Ob Heinrich Heine tatsächlich an Multipler Sklerose litt, ist umstritten
(© Uhlstein)
Schon seit Jahrhunderten macht Multiple Sklerose vielen Menschen das Leben schwer. Die ersten überlieferten Beschreibungen stammen aus dem
14. Jahrhundert. In der Island-Saga von St. Thorlakr taucht die
Wikingerfrau „Hala“ auf, die unter vorübergehender Blindheit und Sprachstörungen litt. Unter Opfern und Gebeten sollen sich diese nach wenigen Tagen zurückgebildet haben.Diese Symptome deuten Mediziner heute als mögliche Zeichen einer Multiplen Sklerose.
Später liest sich das Tagebuch des Cousins der Königin Victoria von England,
Augustus Frederick d'Este (1794-1848), wie das Protokoll einer Multiplen Sklerose: Nach der Beerdigung eines nahen Verwandten berichtet der 28-Jährige von einer mehrere Tage andauernden Blindheit - ein typischer
MS-Schub. In den folgenden Jahren gesellen sich weitere MS-Symptome dazu wie Lähmung der Beine, wochenlange Schwäche, Stuhlinkontinenz, Schwindelgefühl und Schreibstörungen. Damals konnten die Ärzte die Krankheit nicht aufhalten.
Heinrich Heine, einer der bedeutendsten deutschen Dichter des 19. Jahrhunderts, wurde in den letzten Jahren seines Lebens durch ein geheimnisvolles Nervenleiden an die „Matratzengruft“, wie er sein Krankenlager nannte, gefesselt. Über die Ursachen der Krankheit wird viel spekuliert. So gehen einige Forscher von einer Syphilisinfektion aus, andere vermuten eine Bleivergiftung. Möglicherweise war aber auch eine Multiple Sklerose der Auslöser seines jahrelangen Leidensweges.
Eine prominente Patientin des 20. Jahrhunderts hieß
Jacqueline du Pré. Mit der Diagnose Multiple Sklerose endete 1973 abrupt die Karriere der berühmten englischen Cellistin. Sie starb 1987 im Alter von nur 42 Jahren.
Erkrankung erst im 19. Jahrhundert entdeckt
Forscher bemühten auf ihrem Weg, eine Theorie zur Entstehung von Multipler Sklerose zu entwickeln, zahlreiche mögliche Ursachen wie Infektionen, genetische Veränderungen, Gifte oder Mangelernährung. Erst Anfang des
19. Jahrhunderts wurden die typischen
Flecken (Plaques) von verhärtetem,
vernarbtem (sklerosiertem) Gewebe beschrieben, die in Gehirn und Rückenmark von MS-Kranken an verschiedenen Stellen (multipel) vorkommen. Bis zu den ersten nützlichen Therapien sollten dennoch mehr als 100 Jahre vergehen.
Ende des 19. Jahrhundert entstand das erste brauchbare Erklärungsmodell einer Autoimmunerkrankung.
1913 gelang erstmals die zuverlässige Diagnose der Erkrankung durch die Untersuchung des Nervenwassers (Liquor) aus dem Rückenmarkskanal. 1950 waren sich die Fachleute endlich einig: MS ist keine Geisteskrankheit, sondern eine neurologische Erkrankung. Dies lenkte die Forschung in die richtige Richtung, denn noch immer gab es keine wirksame Therapie. 1957 wurden die viel versprechenden
Interferone als körpereigene Wirkstoffe entdeckt. Doch erst fast 40 Jahre später
(1993) setzten Mediziner sie zur Behandlung von MS ein. Ein wichtiger Bestandteil der MS-Therapie ist seit über 30 Jahren Kortison, das zur Behandlung von akuten Krankheitsschüben eingesetzt wird.
Auch in der Diagnostik hat sich viel getan:
1972 entwickelten Forscher eine Methode, mit der sich die
Leitfähigkeit von Nervenbahnen beurteilen lässt (evozierte Potenziale). Das ist für die MS-Diagnostik von Nutzen, denn je mehr die Schutzhülle der Nervenbahnen zerstört ist, desto geringer ist deren Leitgeschwindigkeit und desto größer die Behinderung.
1981 gelang es, Gewebeveränderungen in Gehirn und Rückenmark durch
Magnetresonanztomographie (MRT) sichtbar zu machen. Im MRT lassen sich zehnmal mehr Zeichen der Krankheitsaktivität aufspüren, als sich körperlich bemerkbar machen.