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Therapeutische Medikamente gegen die Coronavirusinfektion Covid-19

Gegen die Pandemie mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 werden nicht nur Impfstoffe entwickelt, sondern auch vorhandene Medikamente erprobt und neue erfunden.

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In unserer neuesten Podcast-Folge der #vfaTonspur befragt Radiojournalist Philipp Eins den Forschungssprecher des vfa, Dr. Rolf Hömke, u.a. zu diesem Thema:


vfa-Tonspur. Aus Forschung, Wirtschaft und Politik · Coronavirus-Pandemie Covid-19: Impfstoffe und Medikamente

Laufende Projekte für das Umwidmen therapeutischer Medikamente

Auch wenn die Entwicklung von Impfstoffen gegen das neue Coronavirus mit nie gekannter Geschwindigkeit vorangeht, richten sich die Hoffnungen darauf, dass es noch schneller gelingt, Medikamente zur Behandlung bereits Infizierter zu finden. Im Fokus stehen da insbesondere Arzneimittel, die schon gegen eine andere Krankheit zugelassen oder zumindest in Entwicklung sind. Sie umzufunktionieren kann schneller gelingen als eine grundständige Neuentwicklung. Pharmaforscher sprechen von einem "Repurposing" der Medikamente. Bei Covid-19 gehören diese Medikamente meist zu einer der folgenden vier Gruppen:

  • Antivirale Medikamente, die ursprünglich gegen HIV, Ebola, Hepatitis C, Grippe, SARS oder MERS (zwei von anderen Coronaviren-Krankheiten) entwickelt wurden. Sie sollen die Vermehrung der Viren blockieren oder verhindern, dass sie in Lungenzellen eindringen.
  • Dämpfende Immunmodulatoren, die z. B. gegen Rheumatoide Arthritis oder entzündliche Darmerkrankungen entwickelt wurden. Sie sollen bei schwerem Lungenbefall die Abwehrreaktionen des Körpers so begrenzen, dass diese nicht noch mehr Schaden anrichten als die Viren selbst.
  • Medikamente für Lungenkranke, die z. B. gegen idiopathische Lungenfibrose entwickelt wurden. Sie sollen verhindern, dass die Lunge der Patienten das Blut nicht mehr mit genug Sauerstoff versorgen kann.
  • Herz-Kreislauf-Medikamente, die z. B. gegen Blutgerinnsel oder Herz-Rhythmus-Störungen entwickelt wurden. Sie sollen Komplikationen durch eine Covid-19-Erkrankungen verhindern.

Dazu kommen noch Projekte für ein Repurosing von Medikamenten aus anderen Arzneimittelgruppen sowie Projekte zur Neuentwicklung von Medikamenten, siehe unten. Weiter unten finden sich auch genauere Angaben zu einigen Projekten zum Repurposing.

Die Fragestellung ist dabei nicht einfach, ob die Medikamente gegen Covid-19 wirksam sind oder nicht, sondern genauer, für welches Krankheitsstadium sie sich eignen. Medikamente, die im Frühstadium (leichte Infektion ohne Atemprobleme) hilfreich sind, könnten bei Patienten mit schwerer Lungenentzündung unwirksam oder sogar schädlich sein - oder umgekehrt. Manche Medikamente sind möglicherweise gar nicht therapeutisch einsetzbar, schützen aber möglicherweise vor Ansteckung. Das alles ist auch zu berücksichtigen, wenn sich Nachrichten über einen Misserfolg mit einem Medikament verbreiten.

Schnell Klarheit über die Eignung der Medikamente gewinnen

Ärzte hoffen auf schnellstmögliche Klärung, welche dieser Medikamente sie gegen Covid-19 sinnvoll einsetzen können, und bei welchen der Betroffenen. Denn was für frisch Infizierte hilfreich ist, ist womöglich bei Patienten auf der Intensivstation nicht mehr wirksam oder sogar nachteilig. Bestimmte Medikamente wie die Immunmodulatoren sind vermutlich wiederum nur bei Patienten mit schwerer Lungenentzündung angebracht. Manche Medikamente wiederum sind vielleicht sogar vorbeugend gegen eine Infektion einsetzbar. All das kann nur durch klinische Studien mit Freiwilligen geklärt werden.

In die ersten Studien zur Prüfung von Medikamenten gegen Covid-19 in China und andernorts wurden allerdings meist nur wenige Dutzend Patienten einbezogen; und oft gab es auch keinen direkten Vergleich mit Patienten, die nur die medizinische Grundbehandlung ohne zusätzliches Medikament erhalten. Solche Studien lassen sich zwar schnell einrichten, doch oft sind ihre Resultate uneindeutig. Auch gibt es zwar international viele Covid-19-Patienten in Kliniken, aber doch nicht so viele, dass sich damit alle Medikamente umfassend testen ließen, die derzeit vorgeschlagen sind.

Die Europäische Arzneimittelzulassungsbehörde EMA hat daher an Unternehmen und Forschungseinrichtungen appelliert, für ihre Medikamente möglichst gemeinsame multinationale, mehrarmige, kontrollierte und randomisierte Patienten-Studien zu organisieren:

  • "Multinational" bedeutet, dass medizinische Einrichtungen in mehreren Ländern daran mitwirken.
  • "Mehrarmig" und "kontrolliert" bedeutet, dass die Patientinnen und Patienten in Gruppen eingeteilt werden, die jeweils eine andere Behandlung erhalten: Alle erhalten zwar die gleiche medizinische Grundbehandlung, doch jede Gruppe bis auf eine erhält zusätzlich jeweils eins der zu erprobenden Medikamente. Bei der letzten Gruppe (der Kontrollgruppe) bleibt es hingegen bei der mediznischen Grundbehandlung.
  • "Randomisiert" bedeutet, dass die teilnahmewilligen Patienten nach dem Zufallsprinzip einer der Gruppen zugeteilt werden.

Solche Studien, so die EMA, würden im Vergleich zu Kleinstudien mit höherer Wahrscheinlichkeit zu klaren Ergebnissen über die Eignung von Medikamenten führen; Ergebnissen, die dann auch eine Zulassung der Medikamente gegen Covid-19 erlauben.

Eine solche Studie hat die Weltgesundheitsorganisation WHO initiiert: Dieser SOLIDARITY genannte Studie wurde mit folgenden "Studienarmen" (= Behandlungsarten) begonnen, auf die – randomisiert – teilnahmewillige Patienten verteilt wurden und werden:

  1. Grundbehandlung allein
  2. Grundbehandlung + Remdesivir (Hemmstoff der RNA-Polymerase des Virus)
  3. Grundbehandlung + Ritonavir/Lopinavir (HIV-Medikament)
  4. Grundbehandlung + Ritonavir/Lopinavir (HIV-Medikament) + Beta-Interferon (MS-Medikament)

Anfangs gab es noch einen weiteren Studienarm mit Chloroquin bzw. Hydroxychloroquin. Der wurde allerdings Ende Mai stillgelegt, nachdem sich diese Medikamente in anderen Studien als potenziell problematisch für die Covid-19-Behandlung erwiesen hatten.

An der Studie wirken u.a. medizinische Einrichtungen in Argentinien, Brasilien, Kanada, Indonesien, Iran, Norwegen, Peru, Qatar, Schweiz, Spanien, Südafrika und Thailand, aber auch aus Deutschland mit. Ein Monitoring-Board sieht sich regelmäßig Zwischenergebnisse der Studie an und kann Studienarme beenden, in denen es den Patienten nicht besser (oder sogar schlechter) als in der Kontrollgruppe ergeht. Auch besteht die Möglichkeit, die Studie um weitere Arme zu ergänzen, in denen dann noch andere Zuatzbehandlungen erprobt werden. Den deutschen Teil der Studie koordinieren das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) und das Deutsche Zentrum für Lungenforschung (DZL). Ausführliche Informationen zur Studie finden sich im ISRCTNregistry.

Parallel dazu läuft die Studie DISCOVERY mit sehr ähnlichem Aufbau, koordiniert von der französischen Forschungsorganisation INSERM. Bislang wurden fast ausschließlich französische Patienten einbezogen, doch sollen auch medizinische Einrichtungen außerhalb Frankreichs an der Studie mitwirken. Anders als bei SOLIDARITY wurde von vornherein kein Chloroquin eingesetzt, aber Hydroxychloroquin. Das gewählte Beta-Inteferon ist Interferon beta-1A.

Eine weitere große Studie haben Mediziner der Universität Oxford in UK gestartet, genannt RECOVERY. Vorgesehen sind die folgenden Studienarme:

  1. Grundbehandlung allein
  2. Grundbehandlung + Ritonavir/Lopinavir (HIV-Medikament)
  3. Grundbehandlung + Beta-Interferon (MS-Medikament)
  4. Grundbehandlung + Dexamethason (Cortison-Derivat zur Dämpfung des Immunsystems)
  5. Grundbehandlung + Hydroxychloroquin (Malaria-Medikament)

Begonnen wurde aber zunächst nur mit den Armen 1, 2 und 4. Auch bei dieser Studie können noch weitere Studienarme ergänzt werden, wenn weitere Medikamente getestet werden sollen. Am 16.06. wurden vorläufige Ergebnisse bekannt gemacht, denen zufolge Dexamethason das Sterberisiko bei Patienten, die Sauerstoff benötigen oder sogar künstlich beatmet werden müssen, senken kann.

Von den USA aus werden ebenfalls große klinische Studien zur Covid-19-Therapie mit ausgewählten Medikamenten organisiert, darunter der Adaptive COVID-19 Treatment Trial (ACTT), für den die National Institutes of Health (NIH) verantwortlich sind. Rund 75 medizinische Einrichtungen weltweit sollen daran mitwirken, auch in der EU und in UK. Die Studie hat zunächst zweiarmig begonnen:

  1. Grundbehandlung allein
  2. Grundbehandlung + Remdesivir (Hemmstoff der RNA-Polymerase des Virus)

Es ist aber vorgesehen, die Studie um weitere Arme zu ergänzen.

In mehreren Fällen stellen Unternehmen für diese Studien große Mengen ihrer Medikamente zur Verfügung. Beispielsweise hat Sandoz, die Generika-Division von Novartis, zugesagt, 130 Millionen Dosen Hydroxychloroquin für klinische Studien und Einrichtungen bereitzustellen, davon 30 Millionen für eine US-Studie. Auch Sanofi liefert Hydroxychloroquin für Studien. Merck wiederum liefert Interferon beta-1a für den DISCOVERY trial und den SOLIDARITY trial. AbbVie liefert Ritonavir/Lopinavir für den SOLIDARITY trial.

Beispiele für Medikamente, deren Umwidmung erprobt oder erwogen wird

Eine Übersicht über alle laufenden Projekte für Medikamente und Impfstoffe gegen Covid-19 pflegt das US-amerikanische Milken Institute. Zu einigen davon finden sich hier weitere Informationen; die vfa-Aufstellung erhebt aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Antivirale Medikamente

Remdesivir wurde von Gilead Sciences ursprünglich gegen Ebola-Infektionen entwickelt (gegen die es sich nicht bewährt hat), zeigte aber im Labor Wirksamkeit gegen MERS-Viren. Nachdem in mehreren klinischen Studien gezeigt wurde, dass das Medikament - in bestimmten Krankheitsstadien gegeben - die Krankheitsdauer um einige Tage verkürzen kann. Daraufhin hat das Medikament in den USA eine Sonderzulassung gegen Covid-19 erhalten. Eine Zulassung erhielt es auch in Japan und eine bedingte Zulassung am 03.07.2020 dann in der EU. In der EU war es zuvor schon im Rahmen eines Härtefallprogramms für die Covid-19-Therapie einsetzbar. Der Hersteller hat gleich mehreren anderen Unternehmen die Lizenz für Produktion und Vertrieb eigener Remdesivir-Medikamente für bestimmte Regionen der Welt erteilt.

CytoDyn prüft in einer Studie mit Patienten (Phase II), ob sein Antikörper-Wirkstoff Leronlimab, eine CCR5-Antagonist, gegen das Coronavirus wirksam ist. Entwickelt wird Leronlimab seit längerem gegen HIV und tripel-negativen Brustkrebs, wofür er auch schon in Studien erprobt wird. Einige Covid-19-Patienten erhielten das Medikament schon im Rahmen eines Härtefallprogramms.

AbbVie hat ein weiteres HIV-Medikament mit der Wirkstoffkombination Lopinavir / Ritonavir für die Erprobung als Covid-19-Therapeutikum zur Verfügung gestellt. Studien mit Patienten laufen, darunter auch eine Studie, in der die Patienten zusätzlich Novaferon von Beijing Genova Biotech inhalieren. Dieses Alpha-Interferon ist in China zugelassen zur Therapie von Hepatitis B. Das Medikament soll nun auch in großen Studien weltweit erprobt werden.

Das Unternehmen Ascletis Pharma kombiniert Ritonavir stattdessen mit einem in China gegen Hepatitis C zugelassenen Medikament mit dem Wirkstoff Danoprevir. Studien laufen.

In China und Thailand fanden und finden ferner Studien mit Favipiravir (= Favilavir) statt. Das Medikament mit Favipiravir von FUJIFILM Toyama Chemical hat bislang nur eine Zulassung für die Grippetherapie (in Japan und China) und ist in Japan nur für die Zweitlinientherapie vorgesehen (wenn andere Grippe-Medikmente nicht oder ungenügend wirksam sind). Medienberichten zufolge haben chinesische Behörden das Medikament als wirksam gegen Covid-19 bezeichnet; der Hersteller allerdings stuft sein Medikament weiterhin hinsichtlich Covid-19 als "under study" ein.

Ebenfalls eigentlich gegen Grippe in Entwicklung ist ATR-002, ein Kinaseinhibitor (genauer: ein MEK-Inhibitor) des Unternehmens Atriva Therapeutics in Tübingen. Das Unternehmen konnte in Laborversuchen zeigen, dass der Wirkstoff auch die Vermehrung von SARS-CoV-2 hemmt. Zudem hat er eine immunmodulatorische Wirkung, die zu einer verminderten Freisetzung von Botenstoffen führt, die eine Immunreaktion verstärken. Nun ist für Juli 2020 der Beginn einer klinischen Phase-II-Studie mit stationär behandelten Patienten mit mittelschwerem Covid-19 vorgesehen.

APEIRON Biologics (Wien) erprobt das Medikament APN01 in einer klinischen Studie mit Patienten (Phase II) in Deutschland, Österreich, Dänemark und UK. Es ist aus der SARS-Forschung hervorgegangen und wurde zwischenzeitlich auch schon in Patientenstudien gegen andere Lungenerkrankungen erprobt. Es blockiert ein Molekül auf den Viren, das diese zum Eindringen in Lungenzelllen benötigen und hilft zusätzlich dabei, Lungenschäden durch Entzündungsreaktionen zu vermeiden.

Eine Gruppe von Medikamenten bekämpft Viren nicht direkt, sondern fördert die körpereigene Virenabwehr: die Interferone. Sie sind Varianten körpereigener Botenstoffe, die gentechnisch hergestellt werden. Biochemiker unterteilen diese Botenstoffe in mehrere Untergruppen, von denen gegen SARS-CoV-2 die Alpha- und die Beta-Interferone von Bedeutung sind:

  • Alpha-Interferone: In einer Reihe von Studien mit Covid-19-Patienten wurden Medikamente mit den Wirkstoffen Interferon alpha-1b, Interferon alpha-2b (der kubanischen Firma BioCubaFarma und der kubanisch-chinesischen Firma Changchun Heber Biological Technology), Peg-Interferon-alpha-2a (hergestellt von Roche), Peg-Interferon-alpha-2b oder Novaferon (von der chinesischen Firma Genova Biotech) allein oder zusätzlich zu anderen Medikamenten eingesetzt. Teilweise wurde das jeweilige Alpha-Interferon in inhalierbarer Form verabreicht. Alle diese Medikamente haben zumindest in einigen Ländern die Zulassung zur Therapie bestimmter Virusinfektionen, beispielsweise Hepatitis B oder C. BioCubaFarm hat mitgeteilt, dass es große Mengen seines Medikaments weltweit liefern kann.
  • Beta-Interferone: Gegen Covid-19 in Studien erprobt werden derzeit Medikamente mit Interferon beta-1a und Interferon beta-1b. Für eine größere Studie des Instituts INSERM in Frankreich stellt das deutsche Unternehmen Merck sein Interferon beta-1a-Medikament zur Verfügung. Eine Zulassung zur antiviralen Therapie haben beide Wirkstoffe in der EU nicht, doch in Laborversuchen konnte Interferon beta-1a die Vermehrung der verwandten SARS-Viren aufhalten. Für eine inhalierbare Form von Interferon-beta-1a hat das britische Unternehmen Synairgen die Genehmigung für eine Studie mit Covid-19-Patienten erhalten.

Pfizer erprobt derzeit im Labor weitere antivirale Wirkstoffe, die das Unternehmen schon zuvor zur Behandlung anderer Viruskrankheiten entwickelt hat. Sollten sich ein oder mehrere davon in Labortests bewähren, würde Pfizer sie den einschlägigen toxikologischen Tests unterziehen und Ende 2020 mit der Erprobung mit Menschen beginnen.
Novartis untersucht, welche eigenen Produkte und welche Substanzen aus der eigenen Substanzbibliothek für Wirkstoffentwicklung sich auch für eine Behandlung von Covid-19-Patienten eignen könnten – sei es als antivirales Medikament, sei es auf andere Art (siehe unten). Auch Janssen (Division von Johnson & Johnson) prüft seine antiviralen Wirkstoffe im Labor.

Dämpfende Immunmodulatoren

Immunreaktionen sind bei Infizierten grundsätzlich erwünscht; sie dürfen nur nicht so exzessiv ausfallen, dass sie in der Lunge mehr Schaden anrichten als helfen. Eine solche überschießende Immunreaktion wird "Zytokin-Sturm" genannt, weil dabei große Mengen von Botenstoffen freigesetzt werden, die Zytokine heißen. In mehreren Projekten zur Covid-19-Therapie geht es deshalb darum, Medikamente zu erproben, die voraussichtlich eine solche Immunreaktionen dämpfen können.

Roche erprobt aus diesem Grund seinen Immunmodulator Tocilizumab mit Covid-19-Patienten. Dieser Interleukin-6-Antagonist ist zugelassen zur Therapie mehrerer rheumatischer Erkrankungen und zur dämpfenden Immmunmodulation bei Krebspatienten, die eine CAR-T-Zell-Therapie erhalten.

Noch ein weiterer Interleukin-6-Antagonist wird in Studien erprobt: Sarilumab von Sanofi und Regeneron. Auch dieses Medikament ist zugelassen für die Rheuma-Therapie.

Auch ein direkt gegen Interleukin-6 gerichteter Wirkstoff wird in einer Studie auf seine Eignung erprobt: Sìltuximab von EUSA Pharma. Das Medikament ist zugelassen zur Behandlung der multizentrischen Castleman-Krankheit, einer Form von Lymphknotentumoren.

Novartis plant eine klinische Studie mit seinem Immunmodulator Canakinumab (einem Interleukin-1-beta-Blocker) in Frankreich, Spanien, Deutschland, italien, Spanien, UK und in den USA. Das Medikament ist zugelassen zur Behandlung mehrerer Autoimmunkrankeiten – darunter verschiedenen periodischen Fiebersyndromen, Still-Syndrom, systemische juvenile idiopathische Arthritis – und Gichtarthrititis.

GSKGSKGSK will seinen Immunmodulator Otilimab in einer Studie erproben. Das Medikament wird derzeit in Phase-III-Studien für die Therapie von Rheumatoider Arthritis erprobt, hat aber noch keine Zulassung. Ursprünglich wurde der Wirkstoff, ein GM-CSF-Inhibitor, von Morphosys entwickelt.

Chinesische Mediziner erproben ferner den Immunmodulator Fingolimod mit Patienten. Dieses Medikament von Novartis ist gegen Multiple Sklerose zugelassen.

Das Unternehmen Swedish Orphan Biovitrum plant die Erprobung der Immunmodulatoren Anakinra und Emapalumab in einer klinischen Studie. Den Anstoß gaben Beobachtungen italienischer Ärzte. Anakinra ist (u.a. in der EU) zugelassen zur Therapie von Rheumatoider Arthritis und den Entzündungskrankheiten CAPS(1) und Still-Syndrom; Emapalumab hat in den USA eine Zulassung gegen die Entzündungskrankheit Hämophagozytische Lymphohistiozytose.

Das Jenaer Unternehmen InflaRx entwickelt derzeit das immunmodulatorische Medikament IFX-1 für die Behandlung verschiedener Entzündungskrankheiten; mehrere Studien mit Patienten wurden schon durchgeführt. Nun prüft InflaRx in einer Phase-II/III-Studie in den Niederlanden, ob es auch schwer an Covid-19 Erkrankten helfen kann. Der Wirkstoff ist ein monoklonaler Antikörper. Das Unternehmen hat von positiven Zwischenergebnissen berichtet. IFX-1 ist ein spezifischer Inhibitor von C5a, einer Komponente des Komplementsystems, das wiederum Teil des menschlichen Immunsystems ist.

Das Unternehmen Alexion wie auch die Univerität Cambridge (UK) erproben einen weiteren C5a-Inhibitor bei Covid-19-Patienten mit schwerer Lungenentzündung: Ravulizumab. Zugelassen ist das Medikament zur Behandlung der paroxysmalen nächtlichen Hämoglobinurie (PNH).

An ähnlicher Stelle greift der C3-Inhibitor AMY-101 ins Komplementsystem ein. Amyndas Pharmaceuticals erprobt dieses Wirkstoff ebenfalls bei Covid-19-Patienten mit schwerer Lungenentzündung.

Das deutsche Unternehmen Merck wird M5049, einen Immunmodulator vom Typ TLR7/8-Inhibitor, in einer Studie mit stationär behandelten Covid-19 erkrankten Patienten in den USA und Brasilien erproben. Er wurde schon zuvor vom Unternehmen gegen verschiedene Immunkrankheiten erprobt. Bislang gibt es noch kein zugelassenes Medikament dieser Arzneimittelklasse.

Das Unternehmen Eli Lilly hat eine Studie mit seinem Januskinas-Inhibitor Baricitinib bei stationär behandelten Covid-19-Patienten initiiert; er ist bisher gegen Rheumatoide Arthritis zugelassen.

Analog erprobt auch Novartis seinen Januskinase-Inhibitor Ruxolitinib in Studien mit dieser Patientengruppe - unter Beteiligung deutscher medizinischer Einrichtungen. Zugelassen ist Ruxolitinib zur Behandlung bestimmter Krebsarten; zudem wird es gegen Graft-versus-Host-Disease erprobt, bei der es ebenfalls um eine überschießende Immunreaktion geht.

Ebenfalls als Krebsmedikament in Entwicklung ist Opaganib von RedHill (Israel). Dieser Sphingosinkinase-2 (SK2)-Inhibitor hat in vorklinischen Studien eine entzündungshemmende, aber auch eine antivirale Wirkungen gezeigt. Das könnte für die Behandlung einer Covid-19-bedingten Lungenentzündung hilfreich sein. Das Medikament wurde in Italien über ein Härtefallprogramm verfügbar gemacht und soll auf seine Eignung erprobt werden.

Und auch Acalabrutinib, ein Brutontyrosinkinase-Inhibitor des Unternehmens AstraZeneca, wurde für die Krebstherapie entwickelt und hat eine Zulassung zur Therapie bestimmter Leukämien in den USA. Nun erprobt das Unternehmen ihn zur Dämpfung überschießender Immunreaktionen bei Covid-19.

In Kanada wird in einer klinischen Studie Colchicin als Mittel gegen überschießende Immunreaktionen erprobt, geleitet vom Montreal Heart Institute. Das Mittel ist zugelassen gegen Gicht (und in manchen Ländern auch gegen Herzbeutelentzündung).

In UK wird auch Dexamethason, ein Cortison-Derivat mit bekannter antientzündlicher Wirkung, zur Dämpfung der Immunreaktionen bei Covid-19-Patienten erprobt. Am 16.06. wurden vorläufige Ergebnisse bekannt gemacht, denen zufolge Dexamethason das Sterberisiko bei Patienten, die Sauerstoff benötigen oder sogar künstlich beatmet werden müssen, senken kann.

Im weiteren Sinne kann man auch Natriummetaarsenit (NaAsO2) zu den Immunmodulatoren zählen, denn es dämpft die Produktion bestimmter Botenstoffe des Immunsystems (den Cytokinen), die intensive Immunreaktionen auslösen können. Das südkoreanische Unternehmen Komipharm hat damit ein Medikament gegen tumorassoziierte Schmerzen entwickelt (Projektname PAX-1-001). Nun hat es klinische Studien zur Erprobung des Medikaments bei Covid-19-Patienten beantragt.

Medikamente für Lungenkranke

Chinesische Forscher wollen ein Medikament von Roche mit dem Wirkstoff Pirfenidon erproben, das bereits für Patienten mit idiopathischer Lungenfibrose zugelassen ist. Dieses Medikament wirkt der Vernarbung geschädigten Lungengewebes entgegen.

Das kanadische Unternehmen Algernon Pharmaceuticals plant, sein Medikament NP-120 (Ifenprodil) auf Eignung zu erproben. Ifenprodil ist mittlerweile patentfrei in Japan und Südkorea zugelassen gegen neurologische Krankheiten. Algernon entwickelt mit diesem Wirkstoff seit einiger Zeit ein Medikament gegen idiopatische Lungenfibrose.

Das Wiener Biotech-Unternehmen Apeptico will seinen Wirkstoff Solnatide gegen aktutes Lungenversagen (ARSD) auf Eignung für Covid-19-Patienten mit schweren Lungenschäden erproben. Es soll die Dichtheit von Membranen im Lungengewebe wiederherstellen.

Auch das US-amerikanische Unternehmen Bioxytran entwickelt derzeit ein Medikament mit dem Wirkstoff BXT-25 für Patienten mit ARDS. Es kann voraussichtlich die Sauerstoffaufnahme in einer geschädigten Lunge verbessern und Patienten helfen, die sonst nur noch über eine künstliche Lunge zureichend mit Sauerstoff versorgt werden können. Das Unternehmen möchte sein Medikament mit einem Partner auch für schwerkranke Patienten mit Covid-19 erproben.

Gegen durch Covid-19 verursachte Undichtigkeiten in den Blutgefäßen der Lunge und in anderen Organen soll der Peptid-Wirkstoff FX06 des Wiener Unternehmen MChE/F4-Pharma wirksam sein. Eine klinische Studie ist in Vorbereitung. Entwickelt wurde das Medikament zur Behandlung anderer Gefäßkrankheiten, wofür es bereits in klinischen Studien erprobt wurde.

In den USA wurde für das Beatmungsgerät des Unternehmens Bellerophon Therapeutics zugelassen, die Atemnot bei Covid-19-Patienten durch Beimengung von etwas Stickstoffmonoxid zur Atemluft zu lindern. Dieses Gas, das der Körper selbst als Botenstoff bildet, kann durch Muskelentspannung die Blutgefäße in den Lungen weiten. Dieses Vorgehen zeigte schon während der SARS-Epidemie positive Efffekte.

Herz-Kreislauf-Medikamente

Eine schwere Covid-19-Infektion wirkt sich nicht nur in der Lunge aus, sondern kann auch Auswirkungen auf Herz, Nieren und andere Organe haben. Zudem wurden bei einigen Covid-19-Patienten post mortem Blutgerinnsel gefunden. Gegen solche Komplikationen der Erkrankung werden eine Reihe zugelassener Herz-Kreislauf-Medikamente erprobt. Auch für den Schutz der Lunge könnten sich bestimmte Herz-Kreislauf-Medikamente eignen.

Der Gerinnungshemmer Rivaroxaban (ein direkter oraler Faktor-Xa-Hemmer) von BAYER ist u. a. zugelassen zur Behandlung des Akuten Koronar-Syndroms (ACS). Derzeit wird er in einer Studie darauf erprobt, ob er Herz-Komplikationen bei Covid-19-Patienten verhindern kann.

Gegen die Thrombosegefahr bei Covid-19 wird auch der Gerinnungshemmer Enoxaparin in einer Reihe von Studien erprobt, ein niedermolekulares Heparin. Er wurde ursprünglich von Sanofi entwickelt und ist u.a. zugelassen zur Prophylaxe einer venösen thromboembolischen Erkrankung bei Patienten mit Ateminsuffizienz oder schwerer Infektion und eingeschränkter Mobilität, aber auch zur Therapie bestimmter Formen von Akutem Koronar-Syndrom. Das strukturell ähnliche Tinzaparin wie auch unfraktioniertes Heparin werden ebenfalls in Studien erprobt; für das ebenfalls gerinnungshemmende Bivalirudin ist das in Vorbereitung. Ein bislang noch nicht zugelassener Gerinnungshemmer, das Heparinderivat Dociparstat, wird vom Unternehmen ChimerixChimerixChimerix ebenfalls bei Covid-19-Patienten erprobt. Einer Untersuchung des Hasso Plattner Institute for Digital Health und der Icahn School of Medicine in New York zufolge verbessert die Behandlung mit Gerinnungshemmern in der Tat die Überlebenschancen von schwer erkrankten Covid-19-Patienten.

Verschiedene medizinische Einrichtungen erproben, ob Blutdrucksenker aus der Klasse der Sartane bei der Überwindung von Lungen- und Herz-Komplikationen von Covid-19 hilfreich sind. Dazu zählen Telmisartan, Valsartan, Losartan und Candesartan. In einer irischen Studie wird allerdings auch geprüft, ob von dieser Klasse von Blutdrucksenkern (wie auch von der Klasse der ACE-Hemmer) vielleicht sogar Gefahren für Covid-19-Patienten ausgehen.

Eine Auswertung von Krankenakten in den USA durch eine Krankenversicherung deutet darauf hin, dass ältere Covid-19-Patienten, die unabhängig von dieser Erkrankung Medikamente aus der Klasse der ACE-Hemmer als Dauertherapie einnahmen, seltener stationär behandelt werden mussten. Deshalb ist nun eine klinische Studie geplant, in der bislang nicht Erkrankte (die bislang auch keinen ACE-Hemmer anwenden) entweder einen niedrig dosierten ACE-Hemmer oder Placebo einnehmen. Erforscht werden soll, ob sich die unterschiedliche Medikation bei Teilnehmern, die später an Covid-19 erkranken, auf den Krankheitsverlauf auswirkt. In einer anderen Studie wird der ACE-Hemmer Ramipril speziell bei stationär behandelten Covid-19-Patienten erprobt. Bislang sind ACE-Hemmer zur Senkung von Bluthochdruck und zur Vorbeugung von Atherosklerose zugelassen.

AstraZeneca erprobt in einer Studie, ob Dapagliflozin das Auftreten schwerer Komplikationen wie Organversagen bei Covid-19-Patienten verhindern kann. Zugelassen ist das Medikament (ein SGLT-Inhibitior) für die Therapie von Diabetes Typ 2; in Studien konnte es aber auch der Entwicklung von Herzinsuffizienz entgegen wirken.

CSL Behring wiederum entwickelt derzeit Garadacimab (einen Faktor-XIIa-Hemmer) als Medikament gegen hereditäres Angioödem. Nun erprobt es dieses Medikament auch auf Eignung gegen Lungenversagen bei schwerer Covid-19-Erkrankung.

Medikamente anderer Art

Einige Medikamente, für die ein Repurposing vorgeschlagen ist, lassen sich in keine der genannten Katergorien einordnen. Sie werden erprobt, weil man sich trotzdem von ihnen eine antivirale Wirkung erwartet.

Die größte Aufmerksamkeit haben mehrere Malaria-Medikamente erfahren, darunter solche mit dem Wirkstoff Chloroquin. Nach positiven Labortests gegen SARS-CoV-2 wurde es zunächst in China, später auch in anderen Ländern in Studien erprobt. Das Unternehmen Bayer hat die Produktion seines Originalpräparats mit Chloroquin in Pakistan wieder hochgefahren und spendet das Medikament für die Anwendung bei Covid-19-Patienten. Auch Malariamedikamente mit dem ähnlichen Wirkstoff Hydroxychloroquin werden derzeit in Studien geprüft. Das Unternehmen Novartis hat zugesagt, diese Anstrengungen zu unterstützen und im Fall positiver Bescheide der Arzneimittelbehörden Ende Mai bis zu 130 Millionen Dosiseinheiten davon für die Behandlung von Menschen weltweit zur Verfügung zu stellen. Ebenso wird Sanofi ein Malaria-Medikament mit diesem Wirkstoff zur Verfügung zu stellen. Ergebnisse einiger Studien deuten allerdings darauf, dass die Medikamente zumindest bei Patienten in bestimmten Krankheitsstadien keine positive Nutzen-Risiko-Bilanz haben. Deshalb wurde beispielsweise der Studienarm mit Chlorquin/Hydroxychloroquin in der SOLIDARITY-Studie der WHO angehalten.

Vor allem in Afrika wird der Einsatz eines weiteren Antimalaria-Wirkstoffs propagiert: Artemisinin. Er ist sonst Teil von Malaria-Kombinationsmedikamenten, die als Tabletten eingenommen werden. Gegen Covid-19 wird es Getränk eingesetzt. Am Max-Planck-Institut Potsdam wird die Wirksamkeit des Wirkstoffs gegen SARS-CoV-2 in Laborversuchen systematisch erforscht.

Ein Medikament mit Camostat Mesilat hat in Japan eine Zulassung gegen Bauchspeicheldrüsenentzündung. Forscher eines deutschen Konsortiums von Forschungseinrichtungen unter Führung des Deutschen Primatenzentrums in Göttingen haben aber festgestellt, dass er im Labor ein Enzym von Lungenzellen hemmt, das für das Eindringen der SARS-CoV-2-Viren essenziell ist. Sie planen deshalb, ihn in klinischen Studien zu testen.

Der Wirkstoff Brilacidin des Unternehmens Innovation Pharmaceuticals wird derzeit zur Therapie von entzündlichen Darmerkrankungen und Entzündungen der Mundschleimhaut erprobt. Jedoch ist zu erwarten, dass er auch die äußere Hülle des SARS-CoV-2-Virus angreifen kann. Dies wird derzeit in Zellkulturen geprüft.

Das spanische Unternehmen PharmaMar möchte nach ermutigenden Labortests sein Medikament mit Plitidepsin in einer Studie gegen Covid-19 erproben. Das Medikament, das eigentlich in Australien und Südostasien zur Therapie des Multiplen Myeloms (einer Form von Knochenmark-Krebs) zugelassen ist, hemmt mußmaßlich die Virenvermehrung, weil es das dafür nötige Protein EF1A in den befallenen Zellen blockiert.

Ebenfalls anderweitig zugelassen, nämlich gegen Milben und parasitische Fadenwürmer (Flussblindheit), sind Medikamente mit Ivermectin, einem Wirkstoff aus der Forschung von MSD. Wissenschaftler der Monash University und des Peter Doherty Institutes in Australien konnten zeigen, dass er SARS-CoV-2 im Labor bekämpfen kann. Im Labor wurde allerdings mit weit höheren Dosierungen gearbeitet als denen, die bei Menschen derzeit zugelassen sind oder in einer Studie erreicht wurden. Trotzdem werden Studien in Betracht gezogen.

Vom Bandwurm-Mittel Niclosamid ist bekannt, dass es die zelleigene "Müllverarbeitung" (Autophagie) verstärkt. Denn dieser Prozess ist bei mit SARS-CoV-2 befallenen Zellen gedrosselt. In Laborexperimenten in der Berliner Charité konnte mit dem Mittel die Virusvermehrung gesenkt werden – wie auch mit den Wirkstoffen Spermidin (einer körpereigenen Substanz) und MK-2206 (einem Wirkstoff gegen Brustkrebs). Studienergebnisse gibt es noch keine.

Erprobt wird außerdem die Therapie mit dem Magensäure vermindernden Medikament Famotidin (einem H2-Blocker), das zur Behandlung Magensäure-bedingter Krankheiten zugelassen ist. Bei Covid-19-Patienten wird es allerdings in neunfach höherer Dosis als zugelassen eingesetzt. Hintergrund dafür sind Hinweise aus der Auswertung chinesischer Krankenakten, die darauf hindeuten, dass Famotidin einnehmende Patienten möglicherweise ein geringeres Risko haben, an Covid-19 zu sterben.

Neue Medikamente gegen SARS-CoV-2

In einer wachsenden Zahl von Projekten wird auch versucht, neue Medikamente gegen Covid-19 zu entwickeln. Hier kann man drei Arten von Projekten unterscheiden:

  • Projekte für Antikörper zur Passivimmunisierung
  • Vorhandene Projekte in frühen Stadien für antivirale Medikamente
  • Projekte zur Neuentwicklung anderer geeigneter Wirkstoffe

Hier einige Beispiele für Projekte aus diesen Bereichen:

Antikörper zur Passivimmunisierung

Eine schon alte Methoden der Medizin zur Bekämpfung von Erregern ist, Patienten Antikörper aus dem Blutserum von Personen (oder Tieren) zu infundieren, die die Krankheit bereits überstanden haben. Denn diesen Antikörpern verdanken diese Personen ja zu einem wesentlichen Teil, dass sie wieder gesund sind - weil sie sich an die Viren geheftet und diese so an Eindringen in Zellen und ander Vermehrung gehindert haben. Schon das Diphtherie-Antiserum von Emil von Behring von 1891 wirkte so, auch wenn damals niemand etwas Genaueres von den in diesem Serum enthaltenen Antikörpern wusste. Ein anderes Beispiel sind die Spritzen zur Passivimmunisierung von Personen, die sich über eine Verletzung mit Tetanus angesteckt haben könnten. Vor kurzem haben auch mehrere Ebola-Medikamente mit solchen Antikörpern in Studien eine hohe Wirksamkeit gezeigt.

Bei den meisten Projekten zur Neuentwicklung von Medikamenten gegen SARS-CoV-2 steht deshalb ebenfalls die Blutflüssigkeit vormaliger Covid-19-Patienten mit ihren Antikörpern im Zentrum, das sogenannte „Rekonvaleszentenserum“ oder "Rekonvaleszentenplasma" (Serum ist Plasma, aus dem bestimmte Gerinnungsstoffe entfernt wurden). Nach Art der Vorgehensweise lassen sich Gruppen von Projekten unterscheiden:

1. Direktweitergabe der Antikörper von Rekonvaleszenten

Im einfachsten Fall erhalten Patienten direkt Infusionen mit einer (auf Unbedenklichkeit kontrollierten) Blutplasma-Spende ehemaliger Covid-19-Patienten oder mit frisch daraus gewonnenen Antikörpern. Dies wird in Deutschland bereits an einigen Kliniken als Heilversuch praktiziert; und an vielen Orten werden Genese eingeladen, Plasma zu spenden (beispielsweise vom Deutschen Roten Kreuz). Parallel wird diese Therapie in einer Studie mit Freiwilligen getestet. Auch in anderen Ländern wird Plasma gesammelt (etwa in Österreich) und diese Therapie praktiziert, z.B. in den USA.

2. Antikörperpräparate aus Rekonvalenzentenplasma

Einige Unternehmen wollen stattdessen die Antikörper aus solchem Plasma gewinnen und daraus ein Medikament für Infusionen herstellen, genannt polyklonales Anti-SARS-CoV-2 Hyperimmunglobulin (H-IG). Solch eine Medikament hat gegenüber Rekonvaleszentenplasma den Vorteil, dass die Wirksamkeit nicht von Anwendung zu Anwendung schwankt und man das Mittel auch leicht verschicken kann.

Für ein solches Mittel haben sich zahlreiche Unternehmen, die bereits andere Medikamente aus Plasma herstellen, zur CoVIg-19 Plasma Alliance zusammengeschlossen: Takeda (Japan), Biotest (Deutschland), Bio Products Laboratory (UK), CSL Behring (Australien), LFB (Frankreich), Octapharma (Schweiz), ADMA Biologics (USA), BioPharma Plasma (Ukraine), GC Pharma (Südkorea), and Sanquin (Niederlande). Die Allianz plant, ihr Medikament bereits im Sommer 2020 in einer Studie zu erproben, zusammen mit dem NIAID, dem National Institute of Allergy and Infectioous Diseases der USA.

Das Unternehmen Grifols (Spanien) will ebenfalls ein H-IG-Präparat entwickeln. Es sieht vor, dieses dann in den USA zu produzieren.

3. Präparate mit kopierten Antikörpern aus Rekonvaleszentenplasma

Weitere Unternehmen und Forschungsgruppen in der Welt folgen dem gleichen Grundgedanken, gehen aber einen Schritt weiter: Sie gehen von Rekonvaleszenten-Serum aus, picken aber die bestgeeigneten Antikörper heraus und "kopieren" sie dann mit biotechnischen Mitteln, um damit ein Medikament herzustellen.

Am weitesten fortgeschritten sind zwei solche Projekte, die vom US-Unternehmen Lilly vorangetrieben werden. Für das eine kooperieren Lilly und AbCellera (Kanada) beim Antikörper LY-CoV555. Zudem entwickeln Lilly und Shanghai Junshi Biosicences (China) den Antikörper JS016. Beide werden schon mit Covid-19-Patienten in stationärer Behandlung erprobt. Lilly hat zudem noch einen dritten Antikörper in präklinischen Tests.

Ein weiteres Projekt verfolgt das schwedische Karolinska Institut.

Auch AstraZeneca (UK), Celltrion (Südkorea) und Amgen mit Adaptive Biotechnologies (USA) arbeiten daran, auf diese Weise Medikamente zu entwickeln.

In Deutschland verfolgt das CORAT Konsortium diesen Ansatz, wobei es zur Identifikation geeigneter menschlicher Antikörper die Labormethode "Phage Display" benutzt. Dem Konsortium gehören unter anderem das Braunschweiger Biotech-Unternehmen Yumab, das Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung (Braunschweig), die TU Braunschweig und die Universität Tübingen an. Yumab, das positive Zwischenergebnisse berichtet hat, ist wiederum Partner in einem Projekt von Boehringer Ingelheim und weiteren Partnern.

Vermutlich wurde auch der Anti-Covid-19-Antikörper auf ähnliche Weise entwickelt, von dem das Israel Institute for Biological Research (IIBR) Anfang Mai berichtete.

4. Medikamente mit Genen für Antikörper aus Rekonvaleszentenplasma

Noch einen Schritt weiter gehen ein Konsortium von Forschungseinrichtungen in den USA im Rahmen der DARPA Pandemic Preparedness Platform wie auch ein Kooperationsprojekt der Unternehmen Ethris und Neurimmune (Planegg bei München und Schweiz). In ihren jeweiligen Medikamenten sollen am Ende nicht Kopien der wirksamsten Antikörper aus Rekonvaleszenten-Plasma selbst enthalten sein, sondern stattdessen die Gene dafür – in Form von mRNA. Wer diese mRNA injiziert bekommt, stellt für eine Weile in seinem Körper die Antikörper selbst her und ist geschützt. Der Vorteil dieses Vorgehens: Wahrscheinlich kann man so schneller große Mengen an Medikamenten-Dosen herstellen als wenn man die Antikörper biotechnisch produzieren muss. Der Nachteil: Bisher gibt es noch kein anderes Medikament, das so funktioniert. Geleitet wird das Projekt des US-amerikanischen Konsortiums unter anderem von James Crowe, Vanderbilt University, Tennessee, der für seine Pionierarbeiten auf diesem Gebiet 2019 den Future Insight Prize des deutschen Unternehmens Merck erhielt. Das von Ethris und Neurimmune geplante Medikament hat als Besonderheit, dass die mRNA inhaliert werden soll, so dass die Antikörper dicht beim Angriffsort der Viren gebildet werden.

5. Präparate mit kopierten Antikörpern aus SARS- oder MERS-Rekonvaleszentenplasma

Mehrere Projekte für neue Medikamente dehnen den Ansatz "Rekonvaleszentenplasma" aus auf verwandte Krankheiten. So hat Vir Biotechnology schon zuvor Antikörper aus dem Blutserum von Patienten gewonnen, die 2003 eine SARS-Infektion überstanden haben. Nun prüft das Unternehmen mit den US-amerikanischen Instituten NIH und NIAID, ob auch diese imstande sind, die Vermehrung von SARS-CoV-2 zu stoppen. Für die biotechnische Produktion von "Kopien" dieser Antikörper kooperiert Vir Biotechnology mit dem US-Unternehmen Biogen und dem chinesischen Unternehmen WuXi Biologics. Auch das Imperial College London arbeitet mit Partnern an einer Antikörpertherapie ausgehend von Antikörpern aus dem Blutserum von früheren SARS-Patienten.

Wissenschaftler der Universität Utrecht (Niederlande) haben ebenfalls Antikörper gegen SARS untersucht; die jedoch wurden von transgenen Mäusen gebildet. Sie fanden unter einen Antikörper, der die Vermehrung von SARS-CoV-2 in Kultur hemmen kann. In diesem Antikörper wurden dann Nagetier-typische Teile durch menschliche Abschnitte ersetzt. Diesen nun "human 47D11" genannten Antikörper will die Universität Utrecht nun gemeinsam mit den Unternehmen AbbVie und Harbour BioMed sowie dem Erasmus Medical Center weiter erproben. Er er mit Menschen erprobt werden kann, müssen aber noch mehrere Labortests durchgeführt werden.

Ein ähnliches Projekt betreibt Regeneron: Das Unternehmen erprobt den Cocktail REGN-COV2 mit zwei monoklonalen Antikörpern in einer Phase II/III-Studie mit Patienten und einer Phase-III-Studie, in der Freiwillige es zur Prävention erhalten. Diesem Cocktail liegt die Analyse von Antikörpern von transgenen Mäusen und von ehemaligen Covid-19-Patienten zugrunde. Für die Großproduktion hat Regeneron Unterstützung von der US-Regierung erhalten.

6. Präparate mit im Labor erfundenen Antikörpern

Eine weitere Variante des gleichen Grundprinzips besteht darin, gar keine Antikörper von Genesenen anzusehen, sondern geeignete Antikörper mit Labortieren oder auf synthetischem Wege zu erhalten. Diese können dann wiederum biotechnisch hergestellt, zu einem Medikament verarbeitet und Patienten infundiert weden.

So nutzen Forscher der Universität Erlangen-Nürnberg in Kooperation mit dem Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie (Leipzig), dem Deutschen Primatenzentrum (Göttingen) und dem Unternehmen Trianni (Erlangen) genveränderte Mäuse als Quelle für geeignete Antikörper.

Aus einem mit Hilfe eines Lamas gewonnenen Antikörper stammen wiederum Teile eines künstlichen Anti-SARS-CoV-2-Antikörpers, den ein Konsortium der Universität Gent, dem Flemish Institute for Biotechnology, der Universität Austin (Texas) und dem Deutschen Primatenzentrum in Göttingen erzeugt hat.

Das Biotech-Unternehmen Formycon aus Martinsried bei München setzt statt Tieren computergestütztes strukturelle Proteindesign ein, um geeignete Antikörper zu erfinden, aus denen es anschließend die geeignesten mit verschiedenen Testmethoden auswählt.

Boehringer Ingelheim wiederum setzt zusätzlich zu seiner Kooperation mit Yumab (siehe oben) gleich mehrere Techniken parallel ein, um geeignete Antikörper zu erhalten, u.a. den Einsatz transgener Mäuse und computergestütztes Antikörperdesign.

Vorhandene Projekte in frühen Stadien für antivirale Medikamente

Einen anderen Weg verfolgt ein Forschungsteam der Universität Lübeck. Es entwickelt seit Jahren sogenannte Alpha-Ketoamide als antivirale Wirkstoffe gegen Corona- und Enteroviren (die u. a. für Mundfäule verantwortlich sind). In Laborversuchen hemmen neuen experimentellen Wirkstoffe die Vermehrung dieser Viren. Einer davon, genannt "13b", ist gegen Coronaviren optimiert. Er soll nun in Zellkulturen und mit Tieren getestet und im Fall von positiven Ergebnissen gemeinsam mit einem Pharma-Unternehmen in Studien mit Menschen erprobt werden.

Projekte zur Neuentwicklung geeigneter Wirkstoffe

Eine Reihe großer Pharma-Unternehmen haben sich zusammengetan, um neue therapeutische Medikamente (wie auch Impfstoffe und Diagnostika) gegen Covid-19 zu entwickeln. In einem ersten Schritt werden sie ihre firmeneigenen Sammlungen von Molekülen, für die bereits einige Daten zu Sicherheit und Wirkungsweise vorliegen, zur Verfügung zu stellen. Diese sollen von der Einrichtung Covid-19 Therapeutics Accelerator getestet werden, die von der Gates Foundation, dem Wellcome Trust und Mastercard ins Leben gerufen wurde. Für als aussichtsreich eingestufte Moleküle sollen dann binnen zwei Monaten auch Tests mit Tieren beginnen. Zu der Unternehmens-Gruppe gehören BD, bioMérieux, Boehringer Ingelheim, Bristol-Myers Squibb, Eisai, Eli Lilly, Gilead, GSK, Janssen (Johnson & Johnson), MSD, Merck, Novartis, Pfizer und Sanofi.

Auch das auf Antiinfektiva spezialisierte deutsche Unternehmen AiCuris hat angekündigt, eigene Substanzen auf Eignung gegen SARS-CoV-2 zu prüfen.

Schon weiter vorangekommen sind die Unternehmen Ridgeback Biotherapeutics LP und MSD (beide USA), die die Wirksamkeit des Wirkstoffs EIDD-2801 gegen Coronaviren im Labor getestet und die Verträglichkeit mit Freiwilligen in einer Phase-I-Studie erprobt haben. Studien mit Patienten sollen sich anschließen. MSD erforscht zudem mit dem Institute for Systems Biology (USA) die molekularen Mechanismen einer SARS-CoV-2-Infektion.

Einen anderen Plan verfolgen die Unternehmen, die SARS-CoV-2 mittels Gene Silencing bekämpfen wollen. Bei diesem Ansatz wird verhindert, dass bestimmte Gene zur Virusvermehrung genutzt werden können. Vir Pharmaceuticals und Alnylam Pharmaceuticals (beide USA) wollen diese mit Hilfe sogenannte siRNA-Wirkstoffe erreichen. Auch das südkoreanische Unternehmen OliX Pharmaceuticals arbeitet an einem Wirkstoff dieser Art. Das deutsche Biotech Secarna und die chinesische Guangzhou's Sun Yatsen Universität wollen das Gene Silencing mit Hilfe eines Antisense-Oligonucleotids erreichen - einem Molekül aus einer verwandten Wirkstoffklasse.

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