Mit rund 364.000 Toten jährlich sind Herz-Kreislauf-Krankheiten nach wie vor Todesursache Nummer 1 in Deutschland; allein an Herzinfarkt sterben pro Jahr rund 63.000 Menschen. Aber auch nicht-tödliche Herzkrankheiten belasten viele Patienten schwer. Deshalb haben Medikamente gegen Herzkrankheiten hohe Priorität in den Forschungsanstrengungen forschender Pharma-Unternehmen.
Zwei dieser Präparate – beide beugen einer Vorhofflimmern genannten Herzrhythmusstörung vor – haben 2010 die Zulassung erhalten. In den nächsten drei Jahren sollen Mittel gegen Atherosklerose, Herzinfarkte, Herzinsuffizienz und den Herz-schädigenden Lungenhochdruck folgen.
Herzkrankheiten führen zu schweren Einbußen in der Leistungsfähigkeit und Lebensqualität vieler Menschen
(© vfa / H. Klappert)
Bei Herzinfarkt stirbt Herzmuskelgewebe ab, wenn es nicht mehr ausreichend über die Herzkranzgefäße mit Sauerstoff versorgt wird. Das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, lässt sich durch eine gesunde Lebensweise mindern; doch wird es auch von Faktoren bestimmt, die sich dadurch nicht beeinflussen lassen. Pharmaunternehmen erproben derzeit, ob sich ein Infarkt mit Medikamenten vorbeugen lässt, die der Atherosklerose entgegen wirken. Atherosklerose ist ein schleichender Prozess, bei dem sich die Herzkranzgefäße wie auch andere Adern im Körper durch cholesterinreiche Einlagerungen in die Gefäßwandungen allmählich verengen und an manchen Stellen so entzünden, dass sich dort leicht Blutgerinnsel bilden.
Molekülaggregate namens HDL (hier schematisch und angeschnitten dargestellt) können Cholesterin aus atherosklerotischen Ablagerungen entfernen
(© medicalpicture)
Der Körper verfügt über eine Art Schutztruppe für die Blutgefäße in Form kleiner Molekülaggregate namens HDL (High Density Lipoprotein), die im Blut zirkulieren. Diese können überschüssiges Cholesterin aus den Gefäßwänden aufnehmen und zur Leber abtransportieren. Neue Medikamente, die derzeit in abschließenden Studien erprobt werden, können die Konzentration des HDL bei gefährdeten Patienten erhöhen und sollen so das Fortschreiten der Atherosklerose verlangsamen.
Andere Medikamente werden für Patienten entwickelt, die bereits einen Infarkt hatten und vor einem zweiten geschützt werden sollen. Es sind vor allem Gerinnungshemmer, die verhindern sollen, dass Blutgerinnsel die Herzkranzgefäße verstopfen. Sie setzen an unterschiedlichen Blutbestandteilen an, die alle zum Wundverschluss – aber auch zur Gerinnselbildung – beitragen: Einige Wirkstoffe senken die Bereitschaft der Blutplättchen zu verklumpen, andere die Reaktionsbereitschaft der im Blut gelösten Gerinnungsfaktoren Faktor Xa und Thrombin, die für die Bildung von Gerinnselfasern (Fibrin) verantwortlich sind. Zwei der neuen Wirkstoffe sind schon im Zulassungsverfahren oder kurz vor der Einführung in den deutschen Arzneimittelmarkt.
Auch für Patienten mit Herzinsuffizienz sind neue Medikamente in Erprobung. Herzinsuffizienz – auch Herzschwäche genannt – ist das Resultat einer Schädigung und Deformation des Herzens durch einen Infarkt, eine Infektion des Herzmuskels oder eine andere Erkrankung. Die neuen Präparate sollen vor allem eine gute Versorgung des Herzmuskels mit Sauerstoff sicherstellen und in Kombination mit den bisher schon erfolgreich eingesetzten Präparaten zur Senkung der Schlagfrequenz und des Blutdrucks (v.a. Betablockern und ACE-Hemmer) verwendet werden.
Mehrere laufende Medikamentenprojekte gelten auch der Linderung des Lungenhochdrucks. Wenn diese seltene Krankheit unbehandelt bleibt, zieht sie das Herz schwer in Mitleidenschaft und kann lebensbedrohlich werden. Krankheitsprozesse führen dabei zu einer Schädigung – mitunter auch Knäuelung – der Blutgefäße, die die Lunge durchziehen, so dass Blut sie nur noch unter hohem Druck passieren kann. Das Herz, das diesen Druck mit seiner rechten Herzkammer aufbringen muss, wird dabei zunehmend überlastet.
In den letzten Jahren konnte die Therapie des Lungenhochdrucks schon durch mehrere Gefäß-weitende Medikamente wesentlich verbessert werden. Erprobt werden nun Medikamente aus der Krebstherapie, die das Knäueln der Gefäße verhindern. Zudem ist ein Präparat in Erprobung, das auch bei solchen Patienten die Gefäße weiten soll, die auf die bisherigen Medikamente nicht mehr ansprechen.
Prof. Dr. Hossein Ardeschir Ghofrani, Experte für Lungenhochdruck und Paul-Martini-Preisträger
Forschungsstandort Deutschland
Gerade für die Entwicklung neuer Herzmedikamente ist Deutschland ein wichtiger Standort auf der internationalen Landkarte der Pharmaforschung. Mehrere Unternehmen unterhalten hierzulande ihre Herz-Kreislauf-Labors; und es gibt international kaum ein Herzmedikament, das nicht unter Mitwirkung zahlreicher deutscher Kliniken entwickelt wurde oder wird.
In der Therapieentwicklung für Lungenhochdruck zählt das Universitätsklinikum Gießen zu den führenden Einrichtungen. Einer der dortigen Forscher, Prof. Dr. Hossein Ardeschir Ghofrani, erhielt für seine Arbeit 2004 den
Paul-Martini-Preis.