Älter als die Menschheit
Epilepsie existierte bereits bevor es Menschen gab. Denn jedes komplexe Gehirn – sei es nun von Affen oder anderen höherentwickelten Tieren – bietet die Voraussetzungen für das Entstehen dieser Krankheit. So kann man epileptische Anfälle etwa auch bei Rindern oder Hunden beobachten.
Gefürchtet und verehrt
Bereits lange vor der Zeitenwende war die Epilepsie bei den Babyloniern und Ägyptern bekannt und gefürchtet. Im antiken Griechenland dagegen galt sie lange als „heilige Krankheit“, die auf eine Besessenheit durch einen der vielen Götter zurück zu führen war. Die jeweiligen Eigenschaften des Gottes sollten sich dabei in den verschiedenen Formen der Krampfanfälle widerspiegeln. Erst im vierten Jahrhundert vor Christus wendete sich der berühmte Arzt Hippokrates gegen diese Ansicht. Er vertrat die Meinung, dass auch diese Krankheit natürliche Gründe habe, wobei er davon ausging, das überflüssiger kalter Schleim, der vom Gehirn ins warme Blut floss, die Ursache sei. Zur Reinigung des Körpers von diesem Schleim verwendete er unter anderem Diäten, Abführmittel und Aderlass. Im zweiten nachchristlichen Jahrhundert beschrieb der in Rom praktizierende Arzt Galenus von Pergamon erstmals die Aura, die bestimmten Anfallsformen vorausgehen kann. Im Mittelalter waren die ersten naturwissenschaftlichen Ansätze zur Erklärung der Erkrankung jedoch wieder vergessen. Man betrachtete sie als eine göttliche Strafe für Sünden oder als dämonische Besessenheit. Dies konnte dazu führen, dass bei den Betroffenen ein Exorzismus durchgeführt wurde, wie dies sogar noch 1976 bei einem Fall in Deutschland geschah.
Langer Weg bis zur Ursachenklärung
Erst mit dem Beginn der Renaissance im 16. Jahrhundert, bereitete Paracelsus den Weg zu einer erneuten naturwissenschaftlichen Sicht der Dinge, indem er z. B. darauf hinwies, dass auch Tiere an Epilepsie erkranken können. Mit seiner Meinung, dass es sich bei einem Erdbeben um einen epileptischen Anfall der Erde handele, behielt er allerdings glücklicherweise nicht recht. Mitte des 18. Jahrhunderts unterschied der Schweizer Arzt Samuel Tissot dann erstmals zwischen anlagebedingten Ursachen der Erkrankung und symptomatischen, also solchen, die durch andere Erkrankungen hervorgerufen werden. Dem englischen Neurologen John Hughlings Jackson gelang es schließlich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, den Ursprung der Epilepsie in der gestörten Funktion bestimmter Hirnregionen nachzuweisen.
Vom Brom zu modernen Medikamenten
Als erstes wirksames Medikament zur Behandlung Betroffener wurde 1857 das Element Brom eingesetzt, das eine beruhigende Wirkung besitzt. 1912 folgte dann das teilweise noch immer verwendete Schlaf- und Beruhigungsmittel Phenobarbital. Die krampflösende Wirkung der Valproinsäure, die auch heute noch den Standard in der Behandlung bestimmter Epilepsieformen darstellt, entdeckte 1962 der französische Forscher Pierre Eyrnard. Mittlerweile stehen für die Patienten rund 20 Wirkstoffe zur Verfügung, mit denen die Krampfanfälle und ihre Symptome bei einem Großteil der Erkrankten ganz oder zumindest teilweise unterdrückt werden können.
Von den heutigen Möglichkeiten konnten viele prominente und weniger prominente Betroffene in ihrer Zeit nur träumen. So litten beispielsweise Alexander der Große, Julius Cäsar, Moliere, Dostojewski, van Gogh und Lenin an Epilepsie. Vielleicht wäre auch der ebenfalls betroffene Napoleon bei Waterloo siegreich geblieben, hätte er nicht in einer entscheidenden Phase des Gefechts für einige Zeit vom Schlachtfeld gebracht werden müssen. Der deutsche Studentenführer Rudi Dutschke starb sogar an der Erkrankung als er 1979 bei einem Anfall in der Badewanne ertrank. Seine Epilepsie war die Folge eines Kopfschusses, der ihn 1968 bei einem Attentat traf.