Die heutigen Medikamente zur Dauerbehandlung der Multiplen Sklerose (MS) können bei vielen Patienten einen Teil der Krankheitsschübe verhindern und das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen – allerdings nicht bei allen. Pharma-Unternehmen entwickeln deshalb neue Medikamente, die noch zuverlässiger und bei noch mehr Verlaufsformen von MS wirksam sein sollen.

Bei Multipler Sklerose greifen Immunzellen (hellblau) die Schutzschicht der Nervenzell-Verbindungen an. Multiple Sklerose Therapie kann helfen.
Bei Multipler Sklerose greifen Immunzellen (hellblau) die Schutzschicht der Nervenzell-Verbindungen an. Multiple Sklerose Therapie kann helfen. (© vfa / capture-mm)
MS ist eine chronische Krankheit von Gehirn und Rückenmark (dem zentralen Nervensystem, ZNS), die meist im frühen Erwachsenenalter beginnt. In Deutschland leiden rund 130.000 Menschen daran, davon doppelt so viele Frauen wie Männer. Bei der Krankheit greift das Immunsystem die Umhüllung der Nervenzellen an und zerstört schließlich auch die Zellen selbst. Häufige Symptome sind Sehstörungen, Krämpfe, Müdigkeit, Taubheitsempfindungen, Unsicherheiten beim Gehen, Lähmungen oder Störungen beim Entleeren von Darm oder Blase. Diese Symptome versuchen Mediziner durch eine gezielte Multiple Sklerose-Therapie zu mildern.

Meist verläuft die MS in Schüben, also Phasen mit Symptomen, die sich dann wieder zurück bilden. Je nachdem, ob sich die angegriffenen Stellen im ZNS regenerieren können oder nur vernarben, normalisieren sich die Funktionen nach dem Schub wieder oder bleiben beeinträchtigt. Im ZNS von MS-Patienten finden sich oft nach einiger Zeit vielfache Vernarbungen (medizinisch „multiple Sklerosen“), die der Krankheit auch den Namen geben. Nach 10-15 Jahren bleibt bei einem Drittel dieser Patienten die Regeneration nach einem Schub aus. Anders als beim schubförmigen Verlauf schreitet bei rund 10 % der Patienten MS von Beginn an unaufhaltsam fort. Dieser schwerste Krankheitsverlauf, ist auch mit den modernsten der zugelassenen Multiple Sklerose-Therapien noch kaum beeinflussbar.

Akut- und Basistherapie

Für Patienten mit schubförmiger MS stehen mehrere Medikamente zur Verfügung, die den Angriff des Immunsystems auf die Nervenzellen abschwächen. Bei akuten Schüben können Cortison-Präparate die Symptome dämpfen. Darüber hinaus können dauerhaft eingenommene sogenannte Basistherapeutika viele Schübe verhindern und zum Teil das Fortschreiten der Krankheit hinauszögern.

Zu den Basistherapeutika zählen die schon länger verfügbaren Betainterferon-Präparate und das synthetisch hergestellte Peptidgemisch Glatirameracetat; sie alle müssen regelmäßig gespritzt werden. Schlägt eins dieser Basistherapeutika an, kann das etwa ein Drittel bis die Hälfte aller neuen Schübe verhindern und die Schwere der Schübe vermindern. Das Spritzen allerdings fällt manchen Patienten schwer; und die Mittel wirken nur bei rund 70% der Patienten. Etliche Patienten erleben auch belastende Nebenwirkungen wie grippeähnlichen Symptome durch die Basistherapie mit diesen Mitteln. Das 2016 hinzu gekommene injizierbares Basistherapeutikum Daclizumab muss immerhin nur noch monatlich unter die Haut gespritzt werden.

Seit 2011 kamen aber auch drei Basistherapeutika in Tablettenform heraus, mit den Wirkstoffen Fingolimod, Teriflunomid und Dimethylfumarat. Diese neuen Medikamente – und darin unterscheiden sie sich nicht grundsätzlich von den älteren – dämpfen bestimmte Zellen des Immunsystems, damit diese die Angriffe im ZNS unterlassen. Die genauen Wirkprinzipien, mit denen das erzielt wird, sind jedoch andere; und einige Patienten begrüßen es sehr, dass sie ihre Medikamente nicht spritzen müssen.

Leiden Patienten trotzdem an häufigen Schüben, kann auch eins von zwei Antikörperpräparaten oder ein Chemotherapeutikum (zur Schub- oder Dauerbehandlung) eingesetzt werden, was jedoch mit höheren Risiken für die Patienten durch belastende, in Einzelfällen auch schweren Nebenwirkungen verbunden sein kann. Eins der Antikörperpräparate (Natalizumab) wird in Dauertherapie eingesetzt, für das andere (Alemtuzumab) genügen zwei kurze Behandlungsphasen für eine lang anhaltende Wirkung.

So wirken Medikamente gegen MS

Zu den Aufgaben des Immunsystems zählt, eindringende Krankheitskeime wie Viren oder Bakterien abzuwehren. Dazu muss es fähig sein, zwischen „fremd“ und „körpereigen“ zu unterscheiden. Bei der MS gelingt ihm dies jedoch im Falle der Nervenzell-Hüllen nicht: Das Immunsystem hält sie für fremd und startet einen Großeinsatz der Immunzellen, der allerdings nicht im gesamten ZNS gleichzeitig erfolgt, sondern sich auf einzelne Regionen konzentriert und dort zu einer Entzündung führt. Beteiligt am Immunangriff sind unterschiedliche weiße Blutkörperchen: sogenannte Fresszellen (Makrophagen, sie können andere Zellen in direktem Kontakt vernichten), T-Lymphozyten und B-Lymphozyten. Letztere schädigen das ZNS nicht direkt, sondern produzieren Antikörper, die sich auf die Nervenzell-Hüllen setzen und diese damit für weitere Immunzellen „zum Abschuss freigeben“.

Die Medikamente in der MS-Therapie greifen an verschiedenen Stellen in den Entzündungsprozess ein. Einige Präparate verhindern die Vermehrung bestimmter Immunzellen. Ein anderes hindert T- und B-Lymphozyten daran, die Lymphknoten zu verlassen und ins ZNS einzudringen. Ein weiteres stört die Kommunikation zwischen Immunzellen, so dass diese ihren Angriff nicht koordinieren können.


Damit sind die Möglichkeiten zur Multiple Sklerose-Therapie für MS-Patienten heute erheblich besser als noch bis Mitte der 1990er Jahre, als es noch keinerlei Basistherapie für sie gab.

Bedarf für weiteren Fortschritt

Dennoch ist vieles bis heute nicht zufriedenstellend: Keins der Basistherapeutika kann alle Schübe verhindern. Deshalb versuchen Pharmaforscher weiterhin, für die Patienten Medikamente zu entwickeln, die noch wirksamer und noch besser verträglich sind. Und sie arbeiten an Medikamenten gegen die stetig fortschreitende (die sogenannte "primär-progrediente" oder "sekundär-progrediente) MS.


Tabelle: Medikamente für die Therapie der Multiplen Sklerose (soweit nicht anders angegeben der schubförmigen MS) in Phase III, im Zulassungsverfahren oder vor der Markteinführung (Stand: 27.08.2017).
Wirkstoff; EinnahmeformWirkungsweiseStand des Projekts
Cladribin; zum Schluckenk.A.in der EU zugelassen seit 25.08.2017
Ocrelizumab; zur Injektionbekämpft B-Lymphozyten, die Oberflächenprotein CD20 tragenim Zulassungsverfahren in der EU gegen schubförmige und primär-progrediente MS
Ofatumumabk. A.in klinischer Erprobung, Phase III
Immunoglobulin Octagamk. A.in klinischer Erprobung, Phase III
Masitinib; zum Schluckenk. A.in klinischer Erprobung gegen progrediente MS, Phase III
Ponesimod; zum Schluckenverhindert Freisetzung von T- und B-Lymphozyten aus den Lymphknotenin klinischer Erprobung, Phase III
Siponimod = BAF-312; zum Schluckenverhindert Freisetzung von T- und B-Lymphozyten aus den Lymphknotenin klinischer Erprobung gegen sekundär progrediente MS, Phase III
Ozanimod; zum Schluckenverhindert als S1P1- und S1P5-Rezeptorantagonist die Freisetzung von T- und B-Lymphozyten aus den Lymphknotenin klinischer Erprobung, Phase III
Monomethylfumarat-Prodrugk.A.in klinischer Erprobung, Phase III
MD-1003 (D-Biotin)k.A.in klinischer Erprobung gegen primär-progrediente MS, Phase III



Eine umfassende Bewertung dieser Medikamenten-Kandidaten wird erst möglich sein, wenn noch mehr Patientinnen und Patienten als bislang diese Präparate über eine lange Zeit angewendet haben. Ob sich die neuen Medikamente bewähren, wird unter anderem davon abhängen, wie zielgenau sie in ihrer Dämpfung von Immunreaktionen sind. Denn das Immunsystem soll ja auch unter MS-Therapie weiter Infektionen und Krebszellen bekämpfen können.

Für die Betroffenen besteht aber begründeter Anlass zur Hoffnung, bald aus der einen oder anderen Neuentwicklung auf diesem Gebiet persönlichen Nutzen ziehen zu können.