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28. November 2006

Auch schwacher Schmerz „geht auf die Nerven“

 
Nervenzellen merken sich selbst schwache Schmerzreize (© medicalpicture)
Nicht nur starke, sondern auch schwache, aber länger andauernde Schmerzreize können chronischen Schmerz auslösen. Das haben Wissenschaftler vom Zentrum der Hirnforschung der Medizinischen Universität Wien erstmals nachgewiesen. Bei lang anhaltenden Schmerzreizen verändern sich jene Nervenzellen, die für die Weiterleitung des Schmerzsignals verantwortlich sind. Durch den Schmerz wird die Schmerzempfindung gesteigert und kann schließlich sogar dann andauern, wenn das eigentliche Schmerzsignal schon lange abgeklungen ist – der Schmerz wird chronisch.

Chronischer Schmerz ist eine eigenständige Erkrankung. Ungleich vielschichtiger als der akute Schmerz – etwa bei einer Verletzung –, ist er ein quälender Begleiter mit vielen Gesichtern. Bei der Entstehung chronischer Schmerzen wirken meist körperliche, psychische und soziale Faktoren zusammen – unabhängig davon, ob ein Tumor oder eine andere chronische Erkrankung die Pein verursacht oder ob die Angst vor Arbeitsplatzverlust die Rückenmuskulatur in schmerzhafte Dauerspannung versetzt. Im Zuge der so genannten Chronifizierung bildet sich ein „Schmerzgedächtnis“ aus – Gehirn und Nerven haben „gelernt“, auf Signale, selbst wenn diese schwach und von gesunden Menschen als nicht schmerzhaft empfunden werden, besonders empfindlich und intensiv zu reagieren.

Bislang gingen die Wissenschaftler davon aus, dass nur starke Schmerzreize, bei denen die Schmerzfühler im Gewebe bestimmte Nervenzellen im Rückenmark mit Signalen in hoher Frequenz bombardieren, eine solche Verstärkung auslösen können. Dem Hirnforscher Prof. Jürgen Sandkühler und seinem Team ist es nun gelungen, das Phänomen der Schmerzverstärkung auch bei schwachen Schmerzen zu erklären.

In Laborversuchen verwendeten die Forscher elektrische Reize, die 50-mal schwächer waren als jene, die bisher angewendet wurden, um eine Verstärkung zu provozieren – solche schwachen Schmerzsignale sind charakteristisch bei der Wundheilung und bei Entzündungen. Tatsächlich trat die Verstärkung auf. Dann konnten die Wissenschaftler auch die Zellen finden, die für diese Verstärkung verantwortlich sind: Bestimmte Zellen im Rückenmark sorgen dafür, dass die Signale der Schmerzfasern aus den weiter entfernten Körperregionen auf die zum Gehirn führenden Nervenbahnen im Rückenmark übertragen werden.

Aus den neuen Erkenntnissen leitet Prof. Sandkühler praktische Konsequenzen für die Schmerztherapie ab: „Möchte man eine Schmerzverstärkung nachhaltig vermeiden, dann reicht es nicht aus, Patienten zum Beispiel nach einer Operation für kurze Zeit mit Schmerzmitteln zu versorgen.“ Die Schmerztherapie müsse so lange fortgeführt werden, bis der Schmerz weitgehend abgeklungen ist. Denn wenn der Schmerz sich erst einmal zu einem chronischen Schmerz entwickelt hat, müssten die Patienten letztlich viel länger und schlimmstenfalls dauerhaft behandelt werden.
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