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22. Dezember 2005

Experimenteller Impfstoff gegen ein Vogelgrippevirus mit neuer Technik hergestellt

 
Spanischer Veterinär bei einer Routineuntersuchung von Hühnern auf den Vogelgrippevirus
Mit einem neuen gentechnischen Verfahren - der so genannten reversen Genetik - haben Wissenschaftler aus Großbritannien, Italien und Norwegen gemeinsam mit Forschern des Unternehmens Sanofi Pasteur in Frankreich erstmals einen Impfstoff für Menschen gegen H7N1-Viren, die eine Form der Vogelgrippe hervorrufen, entwickelt. Forscher vermuten, dass auch dieser Stamm neben dem derzeit in Südostasien und Osteuropa grassierenden Vogelgrippevirus H5N1 von Vögeln auf Menschen übergreifen, sich schnell weltweit verbreiten und zu einer Pandemie führen könnte. Erste klinische Versuche mit dem Impfstoff „RD-3“ sollen nach einem Bericht der EU-Kommission im nächsten Frühjahr beginnen.

Reverse Genetik kommt zum Einsatz, um einen neuen Erreger, dessen Gensequenzen bekannt sein müssen, gezielt so zu verändern, dass er weniger gefährlich wird oder besser für die Impfstoffproduktion vermehrt werden kann. Wichtig ist natürlich, dass Impfstoffe aus dem veränderten Erreger trotzdem das menschliche Immunsystem nicht nur auf den „entschärften“ Erreger, sondern auch vor den ursprünglichen Erregern vorbereiten.

Im Falle des Impfstoffs RD-3 wurde das Gen für Hämagglutinin, ein Oberflächeneiweiß des Erregers, verändert, damit der Erreger weniger gefährlich wird. Zudem wurden die Viren an ein neues Produktionsverfahren angepasst, bei dem statt Hühnereiern - wie bei der traditionellen Grippeimpfstoffproduktion - Säugetierzellen in riesigen Zellkulturen in geschlossenen Edelstahlbehältern infiziert werden. Zellkulturverfahren zur Produktion von Grippeimpfstoffen werden derzeit von mehreren Unternehmen erprobt.

RD-3 ist nicht der erste experimentelle Impfstoff gegen ein Vogelgrippevirus. US-amerikanischen Forschern war es schon zuvor gelungen, einen Impfstoff gegen das Virus H5N1 zu entwickeln, das mit H7N1 verwandt ist. Dabei konnten sie den Erreger genetisch so umgestalten, dass er sich in Eiern vermehrt, ohne sie abzutöten. Allerdings war der daraus hergestellte Impfstoff nur bei einem Viertel der geimpften Probanden wirksam, und auch erst bei einer gegenüber dem Normalen sechsfachen Dosierung. Bei RD-3 besteht die Hoffnung, dass der Impfstoff wesentlich zuverlässiger zu einer Immunisierung führt.

Der neue Impfstoff-Prototyp umgeht dank der Möglichkeit, in Zellkultur hergestellt zu werden, das Problem, dass es im Falle einer Vogelgrippe-Epidemie aufgrund eines Massensterbens von Hühnern keine Eier für die Impfstoffproduktion geben würde - kein Huhn, kein Ei, kein Impfstoff.

Mutationen können Übertragung auf den Menschen ermöglichen

In der Regel können Menschen nur sehr schwer von Vogelgrippeviren infiziert werden. Fälle einer direkten Übertragung der Viren von Vögeln oder Geflügel auf den Menschen sind erst seit 1997 eindeutig belegt. Die Vögel scheiden das Virus mit dem Kot aus, sodass die Inhalation verseuchter Staubpartikel vermutlich den wichtigsten Übertragungsweg darstellt. Seit Ende 2003 sind in Südostasien rund 120 Erkrankungsfälle bei Menschen beobachtet worden, etwa die Hälfte der Erkrankten ist gestorben.

Von Mensch zu Mensch werden Vogelgrippeviren, wenn überhaupt, nicht leicht übertragen. Der für das Anheften an die Zellen des Wirtes notwendige Teil des Virus ist nicht gut an menschliche Zellen angepasst. So müssten die Viren erst durch schrittweise genetische Veränderungen (Mutationen) die Fähigkeit erlangen, sich gut an menschliche Zellen anzuheften - dass ihnen dies eines Tages gelingt, ist allerdings durchaus möglich.

Genetische Änderungen können auch durch eine „Mischung“ des viralen Erbgutes zustande kommen. Zum Beispiel dann, wenn sich Menschen oder Schweine mit menschlichen Grippeviren und Vogelgrippeviren gleichzeitig anstecken und die infizierten Zellen Viren erzeugen, die einen Teil des Erbguts von den einen Viren, einen anderen Teil von den anderen Viren her enthalten haben. Auch das kann zu einer erleichterten Übertragung von Tier zu Mensch und von Mensch zu Mensch führen. Möglicherweise verliert das Virus bei den genetischen „Umbauten“ aber auch seine krankmachende Wirkung, oder diese wird zumindest geschwächt - das lässt sich derzeit noch nicht vorhersagen.
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