Herausforderung für alle: Kampf gegen die globale AIDS-Krise
AIDS ist eine globale Bedrohung: Etwa zwei Millionen Todesopfer fordert AIDS pro Jahr, die meisten in Entwicklungs- und Schwellenländern, wo auch 97 % aller rund 34 Millionen HIV-Infizierten leben. Einige Staaten, viele internationale Organisationen und die Hersteller von AIDS-Tests und -Medikamenten kämpfen darum, das zu ändern. Und es gibt Fortschritte.
(© GlaxoSmithKline)
Schüler im HIV Health Club in Entaspoia, Kenia. Diese Initiative wird - wie viele andere Maßnahmen zur Aufklärung über AIDS - von einer forschenden Pharmafirma unterstützt.
Am härtesten getroffen sind einige afrikanische Länder wie Botsuana oder Swaziland, in denen wahrscheinlich mehr als ein Drittel aller 15- bis 49-Jährigen HIV-positiv sind. Hier bedeutet HIV nicht nur großes individuelles Leid und eine Belastung für den Staatshaushalt; die massive Schwächung der Produktivkraft der Bevölkerung droht auch alle wirtschaftlichen Fortschritte der letzten Jahrzehnte einzuäschern. Viele Länder Südamerikas und Asiens sind ebenfalls hart getroffen; und aus Osteuropa und China wird eine dramatische Zunahme der Infektionen berichtet.
In etlichen Ländern wird die Lage noch dadurch verschärft, dass HIV bei vielen Patienten eine zuvor symptomlose Tuberkulose zum Ausbruch bringt, die die Patienten zusätzlich schwächt und ihr Leben bedroht.
Mehrere Faktoren haben zur großen Verbreitung von HIV gerade in armen Ländern beigetragen, darunter Kriegswirren und Unkenntnis der Bevölkerung über die Krankheit. Viele HIV-Infizierte haben das Virus unwissentlich übertragen: Wer keine Chance auf Behandlung hat und als HIV-Positiver Stigmatisierung fürchten muss, ist schwer für einen AIDS-Test zu motivieren - wenn überhaupt ein Test angeboten wird.
Internationale Anstrengungen
Während die Regierungen einiger betroffener Staaten AIDS bis heute verdrängen, investieren andere in Aufklärung und Behandlungsprogramme. Einige wenige wie Botsuana haben AIDS-Bekämpfung sogar zur vorrangigen Staatsaufgabe gemacht. Die Programme müssen gut auf die Gegebenheiten der Region abgestimmt sein. In mancher Hinsicht allerdings stehen sie in Entwicklungs- wie in Industrieländern vor den gleichen Problemen: Die wenigsten Menschen sind bereit, sich von Vernunftgründen diktieren zu lassen, welche Gelegenheiten zu Sex und welche Sexualpraktiken sie auslassen sollten; vielerorts ist die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen nicht verwirklicht, und Kondome sind bei Männern unbeliebt.
Große Anstrengungen gegen AIDS unternimmt die Weltgesundheitsorganisation WHO, die sich dazu mit vielen weiteren internationalen Organisationen zusammengetan hat. Forschende Pharma-Unternehmen wie auch Generikaunternehmen sind an den Bemühungen wesentlich beteiligt. Dennoch konnte die WHO ihr für 2005 angepeiltes Ziel, dass mindestens 3 Millionen Infizierte eine antiretrovirale Therapie erhalten (Projektname: "3 by 5"), erst mit zwei Jahren Verspätung erreichen.
Das größte Hindernis bei der Patientenversorgung ist, dass viele Länder kein entwickeltes Gesundheitswesen haben. Es mangelt - außer in wenigen privaten Kliniken und Praxen für Gutsituierte - extrem an Ärzten, Pflegekräften, Krankenhäusern, Apotheken und seriösen Arzneimittellieferanten. Und die wenigen vorhandenen Ärzte und Schwestern reagieren häufig auf Angebote aus wohlhabenderen Ländern, dort unter besseren Bedingungen zu arbeiten. Wie aber sollen HIV-Infizierte eine Therapie erhalten, wenn niemand da ist, der sie untersucht, der die passenden Medikamente auswählt, deren Einnahme erklärt und regelmäßig überprüft, ob sie noch wirken?
Ein großes Problem sind auch Arzneimittelfälscher. Die WHO schätzt, dass in Entwicklungsländern 10 bis 30 Prozent der Arzneimittel gefälscht und damit wirkungslos oder sogar giftig sind. Fälschungen schaden nicht nur dem einzelnen Patienten, sie untergraben auch das Vertrauen der Bevölkerung in die Medikamente.
Problematisch ist aber auch der Einsatz von zwar legalen, aber minderwertigen AIDS-Präparaten, wie sie leider von einigen der auf Nachahmerpräparate spezialisierten Unternehmen (Generikaunternehmen) verkauft werden. Sie sind nur kurz wirksam; danach haben die Viren des Patienten Resistenzen gegen sie entwickelt. Den forschenden Pharmafirmen ist es deshalb wichtig, dass die von ihnen entwickelten Präparate nur von solchen Unternehmen nachgeahmt werden, die den Qualitätstest der WHO bestehen, die so genannte Präqualifikation. Patente geben ihnen die Möglichkeit, Hersteller von Medikamenten minderer Qualität von Lizenzvereinbarungen auszuschließen.
Zwei Nachbarländer, die Welten trennen: Südafrika versus Botsuana
(© dpa)
Während die langjährige südafrikanische Gesundheitsministerin Manto Tshabala-Msimang Diät mit Rote Beete als AIDS-Therapie pries...
Im vergleichsweise wohlhabenden Südafrika leben fast fünf Millionen HIV-Infizierte, mehr als in jedem anderen Land. Erst 2007 beschloss die Regierung ein Fünfjahresprogramm zur AIDS-Bekämpfung, das ausdrücklich AIDS-Medikamente einbezieht. Zuvor hatte der Präsident Thabo Mbeki mehrfach öffentlich den Zusammenhang zwischen AIDS und HIV bestritten und seine Gesundheitsministerin Manto Tshbalala-Msimang die Wirksamkeit und Sicherheit von AIDS-Medikamenten in Frage gestellt; sie pries stattdessen Tomaten und Rote Beete als wirksame Mittel gegen AIDS an. Erst im September 2008 initiierten der neue Präsident Kgalema Motlanthe und seine Gesundheitsministerin Barbara Hogan eine grundsätzliche Kehrtwende. Der amtierende Präsident Jacob Zuma knüpfte mit seiner Regierung daran an.
(© Christian Lietzmann)
...organisierte der Pharmazeut Segolame Lekoko Ramothlwa das erfolgreiche AIDS-Programm Botsuanas, das ihm 2006 den Deutschen Afrika-Preis eintrug.
Ganz anders ist die Situation im Nachbarland Botsuana. Dabei ist auch dieses Land von AIDS hart getroffen: Fast 25 % der erwachsenen Bevölkerung sind infiziert. Deshalb entschloss sich die Regierung schon vor Jahren, ein landesweites Programm mit HIV-Medikamenten namens MASA ("neuer Morgen") zu starten. Seit 2001 kooperierte die Regierung mit der Bill and Melinda Gates Foundation und einem forschenden Pharmaunternehmen (später zwei), um für die ambitionierten Vorhaben internationale Unterstützung zu gewinnen. Für MASA wurden u. a. Informationskampagnen entwickelt, Personal ausgebildet, die Logistik für AIDS-Tests und Medikamente und ein landesweites Computernetz aufgebaut. Ende Dezember 2006 wurden bereits mehr als 70.000 Patienten behandelt. Die WHO bescheinigt Botsuana zu diesem Zeitpunkt eine Behandlungsquote von 85 Prozent. Die HIV-Diagnose und -behandlung sind für alle Patienten kostenfrei. Als der botsuanische Pharmazeut und langjährige MASA-Koordinator Segolame Lekoko Ramothlwa 2006 den Deutschen Afrika-Preis der Deutschen Afrika-Stiftung erhielt, berichtete er: „Den Menschen wurde klar: Die Alternative heißt ,testen, behandeln und leben, sogar weiter die Familie versorgen' oder ,nicht testen, dahinsiechen und sterben'." Mehr dazu unter
www.moh.gov.bw
Anteil der HIV-Infizierten an der Bevölkerung des jeweiligen Landes
(© VFA; Quelle: UNAIDS, Stand 2007, WHO, Stand 2008)
Der Beitrag forschender Pharmafirmen
Forschende Pharmafirmen helfen auf verschiedene Weise bei der AIDS-Bekämpfung mit. Ihr genuiner Beitrag sind natürlich Medikamente: Alle Originalanbieter von HIV-Medikamenten haben sich bereit gefunden, ärmere Länder zu Sonderkonditionen zu beliefern, freiwillig Lizenzen an Generika-Firmen zur Nachproduktion ihrer Präparate zu geben oder auf die Durchsetzung von Patentrechten gegenüber anderen Firmen zu verzichten, solange diese nur bestimmte ärmere Länder beliefern und Qualitätsstandards einhalten. Die Preise werden auch immer wieder gesenkt, wenn sich die Produktionskosten - etwa aufgrund größerer Produktionsmengen - verringern. Ausführliche Informationen dazu finden sich
hier.
(© Abbott)
Diese beiden Tabletten für die HIV-Therapie sind bis auf die Farbe und Prägung identisch. Die obere vertreibt der Hersteller in Industrieländern, die untere liefert er an Entwicklungsländer zu ermäßigten Preisen. Die Kennzeichnung verhindert, dass letztere in den Arzneimittelhandel von Industrieländern umgeleitet werden kann.
Das Liefern von Medikamenten zu Sonderkonditionen kann jedoch nur funktionieren, wenn die gelieferten Präparate in ihren Bestimmungsländern bleiben und nicht in Industrienationen zurückverkauft werden. So etwas geschah beispielsweise 2002, als ein Hersteller ein Fünftel seiner Sonderlieferung für fünf afrikanische Länder in deutschen und anderen Apotheken in der EU wiederfand. Weitere Fällen sind aus jüngerer Zeit bekannt. Aus solchen Vorfällen haben mehrere Hersteller gelernt und versehen ihre für Entwicklungsländer bestimmten Tabletten oder Packungen mit eindeutigen Unterscheidungsmerkmalen (siehe Abbildung).
Fälschungen entlarven
(© Global Pharma Health Fund)
Das GPHF-Minilab, hier im Einsatz in Afrika, zur Erkennung gefälschter Arzneimittel.
Das in Deutschland erfundene und produzierte Kofferlabor GPHF-Minilab ist ein Hilfsmittel für Apotheker in entlegenen Gebieten, um die Echtheit wichtiger Medikamente zu überprüfen. Damit lassen sich unter anderem Fälschungen von fünf AIDS-Medikamenten entlarven (vgl.
www.gphf.org). Ein forschendes Pharmaunternehmen unterstützt seine Verbreitung und Weiterentwicklung.
Darüber hinaus unterstützen vfa-Mitglieder auch Programme zur AIDS-Prävention und zum Aufbau medizinischer Infrastruktur in den besonders betroffenen Ländern. Sie helfen Einrichtungen für AIDS-Waisen und HIV-positive Mütter. Sie kooperieren mit Forschungseinrichtungen in Entwicklungsländern, die Labor- und klinische Forschung betreiben und fördern deren Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern aus Industrienationen.
Neugeborene vor HIV schützen
(© Boehringer Ingelheim)
Ein Baby bekommt kurz nach seiner Geburt ein Medikament gegen die Ansteckung mit HIV.
Oft stecken sich Babys während der Geburt bei ihren HIV-infizierten Müttern an; seltener auch danach beim Stillen. Schon die Einmal-Gabe eines HIV-Medikaments an Mutter und Kind senkt aber das Übertragungsrisiko auf ungefähr 10 Prozent.
Mit einer Weiterbehandlung des Kindes über 14 Wochen der Stillzeit lässt sich das Risiko noch einmal halbieren (in ärmlichen Regionen verbessert Stillen trotz des HIV-Risikos die Überlebenschancen der Babys gegenüber anderer Babynahrung wesentlich). Wird auch die Mutter vor und nach der Geburt kontinuierlich mit HIV-Medikamenten behandelt, beträgt das Übertragungsrisiko sogar weniger als 2 Prozent (
www.unicef.org; Suchwort PMTCT). Programme zur Verhinderung der Ansteckung der Babys gibt es mittlerweile in 59 Entwicklungsländern. Die Medikamente dafür erhalten die Länder von den Herstellern stark rabattiert, eins der Präparate sogar geschenkt.
Bessere AIDS-Tests
Auch forschende Diagnostika-Unternehmen helfen bei der AIDS-Bekämpfung in den Entwicklungsländern mit. Schon seit einigen Jahren haben Unternehmen die modernsten AIDS-Testsysteme - die mittels Erbgutnachweis auch frische Infektionen anzeigen - für die ärmsten Länder zu den niedrigsten möglichen Preisen angeboten. Doch blieben diese Tests bislang auf die großen Städte beschränkt, weil dafür aufwendige Laborgeräte und geschultes Personal nötig sind. Blutproben konnten nicht einfach aus anderen Landesteilen dorthin zum Testen gebracht werden, weil sie frisch verarbeitet werden mussten.
Nun können neue Geräte die Viren auch in getrocknetem Blut nachweisen. Ärzte können an jedem Ort Blutstropfen ihrer Patienten auf kleinen Sammelkärtchen eintrocknen lassen; diese werden dann z. B. von Getränkelastern zu den Zentrallabors mitgenommen. Deren Testergebnisse werden wieder zurückgeliefert. Gerade Kinder profitieren davon; denn so lässt sich schon sechs Wochen nach der Geburt feststellen, ob sie sich angesteckt haben – mit älteren Tests war das erst nach 18 Monaten möglich.
Die Rolle von Patenten
Patente fördern die Entwicklung neuer Präparate gegen HIV, indem erfinderische Unternehmen darauf vertrauen können, dass sie selbst und nicht Nachahmer die Früchte ihrer Anstrengungen ernten. Aber ähnlich hartnäckig wie der Mythos, AIDS-Viren seien eine Erfindung aus Geheimdienstlabors, hält sich auch der Glaube, Patente seien schuld daran, dass nicht alle HIV-Patienten auf der Welt eine Therapie erhalten. Dass das nicht stimmen kann, zeigt schon das Beispiel Indien: Dort sind fast alle Medikamente ohne Patentschutz, und viele auf Nachahmerpräparate spezialisierte Arzneimittelfirmen gibt es auch. Dennoch haben von rund 2 bis 3 Millionen HIV-positiven Indern nur schätzungsweise 70.000 tatsächlich Zugang zur Therapie. Fakt ist: Entscheidend für die Therapie sind Ärzte und verfügbare Medikamente zu günstigen Konditionen. Dem stehen Patente nicht im Wege, wenn Unternehmen ihre Präparate für arme Patienten zu Sonderkonditionen abgeben oder Produktionslizenzen an andere Unternehmen vergeben. Zudem ermöglichen Patente, wie schon erläutert, den Originalanbietern die Qualitätssicherung für Nachahmerpräparate.
Hilfe für Osteuropa
Nicht nur in Entwicklungsländern, auch in vielen Ländern Osteuropas breitet sich HIV stark aus. Jährliche Steigerungen der Fallzahlen von 50 Prozent und mehr sind keine Seltenheit. Betroffen sind vor allem Drogenabhängige.
Am Rande einer EU-Ministerkonferenz zur Bekämpfung von HIV/AIDS im März 2007 in Bremen erklärte sich die forschende Pharmaindustrie gegenüber den EU-Gesundheitsministern bereit, zusammen mit allen Beteiligten konkrete landesspezifische Aktionspläne zu erarbeiten und an deren Umsetzung mitzuwirken. Dabei sei – auch das wurde festgehalten – die aktive Bereitschaft der jeweiligen nationalen Regierungen zur konstruktiven Mitarbeit von zentraler Bedeutung. Daraus hervorgegangen ist die Einbeziehung der forschenden Pharmaindustrie in die nationalen Gremien zur AIDS-Bekämpfung im Pilotland Bulgarien, die Aufklärungskampagnen, Ärzteschulungen und die Logistik steuern. Weitere Projekte in anderen Ländern können hinzu kommen.