Alleine in Deutschland leiden ca. 6,3 Mio. Menschen im Alter über 50 Jahren an Osteoporose (Knochenschwund), davon 80% Frauen. Die Krankheit kann medikamentös behandelt werden, doch kann das bislang das Auftreten neuer Brüche leider nicht völlig verhindern. Zudem haben viele Patienten Probleme mit der Anwendung oder den Nebenwirkungen der bisher vorhandenen Arzneimittel. Deshalb arbeiten Pharmaforscher mit Hochdruck an wirksameren, besser verträglichen Medikamenten gegen Osteoporose.

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Knochen bestehen hauptsächlich aus den Mineralien Kalzium, Magnesium und Phosphat sowie aus dem Protein Kollagen, das ihnen etwas Biegsamkeit verleiht. Darin eingebettet sind Zellen, die den Knochen ständig erneuern: Osteoklasten genannte Zellen bauen alte Knochensubstanz ab, Osteoblasten bilden neue Substanz. Während im Kindes- und Jugendalter vor allem die Osteoblasten aktiv sind, kommt es nach dem Ende Wachstums zu einer Balance zwischen Knochenauf- und -abbau. Hierbei beeinflussen sich Osteoblasten und Osteoklasten gegenseitig, d. h. je mehr Knochenmaterial gebildet wird, desto mehr wird auch abgebaut und umgekehrt. Dies bleibt im Großen und Ganzen auch nach dem 30. Lebensjahr so, ab etwa 40 Jahren überwiegt jedoch der langsam der Abbau von Knochenmasse.

Bei der Osteoporose ist dieser Schwund jedoch deutlich größer als normal, so dass die Knochen stark an Festigkeit verlieren und das Risiko für Brüche der Wirbel- und der Bein- und Armknochen deutlich ansteigt, bei betroffenen Frauen im Schnitt etwa zehn Jahre früher als bei Männern. Während eine Osteoporose anfangs keine Beschwerden macht, bedeuten Knochenbrüche durch Osteoporose eine erhebliche Beeinträchtigung der Lebensqualität (durch starke Rückenschmerzen bei Wirbelbrüchen), bringen Pflegebedürftigkeit mit sich und haben eine höhere Sterblichkeit zur Folge.


Zahlreiche Risikofaktoren

Osteoporose betrifft vor allem Frauen nach der Menopause, weil bei diesen dann weniger Östrogen zirkuliert, das die Aktivität der knochenabbauenden Zellen bremst. Deutlich seltener kann der Mangel an Östrogen bzw. Testosteron auch bei Männern zu einer Osteoporose führen. Man kennt aber noch weitere Faktoren, die das Osteoporose-Risiko verstärken, wie höheres Alter, Veranlagung, Mangel an Vitamin D und Kalzium, Bewegungsarmut, Untergewicht, phosphatreiche Ernährung, Rauchen und zuviel Alkohol. Auch eine Langzeittherapie mit Kortison oder manchen Medikamenten gegen Epilepsie oder Thrombosen erhöhen das Osteoporose-Risiko. Gleiches gilt für bestimmte Krankheiten wie Diabetes oder Depression.


Therapiemöglichkeiten

Ziel der Osteoporose-Therapie ist es, das Patientinnen und Patienten keine neuen Brüche mehr erleiden; dazu soll bei ihnen die gestörte Balance zwischen Knochenauf- und -abbau wieder hergestellt werden. Dazu dient eine Umstellung der Lebensweise: Risikofaktoren wie Rauchen meiden, sich mehr bewegen und Nahrung mit viel Kalzium und Vitamin D3 einnehmen. Besteht trotzdem weiterhin ein hohes Risiko, dass es durch die Osteoporose zu neuen Brüchen kommt, kann der Arzt zusätzlich ein Medikament verschreiben.

Das gehört in vielen Fällen zur Klasse der Bisphosphonate. Diese hemmen und töten gezielt knochenabbauende Osteoklasten. Manche dieser Medikamente werden als Tablette eingenommen, andere gespritzt oder infundiert.

Andere Medikamente, die Parathormon (ein menschliches Hormon) oder das davon abgeleitete Teriparatid enthalten, müssen sich die Patienten hingegen täglich unter die Haut spritzen. Sie fördern den Knochenaufbau durch die Osteoblasten.

Ebenfalls eingesetzt werden Medikamente aus der Klasse der selektiven Östrogenrezeptor-Modulatoren (SERM). Einmal täglich als Tablette eingenommen, bremsen sie die Aktivität der Osteoklasten; dabei erhöhen sie jedoch nicht das Risiko für Brustkrebs.

Indirekt wirkt der monoklonale Antikörper Denosumab, der alle sechs Monate unter die Haut gespritzt wird. Denosumab-Moleküle heften sich an bestimmte Moleküle, die sich normalerweise an Antennen von Osteoklasten anlagern. Dadurch wird die Aktivität bereits vorhandener und die Bildung neuer Osteoklasten gebremst.


Herausforderungen der Therapie

Leider kann keines dieser Medikamente weitere Brüche völlig verhindern. Grund ist, dass der Knochenauf- und abbau gekoppelt sind, ein Aufhalten des Abbaus also auch den Aufbau vermindert. Regt man umgekehrt den Aufbau der Knochen an, wird wiederum mehr Knochen zerstört. Zudem verursachen die Präparate Nebenwirkungen wie etwa Magen-Darm-Beschwerden bei Bisphosphonat-Medikamenten zum Schlucken oder bei Parathormon-Mitteln, oder Hitzewallungen und Venenverschlüsse bei SERM. Auch dürfen manche Medikamente nicht bei solchen Patienten eingesetzt werden, deren Nieren nicht mehr gut funktionieren oder die an bestimmten anderen Begleitkrankheiten leiden. Viele Mittel müssen zudem täglich eingenommen oder gespritzt werden, oder ihre Anwendung ist beschwerlich, wie bei manchen Bisphosphonat-Medikamenten zum Schlucken. Diese Faktoren tragen in der Praxis dazu bei, dass viele Patienten ihre auf mehrere Jahre angelegte Therapie bereits nach wenigen Monaten abbrechen und das Risiko weiterer Brüche in Kauf nehmen.


Neue Medikamente in der Pipeline

Um diese Situation zu verbessern, arbeiten Pharmaforscher mit Hochdruck an Medikamenten mit neuen Wirkprinzipien, die sich teilweise auch schon in der letzten Phase der klinischen Prüfung befinden.

Kathepsin K-Inhibitoren
Diese Wirkstoffe hemmen das Enzym Kathepsin K, mit dessen Hilfe Osteoklasten die Knochen abbauen. Anders als Bisphosphonate beeinträchtigen diese Wirkstoffe nicht die Osteoklasten selbst, sondern sorgen nur dafür, dass eine ihrer Hauptfunktionen blockiert wird. Somit können die Osteoklasten weiterhin die Osteoblasten zur Arbeit anregen. Das bedeutet vermehrten Knochenaufbau bei weniger Knochenabbau.
Klinische Studien bestätigen die Praxistauglichkeit dieses Prinzips. Bei dem Kathepsin-K-Inhibitor Odanacatib verbesserte sich die Knochendichte auch nach fünf Jahren Anwendung noch weiter, während ein zum Vergleich eingesetztes Bisphosphonat-Medikament bereits nach zwei Jahren keine weitere Steigerung mehr erzielen konnte. Das erste Medikament mit diesem Wirkprinzip könnte schon 2014 zugelassen werden.

Antikörper gegen Sklerostin
Das von Knochenzellen abgegebene Protein Sklerostin drosselt die Neubildung von Knochensubstanz durch Hemmung der Neubildung von Osteoblasten. Es kann jedoch mit eigens für diesen Zweck entwickelten Antikörper-Wirkstoffen (wie Romosozumab, Blosozumab und BPS-804) unwirksam gemacht („neutralisiert“) werden; das fördert den Knochenaufbau. In klinischen Studien konnte mit solchen Antikörpern eine stärkere Steigerung der Knochendichte als mit einem Bisphosphonat oder Parathormon erzielte werden. Eine erste Zulassung könnte es bis 2017 geben.
Darüber hinaus wurden noch eine Reihe weiterer neuer Moleküle identifiziert, die sich als Ziele für weitere Osteoporose-Therapien eignen könnten. Ob aus diesen Ansätzen neue Medikamente gegen die Erkrankung entwickelt werden können, dürften allerdings erst die nächsten Jahre zeigen.


Bestehende Therapien optimieren

Auch an der Verbesserung der schon verfügbaren Behandlungsmöglichkeiten wird gearbeitet. So sollen neue Parathormon-Medikamente wirksamer und verträglicher als die bisherigen Präparate sein. Darüber hinaus versucht man die Anwendung komfortabler zu gestalten, da man die bisherigen Medikamente täglich spritzen muss. So ergaben erste Studien, dass die Gabe des Parathormon-Analogons BA-058 über ein täglich zu wechselndes Hautpflaster bei postmenopausalen Frauen mit Osteoporose ähnlich wirksam ist wie seine Injektion. BA-058 befindet sich momentan in der letzten Phase der klinischen Entwicklung. Noch einfacher könnte die Anwendung von Parathormon als Nasenspray sein, die ebenfalls gegenwärtig in klinischen Studien geprüft wird.

Geht alles gut, werden den Patientinnen und Patienten bald nicht nur noch wirksamere, sondern auch noch verträglichere und leichter anwendbare Medikamente zur Behandlung der Osteoporose zur Verfügung stehen.