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27. März 2007

Erkältungsviren im Einsatz in der Tumortherapie und bei der Entwicklung neuer Impfstoffe

 
Adenovirus (© medicalpicture)
Adenoviren verursachen bei Menschen vor allem Erkrankungen der Atemwege – von der einfachen Erkältung über die Bronchitis bis hin zur Lungenentzündung. Aber diese Viren könnten sich in Zukunft auch als äußerst nützlich erweisen: Forscher aus ganz Deutschland trafen sich Anfang März 2007 in Ulm, um sich über die Einsatzmöglichkeiten von Adenoviren in der Tumortherapie und bei der Entwicklung neuer Impfstoffe auszutauschen.

Ähnlich einem Trojanischen Pferd werden bei der Entwicklung von Impfstoffen abgeschwächte, nicht mehr krankmachende Viren, als Transportmittel genutzt, um beispielsweise ein kleines Stück der genetischen Information des HI-Virus in den Körper zu transportieren. Die befallenen Zellen produzieren daraufhin die zu den eingeschleusten HIV-Genen gehörenden Eiweiße. Das Immunsystem merkt sich das Muster dieser Eiweiße und wird in Alarmbereitschaft versetzt. Wenn später tatsächlich echte HI-Viren in den Körper gelangen, erkennen die Immunzellen Teile der HI-Viren wieder und können sie sofort gezielt bekämpfen – dies zumindest ist die Hoffnung.

Impfstoffe mit Adenoviren gegen HIV werden zurzeit in mehreren klinischen Studien an Freiwilligen getestet. Bislang mit einigem Erfolg: Bei bis zu 90 Prozent der Geimpften wird zumindest die Bildung der zur Abwehr echter HI-Viren benötigten Immunzellen angeregt. Früher erprobte Impfstoffe schafften dies höchstens bei 20 Prozent. „Ob sich auf diese Weise tatsächlich ein Impfschutz aufbaut, ist aber noch nicht klar“, betont der HIV-Experte Prof. Klaus Überla von der Universität Bochum. Denn das lässt sich schlecht überprüfen, da Infizierungsversuche mit HIV am Menschen selbstverständlich nicht durchgeführt werden. So werden die Impfstoffe an freiwilligen, besonders gefährdeten Probanden getestet. Kürzlich hat in Südafrika eine große klinische Studie begonnen, in der ein solcher Impfstoff gegen HIV über vier Jahre an bis zu 3.000 gesunden Erwachsenen im Alter zwischen 18 und 35 Jahren erprobt werden soll. In Südafrika ist die Ansteckungsgefahr besonders groß – etwa 15 Prozent der Bevölkerung sind mit dem HI-Virus infiziert.

Ein weiteres mögliches Einsatzgebiet der Adenoviren ist die Gentherapie zur Behandlung von Krebserkrankungen. Prof. Stefan Kochanek und sein Team von der Universität Ulm entwickeln bestimmte Sorten von Adenoviren, die sich spezifisch in die Zellen von Lebertumoren einnisten. In Versuchen mit Zellkulturen und mit Ratten hat sich die potenzielle Gentherapie bereits bewährt, in dem die Produkte der eingeschleusten Gene den so genannten programmierten Zelltod von Tumorzellen bewirkt haben – die Zellen zerstörten sich selbst.

Auch angeborene Krankheiten könnten mit Hilfe der Gentherapie durch Adenoviren möglicherweise besser behandelt werden: Bei Menschen mit der so genannten Bluterkrankheit (Hämophilie) können die Leberzellen aufgrund eines genetischen Defekts einen bestimmten Blutgerinnungsstoff nicht produzieren. Schleust man ein funktionstüchtiges Gen in die Leberzellen ein und befähigt sie so wieder, den Blutgerinnungsstoff selbst zu bilden, könnten die Patienten vielleicht eines Tages auf die bisher nötigen wöchentlichen Spritzen verzichten.

Prinzipiell machen sich die Forscher zunutze, dass Viren sich in Zellen einnisten, ihnen Erbmaterial eingeben und die Zellen dann dazu anzuregen, weitere Viren zu produzieren – denn ohne „fremde Hilfe“ von Wirtszellen können sich Viren nicht vermehren. Die Forscher nutzen das aus und machen Viren zur so genannten „Gen-Fähre“: Denn bei dem Vermehrungsprozess verarbeiten die Wirtszellen jegliche von einem Virus mitgebrachte genetische Information – auch wenn sie eigentlich gar nicht zu dem Virus gehört. So sollen die Wirtszellen veranlasst werden, auch Eiweiße zu produzieren, die der Bekämpfung bestimmter Erkrankungen dienen. Adenoviren eignen deshalb so gut als „Gen-Fähre“, weil sie nach bisherigen Erkenntnissen im Vergleich zu anderen Viren wenig Nebenwirkungen hervorrufen und sie sich leicht in großen Mengen produzieren lassen – eine wichtige Voraussetzung für den klinischen Einsatz.
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