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Arzneimittelentwicklung gegen Adipositas

Je besser die Regulation von Appetit und Nährstoffverwertung im Körper verstanden wird, desto mehr Möglichkeiten tun sich auf, Medikamente gegen Adipositas, also extremes Übergewicht, zu entwickeln. Neben Prävention, Verhaltensänderungen, Sport und chirurgischen Maßnahmen können sie einen Beitrag dazu leisten, Adipositas zu überwinden oder zu reduzieren.

Kleiderbügel auf dessen Metallbügel kleine Würfel mit Größen von XXS bis XXl angebracht sind. Der Bügel liegt auf blauem Jeansstoff.

Die Verbreitung von Adipositas hat längst epidemische Ausmaße angenommen. Sie ist mit erheblichen Belastungen für die Betroffenen verbunden, insbesondere aufgrund von Folgeerkrankungen wie Diabetes Typ 2, Atherosklerose, Herzinfarkten und sogar einigen Krebsarten. Hierdurch verursacht Adipositas auch hohe Kosten für das Gesundheitswesen.

Adipositas und ihre Ursachen

Laut Weltgesundheitsorganisation WHO leiden Erwachsene dann an Adipositas, wenn sie einen Body Mass Index (BMI) von mindestens 30 aufweisen. Bei einem BMI von 25 bis unter 30 spricht die WHO hingegen von Übergewicht, und ein BMI von 18,5 bis unter 25 gilt ihr als Normalgewicht. Der BMI errechnet sich dabei als Körpergewicht dividiert durch das Quadrat der Körperhöhe, in kg/m2. Für Adipositas bei Kindern und Jugendlichen wendet die WHO eine kompliziertere Definition an, die sich vom WHO Child Growth Standards Median ableitet. Aber auch hier geht es um übermäßiges Körperfett.

Ein Missverhältnis von Nahrungskalorien und Energieverbrauch (vor allem durch Bewegung) über längere Zeit ist Hauptursache für Adipositas. Das wiederum ist multifaktoriell bedingt, etwa durch Art und Umfang des Nahrungsangebots, durch spezifische Regelkreisläufe im zentralen Nervensystem und durch soziale Umweltfaktoren. Auch bestimmte Medikamente und Gendefekte können eine Adipositas verursachen.

Behandlungsmöglichkeiten

Laut Deutscher Adipositas Gesellschaft stellt eine Basistherapie aus Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltensinterventionen die Grundlage für die Adipositas-Behandlung dar. Wenn aber das Gewicht damit nicht zureichend gesenkt werden kann, kommen ihr zufolge andere Maßnahmen in Betracht.
Zu diesen zählen u.a. verschiedene Formen von Magenoperation.

Wirkstoff des MedikamentsWirkstoffklasseHerstellerzur Anwendung beiStatus für Adipositas-Behandlung von ErwachsenenStatus für Adipositas-Behandlung von JugendlichenKrankenkassenBemerkungen
Orlistattbdverschiedene AnbieterAdipositas und Übergewicht ab BMI 28 in Verbindung mit Risikofaktorenauf dem Marktnicht zugelassenkeine Erstattungk.A.
SetmelanotidMelanocortin-4 (MC4)-RezeptoragonistenRhythm PharmaceuticalsAdipositas aufgrund von Funktionsverlust des biallelischen POMC-Gens inkl. PCSK1, POMC-Mangel oder biallelischer Leptinrezeptor-Mangelauf dem Marktauf dem Markt mit Zulassung ab 6 JahrenErstattungk.A.
LiraglutidGLP-1-AgonistNovo Nordisk (Dänemark)Adipositas ab BMI 30 oder Übergewicht ab BMI 27 i. Verb. mit Übdergewichts-bedingten Begleiterkrankungen (abweichend bei Jugendlichen: Adipositas äquivalent zu BMI 30 und mind. 60 kg Körpergewicht)auf dem Marktauf dem Marktkeine ErstattungWirkstoff in anderem Medikament auch zugelassen f. d. Therapie von Typ 2-Diabetes (die erstattet wird)
SemaglutidGLP-1-AgonistNovo Nordisk (Dänemark)Adipositas ab BMI 30 oder Übergewicht ab BMI 27 i. Verb. m. Übergewichts-bedingten Begleiterkrankungen (abweichend bei Jugendlichen ab 12 Jahren: Adipositas gemäß geschlechts- und altersspezifischen BMI-Wachstumstabellen und mind. 60 kg Körpergewicht)auf der Marktauf dem Markt mit Zulassung ab 12 Jahrenkeine ErstattungWirkstoff in anderem Medikament auch zugelassen für die Therapie von Typ 2-Diabetes (die erstattet wird)
TirzepatidGLP-1/GIP-CoagonistLilly (USA)Adipositas ab BMI 30 oder Übergewicht ab BMI 27 i. Verb. mit Übdergewichts-bedingten Begleiterkrankungenauf dem Markt; für die Adipositas-Therapie zugelassen seit 22.12.2023in klin. Erprobung Phase Ikeine Erstattungzuvor schon zugelassen f. d. Therapie von Typ 2-Diabetes (für die es seit 15.11.2023 vermarktet und auch erstattet wird)
BeinaglutidGLP-1-AgonistShanghai Benemae Pharmaceutical (China)tbdin klin. Erprobung Phase IIIk.A.tbdin China zugelassen und vermarktet für die Therapie von Typ 2-Diabetes
Semaglutid + Cagrilintide (= NN-9388)GLP-1-Agonist plus Amylin-AnalogonNovo Nordisk (Dänemark)tbd; derzeit in Erprobung bei Adipositas ab BMI 30in klin. Erprobung Phase IIIk.A.tbdwird auch für die Therapie von Typ 2-Diabetes erprobt
OrforglipronGLP-1-AgonistLilly (USA) (einlizensiert von Chugai)tbd; derzeit in Erprobung bei Adipositas oder Übergewicht ab BMI 25, jeweils bei gleichzeitigem Typ 2-Diabetesin klin. Erprobung Phase IIIk.A.tbdwird auch für die Therapie von Typ 2-Diabetes erprobt
TesofensinDopamin-Noradrenalin-5HT-Wiederaufnahme-InhibitorSaniona (Dänemark) und Productos Medix (Mexiko)tbd; wurde gegen Adipositas erprobtin klin. Phase III (in Mexiko im Zulassungsverfahren)k.A.tbdk.A.
EcnoglutidGLP-1-AgonistSciwind (China)tbd; derzeit in Erprobung bei Übergewicht ab BMI 24 mit Begleiterkrankungen oder Übergewicht/Adipositas ab BMI 28 unabhängig von Begleiterkrankungenin klin. Erprobung Phase IIIk.A.tbdk.A.
RetatrutidGLP-1/GIP/Glucagon-TriagonistLilly (USA)tbd; in Erprobung bei Adipositas ab BMI 30 oder Übergewicht ab BMI 27 i. Verb. mit Übergewichts-bedingten Begleiterkrankungenin klin. Erprobung Phase IIIneintbdwird auch für die Therapie von Typ 2-Diabetes erprobt
SurvodutideGLP-1/Glucagon-CoagonistBoehringer Ingelheim und Zealand Pharmatbd; in Erprobung bei Adipositas ab BMI 30 oder Übergewicht ab BMI 27 i. Verb. mit Übergewichts-bedingten Begleiterkrankungenin klin. Erprobung Phase IIIneintbdk. A.
PegapamodutideGLP-1/Glucagon-Coagonist, lang wirksamOPKO Health und LeaderMed Phartmceuticalstbdin klin. Erprobung Phase IIIneintbdauch in Entwicklung zur Therapie von Diabetes Typ 2
NoiiglutidGLP-1-AgonistHansoh Pharmaceuticals (China)tbdin klin. Erprobung Phase IIIk. A.tbdauch in Entwicklung zur Therapie von Diabetes Typ 2
NA-931IGF-1/GLP-1/Glucagon-TriagonistBioMed (USA)tbdin klin. Erprobung Phase IIIneintbdauch in Entwicklung zur Therapie von Diabetes Typ 2
Efpeglenatide (Langlenatide, SAR-439977)GLP-1-Agonist, ein Exendin-4-Analogon, lang wirksamHanmi Pharmaceutical (Südkorea)tbdklin. Erprobung in Phase III in Vorbereitungneintbdauch in Entwicklung zur Therapie von Diabetes Typ 2

Unternehmen erproben derzeit weltweit weitere 37 Medikamente in Phase II mit Patient:innen. Die gehören teilweise zu bereits eingeführten Arzneimittelklassen, teilweise haben sie auch neue Wirkprinzipien. Zu den hier aktiven Unternehmen zählen beispielsweise die vfa-Unternehmen Amgen, Shionogi, Roche und Pfizer; und auch die Unternehmen Novo Nordisk und Lilly, die beide schon über zugelassene Adipositas-Medikamente verfügen, erproben weitere in Phase II.

Quelle: PharmaProjects Database, vfa-Recherchen, Pressemitteilungen der genannten Unternehmen
Stand: 04.04.2024

Prävention

Auch wenn sich die Behandlungsmöglichkeiten absehbar bessern, behält die Prävention von Adipositas überragende Bedeutung. Die WHO insistiert hierfür insbesondere auf Verhaltensänderungen beim Einzelnen, freiwillige oder verordnete Änderungen im Nahrungsmittelsortiment und mehr Angebote für körperliche Aktivität.

Rechtslage zur Erstattung von Medikamenten zur Gewichtsreduktion

Seit langem wird diskutiert, wie Adipositas einzustufen ist: Ist sie Krankheit oder Lifestyle-Problem? Das deutsche Sozialgesetzbuch (V, § 34) folgt seit Jahrzehnten letzterem Verständnis: Es verfügt, dass Krankenkassen keine Kosten für Medikamente übernehmen dürfen, die überwiegend zur Abmagerung, zur Zügelung des Appetits oder zur Regulierung des Körpergewichts dienen. In der Umsetzung dieses Gesetzes führt das oberste Gremium für Krankenkassenleistungen, der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), „Abmagerungsmittel“ in der Liste zum „Verordnungsausschluss von Arzneimitteln zur Erhöhung der Lebensqualität gemäß § 34 Abs. 1 Satz 7 SGB V (Lifestyle Arzneimittel)“. Nur die Behandlung von Gendefekt-verursachter Adipositas mit Setmelanotid (siehe oben) sieht er als Ausnahme vor. Der G-BA-Vorsitzende Josef Hecken wies in diesem Zusammenhang darauf hin, „dass die ‚Anerkennung‘ eines Beschwerdebildes als eine – im leistungsrechtlichen Sinne – behandlungsbedürftige Erkrankung nicht in der Kompetenz des G-BA liegt“.

vfa-Position

Bei Menschen mit Adipositas, also einem Body Mass Index (BMI) von 30 und mehr, liegt eine erhebliche Fehlregulation von Nahrungsaufnahme und Kalorienverbrauch vor, mit hohem Risiko für problematische Folgeerkrankungen. Und unabhängig von der Ursache (ungesunde Lebensweise, Genetik etc.) können sich die meisten Menschen aus dieser Lage ohne medizinische Intervention nicht mehr befreien. Gleiches gilt für Menschen mit einem BMI 27,0 - 29,9 (erhebliches Übergewicht), bei denen bereits Begleiterkrankungen eingetreten sind. Deshalb sieht der vfa "Adipositas" und „Überwicht ab BMI 27 mit Begleiterkrankungen“ als Krankheitsbilder an, und nicht als Lifestyle-Angelegenheiten.

Eine Entscheidung pro Erstattung von gewichtssenkenden Medikamenten mit diesen Anwendungsgebieten (nötigenfalls nach Gesetzesänderung) wäre im Sinne des deutschen Gesundheitswesens; denn es ist zu erwarten, dass der Einsatz dieser Medikamente die Prävalenz der Begleit- und Folgeerkrankungen wesentlich senken würde. Damit wäre es ein Akt der Gesundheitsfürsorge für die Betroffenen und eine Maßnahme der Kostensenkung für die Krankenkassen. Hierfür appelliert der vfa an das Bundesgesundheitsministerium und den G-BA, den Weg dafür zu bereiten.