Ein bisschen Dreck bringt das Immunsystem auf Trab
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Weißer als weiß, reiner als rein sollen Wäsche und Böden sein – so zumindest sieht und hört man es in der Werbung. Aber hält das auch gesund? Keineswegs, wie Wissenschaftler herausfanden. Zu viel Hygiene kann die Entwicklung von
Allergien und Asthma fördern. Studien haben gezeigt, dass Kinder, die auf dem Bauernhof aufwachsen, seltener Heuschnupfen und Asthma bekommen als Kinder aus einer „sauberen“ Umgebung.
Besonders für die Jüngsten ist eine Portion Dreck wichtig. Wenn sie Erde schaufeln, Baggermatsch verkosten, in Pfützen patschen und mit anderen Dreckspatzen spielen,
trainieren sie ihr Immunsystem. Weil die Kinder dabei ständig mit Keimen konfrontiert werden, wird ihr Immunsystem trainiert. Das heißt: Es gewöhnt sich an harmlose Bakterien und reagiert nicht mehr auf sie. Das funktioniert auch bei häufigen Allergieauslösern wie zum Beispiel Pollen – Kinder, die auf dem Land groß werden, plagen sich deshalb seltener mit tränenden Augen und juckenden Nasen.
Eine entscheidende Rolle spielen dabei bestimmte Botenstoffe des Immunsystems, so genannte
Zytokine. Diese regen nach dem Kontakt mit bakteriellen Substanzen die Vermehrung bestimmter Immunzellen an, der so genannten
TH1-Helferzellen, die die Eindringlinge bekämpfen. Verfügt der Körper über besonders viele TH1-Helferzellen, können nur wenige ihrer
„Gegenspieler“, der TH2-Helferzellen, im Blutkreislauf umherwandern. Diese zweite Variante ist nach Kontakt mit Allergenen verantwortlich für die Produktion spezieller Antikörper, die für allergische Reaktionen der Haut und Schleimhäute sorgen. Hat der Körper dagegen nur wenige Kontakte mit Bakterien, nehmen die TH2-Helferzellen überhand und sorgen für Allergien.
Warum der Kontakt mit Bakterien besonders gut vor Allergien schützt, dafür haben Biowissenschaftler eine recht einleuchtende Erklärung. In früheren Jahrhunderten und Jahrtausenden hatte das Immunsystem reichlich zu tun: Spulwürmer, Bandwürmer, Hakenwürmer, Blutegel und andere Parasiten sowie viele gefährliche Krankheitserreger, die es heute kaum noch gibt, mussten bekämpft werden. Die Abwehrsysteme des menschlichen Körpers hatten keine Zeit, sich um Katzen- oder Pferdehaare oder Hausstaubmilben zu kümmern. Heute „langweilen“ sie sich oft. Folge: Das Immunsystem fährt schwere Geschütze gegen harmlose Dinge wie Katzen- oder Pferdehaare auf.
Allerdings gilt für den Schmutz: Alles in Maßen.
Regeln für Sauberkeit und Hygiene sind nicht außer Kraft gesetzt. Nach wie vor heißt es: Vor dem Essen Hände waschen. Und das Kinderzimmer darf nicht zur Müllhalde verkommen. Ohnehin gibt es keine Garantie dafür, dass eine Portion Schmutz verhindern kann, dass aus einem Kind ein Allergiker wird. Denn eine wichtige Rolle spielt die Veranlagung. Ohne familiäre Belastung entwickeln bis zu 15 Prozent aller Kinder eine Allergie. Ist ein Elternteil Allergiker, steigt das Risiko bereits auf 30 Prozent. Sind beide Eltern belastet, bekommt das Kind mit einer 80-prozentigen Wahrscheinlichkeit ebenso eine Allergie. Ob diese Allergieneigung letztlich zum Ausbruch einer Allergie führt, hängt aber eben auch vom Verhalten ab.