Bessere Medikamente in Sicht
Patienten und Ärzte hoffen auf bessere Behandlungsmöglichkeiten - und die Chancen dafür sind gut: Bis Ende 2013 können gegen rund 130 Krankheiten neue Medikamente herauskommen, insbesondere gegen verschiedene Krebsarten, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Infektionen. Auch weitere seltene Erkrankungen können bis dahin besser behandelbar werden. Das zeigt eine Umfrage des vfa unter seinen Mitgliedsunternehmen vom Mai 2009.
Im Rahmen dieser Umfrage berichteten die vfa-Mitglieder von 442 Projekten, die bis Ende 2013 in Deutschland (bzw. im Falle von Tuberkulose, Malaria und tropischen Armutskrankheiten: in einem Entwicklungsland) zur Zulassung eines neuen Medikaments oder eines neuen Anwendungsgebiets für ein bereits zugelassenes Medikament führen können. Voraussetzung ist natürlich, dass auch die letzten Entwicklungsetappen gut verlaufen.
Sie verteilen sich wie folgt:
Fast alle diese Projekte durchlaufen derzeit die Erprobung mit Patienten (die sogenannten Phase II oder III der klinischen Entwicklung) oder das Zulassungsverfahren für Europa. In einigen Fällen haben die Projekte bereits zu einer Zulassung in den USA geführt, während der Zulassungsantrag für Europa noch bearbeitet wird. In den Projekten wird mit insgesamt 324 verschiedenen Wirkstoffen oder Wirkstoffkombinationen gearbeitet; 228 Wirkstoffe sind neu, waren also noch nie Bestandteil eines zugelassenen Medikaments. Die Zahl der Projekte übertrifft die der Wirkstoffe, weil Unternehmen Wirkstoffe oft gleichzeitig für mehrere Krankheiten erproben.
Deutsche Kliniken und Praxen
An den klinischen Studien für 82 % der genannten Projekte waren oder sind deutsche Kliniken oder Arztpraxen beteiligt. Nur knapp ein Fünftel der Projekte wird also entweder vollständig außerhalb Deutschlands durchgeführt, oder über die Teilnahme deutscher Kliniken wurde noch nicht entschieden.
Dies zeigt, dass die forschenden Pharma-Unternehmen Deutschland als Standort für die klinische Erprobung von Arzneimitteln schätzen. Auch in den nächsten Jahren wird es also nur wenige Medikamente geben, an deren Entwicklung keine deutschen Ärzte und Patienten beteiligt waren!
Schwerpunkte
Die Projekte, von denen die vfa-Unternehmen berichtet haben, betreffen rund 130 Krankheiten. Die meisten Anstrengungen gelten der Verbesserung der Krebstherapie: Fast ein Drittel aller Projekte (31 %) entfallen darauf – und damit noch einmal fünf Prozentpunkte mehr als bei der letzten Umfrage 2007. Den Stellenwert anderer Krankheitsgruppen zeigt das folgende Diagramm:
Insgesamt geht es bei 97 % der Projekte um schwere, teils lebensbedrohliche Erkrankungen. Nur 3 %betreffen vergleichsweise leichtere Einschränkungen wie etwa Inkontinenz, Wechseljahresbeschwerden, Sexualstörungen oder die neurologische Funktionsstörung Restless-Legs-Syndrom. Das zeigt, dass die forschenden Pharma-Unternehmen ihre Prioritäten am medizinischen Bedarf für schwere Erkrankungen ausrichten.
Krebserkrankungen
Gegen Krebserkrankungen werden 135 Projekte durchgeführt (31 % von allen). Das reflektiert nicht nur die Häufigkeit und Gefährlichkeit dieser Krankheiten (rund 217.000 Todesfälle in Deutschland 2007), sondern auch, dass sich die intensive biochemische und genetische Grundlagenforschung zu Krebs seit Ende der 80er-Jahre auszahlt. Auf ihr basieren zahlreiche zielgerichtete Krebsmedikamente, die Tumore entweder von wachstumsfördernden Hormonsignalen abschirmen (Signalhemmer) oder ihnen die Blutzufuhr abschneiden (Angiogenese-Hemmer). Einige sind bereits zugelassen, viele weitere sollen bis 2013 folgen. Da sie häufig Kinasen blockieren – Moleküle in den Krebszellen, die für die Reaktion auf Hormonsignale wichtig sind – werden viele von ihnen auch als Kinase-Hemmer bezeichnet.
Dennoch werden weiterhin auch Zytostatika entwickelt, also Medikamente, die alle teilungsaktiven Zellen im Körper angreifen. Denn oft werden die besten Erfolge durch die Kombination von zielgerichteten Medikamenten mit Zytostatika erzielt.
Das menschliche Immunsystem könnte viele Tumore selbst bekämpfen, wenn sich diese nicht so perfekt vor ihm tarnen könnten. Deshalb erproben Pharmaforscher auch neuartige Präparate, die gezielt diese Tarnung „auffliegen“ lassen sollen; sogenannte therapeutische Impfstoffe oder „antigenbasierte Immuntherapeutika“. Diese sollen das Immunsystemdazu bringen, sich an der Bekämpfung der Krebszellen zu beteiligen. Gegen Lungenkrebs werden die meisten Projekte (insgesamt 21) durchgeführt, gefolgt von Prostata- (12), Brust- (11) und Darmkrebs (8 Projekte).
Herz-Kreislauf-Krankheiten
Mit rund 359.000 Toten im Jahr 2007 sind Herz-Kreislauf-Krankheiten nach wie vor Todesursache Nummer 1 in Deutschland; allein 61.000 Menschen starben an einem Herzinfarkt, 27.000 an einem Schlaganfall. 30 der insgesamt 59 Projekte in diesem Krankheitsgebiet erproben Wege zur Verhinderung oder Auflösung von Blutgerinnseln, der Ursache von Beinvenenthrombosen, Lungenembolien, vielen Herzinfarkten und Schlaganfällen. Bei zwei Projekten sollen arteriosklerotische Gefäßschädigungen durch Wirkstoffe begrenzt werden, die den Gehalt des Blutes an Lipoprotein HDL, dem so genannten „guten Cholesterin“, steigern. HDL entfernt Cholesterin aus den Gefäßen.
Mehrere Präparate werden auch für Patienten entwickelt, die auf die bisherigen Blutdrucksenker nicht ausreichend ansprechen. Zudem richten sich fünf Projekte auf die Linderung des Lungenhochdrucks, einer seltenen Krankheit, die unbehandelt lebensbedrohlich sein kann.
Diabetes
Diabetes Typ 2, der sogenannte Altersdiabetes, ist mit etwa 6 Millionen Erkrankten allein in Deutschland sehr weit verbreitet; und jährlich kommen rund 350.000 Betroffene hinzu. Die Erkrankung, bei der die Blutzuckerregulation außer Kontrolle gerät, ist einer der wichtigsten Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Krankheiten, Nierenkrankheiten und Erblindung. Gleich in 14 Projekten wird nach besseren Möglichkeiten der Blutzuckerkontrolle gesucht. Dazu kommen noch vier Projekte gegen Folgeerkrankungen wie Netzhautschäden (Makulaödem). Auf keine andere einzelne Krankheit außer Lungenkrebs entfallen damit mehr fortgeschrittene Arzneimittelprojekte.
Auch gegen Diabetes Typ 1, früher Jugendlichen-Diabetes genannt, werden zwei neue Präparate erprobt. Bei dieser Krankheit werden die Insulin bildenden Zellen der Bauchspeicheldrüse aus bislang unbekannter Ursache durch das körpereigene Immunsystem zerstört. Die neuen Präparate können die Zerstörung möglicherweise hinauszögern oder verhindern.
Infektionskrankheiten
Gegen Grippeviren (hier eine Computergrafik) werden neue Impfstoffe entwickelt, auch gegen die sogenannte Schweinegrippe (Influenza A/H1N1). (© Novartis Behring)57 Projekte dienen der Vorbeugung oder Behandlung von Infektionskrankheiten. So könnten bis 2013 fünf neue antibakterielle Wirkstoffe verfügbar werden. Drei davon richten sich ausdrücklich auch gegen den mit älteren Antibiotika schwer behandelbaren Krankenhaus-Problemkeim MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus). Auch ein erster Impfstoff gegen MRSA könnte bis 2013 zugelassen sein. Mit zwei Projekten wird versucht, die derzeit mindestens sechsmonatige und sehr belastende Heilung von Tuberkulose in kürzerer Zeit möglich zu machen.
Zur Behandlung von HIV-Infektionen laufen acht Projekte; es geht vor allem um die Bekämpfung von Viren, die gegen ältere Präparate resistent geworden sind, aber auch um die Vermeidung von Nebenwirkungen der Therapie.
Gegen schwere innere Pilzinfektionen sollen bis 2013 zwei neue Präparate die bisherigen Behandlungsmöglichkeiten erweitern.
Vor der sogenannten „Schweinegrippe“, der Grippe durch Erreger vom Typ Influenza A/H1N1, sollen schon bald drei Impfstoffe schützen. Pharmafirmen erproben auch gentechnische Impfstoffe gegen Erreger, vor denen die Impfstoffforschung jahrzehntelang kapitulieren musste, darunter Meningokokken der Serogruppe B (sie verursachen viele Fälle von Hirnhautentzündung) und Malaria. Der Malaria-Impfstoff ist speziell für Kleinkinder in Entwicklungsländern bestimmt, bei denen die Krankheit die weitaus meisten Todesopfer fordert. Er könnte bisherigen Studienergebnissen zufolge das Risiko eines lebensbedrohlichen Krankheitsverlaufs etwa halbieren.
Zur Behandlung der Malaria könnte bald ein weiteres Medikament verfügbar werden. Ebenfalls schon fortgeschritten sind Studien zu einem neuen Präparat gegen die in Afrika, Süd- und Mittelamerika verbreitete Flussblindheit; die Erreger sind mikroskopisch kleine Wurmlarven, die Haut und Augen zerstören.
Entzündungskrankheiten
Zu den Krankheiten, bei denen Entzündungsprozesse außer Kontrolle geraten sind, zählen u. a. Asthma, rheumatoide Arthritis (oft Rheuma genannt), Multiple Sklerose, Schuppenflechte und die Darmerkrankung Morbus Crohn. Da die Erkrankungen in ihren molekularen Prozessen Ähnlichkeiten aufweisen, kann ein Medikament, das gegen eine der Erkrankungen wirkt, meist auch gegen mehrere andere eingesetzt werden.
Bei den meisten der 42 Arzneimittelprojekte geht es darum, die Kommunikation zwischen den Immunzellen zu unterbinden, um die Entzündung gezielt zu dämpfen. Gleich fünf Projekte zielen darauf ab, die Dauerbehandlung bei Multipler Sklerose durch Medikamente zu ermöglichen, die geschluckt werden können. Bislang sind dafür regelmäßige Injektionen erforderlich.
Neurodegenerative Erkrankungen
Bei elf Projekten geht es um neurodegenerative Erkrankungen. Diese treten in Deutschland aufgrund der zunehmenden Lebenserwartung immer häufiger auf: So leiden schon etwa 740.000 Menschen an Alzheimer-Demenz und etwa 120.000 an der Parkinson-Krankheit. Es werden dringend Medikamente benötigt, die wirksamer als die vorhandenen sind. Fünf Projekte suchen danach für die Alzheimer-Demenz, darunter mehrere, bei denen die Bildung von Ablagerungen (Beta-Amyloid-Plaques) zwischen den Nervenzellen verhindert oder ihr Abbau durch das Immunsystem durch einen Impfstoff angekurbelt werden soll.
Psychische Erkrankungen
25 Projekte beschäftigen sich mit psychischen Erkrankungen, darunter sieben mit Depressionen und vier mit Schizophrenie. Für beide Erkrankungen besteht großer Bedarf an noch wirksameren und zugleich nebenwirkungsärmeren Medikamenten. Denn in Deutschland gibt es vier MillionenPatienten mit einer behandlungsbedürftigen Depression, jeder Hundertste leidet an Schizophrenie.
Seltene Krankheiten
Insgesamt 43 Projekte (10 %) haben in der Europäischen Union den Orphan-Drug-Status erhalten, weil sie der Therapieverbesserung für seltene Krankheiten (den orphan diseases) dienen. ‚Selten’ bedeutet, dass sie bei nicht mehr als einem von 2.000 EU-Bürgern auftreten. Am Hypereosinophilen Syndrom – für ein Präparat gegen diese Form von Leukämie ist die Zulassung beantragt – leiden sogar nur wenige hundert Patienten in Deutschland. Auch die meisten anderen Orphan Drugs, die bis 2013 zugelassen werden könnten, betreffen seltene Arten von Krebs.
Fortschritte für Frauen, Männer und Kinder
Die weitaus meisten Arzneimittelprojekte betreffen Krankheiten, die bei Männern wie Frauen auftreten. Die erforderlichen Studien werden auch mit Patienten beiderlei Geschlechts durchgeführt.
27 Projekte (6 %) gelten speziell der Frauengesundheit: Krebs an Brust, Gebärmutter, Gebärmutterhals und Eierstock, Endometriose, Wechseljahresbeschwerden, Fruchtbarkeits- und Sexualstörungen, Genitalherpes und Verhütung. Zählt man noch Projekte gegen Osteoporose und Multiple Sklerose hinzu, die überwiegend bei Frauen auftreten, kommt man sogar auf 9 %.
11 Projekte (3 %) werden speziell für Männer durchgeführt: Zehn betreffen Prostatakrebs, eins die gutartige Prostatavergrößerung.
Die meisten Medikamente werden auch für Kinder und Jugendliche entwickelt; denn die EU hat vorgeschrieben, dass dies geschehen muss, wo immer es medizinisch sinnvoll ist. Ob dies zutrifft, entscheidet der Ausschuss für Kinderarzneimittel der europäischen Zulassungsagentur EMEA. Bis Ende Mai 2009 hatte dieser Ausschuss bereits 155 Kinderentwicklungspläne für entsprechende Medikamente endgültig verabschiedet, und weitere 200 Anträge waren in Bearbeitung. Im Rahmen der Umfrage nannten die Unternehmen einige Projekte, die sie speziell für Kinder vorantreiben. Dazu zählt die Erprobung eines Präparats gegen Drei-Monats-Koliken und von zwei Präparaten gegen nervlich bedingte Blasenentleerungsstörungen.
Pharmakogenetische Begleituntersuchungen
Es ist ein alte ärztliche Erfahrung, dass manche Patienten von einem Medikament eine wesentlich höhere oder niedrigere Dosis benötigen als der Durchschnitt, und dass manche auf ein Präparat gar nicht oder nur mit erheblichen Nebenwirkungen ansprechen. Dafür werden vielfach genetische Unterschiede zwischen den Patienten als Ursache vermutet; für einige Präparate ist das inzwischen auch schon bestätigt (vgl. www.vfa.de/individualisierte-medizin).
Genanalyse zur Therapieplanung: Erbmaterial aus einer kleinen Blutprobe des Patienten wird in einen "Genchip" (links im Bild) gespritzt. Dieser analysiert den genauen Aufbau einiger Gene. Das Ergebnis wird auf dem Bildschirm (rechts im Bild) durch kleine Farbfelder dargestellt. Mediziner erkennen daran, welches Medikament sie dem Patienten in welcher Dosierung verordnen können. (© Roche Diagnostics)
Mittlerweile finden bei 36 % der Projekte pharmakogenetische Begleituntersuchungen statt (2005:13 %; 2007: 26 %). Dabei wird nach Besonderheiten in den Genen der an den Studien teilnehmenden Patienten gesucht, die auf die erprobten Medikamente anders als die meisten anderen Teilnehmer reagieren. Bei 83 % dieser Projekte sind auch deutsche Kliniken beteiligt.
Ziel der Forschung ist, dem Arzt und dem Patienten Vortests auf diese genetischen Marker anbieten zu können, um die Entscheidung über das jeweils bestgeeignete Medikament und dessen Dosierung zu unterstützen. Diese Tests können mit sogenannten Genchips erfolgen. Das sind Geräte von der Größe eines Feuerzeugs, die Blutproben des Patienten automatisch genetisch auswerten. Der erste solche Genchip für die Therapieplanung wurde schon 2004 in Deutschland zugelassen.
Sicherlich wird nicht aus jeder pharmakogenetischen Untersuchung ein genetischer Routinetest vor Medikamentenverordnung resultieren. Doch dürften solche Tests bald einen festen Platz im ärztlichen Repertoire einnehmen.
Weiter...
Bessere Medikamente in Sicht: Perspektive 2013
Neue Wirkstoffe und Darreichungsformen
Langfristige Trends: Medikamente von Übermorgen
Deutschland als Standort für Pharma-Forschung und -Entwicklung
In Labors und Kliniken: Wie entsteht ein neues Medikament?
Im Rahmen dieser Umfrage berichteten die vfa-Mitglieder von 442 Projekten, die bis Ende 2013 in Deutschland (bzw. im Falle von Tuberkulose, Malaria und tropischen Armutskrankheiten: in einem Entwicklungsland) zur Zulassung eines neuen Medikaments oder eines neuen Anwendungsgebiets für ein bereits zugelassenes Medikament führen können. Voraussetzung ist natürlich, dass auch die letzten Entwicklungsetappen gut verlaufen.
Sie verteilen sich wie folgt:
- Bei 70 % dieser Projekte geht es um ein Medikament mit einem neuen Wirkstoff.
- Bei 24 % der Projekte wird ein Medikament erprobt, bei dem ein schon bekannter Wirkstoff durch eine neue Art der Verabreichung – etwa als Nasenspray statt als Tablette – verträglicher oder für andere Altersgruppen als bisher anwendbar gemacht wird.
- Bei 6 % der Projekte wird ein bereits zugelassenes Medikament daraufhin geprüft, ob es gegen eine weitere Krankheit eingesetzt werden kann. Die meisten dieser Projekte betreffen Krebsmedikamente.
Fast alle diese Projekte durchlaufen derzeit die Erprobung mit Patienten (die sogenannten Phase II oder III der klinischen Entwicklung) oder das Zulassungsverfahren für Europa. In einigen Fällen haben die Projekte bereits zu einer Zulassung in den USA geführt, während der Zulassungsantrag für Europa noch bearbeitet wird. In den Projekten wird mit insgesamt 324 verschiedenen Wirkstoffen oder Wirkstoffkombinationen gearbeitet; 228 Wirkstoffe sind neu, waren also noch nie Bestandteil eines zugelassenen Medikaments. Die Zahl der Projekte übertrifft die der Wirkstoffe, weil Unternehmen Wirkstoffe oft gleichzeitig für mehrere Krankheiten erproben.
Deutsche Kliniken und Praxen
An den klinischen Studien für 82 % der genannten Projekte waren oder sind deutsche Kliniken oder Arztpraxen beteiligt. Nur knapp ein Fünftel der Projekte wird also entweder vollständig außerhalb Deutschlands durchgeführt, oder über die Teilnahme deutscher Kliniken wurde noch nicht entschieden.
Dies zeigt, dass die forschenden Pharma-Unternehmen Deutschland als Standort für die klinische Erprobung von Arzneimitteln schätzen. Auch in den nächsten Jahren wird es also nur wenige Medikamente geben, an deren Entwicklung keine deutschen Ärzte und Patienten beteiligt waren!
Schwerpunkte
Die Projekte, von denen die vfa-Unternehmen berichtet haben, betreffen rund 130 Krankheiten. Die meisten Anstrengungen gelten der Verbesserung der Krebstherapie: Fast ein Drittel aller Projekte (31 %) entfallen darauf – und damit noch einmal fünf Prozentpunkte mehr als bei der letzten Umfrage 2007. Den Stellenwert anderer Krankheitsgruppen zeigt das folgende Diagramm:
Insgesamt geht es bei 97 % der Projekte um schwere, teils lebensbedrohliche Erkrankungen. Nur 3 %betreffen vergleichsweise leichtere Einschränkungen wie etwa Inkontinenz, Wechseljahresbeschwerden, Sexualstörungen oder die neurologische Funktionsstörung Restless-Legs-Syndrom. Das zeigt, dass die forschenden Pharma-Unternehmen ihre Prioritäten am medizinischen Bedarf für schwere Erkrankungen ausrichten.
Krebserkrankungen
Gegen Krebserkrankungen werden 135 Projekte durchgeführt (31 % von allen). Das reflektiert nicht nur die Häufigkeit und Gefährlichkeit dieser Krankheiten (rund 217.000 Todesfälle in Deutschland 2007), sondern auch, dass sich die intensive biochemische und genetische Grundlagenforschung zu Krebs seit Ende der 80er-Jahre auszahlt. Auf ihr basieren zahlreiche zielgerichtete Krebsmedikamente, die Tumore entweder von wachstumsfördernden Hormonsignalen abschirmen (Signalhemmer) oder ihnen die Blutzufuhr abschneiden (Angiogenese-Hemmer). Einige sind bereits zugelassen, viele weitere sollen bis 2013 folgen. Da sie häufig Kinasen blockieren – Moleküle in den Krebszellen, die für die Reaktion auf Hormonsignale wichtig sind – werden viele von ihnen auch als Kinase-Hemmer bezeichnet.
Dennoch werden weiterhin auch Zytostatika entwickelt, also Medikamente, die alle teilungsaktiven Zellen im Körper angreifen. Denn oft werden die besten Erfolge durch die Kombination von zielgerichteten Medikamenten mit Zytostatika erzielt.
Das menschliche Immunsystem könnte viele Tumore selbst bekämpfen, wenn sich diese nicht so perfekt vor ihm tarnen könnten. Deshalb erproben Pharmaforscher auch neuartige Präparate, die gezielt diese Tarnung „auffliegen“ lassen sollen; sogenannte therapeutische Impfstoffe oder „antigenbasierte Immuntherapeutika“. Diese sollen das Immunsystemdazu bringen, sich an der Bekämpfung der Krebszellen zu beteiligen. Gegen Lungenkrebs werden die meisten Projekte (insgesamt 21) durchgeführt, gefolgt von Prostata- (12), Brust- (11) und Darmkrebs (8 Projekte).
Herz-Kreislauf-Krankheiten
Mit rund 359.000 Toten im Jahr 2007 sind Herz-Kreislauf-Krankheiten nach wie vor Todesursache Nummer 1 in Deutschland; allein 61.000 Menschen starben an einem Herzinfarkt, 27.000 an einem Schlaganfall. 30 der insgesamt 59 Projekte in diesem Krankheitsgebiet erproben Wege zur Verhinderung oder Auflösung von Blutgerinnseln, der Ursache von Beinvenenthrombosen, Lungenembolien, vielen Herzinfarkten und Schlaganfällen. Bei zwei Projekten sollen arteriosklerotische Gefäßschädigungen durch Wirkstoffe begrenzt werden, die den Gehalt des Blutes an Lipoprotein HDL, dem so genannten „guten Cholesterin“, steigern. HDL entfernt Cholesterin aus den Gefäßen.
Mehrere Präparate werden auch für Patienten entwickelt, die auf die bisherigen Blutdrucksenker nicht ausreichend ansprechen. Zudem richten sich fünf Projekte auf die Linderung des Lungenhochdrucks, einer seltenen Krankheit, die unbehandelt lebensbedrohlich sein kann.
Diabetes
Diabetes Typ 2, der sogenannte Altersdiabetes, ist mit etwa 6 Millionen Erkrankten allein in Deutschland sehr weit verbreitet; und jährlich kommen rund 350.000 Betroffene hinzu. Die Erkrankung, bei der die Blutzuckerregulation außer Kontrolle gerät, ist einer der wichtigsten Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Krankheiten, Nierenkrankheiten und Erblindung. Gleich in 14 Projekten wird nach besseren Möglichkeiten der Blutzuckerkontrolle gesucht. Dazu kommen noch vier Projekte gegen Folgeerkrankungen wie Netzhautschäden (Makulaödem). Auf keine andere einzelne Krankheit außer Lungenkrebs entfallen damit mehr fortgeschrittene Arzneimittelprojekte.
Auch gegen Diabetes Typ 1, früher Jugendlichen-Diabetes genannt, werden zwei neue Präparate erprobt. Bei dieser Krankheit werden die Insulin bildenden Zellen der Bauchspeicheldrüse aus bislang unbekannter Ursache durch das körpereigene Immunsystem zerstört. Die neuen Präparate können die Zerstörung möglicherweise hinauszögern oder verhindern.
Infektionskrankheiten
Gegen Grippeviren (hier eine Computergrafik) werden neue Impfstoffe entwickelt, auch gegen die sogenannte Schweinegrippe (Influenza A/H1N1). (© Novartis Behring)
Zur Behandlung von HIV-Infektionen laufen acht Projekte; es geht vor allem um die Bekämpfung von Viren, die gegen ältere Präparate resistent geworden sind, aber auch um die Vermeidung von Nebenwirkungen der Therapie.
Gegen schwere innere Pilzinfektionen sollen bis 2013 zwei neue Präparate die bisherigen Behandlungsmöglichkeiten erweitern.
Vor der sogenannten „Schweinegrippe“, der Grippe durch Erreger vom Typ Influenza A/H1N1, sollen schon bald drei Impfstoffe schützen. Pharmafirmen erproben auch gentechnische Impfstoffe gegen Erreger, vor denen die Impfstoffforschung jahrzehntelang kapitulieren musste, darunter Meningokokken der Serogruppe B (sie verursachen viele Fälle von Hirnhautentzündung) und Malaria. Der Malaria-Impfstoff ist speziell für Kleinkinder in Entwicklungsländern bestimmt, bei denen die Krankheit die weitaus meisten Todesopfer fordert. Er könnte bisherigen Studienergebnissen zufolge das Risiko eines lebensbedrohlichen Krankheitsverlaufs etwa halbieren.
Zur Behandlung der Malaria könnte bald ein weiteres Medikament verfügbar werden. Ebenfalls schon fortgeschritten sind Studien zu einem neuen Präparat gegen die in Afrika, Süd- und Mittelamerika verbreitete Flussblindheit; die Erreger sind mikroskopisch kleine Wurmlarven, die Haut und Augen zerstören.
Entzündungskrankheiten
Zu den Krankheiten, bei denen Entzündungsprozesse außer Kontrolle geraten sind, zählen u. a. Asthma, rheumatoide Arthritis (oft Rheuma genannt), Multiple Sklerose, Schuppenflechte und die Darmerkrankung Morbus Crohn. Da die Erkrankungen in ihren molekularen Prozessen Ähnlichkeiten aufweisen, kann ein Medikament, das gegen eine der Erkrankungen wirkt, meist auch gegen mehrere andere eingesetzt werden.
Bei den meisten der 42 Arzneimittelprojekte geht es darum, die Kommunikation zwischen den Immunzellen zu unterbinden, um die Entzündung gezielt zu dämpfen. Gleich fünf Projekte zielen darauf ab, die Dauerbehandlung bei Multipler Sklerose durch Medikamente zu ermöglichen, die geschluckt werden können. Bislang sind dafür regelmäßige Injektionen erforderlich.
Neurodegenerative Erkrankungen
Bei elf Projekten geht es um neurodegenerative Erkrankungen. Diese treten in Deutschland aufgrund der zunehmenden Lebenserwartung immer häufiger auf: So leiden schon etwa 740.000 Menschen an Alzheimer-Demenz und etwa 120.000 an der Parkinson-Krankheit. Es werden dringend Medikamente benötigt, die wirksamer als die vorhandenen sind. Fünf Projekte suchen danach für die Alzheimer-Demenz, darunter mehrere, bei denen die Bildung von Ablagerungen (Beta-Amyloid-Plaques) zwischen den Nervenzellen verhindert oder ihr Abbau durch das Immunsystem durch einen Impfstoff angekurbelt werden soll.
Psychische Erkrankungen
25 Projekte beschäftigen sich mit psychischen Erkrankungen, darunter sieben mit Depressionen und vier mit Schizophrenie. Für beide Erkrankungen besteht großer Bedarf an noch wirksameren und zugleich nebenwirkungsärmeren Medikamenten. Denn in Deutschland gibt es vier MillionenPatienten mit einer behandlungsbedürftigen Depression, jeder Hundertste leidet an Schizophrenie.
Seltene Krankheiten
Insgesamt 43 Projekte (10 %) haben in der Europäischen Union den Orphan-Drug-Status erhalten, weil sie der Therapieverbesserung für seltene Krankheiten (den orphan diseases) dienen. ‚Selten’ bedeutet, dass sie bei nicht mehr als einem von 2.000 EU-Bürgern auftreten. Am Hypereosinophilen Syndrom – für ein Präparat gegen diese Form von Leukämie ist die Zulassung beantragt – leiden sogar nur wenige hundert Patienten in Deutschland. Auch die meisten anderen Orphan Drugs, die bis 2013 zugelassen werden könnten, betreffen seltene Arten von Krebs.
Fortschritte für Frauen, Männer und Kinder
Die weitaus meisten Arzneimittelprojekte betreffen Krankheiten, die bei Männern wie Frauen auftreten. Die erforderlichen Studien werden auch mit Patienten beiderlei Geschlechts durchgeführt.
27 Projekte (6 %) gelten speziell der Frauengesundheit: Krebs an Brust, Gebärmutter, Gebärmutterhals und Eierstock, Endometriose, Wechseljahresbeschwerden, Fruchtbarkeits- und Sexualstörungen, Genitalherpes und Verhütung. Zählt man noch Projekte gegen Osteoporose und Multiple Sklerose hinzu, die überwiegend bei Frauen auftreten, kommt man sogar auf 9 %.
11 Projekte (3 %) werden speziell für Männer durchgeführt: Zehn betreffen Prostatakrebs, eins die gutartige Prostatavergrößerung.
Die meisten Medikamente werden auch für Kinder und Jugendliche entwickelt; denn die EU hat vorgeschrieben, dass dies geschehen muss, wo immer es medizinisch sinnvoll ist. Ob dies zutrifft, entscheidet der Ausschuss für Kinderarzneimittel der europäischen Zulassungsagentur EMEA. Bis Ende Mai 2009 hatte dieser Ausschuss bereits 155 Kinderentwicklungspläne für entsprechende Medikamente endgültig verabschiedet, und weitere 200 Anträge waren in Bearbeitung. Im Rahmen der Umfrage nannten die Unternehmen einige Projekte, die sie speziell für Kinder vorantreiben. Dazu zählt die Erprobung eines Präparats gegen Drei-Monats-Koliken und von zwei Präparaten gegen nervlich bedingte Blasenentleerungsstörungen.
Pharmakogenetische Begleituntersuchungen
Es ist ein alte ärztliche Erfahrung, dass manche Patienten von einem Medikament eine wesentlich höhere oder niedrigere Dosis benötigen als der Durchschnitt, und dass manche auf ein Präparat gar nicht oder nur mit erheblichen Nebenwirkungen ansprechen. Dafür werden vielfach genetische Unterschiede zwischen den Patienten als Ursache vermutet; für einige Präparate ist das inzwischen auch schon bestätigt (vgl. www.vfa.de/individualisierte-medizin).
Genanalyse zur Therapieplanung: Erbmaterial aus einer kleinen Blutprobe des Patienten wird in einen "Genchip" (links im Bild) gespritzt. Dieser analysiert den genauen Aufbau einiger Gene. Das Ergebnis wird auf dem Bildschirm (rechts im Bild) durch kleine Farbfelder dargestellt. Mediziner erkennen daran, welches Medikament sie dem Patienten in welcher Dosierung verordnen können. (© Roche Diagnostics)
Mittlerweile finden bei 36 % der Projekte pharmakogenetische Begleituntersuchungen statt (2005:13 %; 2007: 26 %). Dabei wird nach Besonderheiten in den Genen der an den Studien teilnehmenden Patienten gesucht, die auf die erprobten Medikamente anders als die meisten anderen Teilnehmer reagieren. Bei 83 % dieser Projekte sind auch deutsche Kliniken beteiligt.
Ziel der Forschung ist, dem Arzt und dem Patienten Vortests auf diese genetischen Marker anbieten zu können, um die Entscheidung über das jeweils bestgeeignete Medikament und dessen Dosierung zu unterstützen. Diese Tests können mit sogenannten Genchips erfolgen. Das sind Geräte von der Größe eines Feuerzeugs, die Blutproben des Patienten automatisch genetisch auswerten. Der erste solche Genchip für die Therapieplanung wurde schon 2004 in Deutschland zugelassen.
Sicherlich wird nicht aus jeder pharmakogenetischen Untersuchung ein genetischer Routinetest vor Medikamentenverordnung resultieren. Doch dürften solche Tests bald einen festen Platz im ärztlichen Repertoire einnehmen.
Weiter...
Bessere Medikamente in Sicht: Perspektive 2013
Neue Wirkstoffe und Darreichungsformen
Langfristige Trends: Medikamente von Übermorgen
Deutschland als Standort für Pharma-Forschung und -Entwicklung
In Labors und Kliniken: Wie entsteht ein neues Medikament?
Aktuell
vfa legt Beschwerde gegen "heute journal" ein:"Wir sind empört!"
vfa korrigiert Pinkwart:
"5 % und 5 Mrd. sollte man nicht verwechseln"
vfa zur CDU/CSU-
"Der Himmel auf Erden sieht anders aus!"
Cornelia Yzer warns
Quick Fixes Do Not Help Sick People
Publikationen
Virus im Fadenkreuz Innovative Therapien gegen AIDS
Download PDF Zur Bestellung
vormerken Forschung für das Leben Entwicklungsprojekte für innovative Arzneimittel

Download PDF Zur Bestellung
vormerken
Weitere Publikationen...
Aus F&E
PharmakogenetikIn Deutschland zugelassene Arzneimittel für die individualisierte Medizin
Arzneimittelentwicklung:
Patienten und Ärzte hoffen auf bessere Behandlungsmöglichkeiten - und die Chancen dafür sind gut: Bis Ende 2013 können gegen rund 130 Krankheiten neue Medikamente herauskommen
Gerinnungshemmer:
Thrombosen, Embolien und Schlaganfälle: Besser vorbeugen

