Acetylsalicysäure in polarisiertem Licht - erstes medizinisch geprüftes Schmerzmittel
(© dpa)
„Was man nicht erklären kann, sieht man als Rheumatismus an.“ Dieses Wilhelm-Busch-Zitat reimt sich nicht nur wunderbar, es birgt auch mehr als ein Körnchen Wahrheit: Denn auch wenn schon
Hippokrates im 4. Jahrhundert vor Christus die Symptome einer chronischen Gelenkerkrankung beschrieb, sollte es noch bis zum Ende des
16. Jahrhunderts dauern, bis der Pariser Arzt Guillaume Baillou den
Begriff „Rheumatismus“ prägte. Bis heute ist es nicht einfach, eine genaue Diagnose und Zuordnung zu den etwa 400 Krankheiten zu stellen, die zum rheumatischen Formenkreis zählen.
Der Begriff „Rheuma“ ist vom
griechischen Wort „fließen“ abgeleitet. Er beschreibt damit recht gut den „fließenden Charakter“ der ausstrahlenden Schmerzen, die von einem Gelenk zum anderen wandern.
In der Geschichte der
Rheumatherapie spielte lange Zeit die Rinde des Weidenbaums, die schon die Ägypter als Schmerz- und Fieber senkendes Mittel kannten, eine herausragende Rolle. Die daraus gewonnene
Salicylsäure war im 19. Jahrhundert „das“ Rheumamittel schlechthin - verbunden allerdings mit starken Nebenwirkungen: Die Patienten klagten über Übelkeit, Erbrechen und Magenbluten. 1897 gelang es schließlich, mit der
Acetylsalicylsäure, kurz ASS, ein Medikament mit ähnlicher Wirkung, aber vertretbaren Nebenwirkungen zu entwickeln. Bis heute ist dieses Medikament als Schmerz- und Entzündungshemmer in der Rheumatherapie im Einsatz.
Meilenstein in der Arzneimittelforschung: Die Entdeckung von Cortison
Der nächste wichtige Schritt bestand in der Einführung von
Cortison, die
1948 stattfand - noch im selben Jahr, in dem es erstmals künstlich hergestellt werden konnte. Auch dieses Medikament hat
bis heute seinen Platz in der Rheumatherapie und wird meist während eines Krankheitsschubs kurzfristig hoch dosiert eingesetzt, um die Entzündung zu hemmen. Cortisonpräparate können aber auch über längere Zeit in sehr niedriger Dosierung gegeben werden.
Im Laufe der Zeit wurde zudem eine Vielzahl von
nicht-steroidalen Antirheumatika entwickelt, zu denen die Wirkstoffe Diclofenac, Ibuprofen sowie die Cox-2-Hemmer gehören. Sie wirken schmerzlindernd und hemmen die Gelenkentzündung, können aber - wie auch Cortison – das Fortschreiten der Erkrankung und damit Folgeschäden nicht verhindern. Ebenfalls eine zentrale Rolle in der Behandlung spielen die
krankheitsmodifizierenden Antirheumatika wie Methotrexat, Hydroxychloroquin und Sulfasalazin, die bei schweren Verläufen der Erkrankung eingesetzt werden. Sie lindern ebenfalls Schmerzen und verringern Gelenkschwellungen, können jedoch zudem den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen. Es dauert allerdings mehrere Monate bis sie ihre Wirkung entfalten können.
Neue Medikamente hemmen den Entzündungsprozess
Eine neue Medikamentengeneration hemmt das Protein
„Tumor-Nekrose-Faktor-alpha“ (TNF). Dies ist eine körpereigener Botenstoff, der bei der
Abwehrreaktion des Immunsystems eine wichtige Rolle spielt. Die neuen Medikamente wurden entwickelt, nachdem beobachtet wurde, dass Rheumapatienten eine sehr hohe TNF-Konzentration aufwiesen und klar war, dass TNF-alpha im Wesentlichen für den
rheumatischen Entzündungsprozess verantwortlich ist. Indem sie den Botenstoff gezielt ausschalten, bieten die neuen Wirkstoffe eine sehr effektive Behandlungsoption für Betroffene mit schwereren Formen der Erkrankung. Derzeit sprechen 50 bis 70 Prozent der Patienten auf die heute verfügbaren Medikamente an. Patienten, bei denen eine Behandlung mit TNF-alpha-Hemmern nicht wirksam ist, können seit einiger Zeit auch mit dem ursprünglich für die Krebstherapie entwickelten Antikörper Rituximab behandelt werden. Er schaltet Zellen der Immunabwehr aus, die die Entzündungsreaktion fördern können.
Rheumapatienten haben im Übrigen
illustre Leidensgenossen: So klagten z.B. Napoleon, Casanova und Goethe über chronische Gelenkbeschwerden.