1996 hatte ich zwei Sehnerventzündungen. Damals hat der Arzt noch nicht bemerkt, dass es MS ist, die Symptome können ja sehr unterschiedlich sein. Zwei Jahre später konnte ich beim Einkaufen von einem Moment auf den anderen meine Beine nicht mehr kontrollieren. Das Laufen wurde immer schwerer. Im Krankenhaus haben die Ärzte zuerst gedacht, dass ich einen Tumor habe. Nach zweieinhalb Wochen kam dann die Diagnose Multiple Sklerose.
Ich muss viel mehr auf meinen Körper achten als andere Menschen. Ich hätte unheimlich gerne in der Gastronomie gearbeitet, aber das ist zu anstrengend. Früher habe ich auch viel getanzt, das geht heute nicht mehr. Ich darf keine schweren Sachen tragen, mich nicht zu sehr verausgaben. Ich muss meine Energie sparen. Alles, was mich schwächer macht, kann einen Krankheitsschub verursachen. Die Angst vor den Schüben und das Gefühl, krank zu sein, waren vor allem am Anfang sehr belastend.
Auf Menschen, die nicht wissen, dass ich krank bin, wirke ich völlig normal. Mit dem Medikament, das ich einmal in der Woche spritze, kommen die Schübe seltener und sind schwächer. Nach der Diagnose hatte ich große Angst, dass ich keine Kinder bekommen kann. Heute ist meine kleine Tochter zweieinhalb Jahre alt. Dass ich für sie da sein kann, ist das Wichtigste in meinem Leben.
Ich musste erst das richtige Medikament für mich finden. Seit drei Jahren nehme ich ein Mittel, mit dem ich zufrieden bin und das ich gut vertrage. Die Schübe kommen jetzt nur noch selten und sind viel schwächer. Ich habe einfach längere Phasen, in denen ich beschwerdenfrei bin. Außerdem muss ich das Medikament nur einmal in der Woche nehmen, was mir sehr wichtig ist. Denn jedes Mal, wenn man sich eine Spritze gibt, wird man daran erinnert, dass man krank ist.
Die Therapie hat meinem Leben eine neue Qualität gegeben. Ohne Medikamente wäre mein Leben von der Krankheit bestimmt. So kann ich über Monate ganz normal leben, mich um meine Tochter kümmern, arbeiten, alles, was gesunde Menschen auch tun.
Für meine Eltern war es sehr schwierig. Sie wussten nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollten, hatten Angst, dass sie irgendwelche Fehler machen. Sie haben mich behandelt wie ein rohes Ei, was ich gar nicht so wollte. Sie haben ein halbes Jahr gebraucht, um sich an meine Krankheit zu gewöhnen.
Zuerst war da nur der Schock, krank zu sein. Als es mir wieder besser ging, habe ich mir gesagt: Du musst jetzt für den Moment leben, jeden Tag genießen. Man weiß ja nicht, was morgen kommt. Das hat sich mit der Geburt meiner Tochter natürlich geändert. Jetzt habe ich Verantwortung. Man weiß, wofür man kämpft. Nicht nur für sich selber, sondern auch, um für einen anderen Menschen da zu sein. Aber mein Kind hilft mir auch, jeden Moment zu genießen.
Jeden Moment genießen und sich nicht aufgeben. Wenn man erstmal in ein Loch gefallen ist, kommt man nicht mehr so leicht heraus. Man kann mit dieser Krankheit leben. Man muss sich in manchen Dingen einschränken, aber man kann sich auch viele Wünsche erfüllen.
Ohne die Erfolge der Forschung könnte ich kein normales Leben führen. Schon die Medikamente seltener einnehmen zu müssen, oder sie in Zukunft vielleicht als Tablette nehmen zu können, wäre ein Riesenfortschritt für mich. Eine Krankheit kann jeden treffen und für diejenigen, die es trifft, sind Medikamente oft die einzige Hoffnung. Wer weiß, vielleicht wird man Multiple Sklerose irgendwann heilen können.
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