Schach der Alzheimerkranheit: Hirnjogging hält den Geist fit
(© dpa)
Forscher vom European Neurosciences Institute in Göttingen und dem Massachusetts Institute of Technology in Boston haben an so genannten „Alzheimer-Mäusen“ gezeigt, dass Vergessenes durch geistige Aufgaben oder chemische Substanzen wieder ins Bewusstsein zurückkehren kann. Diese Erkenntnisse könnten eine neue Behandlungsmöglichkeit für Alzheimerpatienten auf den Weg bringen.
Wie kommt es eigentlich zum Verlust von Wissen, und wie kann Vergessenes wieder ins Gedächtnis gerufen werden? Vieles davon ist für die Wissenschaft noch rätselhaft, aber sicher ist mittlerweile, dass das
Eiweiß p35 dabei eine Rolle spielt. In den absterbenden Nervenzellen ist es überaktiv und beschädigt das Gerüsteiweiß der Nervenzellen. Das innere Skelett bricht zusammen, wodurch die Verbindungen zu anderen Nervenzellen geschädigt werden. Das macht die Weitergabe von Informationen unmöglich. Es kann aber zu einer erneuten Erinnerung von bereits Vergessenem kommen, indem neue Nervenverbindungen zu den Speicherorten hergestellt werden. Die bereits verloren geglaubten Informationen kehren ins Bewusstsein zurück.
Die Experimente der Göttinger Forscher bestätigen das: Durch die Aktivierung von Nervenverbindungen mittels Hirnjogging, also Training des Gehirns durch „Denksport“, und Medikamente konnten Mäusen, die an Alzheimer litten, zu erneuter Erinnerungs- und Lernfähigkeit gelangen.
Das Experiment: Zunächst erhielten gesunde Mäuse das nervenschädigende Eiweiß p25, eine aggressivere Variante von p35. Daraufhin wurden sie lernschwach. Nach sechs Wochen erinnerten sie sich kaum noch an vor langer Zeit Erlerntes. Das Gehirn der Nager zeigte nun alle bekannten Merkmale der Alzheimer-Krankheit auf, wie den Abbau von Nervenzellen, messbaren Hirnschwund und typische Eiweißablagerungen im Gehirn.
Einen Teil der Alzheimer-Mäuse setzten die Forscher in eine
geistig stimulierende Umwelt mit Mäuse-Spielzeug und verstecktem Futter. Das Ergebnis: Bei gleich bleibend geringer Hirnmasse verbesserten sich das räumliche Orientierungsvermögen und die geistige Kombinationsfähigkeit. Die Mäuse begannen, sich an längst Vergessenes zu erinnern. Hirnjogging, Spiel und Aufgaben gaben die Erinnerung zurück. Biochemische Untersuchungen zeigten dabei, dass im Gehirn der intellektuell geförderten Mäuse mehr Nervenfortsätze (Dendriten) und Kontaktstellen zwischen Nerven (Synapsen) in den betroffenen Hirnregionen vorhanden waren. Dieser Effekt könnte auf der Aktivierung von nerven- und synapsentypischen Genen beruhen.
Dieses Experiment bildete für die Forscher die Grundlage, eine chemische Substanz zu finden, die ebenso dafür sorgt, dass Nervenverbindungen aufrechterhalten werden oder gar neue Verbindungen entstehen. Denn die Menschen werden immer älter und die meisten Alzheimer-Patienten sind jenseits der 65 und teilweise gar nicht mehr in der Lage, derartiges Hirntraining zu bewältigen. Daher würde ihnen ein Medikament, das ihr Erinnerungsvermögen steigert, sehr helfen, sich besser im Alltag zurechtzufinden. Die Forscher wussten, dass sich Gene auch mit chemischen Substanzen aktivieren lassen und behandelten also weitere Alzheimer-Mäuse mit
Hemmstoffen der Histon-Deacetylasen (HDAC), die eine entscheidende Rolle bei der Genregulation spielen. Das Ergebnis war viel versprechend: Diese Substanzen förderten genauso das Lern- und Erinnerungsvermögen wie der Mäusespielplatz.
Die Hoffnung ist nun, die Gedächtnisleistung von Alzheimer-Patienten durch die Gabe von HDAC-Inhibitoren und geistige Stimulation und verbessern zu können. Die Untersuchungen an Mäusen zeigen schließlich, dass die verbliebenen Nervenzellen die Aufgaben der bereits abgestorbenen Hirnzellen teilweise übernehmen können. Ob der weitere Verlauf der Erkrankung mit den HDAC-Inhibitoren ganz und gar aufzuhalten ist, müssen weitere Forschungen zeigen.