekte, die von Unternehmen wegen fehlender Wirtschaftlichkeit nicht im Alleingang angepackt oder zu Ende geführt werden. Mitwirkende Unternehmen müssen sich verpflichten, daraus hervorgehende Antibiotika Schwellen- und Entwicklungsländern später zu Sonderkonditionen zu liefern; denn die Bedürfnisse solcher Länder sollen in der neuen Organisation wie bisher bereits bei DNDi Priorität haben. Die Bundesregierung hat an der Entwicklung der Organisation mitgewirkt und beteiligt sich auch an der Finanzierung.

2016 wurde mit CARB-X (Combating Antibiotic Resistant Bacteria Biopharmaceutical Accelerator) noch eine weitere Public-Private Partnerships ins Leben gerufen. Beteiligt sind das U.S. Department of Health and Human Services (HHS), der Wellcome Trust of London, das AMR Centre of Alderley Park (Cheshire, United Kingdom) und die Boston University School of Law. CARB-X soll weltweit Projekte zur Entwicklung neuer Antibiotika und anderer antibakterieller Medikamente sowie von Impfstoffen und Diagnostika zur Vermeidung bzw. Erkennung bakterieller Infektionen fördern – genauer: die frühen Phasen solcher Projekte von der Wirkstofferfindung bis zur Erprobung mit Gesunden in Phase I. Anfangs wird sich CARB-X dabei auf gramnegative Bakterien konzentrieren.

Einen Überblick über die internationalen Programme zur Förderung und Koordination der Antibiotika-Neuentwicklung bietet das WHO-Dossier "Targeting innovation in antibiotic drug discover and development" von 2016.


Internationale Strategien gegen Antibiotika-Resistenzen

Nicht nur die Herausforderung Antibiotika-Forschung, auch andere Aspekte der Resistenzproblematik sind nicht allein national zu lösen. In diesem Sinne wurde im Mai 2015 vom Plenum der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ein globaler Aktionsplan verabschiedet, nach einer eindringlichen Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Eröffnung. Im Juni 2015 stand die Resistenzproblematik auf der Tagesordnung des unter deutschem Vorsitz durchgeführten G7-Gipfeltreffens in Elmau, und beim Folgetreffen der G7-Gesundheitsminister im Oktober wurde die so genannte Berliner Erklärung veröffentlicht. Darin wurden von den G7-Staaten eine Reihe von Maßnahmen zur Bekämpfung von Antibiotika-Resistenzen verabredet, die von einer Stärkung der Prävention und Förderung des sachgerechten Einsatzes von Antibiotika bis zur Prüfung von globalen Produktentwicklungspartnerschaften reichen. Bei der Formulierung dieser Maßnahmen wurden u. a. die vom Bundesgesundheitsministerium bei The Boston Consulting Group beauftragte Studie „Breaking Through the Wall - Enhancing Research and Development of Antibiotics in Science and Industry“ sowie Ergebnisse einer deutschen Arbeitsgruppe von Pharmaindustrie, Wissenschaft, Behörden und Ministerien im Rahmen des Pharma-Dialogs berücksichtigt.

Die genannte Mitwirkung der Bundesregierung am Aufbau von GARDP (siehe oben) ist neben anderen Aktivitäten eine Konsequenz ihrer Zusagen in der Berliner Erklärung. Anderes setzt sie im Rahmen ihrer schon seit 2008 bestehenden, zuletzt 2015 aktualisierten Deutschen Antibiotika-Resistenzstrategie (DART 2020) um (mit Zwischenbericht im Mai 2017).

Im Januar 2016 hat sich auch die Pharma-, Biotech- und Diagnostika-Industrie beim World Economic Forum in Davos zu mehr Anstrengungen gegen die Resistenzproblematik gemeinsam mit der Politik bekannt. Mehr als 80 Unternehmen sowie zahlreiche Industrieverbände haben dazu die "Declaration by the Pharmaceutical, Biotechnology and Diagnostics Industries on Combating Antimicrobial Resistance" unterzeichnet – unter ihnen auch der Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa).
Die Deklaration verlangt Anstrengungen für einen verantwortungsvollen Umgang mit den vorhandenen Antibiotika und den Einsatz von mehr Erregerdiagnostik, damit jeweils direkt das bestgeeignete Mittel gewählt werden kann. Beides wirkt dem Aufkommen weiterer Resistenzen entgegen. Die Unterzeichner appellieren an die Regierungen, mit ihnen an neuen Strukturen für einen verlässlicheren und nachhaltigeren Antibiotika-Markt zu arbeiten. Diese sollen für angemessene wirtschaftliche Anreize für Unternehmen sorgen, aber zugleich auch den verantwortungsvollen Gebrauch der Antibiotika fördern; etwa, indem die Einnahmen mit Antibiotika von deren Verordnungsvolumen entkoppelt werden.
Die Unternehmen wollen noch mehr in Forschung und Entwicklung für neue Diagnostika, Therapeutika und Impfstoffe gegen Infektionskrankheiten investieren. Sie unterstützen hierbei neue Forschungsallianzen von Unternehmen, öffentlichen Forschungseinrichtungen und anderen öffentlichen Institutionen. Im Rahmen des WHO Global Action Plans soll der Zugang zu den vorhandenen und künftigen Antibiotika allen weltweit ermöglicht werden, die sie benötigen.
Die Deklaration soll alle zwei Jahre im Licht der internationalen Entwicklungen aktualisiert werden.

Im September 2016 wurde die Deklaration von einigen Unternehmen noch um eine "Industry Roadmap to Combat Antimicrobial Resistance" ergänzt, die genauer Angaben zum Vorgehen zu verschiedenen Aspekten der Antibiotika-Problematik macht; neben Antibiotika-Forschung geht es auch um den Zugang zu und den sachgerechten Gebrauch von Antibiotika sowie um eine Überprüfung der bestehenden Antibiotika-Produktion hinsichtlich Umwelt-Aspekten.

Im Februar 2017 hat The Boston Consulting Group die Gründung einer Global Union for Antibiotics Research and Development (GUARD) vorgeschlagen. Diese Empfehlung findet sich zusammen mit Analysen und weiteren Vorschlägen im Report „Breaking Through the Wall - A Call for Concerted Action on Antibiotics Research and Development“, der wie schon der vorangegangene „Breaking Through the Wall“-Report für die Bundesregierung ausgearbeitet worden ist.

Ebenfalls im Februar 2017 veröffentlichte die WHO eine Liste von Bakterien, für die nach ihrem Verständnis neue Antibiotika besonders dringend benötigt werden, die "WHO priority pathogens list for R&D of new antibiotics". Die Liste soll auf eine Ausrichtung der Antibiotika-Forschung auf besonders prioritäre Ziele hinwirken – im Rahmen von GARDP ebenso wie bei anderen Antibiotika-Projekten. Die WHO hofft auch, dass Regierungen ihre Förderprogramme für Grundlagenforschung und angewandte F&E im Antibiotika-Feld daran ausrichten. Alle zwölf hier gelisteten Pathogene sind (multi)resistente Bakterien, gegen die bislang kaum neue Antibiotika in Entwicklung sind, allen voran Carbapenem-resistente Acinetobacter, Pseudomonas und Enterobacteriaceae. Dass multiresistente TB-Bakterien nicht unter den priorisierten Pathogenen waren, brachte andere Institutionen dazu, die Dringlichkeit weiterer neuer Medikamente gegen diese Keime zu betonen; u.a. weist die Abschlusserklärung des G20-Gesundheitsministertreffens vom Mai 2017 darauf hin.

Im Juni 2017 bekräftigte die EU im Rahmen ihres aktualisierten "Action Plan against Antimicrobial Resistance" die Bedeutung von Anreizsystemen für die Entwicklung neuer Antibiotika, legte sich aber weiterhin nicht fest, welche gewählt werden sollten. Ende Juni 2017 empfahl die OECD in ihrer Publikation "Tackling Antimicrobial Resistance Ensuring Sustainable R&D" ein dreifaches Vorgehen zur Steigerung der F&E zu Resistenzen und Antibiotika: 1. Förderung der Grundlagenforschung in akademischen Einrichtungen sowie kleinen und mittleren Unternehmen, die dann in eine "G20 global collaboration platform" als knowledge hub einfließt. 2. Unterstützung von aussichtreichen Entwicklungsprojekten gegen die WHO-priorisierten Erreger. 3. Suche nach geeigneten Fördermöglichkeiten, die das Entwickeln von Antibiotika wirtschaftlich attraktiver machen und dabei das Investment in die F&E von der Notwendigkeit einer Refinanzierung aus dem Verkauf der Produkte entkoppeln.

Die G20-Regierungschefs griffen bei ihrem Gipfeltreffen in Hamburg am 07.-08. Juli 2017 in der Abschlusserklärung die Idee eines R&D Collaboration Hub auf; er solle nicht nur Grundlagenforschung, sondern auch Entwicklungsprojekte koordinieren helfen. Sie kündigten an, darüber hinaus weitere "practical market incentive options" zu prüfen. Priorität für die F&E habe für sie neben den WHO-priorisierten Krankheitserregern auch die Tuberkulose.

Eine aktuelle Bilanz zur Stand der Antibiotika-Forschung haben im August 2017 die Akademie der Wissenschaften in Hamburg und die Ntionale Akademie der Wissenschaften Leopoldina publiziert: "Antibiotika-Forschung – fünf Jahre danach". Der Titel spielt an auf eine Denkschrift der selben Herausgeber von 2012.


Weiterführendes Informationsmaterial:
Handlungsempfehlungen zur Minderung von Antibiotika-Resistenzen